Hat mein Kind eine Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie)?

Hat mein Kind eine Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie)?

Es ist Montagmorgen, eigentlich schon viel zu spät, und irgendwo zwischen Brotdose, Sportbeutel und „Wo ist mein Mäppchen?!“ liegt noch dieses Blatt Deutschhausaufgaben. Dein Kind sitzt am Tisch, starrt auf die Zeilen und du siehst, wie der Blick langsam „wegkippt“. Dann kommt ein Satz, der uns als Eltern sofort trifft: „Ich kann das einfach nicht.“ In deinem Kopf läuft in dem Moment alles gleichzeitig: Ist das nur keine Lust? Zu wenig geübt? Oder steckt mehr dahinter?

Vielleicht kennst du auch diese Szene: Beim Vorlesen bleibt dein Kind immer wieder an denselben Wörtern hängen. Es vertauscht Buchstaben, stockt, rät, wird wütend. Und sobald es ans Schreiben geht, sind da Wörter, die gestern noch richtig waren und heute plötzlich völlig anders aussehen. Du willst helfen, aber je mehr du erklärst, desto mehr verkrampft es. Und du merkst: Das ist nicht nur ein „Heute ist ein schlechter Tag“.

Wenn du dich fragst „Hat mein Kind eine Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie)?“, bist du damit nicht allein. Viele von uns merken irgendwann: Da ist eine Hürde, die sich nicht einfach wegüben lässt. Und genau darum geht es hier: wiedererkennen, verstehen, sinnvoll handeln – ohne dein Kind klein zu machen und ohne dich selbst in Dauer-Sorge zu verlieren.

Das kennst du sicher: Typische Anzeichen im Alltag

Eine Lese-Rechtschreibschwäche (oft kurz LRS oder Legasthenie genannt) zeigt sich selten nur in einer einzigen „großen“ Sache. Meist sind es viele kleine Hinweise, die sich über Wochen oder Monate sammeln. Und sie tauchen nicht nur in der Schule auf, sondern auch zu Hause – beim Lesen von Spielregeln, bei WhatsApp-Nachrichten an Oma oder beim Abschreiben von der Tafel, das dann abends im Heft seltsam aussieht.

Diese Beobachtungen hören wir von Eltern besonders oft:

  • Lesen wirkt anstrengend: Dein Kind liest langsam, stockend oder rät Wörter, statt sie wirklich zu entziffern.
  • Buchstaben werden verdreht oder vertauscht: b/d, p/q, m/n oder „ei/ie“ werden häufig verwechselt.
  • Wörter sehen „jedes Mal anders“ aus: Das gleiche Wort wird in einem Text mehrfach unterschiedlich geschrieben.
  • Viele Fehler trotz Übens: Ihr übt Rechtschreibung, es klappt kurz – und am nächsten Tag sind die Fehler wieder da.
  • Abschreiben dauert ewig: Abschreiben ist extrem langsam und trotzdem fehlerhaft.
  • Reime, Silben, Laute sind schwierig: Manche Kinder tun sich schwer, Wörter in Laute zu zerlegen oder Reime zu erkennen.
  • Vermeiden und Frust: Dein Kind schiebt Lesen und Schreiben weg, wird schnell wütend oder traurig.

Wichtig: Einzelne Punkte bedeuten noch nicht automatisch Lese-Rechtschreibschwäche. Kinder entwickeln sich unterschiedlich, und in Klasse 1 und 2 ist vieles noch im Aufbau. Aber wenn du merkst, dass dein Kind über längere Zeit deutlich mehr kämpft als andere Kinder, oder wenn der Frust immer größer wird, lohnt sich ein genauer Blick.

Warum ist das so? Legasthenie hat nichts mit Faulheit zu tun

Wenn Eltern an Legasthenie denken, schleicht sich manchmal sofort ein ungutes Gefühl ein: „Habe ich zu wenig vorgelesen?“ oder „Hätten wir früher üben müssen?“ Und gleichzeitig kommt von außen leider schnell das Gegenteil: „Der muss halt mehr lesen.“

Bei einer Lese-Rechtschreibschwäche geht es aber nicht um Faulheit oder mangelnde Intelligenz. Viele Kinder mit Legasthenie sind kreativ, haben tolle Ideen, erzählen spannende Geschichten – nur der Weg von der Idee zum geschriebenen Wort ist wie ein steiler Berg. Das Lesen und Schreiben braucht bei ihnen deutlich mehr Energie, weil bestimmte Verarbeitungsschritte im Gehirn anders oder langsamer laufen. Das ist keine Frage von „Wollen“, sondern von „Können“.

Und genau da passiert oft das, was uns als Eltern so wehtut: Das Kind strengt sich an, bekommt aber trotzdem schlechte Rückmeldungen. Dann wird aus „Ich kann das noch nicht“ schnell „Ich bin schlecht“. Deshalb ist frühes Verstehen so wichtig – nicht um dein Kind zu etikettieren, sondern um es zu schützen und passend zu unterstützen.

Ab wann sollte man genauer hinschauen?

Gerade in der Anfangszeit in der Grundschule sind Rechtschreibfehler normal. Kinder schreiben, wie sie sprechen. Sie probieren aus. Sie lernen Regeln Schritt für Schritt. Trotzdem gibt es ein paar Signale, bei denen es sinnvoll ist, nicht zu lange zu warten:

  • Die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben bleiben über Monate deutlich bestehen, trotz Üben und guter Begleitung.
  • Dein Kind macht sehr viele Fehler, die nicht zu seinem Lernstand passen, und die Fehler wirken „ungeordnet“.
  • Lesen wird nicht flüssiger, sondern bleibt anstrengend und langsam.
  • Der emotionale Druck steigt: Bauchweh vor Deutsch, Tränen bei Hausaufgaben, starke Vermeidung.
  • Du hast das Gefühl: Es wird eher schlimmer als besser.

Unser Maßstab zu Hause ist oft: Wenn das Thema Lesen und Schreiben regelmäßig den Familienfrieden sprengt, ist es Zeit, Unterstützung zu holen. Nicht, weil etwas „schlimm“ ist – sondern weil es zu viel Kraft kostet, jeden Abend allein dagegen anzukämpfen.

Banoo Tipp

Beobachten statt bewerten: Eine kleine 2-Wochen-Liste

Notiere zwei Wochen lang kurz und sachlich: Was fällt deinem Kind schwer (z. B. b/d, langsam lesen, viele Fehler beim Abschreiben)? Wann klappt es besser (morgens, mit Ruhe, mit kurzen Texten)? Diese Liste hilft im Gespräch mit Lehrkraft oder Diagnostik enorm – und du bleibst weg von Vorwürfen.

Legasthenie oder einfach nur „noch am Lernen“? Der Unterschied im Gefühl

Viele von uns spüren irgendwann: Hier geht es nicht nur um „Üben“. Das ist schwer zu erklären, aber sehr klar zu fühlen. Bei normalem Lernen siehst du oft eine Kurve: Es geht langsam voran, Fehler werden weniger, die Sicherheit steigt. Bei einer möglichen Lese-Rechtschreibschwäche wirkt es eher wie ein Jojo: Ein Wort klappt, dann wieder nicht. Eine Regel wird verstanden, aber nicht automatisch angewendet. Und die Anstrengung bleibt hoch, selbst bei einfachen Aufgaben.

Ein typischer innerer Monolog von uns Eltern klingt dann so: „Wir haben das doch gestern geübt. Warum geht das heute wieder nicht? Macht er das absichtlich?“ Und genau da hilft ein Perspektivwechsel: Wenn dein Kind eine LRS hat, ist „gestern geübt“ nicht gleich „heute verfügbar“. Das Gehirn braucht andere Zugänge, mehr Wiederholung, klarere Strukturen – und vor allem: weniger Druck.

Was du als Nächstes konkret tun kannst

Wenn du den Verdacht hast „Mein Kind hat Legasthenie“, ist der wichtigste Schritt nicht die perfekte Diagnose in Eigenregie, sondern ein sauberer, ruhiger Weg: beobachten, sprechen, prüfen lassen, entlasten.

1) Gespräch mit der Lehrkraft: Fakten statt Gefühle

Lehrkräfte sehen dein Kind im Vergleich zu vielen anderen Kindern. Das kann hilfreich sein. Geh in das Gespräch mit konkreten Beispielen: „Beim Lesen bleibt sie oft an Wörtern hängen, beim Abschreiben fehlen Buchstaben, und sie ist danach völlig erschöpft.“ Das ist greifbarer als „Ich glaube, da stimmt was nicht.“ Frage auch nach: Wie ist das Fehlerbild in der Schule? Wie entwickelt sich die Leseflüssigkeit? Welche Fördermöglichkeiten gibt es in der Schule?

2) Diagnostik: Klarheit schafft Entlastung

Eine echte Legasthenie-Diagnostik wird nicht „mal eben“ durch einen kurzen Test erledigt, sondern schaut strukturiert auf Lesen, Rechtschreiben und oft auch auf grundlegende Fähigkeiten wie Lautbewusstsein. Das kann über schulpsychologische Dienste, spezialisierte Stellen oder Praxen laufen. Der Vorteil: Du bekommst eine klare Einschätzung und konkrete Empfehlungen – und dein Kind merkt (hoffentlich): „Aha, ich bin nicht dumm. Ich brauche nur einen anderen Weg.“

3) Fördermöglichkeiten: klein anfangen, aber richtig

Förderung muss nicht sofort „Therapie-Marathon“ bedeuten. Oft helfen schon gezielte Methoden, die systematisch aufgebaut sind. Entscheidend ist, dass nicht einfach nur mehr vom Gleichen gemacht wird („Lies halt noch mehr“), sondern dass passend geübt wird: Laute, Silben, Wortbausteine, klare Strategien. Und: kurze, regelmäßige Einheiten sind meist besser als lange Kämpfe am Wochenende.

Banoo Tipp

Die 10-Minuten-Regel für Deutsch

Statt 45 Minuten zähes Ringen: Setze eine feste, kurze Übezeit von 10 Minuten (Timer sichtbar). Danach ist Schluss, egal wie weit ihr seid. Das senkt Druck, verhindert Eskalation und sorgt oft dafür, dass dein Kind überhaupt wieder mitmacht.

Wie du dein Kind emotional stärkst, wenn Lesen und Schreiben schwerfallen

Das Schwierigste an Lese-Rechtschreibschwäche ist oft nicht der Fehler im Heft, sondern das Gefühl dahinter. Kinder merken sehr früh, dass sie mehr Zeit brauchen. Sie vergleichen sich. Und sie entwickeln Strategien, um nicht „aufzufallen“: clownen, blockieren, ablenken, schnell „Ich weiß nicht“ sagen. Nicht, weil sie keine Lust haben – sondern weil es weh tut, sich anzustrengen und trotzdem zu scheitern.

Was hilft im Alltag wirklich?

  • Trenne Leistung von Wert: Sag nicht „Du bist schlau“, wenn es klappt, und schweig, wenn es nicht klappt. Sag lieber: „Ich sehe, wie sehr du dich anstrengst.“
  • Sprache, die entlastet: „Dein Kopf arbeitet anders. Wir finden deinen Weg.“ Das nimmt Scham raus.
  • Fehler normalisieren: Lass Fehler nicht zum Drama werden. Korrigieren ja, aber ohne harte Kommentare.
  • Stärken sichtbar machen: Wo glänzt dein Kind? Basteln, Mathe, Sport, Geschichten erzählen? Diese Inseln sind wichtig.

Und ja: Manchmal müssen wir Eltern auch unsere eigene Ungeduld sortieren. Wenn wir in uns spüren „Wir müssen das jetzt endlich hinkriegen“, steigt die Spannung im Raum. Kinder merken das sofort. Dann wird aus einer Hausaufgabe ein Machtkampf. Es ist nicht schlimm, wenn das passiert – es passiert uns allen. Entscheidend ist, dass wir wieder rausfinden.

Was du bei Hausaufgaben verändern kannst, ohne gleich alles umzubauen

Du brauchst keinen perfekten Förderplan, um den Alltag leichter zu machen. Ein paar Stellschrauben reichen oft schon, damit dein Kind sich nicht jeden Tag wie im Endgegner-Level fühlt.

Kurze Aufgaben in kleine Schritte teilen

Wenn da ein Absatz steht, wirkt er wie ein Berg. Mach daraus zwei Sätze. Dann Pause. Dann wieder zwei Sätze. Viele Kinder mit LRS profitieren enorm von klaren, kleinen Portionen.

Vorlesen erlauben, auch wenn es ums Schreiben geht

Manche Kinder können tolle Inhalte liefern, scheitern aber am Verschriftlichen. Dann kann es helfen, dass dein Kind erst erzählt, du schreibst Stichworte mit, und erst danach wird gemeinsam „übersetzt“ in einen Text. So bleibt der Inhalt sichtbar und das Kind erlebt Erfolg.

Hilfsmittel nutzen, ohne schlechtes Gewissen

Silben markieren, Lineal unter die Zeile legen, größere Schrift, mehr Abstand – das sind keine „Tricksereien“, sondern Brücken. Ziel ist nicht, dass dein Kind leidet, sondern dass es lernen kann.

Banoo Tipp

Der Satzstarter-Trick für Schreibaufgaben

Wenn dein Kind beim Schreiben blockiert, gib 3–5 Satzstarter vor, z. B.: „Ich finde…“, „Am besten war…“, „Danach…“, „Zum Schluss…“. Dein Kind wählt einen Starter und schreibt nur einen Satz. Oft kommt der Rest dann von allein, weil die erste Hürde weg ist.

Häufige Fragen, die wir uns als Eltern stellen

Kann Legasthenie plötzlich „weggehen“?

Viele Kinder lernen Strategien und werden deutlich sicherer. Die Schwierigkeiten können kleiner werden, vor allem mit guter Förderung. Aber oft bleibt eine gewisse Anfälligkeit bestehen. Das ist okay – wichtig ist, dass dein Kind Wege findet, damit umzugehen, und nicht daran zerbricht.

Ist Legasthenie vererbbar?

In vielen Familien gibt es ähnliche Geschichten: ein Elternteil, der früher ungern vorgelesen hat, oder der bis heute bestimmte Wörter meidet. Das bedeutet nicht automatisch, dass es „sicher“ ist, aber es kann ein Hinweis sein. Vor allem hilft es, wenn du deinem Kind sagst: „Ich kenne das. Du bist nicht allein.“

Was ist mit Noten und Nachteilsausgleich?

Je nach Bundesland und Schule gibt es Möglichkeiten wie Nachteilsausgleich oder Notenschutz, zum Beispiel mehr Zeit, andere Gewichtung oder besondere Regelungen bei der Bewertung. Das Ziel ist, dass dein Kind nicht für etwas bestraft wird, das nichts über sein Denken und Verstehen aussagt. Am besten wird das gemeinsam mit der Schule geklärt, sobald eine fundierte Einschätzung vorliegt.

Fazit: Du musst das nicht allein lösen

Wenn du dich fragst „Hat mein Kind eine Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie)?“, dann ist das kein übertriebenes Kopfkino, sondern oft ein sehr gutes Eltern-Gefühl. Es darf hingeschaut werden, ohne Drama. Es darf Hilfe geholt werden, ohne Scham. Und es darf entlastet werden, bevor das Selbstvertrauen deines Kindes Schaden nimmt.

Am Ende geht es nicht darum, ein Etikett zu finden. Es geht darum, den passenden Weg zu finden. Schritt für Schritt, mit weniger Druck, mit mehr Verständnis – und mit dem klaren Blick: Dein Kind ist nicht „zu wenig“. Es lernt nur anders. Und genau das kann, mit der richtigen Unterstützung, richtig gut werden.