Fledermäuse am Haus – was darf ich, was muss ich wissen?

Fledermäuse am Haus: Schutzstatus, Tollwut-Frage und was erlaubt ist

Mein Kind hat mich eines Abends mit einem Schuh gerufen – im Schlafzimmer war eine Fledermaus. Wir hatten keine Ahnung, was wir tun sollten. Fenster auf? Licht an? Anfassen? Zum Glück hatten wir danach Zeit für etwas Recherche. Was ich seitdem weiß.

Eine Fledermaus im Schlafzimmer, eine Kolonie unter dem Dachfirst, ein Tier, das dein Kind aufgehoben hat – solche Situationen lösen Unsicherheit aus. Dabei sind Fledermäuse faszinierende Tiere mit einem außergewöhnlichen Lebensrhythmus. Was du über ihren Schutzstatus wissen musst, wann tatsächlich Handlungsbedarf besteht und wie ihr als Familie von euren nächtlichen Nachbarn profitieren könnt.

Fledermäuse in Deutschland: welche Arten, wo sie wohnen

In Deutschland kommen 25 Fledermausarten vor – von der winzigen Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus), die oft hinter Holzverkleidungen und in Rollladenkästen wohnt, bis zur Großen Mausohrfledermaus, die Dachböden alter Kirchen und Gebäude als Wochenstubenquartier nutzt. Fast alle Arten sind nacht- oder dämmerungsaktiv und orientieren sich per Echolot.

Fledermäuse brauchen verschiedene Quartiertypen für verschiedene Lebensphasen: Wochenstubenquartiere (warme Räume für Weibchen mit Jungen im Sommer), Winterquartiere (kühle, frostfreie Orte wie Keller oder Stollen) und Tagesschlafplätze. Gebäude spielen als Quartier eine wichtige Rolle, weil natürliche Baumhöhlen immer seltener werden.

Schutzstatus: alle Fledermäuse sind streng geschützt – was bedeutet das?

Alle deutschen Fledermausarten stehen unter strengem Schutz nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§ 44 BNatSchG) und der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie, Anhang IV). Das bedeutet konkret:

  • Fledermäuse dürfen nicht gefangen, verletzt oder getötet werden
  • Ihre Quartiere dürfen nicht beschädigt, zerstört oder wesentlich gestört werden
  • Auch das Aufscheuchen einer schlafenden Kolonie kann als Störung gewertet werden
  • Verstöße können als Ordnungswidrigkeit oder sogar Straftat geahndet werden

Das klingt streng, ist aber für die meisten Alltagssituationen überschaubar: Wer eine Fledermaus im Zimmer befreit oder ein verletztes Tier aufhebt, macht sich nicht strafbar. Es geht darum, aktive Verfolgung, Tötung oder die Zerstörung von Quartieren zu verhindern.

Was ich nicht tun darf

  • Einflugöffnungen verschließen, wenn die Kolonie aktiv ist (Mai bis Oktober)
  • Dachsanierungen ohne Rücksprache mit der Naturschutzbehörde durchführen, wenn Fledermäuse bekannt oder möglich sind
  • Tiere aktiv vertreiben (Licht, Lärm, Gerüche als Vergrämer einsetzen)
  • Fledermäuse fangen oder töten

Was ich tun kann wenn Fledermäuse lästig werden

Die erste Anlaufstelle ist immer die untere Naturschutzbehörde der Gemeinde. Dort gibt es oft Listen ehrenamtlicher Fledermausschützer, die kostenlos und unbürokratisch beraten. Sie kennen die lokalen Arten, wissen, wie lange die Kolonie voraussichtlich bleibt, und können einschätzen, ob und wann Einflugöffnungen sicher verschlossen werden können.

Außerhalb der Nutzungszeiten (also wenn die Tiere das Quartier verlassen haben) ist das Verschließen von Einflugöffnungen in der Regel möglich und erlaubt – aber die Zeiten müssen bekannt sein, und eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung kann nötig sein.

Tollwut und Fledermäuse: wie real ist die Gefahr?

Isi
Isi erklärt: Der europäische Fledermaustollwutvirus (EBLV)
Klassische Tollwut (RABV, Rabies lyssavirus) gilt in Deutschland seit 2008 als ausgerottet. Fledermäuse können jedoch den Europäischen Fledermaustollwutvirus (EBLV-1 und EBLV-2) tragen – einen nahen Verwandten, aber ein anderes Virus. EBLV kommt in deutschen Fledermauspopulationen vor, ist aber sehr selten: Das Friedrich-Loeffler-Institut berichtet, dass in Surveillance-Studien nur ein sehr kleiner Prozentsatz untersuchter Fledermäuse positiv getestet wird. Auf den Menschen übertragen wird EBLV fast ausschließlich durch Bisse oder Kratzer. Infektionen beim Menschen sind in Europa extrem selten – es gibt wenige dokumentierte Fälle in Jahrzehnten. Das Risiko besteht aber prinzipiell, weshalb bei direktem Kontakt (Biss, Kratzer, Kontakt mit Schleimhäuten) eine ärztliche Einschätzung und gegebenenfalls eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) empfohlen wird. Wer regelmäßig mit Fledermäusen arbeitet – Schützer, Biologen – lässt sich vorsorglich impfen. Für normalen Abstandkontakt oder das gelegentliche Beobachten im Garten besteht kein relevantes Risiko.

Was tun wenn eine Fledermaus ins Haus kommt?

Fenster und Türen in angrenzende Räume schließen, damit das Tier das Zimmer nicht verlässt. Dann: alle Lichter aus (außer einem gedimmten Licht zur Orientierung), Fenster weit öffnen und warten. Fledermäuse finden den Ausweg meist von selbst – ihr Echolot ist präzise, und sie orientieren sich schnell.

Wenn das Tier erschöpft oder verletzt am Boden sitzt: nicht mit bloßen Händen anfassen. Dicke Handschuhe oder ein gefaltetes Tuch verwenden, das Tier vorsichtig in eine belüftete Schachtel setzen und die lokale Fledermausschutzstation oder das Veterinäramt kontaktieren.

Fledermäuse anfassen: nie ohne Handschuhe, warum

Eine gesunde Fledermaus lässt sich nicht anfassen – sie fliegt weg. Eine, die sich anfassen lässt, ist wahrscheinlich verletzt, krank oder erschöpft. Genau das macht direkten Kontakt riskant: Ein krankes Tier könnte EBLV tragen. Mit stabilen Handschuhen ist das Risiko praktisch null. Ohne Handschuhe besteht das theoretische Risiko eines Bisses oder Kratzers, den man manchmal gar nicht spürt.

Kinder sollten die Regel kennen: Fledermäuse, die am Boden liegen oder sich anfassen lassen, werden nicht berührt – Erwachsenen Bescheid geben.

Fledermäuse als Nützlinge: Insektenfresser

Eine einzige Zwergfledermaus frisst in einer Nacht bis zu 3.000 Insekten – Mücken, Falter, Käfer, Nachtfalter. Eine Kolonie von 100 Tieren leistet damit einen erheblichen Beitrag zur biologischen Insektenkontrolle. Das macht Fledermäuse zu unverzichtbaren Helfern im Ökosystem – und im eigenen Garten: Wer Fledermäuse anzieht, hat weniger Mücken.

Fledermauskästen anbringen: kurze Anleitung

Banoo
Banoo-Tipp: Fledermäuse nachts beobachten
Eine der schönsten Familienaktivitäten an lauen Sommerabenden: kurz vor Sonnenuntergang draußen hinsetzen und warten. Ab etwa 20 Minuten nach Sonnenuntergang beginnt die Dämmerungsaktivität – die ersten Fledermäuse fliegen aus. Mit einer UV-Taschenlampe werden die Flugbahnen manchmal sichtbar, weil manche Fledermäuse im UV-Licht leuchtend erscheinen. Ein Fledermauskästen am Haus oder im Garten erhöht die Chancen. Kinder sind fasziniert von den blitzschnellen, zackigen Flugmanövern – das ist echter Nachtflug, den kein Bildschirm so zeigen kann.

Fledermauskästen sind einfach anzubringen und werden oft innerhalb weniger Jahre angenommen. Die wichtigsten Punkte:

  • Mindesthöhe: 3–4 Meter (höher ist besser, wegen Katzen und Mardern)
  • Ausrichtung: Südost bis Südwest – Fledermäuse mögen Wärme
  • Material: unbehandeltes Rauholz, kein Druck- oder Kesselimprägnat
  • Spaltenkasten (2–3 cm breite Einflugspalte unten) ist für die häufigen Zwergfledermäuse geeignet
  • Nicht öffnen oder kontrollieren, solange Tiere drin sein könnten – außer im Winter, wenn der Kasten leer ist

Fledermauskästen sind im Fachhandel erhältlich und eignen sich gut als Familienprojekt – ähnlich wie ein Vogelhaus, aber für die Nacht.

Wer sich für weitere nächtliche und tagsüber lebende Wildtiere in Haus und Garten interessiert, findet Informationen im Artikel Marder, Dachs und Waschbär im Garten. Allgemeine Tipps für Naturbeobachtung mit Kindern gibt es bei Naturbeobachtung mit Kindern. Was bei einem Tierkontakt und möglichen Symptomen zu tun ist, erklärt Erste Hilfe und Notfälle im Familienalltag.

Häufige Fragen

Darf ich Fledermäuse aus meinem Dachboden entfernen?
Nein – zumindest nicht einfach so. Alle 25 in Deutschland vorkommenden Fledermausarten sind nach Bundesnaturschutzgesetz und der europäischen FFH-Richtlinie streng geschützt. Das bedeutet: Du darfst weder die Tiere selbst entfernen noch ihre Quartiere zerstören oder wesentlich stören. Wer Fledermäuse im Dachboden hat, muss die untere Naturschutzbehörde der Gemeinde kontaktieren. Die vermittelt oft ehrenamtliche Fledermausschützer, die vor Ort beraten und legal Lösungen erarbeiten können.
Mein Kind hat eine Fledermaus angefasst – was tun?
Ruhe bewahren, aber die Situation ernst nehmen. Eine Fledermaus, die am Boden liegt oder von einem Kind berührt wurde, sollte nicht mehr mit bloßen Händen angefasst werden. Das Kind sollte Hände gründlich mit Wasser und Seife waschen. Dann: den zuständigen Veterinär, die untere Gesundheitsbehörde oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst kontaktieren und den Kontakt schildern. Eine Impfprophylaxe kann notwendig sein – das entscheiden Fachleute anhand der konkreten Situation. Wichtig: Eine berührte Fledermaus bedeutet nicht automatisch Gefahr, aber es braucht eine fachkundige Einschätzung.
Wie erkenne ich Fledermauskot?
Fledermauskot ist kleinen Mäusekot sehr ähnlich, unterscheidet sich aber durch eine charakteristische Eigenschaft: Wenn man ihn zwischen den Fingern zerreibt (mit Handschuhen), zerfällt er zu einem trockenen, schimmernden Staub aus Insektenresten – Chitinteile von Käfern, Mücken und Faltern. Mäusekot ist dagegen kompakter und klebriger. Fledermauskot findet sich typischerweise in Häufchen direkt unter Einflugöffnungen oder Hängeplätzen, zum Beispiel unter Dachbalken.
Kann ich etwas gegen den Gestank tun wenn Fledermäuse im Dach wohnen?
Der typische Fledermauskot riecht beim Eintrocknen kaum – der Geruch entsteht meist durch Urin oder, bei sehr großen Kolonien, durch die Hitze. Ohne die Tiere entfernen zu dürfen, bleiben die Möglichkeiten begrenzt: gute Belüftung, Kotauffangplatten unter den Hängeplätzen (nach Rücksprache mit der Naturschutzbehörde) und Geduld. Die meisten Kolonien verlassen das Winterquartier im Frühling und das Sommerquartier im Herbst – dann können Einflugöffnungen fachmännisch verschlossen werden, aber nur außerhalb der Nutzungszeiten und nach Beratung.
Banoo

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