
Kapitel 1 - Sonnenschein über Schloss Spukstein
Schloss Spukstein lag still über dem Bärental. Die Sonne schien warm auf die alten Steine, irgendwo zwitscherte ein Vogel, und der Fluss unten im Tal glitzerte träge vor sich hin. Ein ganz gewöhnlicher Morgen — von außen betrachtet.
Eigentlich war es Banoos Job, Menschen zu erschrecken.
Das Problem war nur: Es klappte nie.
Er hatte es wirklich versucht. Einmal war er mitten in der Nacht durch den Rittersaal geschossen und hatte sein lautestes „Buuuh!" gerufen. Der Ritterhelm hatte kurz gewackelt und dann freundlich genickt. Das war nicht dasselbe.
An diesem Morgen saß Banoo oben auf dem Hauptturm, schaute ins Bärental hinunter und seufzte.
„Vielleicht", murmelte er, „bin ich einfach kein sehr beängstigendes Gespenst."
In dem Moment krächzte etwas hinter ihm.
„BUUUH!"
Banoo schrie — und schoss vom Turm.
Unten im Hof döste Ganosch, der schwarze Kater, am Brunnenrand. Er hatte die Pfoten ordentlich übereinandergelegt. Er sah aus wie jemand, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt.
Patsch.
Ganosch fiel rückwärts in den Brunnen.
Platsch.
Er tauchte wieder auf — tropfnass, mit einem Frosch auf dem Kopf. Auf dem Hof stand ein weißer Wirbelwind, der sich langsam zu Banoo zusammensetzte.
„Es tut mir so leid", stammelte Banoo. „Da war ein Schatten — und der hat mich erschreckt — dabei bin ich doch das Gespenst—"
„Miau", sagte Ganosch.
Der Frosch hüpfte ins Gras.
Vom Lärm kam Bruno angelaufen, das große Krokodil.
„Alles gut?!", rief er schon von weitem, die Augen groß vor Sorge. „Hat sich jemand verletzt? Soll ich etwas holen?"
Für ein Krokodil seiner Größe wirkte er erstaunlich aufgeregt.
Kurz dahinter erschien Tick aus dem Torbogen. Die kleine Maus schaute sich alles in Ruhe an. Notizbuch auf. Kurze Bestandsaufnahme. Notizbuch zu.
„Kein Schaden. Gut."
Dann schaute sie zu Ganosch. Ganosch schaute zu Tick. Er machte einen kleinen Schritt rückwärts. Dann noch einen. Dann räusperte er sich und tat so, als hätte er sich einfach nur ein bisschen gedehnt.
„Guten Morgen, Nachbarin", sagte er, mit der Würde eines Katers, dem gerade ein Frosch auf dem Kopf gesessen hatte.
„Guten Morgen, Ganosch", sagte Tick.
Es war in diesem Moment sehr still auf dem Hof.
„Entschuldigt bitte."
Alle schauten nach oben. Auf dem Brunnenrand saß eine Eule. Braune Federn, wache Augen, ein Blick, der alles auf einmal erfasste.
„Ich heiße Isi. Ich hab den ganzen Norden gesehen, den halben Süden und so viele Wälder, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Und dann hab ich euren Turm gesehen." Sie hielt inne. „Ich wollte fragen, ob... also, wenn das zu viel ist, such ich natürlich weiter. Ich wollte nicht einfach—"
„Bleib!", rief Banoo sofort.
„Wirklich?"
„Der Nordturm ist perfekt! Fenster nach Osten, der beste Ausblick, und der Wind dort sagt immer Gute Nacht." Er machte einen kleinen Looping. „Und zum Einzug gibt es eine Party. Heute Abend!"
Isi schaute auf ihre Flügel. Die kluge Eule, die für jeden die richtige Antwort hatte — und jetzt wusste sie gar nicht, was sie sagen sollte. Also sagte sie:
„Danke."
Und das reichte.
Bruno hob die Hand.

„Ich helfe gerne. Aber bitte ohne Salami — ich bin Vegetarier."
Er sagte das so, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob das in Ordnung war.
„Natürlich!", sagte Banoo. „Gemüse, Pilze, Kräuter!"
„Ich mache den Teig", sagte Tick — und hatte schon das Mehl in der Hand.
Ganosch betrachtete die Szene. Dann stand er auf, schüttelte sich einmal trocken und sagte:
„Ich prüfe die Tomatensauce."
Und so backten sie zusammen Pizza.
Tick siebte das Mehl mit der Präzision von jemandem, der noch nie in seinem Leben etwas verschüttet hatte.
„Teig hat zwei Freunde: Wärme und Geduld."
Banoo hauchte ganz sanft darüber — warm und weich, der Teig ging wie von Geisterhand auf. Bruno stapelte das Holz so ordentlich, dass Ganosch kurz nickte, was für ein Krokodil eine große Auszeichnung war. Isi stand am Tisch und dirigierte ruhig:
„Erstens Margherita. Zweitens Pilze mit Thymian. Drittens Zucchini und Paprika. Viertens Kräuterfladen."
Alle fingen einfach an.
Einmal rutschte Tick aus — und landete direkt neben Ganosch. Ganosch wich so schnell zurück, dass er gegen den Mehlsack stieß. Eine weiße Wolke stieg auf.
Als sich der Staub gelegt hatte, waren alle — Krokodil, Gespenst, Eule und Maus — von Kopf bis Fuß weiß gepudert. Ganosch schaute an sich herunter. Dann zu Tick. Dann zu seinem schneeweißen Schwanz.
„Das war nicht mein allerbester Moment", sagte er.
Tick reichte ihm ein Tuch. Ohne ein Wort. Ganosch nahm es.
„Danke, Nachbarin."
Als der erste Duft aus dem Ofen durch den Hof zog, lächelte Bruno so breit, dass man alle seine Zähne sehen konnte. Alle. Er merkte es und schloss den Mund wieder. Dann öffnete er ihn wieder. Das Lächeln war einfach zu groß.
„Ganz ohne Salami — und trotzdem ein Fest!"
Sie setzten sich zusammen: Kater neben Maus, Eule neben Gespenst, Bruno so, dass alle sich in die Augen sehen konnten. Ganosch schob Tick das knusprigste Stück zu — unauffällig, fast beiläufig. Tick legte ihm dafür das saftigste Pilzstück auf den Teller. Keiner sagte etwas.
Nach dem Essen erzählte Banoo eine Geschichte — nicht gruselig, aber geheimnisvoll.
„Im Rittersaal gibt es einen Helm, der nickt, wenn jemand freundlich an ihm vorbeigeht. Klonk, klonk. Und im Nordturm wohnt ein Wind, der sich verlaufen hat. Wer Gute Nacht sagt, bekommt ein Huuh zurück."
Tick kicherte. Bruno lehnte sich so weit zurück, dass sein Stuhl ein bisschen knarzte. Ganosch schnurrte — so leise, als wäre es ihm einfach rausgerutscht.
Dann war es Isi, die sprach.
„Ich war in vielen Wäldern", sagte sie ruhig. „Ich hab viele Orte gesehen. Und ich hab immer gesucht — ich wusste nur nie genau, wonach." Sie schaute in die Runde. „Jetzt weiß ich es."
Banoo strahlte. Zum Schluss hoben sie die Becher.
„Auf Isi!", rief Banoo. „Auf neue Freundschaften!"
„Auf klare Absprachen und gutes Essen", sagte Tick.
„Auf Wege, die leichter sind, wenn man zusammengeht", sagte Isi.
Bruno hob seinen Becher und grinste.
„Auf Gemüse, Pilze und Kräuter — heute die Helden des Abends!"
Ganosch wartete einen Moment. Dann hob er seinen Becher.
„Auf Spukstein", sagte er. „Es hätte schlimmer kommen können."
Die Lichterketten glühten warm in der Dunkelheit. Der Hof war still. Banoo flüsterte: „Bootastisch." Bruno löschte das Feuer sorgfältig und schaute noch zweimal nach. Tick sammelte die letzten Krümel ein. Und Isi flog zum ersten Mal hinauf in ihren neuen Turm, setzte sich ans Fenster, schaute hinaus in die Nacht —
und dachte: Ja. Hier bin ich richtig.
Spukstein merkte sich diesen Abend. Als hätte das Schloss ein warmes Fach nur für solche Tage.
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