
Blindverkostung als Familienspiel
Von Stefan Grollius · Veröffentlicht am
Wir haben das Spiel spontan ausprobiert – mit einer gefalteten Küchenrolle als Augenbinde und dem, was gerade im Kühlschrank war. Mein Kind hat Tomate für Erdbeere gehalten und Joghurt für Sahne. Gelacht haben wir beide. Seitdem machen wir das regelmäßig.
Eine Augenbinde, ein paar Zutaten aus der Küche und plötzlich ist der Abendbrottisch der spannendste Ort des Tages. Blindverkostung ist ein Familienspiel, das nichts kostet, kaum Vorbereitung braucht und erstaunlich viel auslöst: Konzentration, Kommunikation, Lachen – und manchmal die Entdeckung, dass man Dinge doch mag, die man immer abgelehnt hat.
Wie Blindverkostung funktioniert
Das Grundprinzip ist einfach:
- Lebensmittel vorbereiten – in kleinen Stücken oder Portionen auf Tellern oder in Schüsselchen
- Die probende Person verbindet die Augen (oder hält sie fest geschlossen)
- Nacheinander werden die Proben gereicht – riechen, anfassen, kosten
- Die Person rät was es ist, wie es sich anfühlt, wie es schmeckt
- Auflösung – und dann Rollentausch
Das Spielprinzip funktioniert mit 2 Personen genauso wie mit einer ganzen Tischrunde.
Was wirklich passiert – die Sinne neu aktivieren
Essen ist normalerweise eine Mehrkanal-Erfahrung: Wir sehen was es ist, bevor wir es probieren – und das beeinflusst maßgeblich was wir schmecken. Der Anblick eines unbeliebten Gemüses aktiviert schon vor dem ersten Bissen die Ablehnung.
Ohne visuelle Information passiert etwas Interessantes: Das Gehirn verlässt sich auf Mund, Nase und Hände. Gerüche werden intensiver wahrgenommen. Die Textur wird wichtig. Und Geschmäcker, die sonst sofort abgelehnt würden, bekommen eine faire Chance.
Übrigens spielen wir damit zu Hause nach, was Profis längst systematisch machen: Die Sapere-Methode – ein sinnesbasiertes Ernährungsbildungskonzept, das auf den französischen Geschmacksforscher Jacques Puisais zurückgeht und in finnischen Kitas fest verankert ist – arbeitet mit genau solchen Schmeck-, Riech- und Fühlübungen. Auch das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) empfiehlt sinnesorientierte Essensspiele, um Kinder ohne Druck an neue Lebensmittel heranzuführen. Wir nennen es einfach: ein lustiger Abend.

Varianten für jedes Alter
Einfach (ab 3 Jahren): Das Fruchtspiel
4–6 verschiedene Früchte, in kleine Stücke geschnitten. Das Kind greift, riecht, kostet und rät. Kein Wettbewerb, kein Druck. Wer es mag spuckt nicht aus – wer es nicht mag darf auch ausspucken. Wichtig: das selbst entscheiden lassen.
Mittelschwer (ab 6 Jahren): Schmeckt oder schmeckt nicht
Mischung aus Bekanntem und Neuem: Apfelstücke, Käsewürfel, Gurke, Tomate, ein Stück Schokolade, ein Löffel Joghurt. Nach jedem Stück: Was ist das? Wie würdest du es beschreiben? Süß, sauer, salzig, bitter, umami – die fünf Grundgeschmäcker als spielerisches Thema einführen.
Anspruchsvoll (ab 8 Jahren): Die Gewürz-Runde
Kleine Schüsseln mit Gewürzen zum Erschnuppern: Zimt, Koriander, Paprika, Muskat, Thymian, Vanille. Kein Kosten nötig – nur Riechen und Raten. Wer kennt den Unterschied zwischen süßem und scharfem Paprika? Was riecht nach Weihnachten?
Für Picky Eater: Der neutrale Einstieg
Ausschließlich Dinge verwenden die das Kind grundsätzlich kennt und toleriert. Keine Tricks, keine versteckten Neuentdeckungen. Das Ziel hier ist nicht das Erweitern des Speiseplans, sondern das Erleben von Essen als spielerische Erfahrung. Das allein kann langfristig die Haltung verändern. Warum wählerisches Essen meist eine Phase ist und was sonst noch hilft, erklärt der Artikel über Picky Eater.

Beispiel: Der große Chips-Test
Wenn du nur ein Beispiel ausprobieren willst, nimm dieses. Der Chips-Test ist bei uns der Klassiker geworden, weil er alles hat, was eine gute Runde braucht: Alle mögen Chips, keiner muss sich überwinden, und trotzdem liegen am Ende erstaunlich viele daneben. Genau das macht den Reiz aus – man ist sich sicher, dass man Paprika erkennt. Und dann ist es Barbecue.
Der Aufbau ist simpel: fünf bis acht Sorten kaufen, jede in ein eigenes Schälchen, durchnummerieren. Wichtig ist nur, dass die Tüten aus dem Raum verschwinden, bevor es losgeht – Kinder lesen sonst mit, und zwar schneller als du gucken kannst.
Runde 1: Sorten raten
Sechs Klassiker reichen völlig, und die gibt es in fast jedem Supermarkt:
- Salz – der Nullpunkt. Erstaunlich schwer zu erkennen, wenn man nichts Vergleichbares im Mund hatte.
- Paprika – wird fast immer erkannt, aber oft mit Barbecue verwechselt.
- Sour Cream & Onion – der Zwiebelgeruch verrät sich schon beim Riechen.
- Barbecue – süßlich-rauchig; die häufigste Fehl-Antwort im ganzen Spiel.
- Käse – salzig und irgendwie „staubig“ im Abgang.
- Salt & Vinegar – der Aufreger. Entweder Lieblingssorte oder sofortiges Gesicht.
Runde 2: Gleicher Geschmack, andere Chips
Das ist die Runde, die Erwachsene meist unterschätzt. Nimm dreimal dieselbe Geschmacksrichtung – zum Beispiel Paprika – aber in unterschiedlicher Form: klassische dünne Kartoffelchips, gewellte, gestapelte aus der Röhre und dazu vielleicht Linsen- oder Gemüsechips. Der Geschmack ist auf dem Papier identisch. Im Mund ist er es überhaupt nicht.
Plötzlich reden alle über Dinge, für die sie sonst keine Worte hätten: Wie laut knackt es? Bleibt etwas an den Zähnen? Ist es fettig oder trocken? Genau hier merken Kinder zum ersten Mal, dass Textur ein eigener Teil von Geschmack ist – und nicht nur Beiwerk. Das ist übrigens kein Familien-Küchenmythos: Die Wahrnehmung von Knusprigkeit läuft mit über das Gehör, weshalb das Knack-Geräusch beim Reinbeißen die empfundene Frische mitbestimmt. Der Oxford-Forscher Charles Spence, der zu genau diesen Zusammenhängen zwischen Sinnen und Essen arbeitet, hat dafür 2008 sogar einen Ig-Nobelpreis bekommen.
Runde 3: Die Vertauschung
Für ältere Kinder ab etwa 8 Jahren: Fülle zwei Schälchen mit derselben Sorte, ohne das anzukündigen. Fast alle vergeben trotzdem unterschiedliche Punkte, und fast alle raten unterschiedliche Sorten. Die Auflösung sorgt zuverlässig für Empörung – und für ein echtes kleines Aha, weil sichtbar wird, wie stark Erwartung und Reihenfolge das Urteil verschieben.

Zwei Dinge sind uns beim Chips-Test wichtig geworden. Erstens: Zutatenliste vorher lesen, wenn Allergien im Spiel sind. Käse- und Sour-Cream-Sorten enthalten fast immer Milchpulver, manche Sorten Weizen oder Sellerie – und mit verbundenen Augen kann niemand kurz nachschauen. Zweitens: kleine Portionen. Drei bis vier Chips pro Sorte und Person reichen völlig; Chips sind salzig und fettig, und ein Test soll ein Spiel bleiben, kein Abendessen. Der Rest wandert in eine Schüssel für alle.
Der Punktezettel zum Ausdrucken
Damit beim Zählen nichts durcheinandergerät, haben wir unseren Spielzettel als PDF gebaut – zwei Seiten im Querformat. Die Spielleitung trägt auf Blatt eins heimlich ein, was in den Schälchen steckt, auf Blatt zwei vergeben alle ihre Punkte von 1 bis 10. Am Ende Spalten addieren, geheimes Blatt umdrehen, Sieger küren. Funktioniert genauso gut für Obst, Gewürze oder Joghurt wie für Chips.
Blindverkostung – Spielleiter-Blatt und Punktetabelle
Zwei Seiten, mehr braucht ihr nicht. Auf dem ersten Blatt trägt die Spielleitung heimlich ein, was in den Schälchen 1 bis 8 steckt – dieses Blatt darf vor dem Ende wirklich niemand sehen, das gehört zum Spaß dazu. Auf dem zweiten Blatt kommen die Namen aller Mitspieler hin, und jede Probe bekommt Punkte von 1 („schmeckt furchtbar“) bis 10 („schmeckt bootastisch“). Am Ende zählt ihr die Spalten zusammen, dreht das geheime Blatt um – und dann wird gelacht, gestritten und nachverkostet. Ausdrucken, Stift dazu, fertig.
Praktische Tipps für die Umsetzung
- Verschluckbares meiden bei Kleinen: Mit verbundenen Augen ist das Verschluckrisiko höher als sonst. Für Kinder unter etwa 4 Jahren deshalb keine ganzen Nüsse, und Weintrauben oder Cherrytomaten immer halbieren – das empfehlen auch Kinderärzte ganz unabhängig vom Spiel.
- Wasser bereitstellen: Zwischen den Proben neutralisieren lassen – sonst überlagern sich Geschmäcker.
- Kein Zwang: Was das Kind nicht in den Mund nehmen mag, wird nicht erzwungen. Das Spiel endet sonst sofort.
- Kleine Portionen: Es reicht wirklich ein kleiner Bissen – kein ganzes Stück.
- Eigene Worte zulassen: „Schmeckt wie Sommer", „riecht wie Omas Küche" sind bessere Antworten als der richtige Name – und zeigen, dass das Kind wirklich nachdenkt.
- Auch Erwachsene mitmachen: Wenn Eltern ratlos sind und daneben liegen, macht das für Kinder das ganze Spiel doppelt so schön.
Nach dem Spiel – was bleibt
Blindverkostung ist kein pädagogisches Programm mit Lernziel. Es ist ein Spiel das nebenbei einiges bewirkt: Kinder reden über Essen, entwickeln Beschreibungen, machen Erfahrungen. Manchmal entsteht daraus Neugier aufs Kochen. Manchmal wird ein bisher abgelehntes Lebensmittel plötzlich interessant. Manchmal ist es einfach ein schöner Abend am Küchentisch.
Das reicht.
Wer Kinder öfter ans Kochen heranführen möchte, findet Ideen in Kochen und Backen mit Kindern. Und wer auf der Suche nach weiteren Spielideen für drinnen ist: Wohnzimmer-Parcours und Zuhause spielen bieten ebenfalls viele Anregungen ohne großen Aufwand.
Häufige Fragen
Was ist eine Blindverkostung?
Ab welchem Alter funktioniert Blindverkostung?
Hilft Blindverkostung bei wählerischen Essern?
Wie funktioniert eine Blindverkostung mit Chips?
Was brauche ich für eine Blindverkostung?
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