Vorlesegeschichte Kap. 1: Sonnenschein Schloss

Kapitel 1 - Sonnenschein über Schloss Spukstein

Es war früher Morgen auf Schloss Spukstein. Im Rittersaal flackerten die Kerzen. Rollo, die alte Ritterrüstung, nickte freundlich vor sich hin — knarr, knarr. Und mittendrin schwebte Banoo, hin und her, hin und her. Er übte sein Buuuh. Dreimal schon, ganz laut. Denn heute, nach über zweihundert Jahren, sollte es endlich klappen: Heute wollte Banoo jemanden so richtig erschrecken.

Banoo hatte alles vorbereitet.

Ein neues „Buuuh". Dreimal laut geübt. Dann noch zweimal, mit ganz viel Nachdruck. Er hatte sich die beste Stelle im Rittersaal ausgesucht: hinter dem großen Schrank, wo es immer ein bisschen zieht und die Kerzen flackern. Der Plan war perfekt. Banoo war ganz sicher.

Nur ein Problem: Im Rittersaal war niemand. Niemand außer Rollo.

Und Rollo war eine Rüstung. Er stand seit Hunderten von Jahren an der Wand und nickte freundlich, wenn jemand vorbeikam. Banoo versuchte es trotzdem. Er schoss hinter dem Schrank hervor, riss die Arme hoch und rief sein allerlautestes „Buuuh!"

Rollo nickte.

Banoo„Das war... nicht ganz, was ich mir vorgestellt habe."

Banoo seufzte und schwebte hinaus in den Hof. Da war wenigstens Ganosch.

Ganosch war eine elegante blaugraue Katze. Er döste am Brunnenrand, die Pfoten ordentlich übereinandergelegt, das grüne Halstuch saß tadellos, die Augen halb zu. Er sah aus, als hätte ihn schon sehr, sehr lange nichts mehr überrascht.

Banoo schwebte näher. Noch näher. Ganz nah. Dann holte er tief Luft und rief sein Buuuh direkt neben Ganoschs linkem Ohr.

Ganosch öffnete ein Auge. Nur eins.

Ganosch„Guten Morgen, Banoo."

Und schloss es wieder.

Banoo ließ die Arme sinken. Aber er gab nicht auf. Auf dem Fenstersims saß eine kleine Motte. Banoo schlich sich an — so leise ein Gespenst eben schleichen kann, was sehr leise ist — und flüsterte ihr ein kurzes, gruseliges „buuuh" zu.

Die Motte putzte sich einen Flügel.

Banoo„Vielleicht bin ich einfach kein gruseliges Gespenst."

Er schwebte hinauf auf den Hauptturm und schaute ins Tal. Unten glitzerte die Silberau. Irgendwo zwitscherte ein Vogel. Ein wunderschöner Morgen. Für Gespenster leider völlig ungeeignet.


Da hörte er es.

Ein Flattern. Lauter. Näher. Dann ein dumpfes WUMM. Dann nichts.

Banoo schaute nach unten. Auf dem Brunnenrand saß eine Eule — oder besser gesagt, sie saß dort jetzt. Eine Sekunde vorher war sie offenbar mit deutlich zu viel Schwung gelandet, einmal um die eigene Achse getorkelt — wackel, wackel — und hatte sich dann mit allergrößter Würde aufgerichtet, als hätte sie genau das von Anfang an vorgehabt.

Cremeweißes Gefieder mit dezenten hellbraunen Federlinien, eine runde Brille, wache Augen. Sie klopfte sich ein Stäubchen vom Flügel und sah zu Banoo hinauf.

Isi„Das war eine kontrollierte Landung."

Banoo„Du bist gerade gegen den Brunnenrand gebumst."

Isi„Kontrolliert."

Banoo schwebte langsam herunter. Das hier war jedenfalls das genaue Gegenteil von erschrocken.

Isi„Ich habe den Nordturm von unten gesehen. Schöne Fenster. Gutes Ostzimmer."

Banoo„Du schaust dir den Turm an?"

Isi„Ich bin auf der Durchreise. Ich schaue mir Türme an. Rein zur Information."

Banoo schaute sie an. Die Eule schaute zurück — geradeaus, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber an ihren Krallen hing ein kleiner, dicker Rucksack. Einer, der aussah, als hätte er schon viele, viele Reisen hinter sich.

Banoo„Suchst du einen Turm? Oder suchst du ein Zuhause?"

Die Eule hob einen Flügel.

Isi„Das ist nicht dasselbe."

Banoo„Nein. Aber manchmal ist es ziemlich ähnlich."

Isi antwortete nicht gleich. Sie schaute am Turm hoch. Dann zum Wehrgang. Dann zurück zu Banoo.

Isi„Ich habe eine Route. Noch drei Türme auf der Liste. Ich bleibe nur kurz."


In diesem Moment ging die Küchentür auf. Heraus kam Tick — eine kleine braune Maus im hellblauen Kleid, mit weißer Schürze und einem Weidenkorb unter dem Arm.

Tick wohnte im Mauseloch hinter dem großen Küchenherd. Früher, als noch echte Schlossköche auf Spukstein kochten, hatte sie deren Essen heimlich besser gemacht: eine Prise hier, ein Löffelchen dort. Niemand hatte je gewusst, wer das war. Als die Köche fortzogen, wurde es still in der Küche. Eine lange Zeit hatte Tick gar nicht mehr gewusst, für wen sie eigentlich kochen sollte.

Jetzt blieb sie stehen, sah die Eule, zog ihr Notizbuch heraus und schrieb etwas auf.

Tick„Neu auf dem Hof: eine Eule. Brille. Rucksack. Eine Bruchlandung."

Isi„Eine kontrollierte Land—"

Tick„Stehst du gerade hier?"

Isi„Ja."

Tick„Dann bist du jemand auf dem Hof."

Tick lief über den Pflasterhof. Ganosch öffnete ein Auge, als sie an ihm vorbeikam — und schloss es ganz, ganz schnell wieder. Dann putzte er sich umständlich eine Pfote, als wäre das der eigentliche Grund gewesen, weshalb er sich bewegt hatte.

Aus dem Torbogen kam Bruno angerannt. Bruno war ein großes Krokodil in brauner Latzhose. Viele Jahre hatte er ganz allein im Burggraben gewohnt, als Wächter, der nie jemanden erschrecken konnte. Fast so lange wie Banoo war er schon zu Hause auf Spukstein.

Bruno„Ich hab ein Flattern gehört! Und dann ein WUMM! Hat sich jemand wehgetan? Soll ich was holen? Ich hol was."

Isi„Mir geht es gut. Es war eine kontrollierte Landung."

Bruno schaute auf ihre Krallen. Dann auf den Brunnenrand. Dann nickte er ernst, als hätte er gerade etwas ganz Wichtiges herausgefunden.

Bruno„Der Brunnenrand ist schmal. Da rutscht man leicht. Ich bring dir was zum Sitzen. Sofort."

Isi„Das ist wirklich nicht nötig."

Bruno„Bin gleich wieder da!"

Und schon war er im Schuppen verschwunden.

Banoo schwebte neben Isi.

Banoo„Die anderen drei Türme — wie sind die so?"

Isi„Einer ist zu feucht. Einer zu laut. Den dritten kenne ich noch nicht."

Banoo„Und dieser hier?"

Isi schaute am Nordturm hoch. Eine kleine Pause.

Isi„Dieser hier hat wirklich schöne Fenster."


Bruno kam zurück. Er schleppte ein Brett, eine gefaltete Decke, ein kleines Kissen — und noch ein kleines Kissen.

Bruno„Für den Brunnenrand. Damit nichts mehr rutscht."

Er baute alles auf, während die anderen zuschauten. Das Brett war zu breit und kippte beim ersten Versuch über die Kante.

Bruno„Tschuldigung."

Das sagte er zum Brett. Beim zweiten Versuch rutschte die Decke. Beim dritten saß endlich alles fest — ein Brett, eine Decke, zwei Kissen, sehr ordentlich gestapelt. Es sah weniger nach Sitzplatz aus als nach einem kleinen, gemütlichen Thron.

Isi setzte sich drauf. Schaute hinunter. Schaute wieder hoch.

Isi„Danke."

Ganosch hatte alles mit einem Auge verfolgt. Jetzt schloss er es wieder und sagte in die Stille hinein:

Ganosch„Abendessen ist um sechs. Falls du noch da bist."

Isi„Bis dahin bin ich bestimmt schon weitergeflogen."

Ganosch„Bestimmt."

Er klang kein bisschen überzeugt.


Um sechs Uhr saßen fünf am Tisch.

Tick hatte Gemüseeintopf gekocht. Bruno trug die Schüsseln — vorsichtig, mit beiden Händen, als wären es rohe Eier. Banoo leuchtete warm über dem Tisch. Und Isi saß am Rand — kerzengerade, die Flügel an den Seiten, den Rucksack noch neben dem Stuhl.

Sie aß schweigend. Dann, nach einer Weile:

Isi„Die Brühe könnte noch ein bisschen Thymian vertragen."

Es wurde still am Tisch. Bruno hielt den Löffel an. Eine fremde Eule, die am ersten Abend das Essen verbessern wollte — das war mutig.

Tick„Thymian steht im Regal. Zweites Bord, links."

Isi stand auf, holte den Thymian, gab eine Prise in ihre Schüssel. Probierte. Nickte einmal. Tick schaute ihr dabei zu — sehr genau — und schrieb hinterher etwas ins Notizbuch, das sie niemandem zeigte.

Nach dem Essen räumte Bruno ab. Tick schrieb ihren Abendplan. Ganosch trank seinen Tee. Banoo schwebte leise hin und her.

Da stand Isi auf und nahm ihren Rucksack.

Isi„Ich schau mir kurz den Nordturm an. Nur die Fenster."

Banoo„Ich zeig dir den Weg! Pass auf — das Treppengeländer im zweiten Stock wackelt ein bisschen."

Isi„Gut zu wissen."

Banoo„Und die siebte Stufe knarrt. Und die elfte. Die zwölfte nicht. Das verwirrt am Anfang."

Sie stiegen zusammen die Treppe hoch. Banoo zeigte ihr jede knarrende Stufe einzeln. Dann öffnete er die Tür zum Nordturm.

Das Zimmer war klein und roch nach altem Holz. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Das Fenster ging nach Osten.

Isi trat ans Fenster. Unten lag das Bärental, ganz ruhig im Abendlicht. Die Silberau glitzerte. Die Wiesen leuchteten noch grün.

Eine ganze Weile stand sie einfach so da.

Dann legte sie ihren Rucksack ab. Nicht auf den Boden. Auf den Stuhl.

Isi„Die anderen drei Türme — die kommen ein anderes Mal."

Illustration: Isi steht am Ostfenster des Nordturms und schaut ins Bärental, Banoo schwebend neben ihr

Banoo„Bootastisch."

Isi schaute ihn an.

Isi„Das ist ein sehr seltsames Wort."

Banoo„Ich weiß. Es passt trotzdem."

Isi drehte sich noch einmal zum Fenster. Draußen wurde es langsam dunkel. Unten im Dorf ging ein Licht an. Dann noch eins.

Isi„Gute Nacht, Banoo."

Banoo„Gute Nacht, Isi."

Er schwebte die Treppe hinunter — über die siebte Stufe, die elfte, an der zwölften vorbei. Leise fiel die Tür ins Schloss.

Im Nordturm war es still. Isi setzte sich auf den Stuhl am Fenster und schaute hinaus, bis das letzte Licht im Tal verschwunden war. Dann öffnete sie das Fenster einen Spalt. Der Abendwind kam herein und roch nach Wiese.

An diesem Abend lag Isis Rucksack zum ersten Mal seit langer Zeit nicht auf dem Boden, sondern auf einem Stuhl. Drei Türme standen noch auf ihrer Liste — aber sie strich sie nicht durch und ließ sie einfach liegen. Oben im Nordturm machte sie das Fenster einen Spalt auf, und der Abendwind roch nach Wiese. Banoo schwebte durch den Hof und leuchtete heller als sonst. Ganosch sah es vom Brunnenrand aus, sagte nichts — und schnurrte einmal, ganz kurz. Der Gast, der nur kurz hatte bleiben wollen, blieb.

Banoo

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