
Kapitel 2 - Ein Zimmer für Isi
Am Morgen nach ihrer Ankunft wachte Isi im Nordturm auf und wusste einen Moment lang nicht, wo sie war. Durch das Ostfenster fiel das erste Licht auf kahle Steinwände. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl — und auf dem Stuhl ihr dicker Rucksack, der noch immer gepackt war. Draußen zwitscherte es im Tal. Drinnen roch es nach altem Holz. Und unten in der Küche hörte man schon jemanden sehr aufgeregt flüstern, was bei diesem Jemand ungefähr so leise war wie ein normaler Mensch beim Rufen.
Der Jemand war Banoo.
„Isi bleibt! Das heißt: Isi braucht ein richtiges Zimmer. Kein kahles. Ein schönes."
„Sie hat ein Zimmer."
„Sie hat einen Raum mit einem Bett drin. Das ist nicht dasselbe."
Tick dachte kurz nach. Dann zog sie ihr Notizbuch heraus und schrieb oben auf eine leere Seite: Projekt: Isis Zimmer. Darunter machte sie drei Spalten. So fing bei Tick alles an, was wichtig war.
„Gut. Jeder bringt eine Sache. Eine."
Sie sagte „eine" mit dem Blick auf Bruno. Bruno schaute zur Decke, als ginge ihn das nichts an.
Isi stand oben am Ostfenster und schaute ins Tal, als es das erste Mal klopfte.
Es war Bruno. Beziehungsweise: zuerst kam ein riesiger Lehnsessel durch die Tür, und dann, dahinter, Bruno.
„Der stand im Keller! Da kann man gut drin sitzen und lesen. Ich hab ihn nur dreimal verkantet auf der Treppe."
Der Sessel war so groß, dass er fast das halbe Zimmer einnahm. Bruno schob ihn an die Wand. Er passte nicht. Er schob ihn an die andere Wand. Er passte auch nicht.
„Tschuldigung."
Das sagte er zum Sessel.
Kaum war der Sessel halbwegs verstaut, schwebte Banoo herein — mit vollen Armen, so voll, wie ein Gespenst eben Arme voll haben kann.
„Ich hab Sachen mitgebracht! Drei leuchtende Flusssteine für die Fensterbank. Eine Muschel, die nach Meer klingt. Ein Windrad. Und eine Decke mit Sternen drauf, falls dir nachts kalt wird — Eulen können doch frieren, oder?"
„Eulen haben Federn."
„Dann eben für den Fall, dass die Federn mal Pause machen."
Er legte alles auf den Tisch. Der Tisch war jetzt voll.
Dann kam Tick mit einem Korb voll praktischer Dinge: ein Krug, ein Becher, eine kleine Lampe, ein Haken für den Rucksack, eine Liste, was noch fehlte. Sie hängte den Haken an die Wand, prüfte ihn zweimal und hakte etwas ab.
Und schließlich, ganz ohne Geräusch, war Ganosch da.
Er sagte nichts. Er trug auch nichts. Er schaute sich nur um — den Sessel, der nicht passte, den vollen Tisch, das Windrad, das sich im Durchzug bereits drehte. Dann ging er zum Sessel und rückte ihn einen halben Zentimeter nach links.
„So."
Der Sessel passte immer noch nicht. Aber er passte jetzt ordentlicher nicht.
Bis zum Mittag war Isis Zimmer kein kahles Zimmer mehr.
Es war ein sehr volles Zimmer.
An der einen Wand stand der riesige Sessel. Auf der Fensterbank lagen drei leuchtende Steine, eine Muschel und das Windrad, das sich unermüdlich drehte — surr, surr, surr. Über dem Bett hing die Sternendecke. Auf dem Tisch standen Krug, Becher, Lampe und Ticks Liste. An der Wand der Haken. Und Ganosch war inzwischen dreimal durchs Zimmer gegangen und hatte alles um jeweils einen halben Zentimeter geradegerückt.
Isi stand in der Mitte und drehte sich langsam einmal im Kreis.
Sie sagte: nichts.
Die anderen schauten sie erwartungsvoll an.
„Und? Gefällt es dir?"
Isi öffnete den Schnabel. Sie schloss ihn wieder. Das Windrad machte surr. Dann sagte sie sehr höflich:
„Es ist sehr… vollständig."
Und dann, als alle wieder unten in der Küche waren, tat Isi etwas, das niemand sah: Sie nahm ihren Rucksack vom Haken, setzte sich damit auf die Bettkante und hielt ihn fest auf dem Schoß. So wie früher. So wie an all den Türmen vor diesem hier.
Banoo kam zurück, weil er den Windrad-Knopf zeigen wollte, mit dem man es schneller drehen ließ. Er blieb in der Tür stehen.
Isi saß auf dem Bett. Den Rucksack im Arm. Gepackt.
Banoos Licht wurde eine Spur kleiner.
„Du… gehst wieder?"
„Nein."
Eine Pause.
„Vielleicht. Ich weiß es nicht."
Banoo schwebte herein und setzte sich neben sie auf die Bettkante — so vorsichtig, wie ein Gespenst sich setzt, das gar nichts wiegt.
„Ist das Zimmer zu voll? Wir räumen alles wieder raus. Sofort. Ich hol Bruno."
„Es ist nicht das Zimmer."
Sie schaute auf den Rucksack in ihren Armen.
„Ich war sehr lange allein unterwegs. Ich habe alles selbst getragen, selbst entschieden, selbst eingerichtet. Immer nur, was in den Rucksack passt. Und jetzt kommen alle und bringen mir Dinge und Decken und einen Sessel, der nicht durch die Tür passt — und ich weiß gar nicht, wie man das macht."
„Wie man was macht?"
„Sich helfen lassen."
Banoo dachte nach. Für ihn war das nämlich das Allereinfachste der Welt.
„Wir haben es falsch gemacht, glaube ich."
„Ihr habt es sehr lieb gemacht."
„Aber wir haben dich nicht gefragt. Wir haben dir ein Zimmer gemacht. Wir hätten dir helfen sollen, dir eins zu machen. Das ist nicht dasselbe."
Isi schaute ihn an. Genau diesen Unterschied hatte sie nicht in Worte gekriegt — und Banoo, der so vieles nicht sofort verstand, hatte ihn einfach ausgesprochen.
Sie holten die anderen.
Diesmal fragte Banoo zuerst:
„Isi. Was brauchst du wirklich? In diesem Zimmer?"
Isi überlegte. Sie überlegte gründlich, wie sie alles überlegte. Dann sagte sie:
„Das Fenster frei. Einen Platz für meine Bücher. Und einen Stuhl, von dem aus ich das Tal sehen kann. Mehr nicht."
Tick klappte ihr Notizbuch auf und strich durch. Sie strich viel durch. Es war das erste Mal, dass sie eine Liste mit Freude kürzer machte statt länger.
Bruno trug den riesigen Sessel wieder hinaus — die Treppe hinunter verkantete er ihn nur zweimal, also einmal weniger als hinauf. Dafür baute er aus einem schmalen Brett und zwei Klötzen ein kleines Regal, genau unter das Ostfenster. Es war krumm. Es hielt trotzdem.
Banoo nahm das Windrad, die Muschel und zwei der drei leuchtenden Steine wieder mit. Den dritten Stein ließ er da.
„Einer darf bleiben. Zum Zettelbeschweren. Der Wind hier hat manchmal eigene Ideen."
Tick stellte den kleinen Stuhl ans Fenster. Genau so, dass man das Tal sah.
Und Ganosch? Ganosch rückte das krumme Regal einen halben Zentimeter nach rechts. Es wurde dadurch nicht gerader. Aber Bruno strahlte trotzdem, als hätte Ganosch gerade gesagt, es sei das beste Regal der Welt.

Isi stellte ihr teal-blaues Buch in das krumme Regal. Es stand ein bisschen schief. Sie ließ es schief stehen.
Dann setzte sie sich auf den Stuhl ans Fenster und schaute ins Tal — die Silberau, die Wiesen, die Birken am Wehrgang.
„So ist es richtig."
„Bootastisch."
„Das Wort ist immer noch eigenartig."
„Ich weiß. Es passt trotzdem."
Am Morgen war Isis Rucksack noch gepackt gewesen, fest im Arm. Am Abend hing er am Haken an der Wand, und auf dem krummen Regal unter dem Ostfenster stand ein einziges teal-blaues Buch, ein bisschen schief. Daneben ein leuchtender Stein zum Zettelbeschweren. Isi saß auf dem Stuhl am Fenster, bis das letzte Licht aus dem Tal verschwand. Sie hatte den anderen nicht gesagt, dass sie geblieben war. Sie hatte es ihnen gezeigt — indem sie das Buch ins Regal gestellt hatte. Ganosch ging im Vorbeigehen noch einmal hinein und rückte es einen halben Zentimeter gerade.
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