Vorlesegeschichte Kap. 5: Land in Sicht: Freundschaft

Kapitel 5 - Land in Sicht: Alles für die Freundschaft!

Ganz oben auf dem höchsten Mast der „Hungrigen Möwe" saß Mato und schaute aufs Wasser. Der Wind zerrte an den Segeln, das Tau quietschte, und unten stritten die Piraten über Kartoffeln. Mato gehörte nicht zu ihnen. Sie hatten ihn vor zwei Jahren von seiner Insel mitgenommen, weil sie jemanden brauchten, der keine Höhenangst hatte. „Schau nach Land. Ruf es laut. Warte." Das war seine Aufgabe. Und an diesem Abend sah er oben am Hang etwas Neues: ein Licht, das durch die Fenster eines alten Schlosses wanderte.

Mato hatte ein Buch dabei. Die Seiten waren wellig vom Salzwasser, der Einband war feucht. Es ging um Freundschaft. Darum, wie zwei Leute zusammen schweigen können, ohne dass es komisch wird. Mato hatte es in einem kleinen Hafen gefunden und alles bezahlt, was er besaß. Je öfter er es las, desto mehr merkte er: So etwas kannte er gar nicht.

An einem Dienstag fuhr das Schiff den Abenbach hinauf und legte am Steg von Bärental an. Die Piraten sprangen an Land und liefen ins Dorf. Ein Sack Kartoffeln kullerte ins Wasser — platsch. Keiner merkte es.

Mato schaute den Hang hinauf.

Hoch oben über den Bäumen ragte ein altes Schloss in den Abendhimmel. Dunkle Türme, ein schmaler Wehrgang. Und ein Licht, das sich bewegte — als ginge dort jemand mit einer Laterne von Zimmer zu Zimmer.

Mato schaute auf das Schiff. Dann auf das Schloss. Dann wieder auf das Schiff. (Er zählte solche Dinge gern, bevor er sich entschied. Schiff: laut. Schloss: ein Licht. Das Licht gewann.)

Dann kletterte er das Tau hinunter und lief los.


Der Weg war steil. Aber Mato kam gut voran — er war klein und flink und kannte sich mit Tauen, Leitern und holprigen Wegen aus. Unter Erlenzweigen hindurch, durch hohes Gras, immer weiter den Pfad hinauf. Bis vor ihm die großen Schlosstüren auftauchten.

Sie standen einen Spalt offen. Drinnen war es warm und still.

Mato blieb stehen. Die Piraten waren alle im Dorf — er hatte sie gezählt, so wie er immer zählte, bevor er etwas tat. Wie oft hatte er sich das schon vorgestellt: einfach gehen. Kein Mast mehr. Kein Kapitän. Und jetzt standen die Türen offen.

Er schob die Tür auf.

Drinnen war es dunkel. Und dann auf einmal nicht mehr — denn etwas schwebte um die Ecke. Etwas Kleines, Weißes, das leuchtete und sehr schnell sehr nah war.

Banoo„Hallo! Ich bin Banoo. Und du bist sehr weit gelaufen."

Mato erschrak so sehr, dass er einen Schritt zurückstolperte und gegen die Tür stieß — bonk. Aber er fiel nicht hin und rannte auch nicht weg. Er war schon vor schlimmeren Dingen erschrocken. Vor dem Sturm. Vor dem Kapitän. Vor einer besonders lauten Möwe.

Mato„Ich bin Mato. Ich war... ich wollte nur kurz—"

Er schaute an Banoo vorbei. Der Flur war hoch und alt und roch nach Holz und Kräutern. Irgendwo tropfte leise Wasser in einen Topf — tropf, tropf. Irgendwo knarrte eine Treppe.

Es war das Gegenteil eines Piratenschiffs.

Banoo„Komm rein. Ich zeig dir alles. Wir haben Tee."


In der Küche hing ein großer eiserner Kessel am Haken. Banoo stupste ihn an.

Banoo„Das ist Kalle. Wenn er schwingt, macht er: Klonk."

Kalle machte: KLONK.

Mato schaute den Kessel an und merkte sich, ohne nachzudenken: Großer Kessel. Schwingt. Laut. Auf einem Schiff war es immer gut zu wissen, was laut werden konnte.

Im Rittersaal stand eine Rüstung. Kaum war Mato eingetreten, nickte sie ihm freundlich zu.

Banoo„Das ist Rollo. Redet nicht viel. Aber nicken kann er wie kein Zweiter."

Rollo nickte gleich noch einmal. Sicher ist sicher. Mato nickte vorsichtshalber zurück.

Auf der Wendeltreppe saß Isi mit einer aufgeklappten Landkarte und schaute kurz auf.

Isi„Du warst Matrose. Man sieht es an der Haltung. So gerade wird man nur vom langen Stehen im Mast."

Sie sagte es, als wäre es eine Tatsache, nicht ein Lob. Aber sie rückte zur Seite, damit Mato die Karte sehen konnte. Der Fluss, das Dorf — und ganz am Rand ein kleiner gezeichneter Anker.

Dann kam Bruno die Treppe heruntergestampft — das große Krokodil in der braunen Latzhose, mit besorgten Augen.

Bruno„Wir haben Besuch? Soll ich mehr Tee kochen? Ich koche mehr Tee."

Und schon war er wieder in der Küche verschwunden, noch bevor jemand antworten konnte.

Ganosch saß am Kamin. Er drehte sich genau so weit um, wie nötig war, um Mato einmal anzuschauen. Dann drehte er sich wieder weg und strich sein grünes Halstuch glatt.

Ganosch„Neuer Bewohner."

Das klang nicht wie eine Frage.

Mato„Ich bin nur kurz hier."

Ganosch„Natürlich."

Er sagte es genauso, wie man „Du bleibst" sagt, ohne es zu sagen.


Sie gingen hinaus auf den Wehrgang. Der Wind kam aus dem Tal und brachte Kräuter und feuchte Erde mit. Unten lag der Fluss, die Silberau und ganz klein der Steg von Bärental.

Mato schaute hinunter. Am Steg lag die „Hungrige Möwe".

Mato„Ich saß jeden Tag da oben im Mast. Ich hab gerufen, wenn Land kam. Aber niemand hat je zurückgewinkt."

Banoo schwieg einen Moment.

Banoo„Dann winken wir jetzt."

Er hob beide Arme und winkte dem Tal entgegen. Mato schaute ihn an. Dann hob auch er die Arme.

Niemand winkte zurück. Aber leer fühlte es sich trotzdem nicht an.

Und dann — Matos Magen rutschte ihm in die Hose.

Unten am Steg bewegte sich etwas. Kleine Figuren, die aus dem Dorf zurückkamen. Die Piraten! Viel früher als gedacht. Einer ging die Gangway hoch, stellte sich aufs Deck, schaute sich um. Dann zeigte er auf den Hang.

Auf den Weg zum Schloss.

Mato„Ich muss zurück. Die kommen."

Er wollte zur Tür. Banoo stellte sich nicht in den Weg. Er fragte nur:

Banoo„Willst du denn zurück?"

Mato blieb stehen.

Auf dem Schiff säße er jetzt wieder oben im Mast, ganz allein. Hier stand er auf einem Wehrgang, neben einem leuchtenden Gespenst.

Mato„Nein. Aber die wissen, dass ich weg bin."

Banoo„Dann bleib. Wir machen einfach das Licht aus."


Tick hatte in zehn Sekunden einen Plan: Banoo dimmt sich so dunkel wie möglich. Bruno stellt sich nicht ans Fenster. Isi klappt die Karte zusammen. Und Ganosch tut, was Ganosch immer tut — nämlich nichts, und das ganz genau richtig.

Die Piraten kamen den Hang herauf. Drei Mann, Fackeln, laut.

Schloss Spukstein lag still. Die Fenster dunkel. Der Hof leer. Mucksmäuschenstill.

Bis Bruno, der so weit wie möglich vom Fenster wegrücken wollte, rückwärts gegen den Küchenhaken stieß. Und am Haken hing Kalle.

KLONK.

Alle erstarrten. Banoo wurde vor Schreck noch eine Spur dunkler. Bruno hielt mit beiden Händen den Kessel fest, als könnte er den Ton damit zurückhalten.

Bruno„Tschuldigung. Tschuldigung."

Draußen blieben die Piraten stehen. Einer leuchtete mit der Fackel ins Tor. Drinnen war es dunkel und still und roch ein bisschen nach Moos. Er schaute den anderen an. Der zuckte mit den Schultern. Niemand da. War bestimmt eine Katze.

Sie drehten um und gingen.

Illustration: Mato steht auf dem Wehrgang von Schloss Spukstein und schaut dem Piratenschiff nach, das den Fluss hinunterfährt

Mato saß in einer dunklen Ecke hinter der Küchentür und hörte ihre Schritte leiser werden. Dann war es still. Dann hörte er, wie unten am Fluss eine Leine eingeholt wurde und ein Segel sich aufblähte. Das Knarren der Planken.

Das Schiff fuhr ab.

Banoo machte das Licht wieder an — ganz langsam, wie eine Kerze, die man neu anzündet.

Banoo„Weg."

Im Dunkeln sagte Ganosch, sehr trocken:

Ganosch„Eine Katze. Soso."

Und rückte sein Halstuch zurecht, das im Dunkeln niemand verrutscht gesehen hatte.

Mato stand auf. Er zog das Buch aus der Hosentasche und schaute es an. Die welligen Seiten. Den feuchten Einband.

Mato„Ich glaube, ich wohne jetzt hier."

Banoo„Bootastisch! Das Zimmer im Ostturm schaut zum Fluss. Und vom Wehrgang aus sieht man alle Sternschnuppen."

Bruno kam aus der Küche, mit einer Kanne Tee.

Bruno„Ich hab mehr Tee gemacht. Gut, dass ich mehr Tee gemacht hab."

Isi klappte die Karte wieder auf und zeigte auf einen Punkt flussabwärts.

Isi„Die Hungrige Möwe fährt hier entlang. In zwei Stunden ist sie am großen Flussknie. So weit kommt keiner mehr zurück."

Ganosch„Du bist sicher."

Er rückte sein Halstuch gerade und trank seinen Tee.

Mato setzte sich. Bruno stellte ihm eine Tasse hin. Tick legte ihr Notizbuch auf den Tisch und schrieb auf, was das Ostturmzimmer noch brauchte.

Das Zimmer war schlicht — ein Bett, ein Tisch, ein Fenster zum Fluss. Auf dem Fenstersims lagen zwei glatte Flusssteine.

Banoo„Die sind zum Beschweren von Zetteln. Der Wind hier hat manchmal zu viele eigene Ideen."

Mato legte das Buch auf den Tisch. Er schaute aus dem Fenster auf den Fluss unten im Tal. Irgendwo da fuhr die Hungrige Möwe jetzt — kleiner und kleiner, immer weiter weg.

Das Ostturmzimmer war ruhig. Das war neu.

Vom Mast eines Piratenschiffs hatte Mato jeden Tag nach Land gerufen — und nie hatte jemand zurückgewinkt. Jetzt hatte er ein eigenes Zimmer im Ostturm, zwei glatte Steine auf dem Fenstersims und eine Kanne Tee, von der noch viel zu viel übrig war. Unten im Tal fuhr die Hungrige Möwe davon, kleiner und kleiner. Als alle schliefen, schrieb Tick noch eine Zeile ins Notizbuch: „Ostturm besetzt." Und darunter, ganz knapp, ein einziges Wort: „Gut."

Banoo

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