Kapitel 5 - Banoos Gespenster-Schnupfen

Der Morgen über Schloss Spukstein begann mit Nebel. Er hing wie feine Tücher zwischen den Türmen, und der Fluss unten im Tal gluckerte so leise, als wäre auch er noch nicht ganz wach. Normalerweise war das die Stunde, in der Banoo durchs Schloss zischte, Vorhänge flattern ließ und mindestens dreimal „Bootastisch!" in die Welt rief.

An diesem Morgen war es still.

„HAAATSCHIIII!"

Das Niesen hallte durchs ganze Schloss. Im Hof hob Ganosch ein Auge, ohne den Rest zu bewegen. In der Küche fiel Tick fast vom Hocker. Auf dem Wehrgang ließ Mato sein Buch sinken. Und im Schlossgraben tauchte Bruno auf, weil er dachte, jemand hätte gerufen.

Im Hauptturm lag Banoo unter einer Decke. Die Stirn warm, die Nase wie ein undichter Wasserhahn. Sein Schweben war zu einem traurigen Hin-und-Her geworden, kaum eine Handbreit über dem Kissen.

„Mir geht's prii—" Er wollte „prima" sagen. Es kam aber nur ein krächzendes „... ähhh ... ziemlich okay" raus.

In der Tür räusperte sich jemand.

Tick stand da. Notizbuch in der einen Pfote, ein Tablett mit dampfender Suppe in der anderen.

„Patient Banoo. Diagnose: schwerer Geisterschnupfen."

Sie kletterte aufs Bett, stellte eine winzige Trittleiter an die Stirn und tippte vorsichtig mit der Pfote auf seine Haut.

„Temperatur erhöht. Tendenz: leicht fallend."

Sie zog ein Thermometer aus ihrer Schürze — eines, das einmal eine Stricknadel gewesen war, und steckte es in ihren Knopf-Behälter zurück, ohne den Blick von Banoo zu nehmen.

„Ich bin doch ein Gespenst", krächzte Banoo. „Gespenster werden nicht krank. Das geht nicht."

„Doch", sagte Tick. „Offensichtlich."

„Aber—"

„Banoo." Ihre Stimme wurde weich. „Auch Gespenster dürfen krank sein."

Mato war der Nächste. Er kam ohne Aufhebens, mit Kissen und Decken im Arm, und baute aus alldem eine kleine Höhle ums Bett. Er stellte einen warmen Stein hinein, in ein Tuch gewickelt — der roch wie frisch gebackenes Brot. Er sagte kein Wort dabei.

„Du musst doch nicht—", fing Banoo an.

Mato schüttelte den Kopf. Er legte ein Buch neben das Bett.

„Falls du nicht schlafen kannst."

Dann setzte er sich in die Ecke und las selbst — leise, geduldig, einfach da.

Bruno kam als Dritter. Er versuchte, leise zu sein, aber sein Schwanz stieß gegen den Türrahmen — bonk — und er zuckte zusammen.

„'Tschuldigung! 'Tschuldigung."

Unter dem Arm trug er einen ganzen Stapel Bücher.

„Lachmedizin", flüsterte er. „Hab ich aus der Bibliothek geholt. Isi sagt, Lachen hilft."

„Bruno, ich kann gerade nicht so—"

„Du musst auch nicht lachen", sagte Bruno schnell. „Ich les einfach. Falls es hilft, ist es gut. Falls nicht, mach ich leise weiter."

Er setzte sich auf den Stuhl, der unter ihm leicht ächzte, schlug ein Buch auf — und las von einem Ritter, der einen viel zu großen Helm trug.

Bei der Stelle, wo der Ritter beim Niesen seinen Helm aus dem Fenster pustete, kicherte Banoo zum ersten Mal an diesem Morgen.

Bruno strahlte so breit, dass Banoo fast wieder lachen musste.

Isi kam ohne Eile. Sie segelte herein, geräuschlos, mit drei Rezeptbüchern auf dem Rücken.

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„Kapitel sieben", flüsterte sie und blätterte. „Kranke Gespenster, zarte Gemüter." Sie schaute zu Banoo. „Wir kochen die Stärkebrühe. Thymian, Zwiebel, Sternanis. Und eine Prise Mut."

Banoo blinzelte.

„Mut ist eine Zutat?"

„In dieser Brühe schon."

In der Küche ließ sie Zwiebeln tanzen, und der Kessel sang bald sein leises blubb-blubb. Der Duft kroch die Treppe hinauf und legte sich wie warmer Sonnenschein über Banoos Brust.

Ganosch kam zuletzt.

Er stand einen Moment in der Tür und schaute. Auf dem Bett saß Tick. Sehr nah am Kopfkissen. Sehr nah an Banoos Stirn.

Ganosch räusperte sich.

Tick schaute auf.

„Guten Morgen, Ganosch."

„Guten Morgen, Nachbarin."

Es war eine Pause. Eine sehr kleine, höfliche Pause.

„Ich werde", sagte Ganosch langsam, „auf der anderen Seite des Bettes sitzen. Falls das in Ordnung ist."

„Das ist in Ordnung", sagte Tick. Sie zwinkerte sehr leicht. „Es ist genug Bett für alle."

Ganosch sprang elegant aufs Fußende, drehte sich dreimal und legte sich zu einem perfekten Fellkringel zusammen. Dann legte er die Stirn an Banoos Bauch und schnurrte.

Es war kein gewöhnliches Schnurren. Es war ein langes, warmes, gleichmäßiges Schnurren, das durch die ganze Matratze ging.

Banoo schloss die Augen.

„Schnurrthermometer meldet", brummte Ganosch leise. „Fieber, aber fallend."

So verging der erste Tag. Morgens Suppe von Isi. Mittags Geschichten von Bruno. Nachmittags Tick mit dem Thermometer. Abends Mato mit dem Buch. Und immer, immer im Hintergrund, das gleichmäßige Schnurren von Ganosch.

In der Nacht hörte man nur das Atmen des Schlosses. Und manchmal, ganz leise, ein tock-tock — wenn Brunos Schwanz im Traum vor Freude gegen den Stuhl klopfte.

Am zweiten Tag fühlte sich Banoo schon ein bisschen besser. Mato öffnete das Fenster einen Spalt — ein kühler Bergwind kam herein wie eine sanfte Pfote.

„Nicht zu viel!", piepste Tick. „Patient ist im Genesemodus."

„Genesemodus bestätigt", brummte Ganosch.

Bruno wechselte das Genre. Statt Ritter-Geschichten las er nun Zungenbrecher.

Klein Bruno klopft kluge Klänge", las er — und stockte.

Er las ihn nochmal. Bei der dritten Wiederholung klang er fast wie ein Lied. Alle lachten — sogar Bruno selbst, der völlig überrascht war von seinem eigenen Krokolachen.

In der Dämmerung passierte etwas Kleines, aber Schönes. Die Raben setzten sich wie Noten auf die Schlosszinnen. Der Fluss unten klang, als würde er klatschen.

„Ich fühle mich..." Banoo suchte nach dem Wort. „... behütet."

Das war größer als „gut". Und ruhiger als „prima".

Am dritten Morgen fiel das Licht wie flüssiges Gold durch die Fenster.

Banoo öffnete die Augen.

Keine schwere Stirn. Kein Wasserhahn-Gefühl in der Nase. Nur ein leises Kribbeln in den Fingerspitzen.

„Status?", fragte Tick.

Sie hatte das Thermometer schon in der Pfote.

„Status", sagte Banoo, und seine Stimme klang wieder wie seine eigene, „bootastisch."

Tick nickte zufrieden. Sie kletterte auf Banoos Brust, salutierte mit dem Thermometer und sagte:

„Hiermit erkläre ich: Temperatur stabil. Genesung gelungen. Empfehlung: viel trinken, viel lachen."

„Freigabe für eine Langsamrunde durch das Zimmer", entschied Mato. Er hob einen Zeigefinger.

Banoo schwebte — so langsam wie eine Feder — eine kleine Acht durchs Zimmer. Ganosch streckte sich genüsslich. Isi klappte das Rezeptbuch zu. Bruno polierte seine Lesebrille.

Sie gingen gemeinsam in den Hof. Die Sonne legte warme Tupfer auf die Steine. Ein Grashüpfer zirpte irgendwo im Gras, als würde er ein Genesungslied üben. Vom Tal her klang der Markt von Bärental herauf — Stimmen, ein Esel, der „I-aa" sagte, das Klacken von Wagenrädern. Alles wie immer.

Nur fühlte sich die Welt heute näher an als sonst.

Banoo schaute in die Runde. Mato mit den Decken. Isi mit der Brühe. Ganosch mit dem Schnurren. Tick mit dem Thermometer. Bruno mit dem Krokolachen.

„Ich hab gedacht", sagte Banoo leise, „ich darf nicht krank sein. Weil ich doch ein Gespenst bin."

„Auch Gespenster sind etwas wert, wenn sie gerade nichts können", sagte Isi.

Bruno nickte heftig.

„Du musst nicht erschrecken, um wichtig zu sein. Wirklich nicht."

Banoo schaute sie alle an. Dann lächelte er — und es war ein bootastisches Lächeln.

„Heute", sagte er, „wird ein guter Tag."

Und es wurde einer.

In dieser Nacht schlief Banoo so tief, wie er lange nicht geschlafen hatte. Spukstein war still. Tick saß noch eine Weile am Kopfende, das Notizbuch zugeklappt. Ganosch schnurrte leiser, dann gar nicht mehr. Und draußen, irgendwo im Wald, hustete ein Reh — kurz, einmal. Manchmal sind das die Geräusche, die zeigen: Alles ist genau so, wie es sein soll.