
Halloween in Deutschland: Wurzeln, Reiz und die Sache mit Sankt Martin
Von Stefan Grollius · Veröffentlicht am
In unserer Straße klingelt es am 31. Oktober ungefähr vierzigmal. Zwei Straßen weiter, bei den Großeltern, passiert nichts – dort hat noch nie ein Kind an einer Tür gestanden. Halloween ist in Deutschland angekommen, aber sehr ungleichmäßig, und in kaum einer Familie ohne Diskussion.
Dieser Artikel erklärt nicht, wie ihr den Abend organisiert – dafür gibt es eigene Texte. Hier geht es um die Fragen dahinter: Woher kommt das Fest eigentlich, warum ist es umstritten, was hat es mit Sankt Martin zu tun, und was spricht dafür und dagegen.
Woher Halloween kommt
Der älteste erkennbare Vorläufer ist Samhain, ein keltisches Fest zum Ende des Sommers und zum Beginn der dunklen Jahreszeit. Die Ernte war eingebracht, das Vieh von den Weiden geholt, das Jahr wendete sich. In der Vorstellung dieser Zeit galt die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Anderswelt in dieser Nacht als durchlässig – man rechnete damit, dass etwas herüberkam.
Später legte sich die christliche Deutung darüber. Allerheiligen am 1. November wurde zum Gedenktag für alle Heiligen, und der Abend davor hieß im Englischen All Hallows' Eve – daraus ist über die Jahrhunderte lautlich Halloween geworden. Der Bezug zu den Toten blieb dabei erhalten, nur mit anderem Vorzeichen.
Im 19. Jahrhundert nahmen vor allem irische Auswanderer den Brauch mit nach Nordamerika. Dort bekam er die Form, die wir heute kennen: Kostüme, ausgehöhlte Kürbisse, das Ziehen von Tür zu Tür. Ab den 1990er Jahren kam Halloween nach Europa zurück – diesmal als Ganzes, stark vom Handel getragen und ohne den langsamen Weg, den gewachsene Bräuche sonst nehmen.
Für die Einordnung ist das der entscheidende Punkt: Die Wurzeln sind europäisch, die heutige Form ist amerikanisch geprägt. Wer sagt, Halloween sei ein amerikanisches Fest, hat halb recht. Wer sagt, es sei ein altes europäisches Fest, ebenfalls.
Warum es in Deutschland umstritten ist
Die Kritik hat mehrere Stränge, und sie sind unterschiedlich stark.
Der Kommerz-Einwand. Halloween ist in Deutschland nicht langsam gewachsen, sondern in wenigen Jahren über Supermärkte und Dekoregale angekommen. Wer das Fest als Verkaufsveranstaltung wahrnimmt, hat dafür einen sichtbaren Anlass. Dass inzwischen auch Kostüme, Deko und Süßigkeiten in großem Umfang dazugehören, macht den Einwand nicht schwächer.
Der Termin. Der 31. Oktober ist in Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen der gesetzliche Reformationstag. In evangelisch geprägten Regionen trifft ein junges Gruselfest also auf einen kirchlichen Gedenktag. Und in den Ländern, die Allerheiligen als stillen Feiertag führen, folgt am 1. November ein Tag, an dem viele Familien auf den Friedhof gehen.
Die kirchliche Kritik. Sie richtet sich weniger gegen verkleidete Kinder als gegen die Verschiebung: Dass ein Abend, der historisch dem Gedenken an Verstorbene zugeordnet war, zu einem Spaßfest mit Skeletten und Kunstblut wird, empfinden manche als respektlos gegenüber Trauernden. Dieses Argument lässt sich nicht mit dem Hinweis auf Samhain wegwischen.
Zugleich gilt: Die Kritik hat Gründe, sie muss aber nicht eure Entscheidung bestimmen. Kaum ein Fest in Europa ist ohne Brüche und Umdeutungen zu uns gekommen, und die Frage, was eine Familie feiert, ist am Ende ihre eigene.
Warum Kinder es so lieben
Die naheliegenden Gründe stimmen alle: Verkleiden macht Spaß, Gruseln im sicheren Rahmen macht Spaß, und Süßigkeiten sowieso. Aber sie erklären nicht, warum Halloween für viele Kinder mehr Gewicht hat als der Kindergeburtstag.
Der eigentliche Kern ist eine Umkehrung. Im Alltag sind Kinder die Beschützten: Erwachsene entscheiden, klingeln, sprechen, regeln. An Halloween sind sie die Handelnden. Sie gehen auf fremde Häuser zu, sie klingeln, sie sprechen Erwachsene an, sie fordern etwas – und die Erwachsenen spielen mit. Diese Rollenverteilung erleben Kinder sonst fast nie, und sie ist der Grund, warum der Abend so lange nachwirkt.
Dazu kommt das Verkleiden als Identitätsspiel: für ein paar Stunden jemand anderes sein, ohne dass es Folgen hat. Und das Gruseln in einem Rahmen, den man selbst kontrolliert – ein Bedürfnis, das nichts mit Halloween zu tun hat, sondern das ganze Jahr über besteht. Warum Kinder Angst freiwillig aufsuchen, ist der entwicklungspsychologisch interessanteste Teil daran.
Nicht zu unterschätzen ist schließlich das Gemeinschaftserlebnis. Eine Gruppe Kinder, die ohne Erwachsenenregie durch die Nachbarschaft zieht, organisiert sich selbst – wer klingelt, wer redet, welche Straße als Nächstes. Das ist selten geworden.
Halloween und Sankt Martin im Vergleich
Die Gegenüberstellung kommt in fast jeder Diskussion vor, meistens in einem Satz: Martin gibt, Halloween nimmt. Das ist griffig und zu einfach.
Was sich ähnelt, ist erstaunlich viel: Beide Feste liegen in der dunklen Jahreszeit. Bei beiden ziehen Kinder abends im Dunkeln durch die Straßen. Bei beiden tragen sie Licht mit sich – die Laterne hier, die Kürbislaterne dort. Und bei beiden gehen sie von Tür zu Tür und bekommen etwas.
Was sich unterscheidet, ist die Erzählung dahinter. Im Mittelpunkt der Martinsgeschichte steht eine Gabe: Ein Mann teilt seinen Mantel mit einem Frierenden. Halloween erzählt keine solche Geschichte, es funktioniert über die Forderung – Süßes oder Saures.
Wo die Gegenüberstellung aber schief wird: Auch beim Martinssingen bekommen Kinder Gaben dafür, dass sie an einer Tür stehen und etwas vortragen. Dieser Heischebrauch – Kinder ziehen umher und erbitten Gaben – ist Jahrhunderte alt und findet sich in beiden Traditionen, in vielen Regionen und zu ganz verschiedenen Anlässen. Wer Halloween das Fordern vorwirft, müsste beim Martinssingen mit demselben Maß messen.
Und der gemeinsame Ursprungsimpuls ist bei beiden derselbe: Licht in die dunkelste Zeit des Jahres bringen, gemeinsam nach draußen gehen, wenn es früh dunkel wird.
Was dafür und was dagegen spricht
Beides ehrlich nebeneinander, damit ihr die Abwägung selbst treffen könnt.
Dafür: Halloween bringt Nachbarschaftskontakt in eine Zeit, in der viele Nachbarn einander kaum kennen – an diesem einen Abend geht die Tür auf und man redet miteinander. Es fordert Kreativität, jedenfalls dann, wenn das Kostüm nicht gekauft wird. Es gibt Kindern einen Anlass, abends draußen unterwegs zu sein, was im November sonst selten vorkommt. Und es bietet einen spielerischen Umgang mit Gruseligem, der Kindern beim Verarbeiten hilft statt zu schaden.
Dagegen: Der Kostümdruck ist real, und gekaufte Kostüme kosten Geld, das nicht jede Familie beliebig hat. Die Süßigkeitenmenge an einem Abend ist erheblich. Deko und Kostüme im Handel sind oft für Kinder deutlich zu heftig – blutige Masken hängen auf Augenhöhe im Supermarkt. Das Wort „Saures“ wird gelegentlich als Rechtfertigung für Streiche verstanden, die Sachbeschädigung sind. Und Kinder, deren Familien nicht mitmachen, stehen am nächsten Tag außen vor.
Keiner dieser Punkte entscheidet die Frage allein. Die meisten davon lassen sich entschärfen, ohne das Fest aufzugeben.
Wenn ihr nicht mitmachen wollt
Das ist eine ebenso legitime Entscheidung wie das Mitmachen, und sie braucht keine Rechtfertigung gegenüber der Nachbarschaft. Praktisch ist sie einfacher umzusetzen, als viele denken: keine Deko, kein Kürbis, abends im vorderen Zimmer das Licht aus. Kinder halten sich in aller Regel daran – die Klingelregel, nur bei geschmückten Türen zu klingeln, ist in den meisten Gruppen etabliert.
Schwieriger ist der Teil, der das eigene Kind betrifft. Hier hilft es, den Grund einmal auszusprechen, statt es bei einem Nein zu belassen: Wir feiern das nicht, weil uns dieser Tag etwas anderes bedeutet – und andere Familien machen das anders, das ist ihre Sache. Kinder kommen mit einer klaren Haltung deutlich besser zurecht als mit einem ausweichenden Nein, gerade wenn sie sie in der Schule erklären müssen.
Ein Mittelweg, den viele Familien gehen: nicht losziehen, aber Süßigkeiten für die Kinder bereithalten, die klingeln. Damit ist die Nachbarschaft eingebunden, ohne dass die eigene Entscheidung aufgegeben wird.
Wenn ihr mitfeiert
Für den praktischen Teil des Abends gibt es hier eigene Artikel, damit dieser nicht zur Checkliste wird: wie viel Grusel ein Kind verträgt, welche Regeln den Abend entspannt halten, was Kinder beim Kürbisschnitzen selbst können, wie eine Party zuhause abläuft und was danach mit der Beute passiert.
Häufige Fragen
Ist Halloween ein amerikanisches Fest?
Warum wird Halloween in Deutschland so unterschiedlich gefeiert?
Was mache ich, wenn mein Kind ein sehr gruseliges Kostüm möchte?
Darf mein Kind an Allerheiligen von Tür zu Tür gehen?
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