Vorlesegeschichte Kap. 2: Land in Sicht: Freundschaft

Kapitel 2 - Land in Sicht: Alles für die Freundschaft!

Der Abend legte sich weich über das Bärental. Der Fluss glitt dunkel und still durch das Tal, die Lichter im Dorf gingen eines nach dem anderen an, und hoch oben thronte Schloss Spukstein im letzten Tageslicht — geheimnisvoll, ruhig, und von unten aus betrachtet: vollkommen leer.

Ganz oben im Mast saß Mato und schaute aufs Wasser.

Das tat er jeden Tag. Von morgens bis abends. Immer oben, immer allein, immer mit dem Wind im Gesicht.

Mato war der Ausguck auf einem Piratenschiff. Das klang aufregend. Aber eigentlich bedeutete es: Schau nach Land. Ruf es laut. Warte. Schau wieder.

„Land in Sicht!", rief Mato.

Unten auf dem Deck stritten zwei Piraten, ob eine Karotte zu kurz oder ein Apfel zu rot war. Niemand schaute hinauf. Niemand antwortete.

Das war das Problem.

Mato zog ein kleines Buch aus der Hosentasche. Die Seiten waren wellig vom Salzwasser. Er las es heimlich, wenn die Wolken sich stapelten. Es handelte von Freundschaft — von geteilten Geheimnissen, warmen Blicken und der Art von Stille, die zwischen zwei Freunden gemütlich ist, nicht leer. Je öfter er las, desto deutlicher merkte er: So eine Stille hatte er noch nie erlebt.

An diesem Abend glitt das Schiff einen Fluss hinauf und machte an einem kleinen Steg fest. Die Piraten sprangen ans Ufer und liefen ins Dorf. Ein Sack Kartoffeln kullerte ins Wasser. Keiner merkte es.

Mato schaute den Hang hinauf. Da oben, über den Bäumen, ragte ein altes Schloss in den Abendhimmel. Die Dorfbewohner gingen nie dorthin. Es hieß, es spuke.

Mato dachte kurz nach.

Dann rutschte er am Tau herunter und lief.

Am Ufer entlang, unter Erlenzweigen hindurch, den schmalen Pfad hinauf. Der Weg wurde steiler, der Wind stärker. Als Mato die letzten Stufen erklomm, stand die große Schlosstür einen Spalt offen.

Er blieb stehen.

Drinnen war es warm. Nicht unheimlich — warm, wie in einer alten Geschichte. Ein Licht huschte über die Wand. Dann schwebte etwas um die Ecke.

„Hallo", sagte das Etwas fröhlich. „Ich bin Banoo. Und du bist sehr weit gelaufen."

Vorlesegeschichte, Kapitel 2

Mato erschrak — hielt aber stand. Er war schon erschrockener gewesen. Vom Sturm. Vom Kapitän. Von einer besonders lauten Möwe.

„Ich bin Mato", sagte er leise. „Ich suche..."

Er schaute an Banoo vorbei in die Stille des Schlosses. Er wusste nicht, wie er den Satz beenden sollte.

Freunde?", fragte Banoo und legte den Kopf schief.

Mato nickte. Dann schaute er schnell woanders hin, weil er nicht wollte, dass Banoo sah, wie sehr er es meinte.

Banoo leuchtete ein bisschen heller.

„Das ist eine gute Suche. Und eine, in der ich mich auskenne."

Es war seltsam leicht, mit Banoo zu sprechen. Vielleicht weil er nicht lachte, wenn Mato stockte. Vielleicht weil er bei jedem Wort ein bisschen heller wurde, als würde jedes Stückchen Wahrheit eine kleine Kerze anzünden.

Banoo führte Mato durch das Schloss. In der Küche hing der eiserne Kessel Kalle am Haken und sagte beim kleinsten Windhauch: „Klonk." Im Rittersaal stand eine Rüstung.

„Das ist Rollo", sagte Banoo. „Er redet nicht viel. Aber er kann hervorragend nicken."

Rollo klapperte zustimmend.

Auf der Wendeltreppe trafen sie Isi. Die Eule saß über einer Landkarte und schaute kurz auf.

„Aha", sagte sie. „Ein Seefahrerherz. Gut."

Und sie rückte ein Stück zur Seite, damit Mato die Karte sehen konnte. Der Fluss, das Dorf Bärental, und ganz am Rand ein kleiner gezeichneter Anker.

Dann stiegen sie hinauf auf den Wehrgang. Mato blieb stehen. Der Wind fuhr ihm durchs Haar. Der Fluss glitzerte weit unten. Und auf dem Schiff stritten zwei Piraten um eine Zwiebel.

„Ich war Ausguck", sagte Mato. „Den ganzen Tag allein. Ich konnte gut sehen, wenn Land da war." Er machte eine kurze Pause. „Aber ich wünschte, jemand würde mal zurückwinken."

Banoo stellte sich neben ihn.

„Dann winken wir jetzt", sagte er.

Sie hoben beide die Arme und winkten dem Abend entgegen. Niemand winkte zurück. Aber es fühlte sich trotzdem nicht leer an.

„Willst du bleiben?", fragte Banoo. Ein bisschen schüchtern, für ein Gespenst. „Im Schloss ist Platz. Das Zimmer im Ostturm schaut zum Fluss. Und vom Wehrgang aus siehst du alle Sternschnuppen." Er zögerte. „Ich zeig dir auch, wo der Wind die besten Geschichten erzählt."

Mato legte die Hand auf sein kleines Buch. Er dachte an die Seiten über Freundschaft. Über die Stille, die gemütlich ist.

„Hier oben", sagte er langsam, „fühlt sich die Stille schon ein bisschen anders an."

Bootastisch!", rief Banoo — so laut, dass Rollo unten im Saal vor Freude klapperte.

Das Zimmer im Ostturm war schlicht. Ein Bett, eine Decke, die nach Kräutern roch. Auf dem Fenstersims lagen zwei glatte Flusssteine.

„Zum Beschweren von Notizzetteln", erklärte Banoo wichtig. „Der Wind hier hat manchmal zu viele eigene Ideen."

Mato lächelte. Nicht groß — aber echt.

Später, als es dunkel war, stand Banoo an der Brüstung und schickte mit einer Laterne drei langsame Lichtzeichen zum Fluss hinunter. Der dicke Bootsmann am Steg sah sie, kratzte sich im Bart und lächelte. Dann warf er eine orangefarbene Frucht in die Luft. Ein Junge am Ufer fing sie mit Jubel. Manchmal genügt ein Zeichen.

In den nächsten Tagen lernte Mato das Schloss kennen. Er las mit Isi Karten. Er übte mit Rollo ernsthaftes Nicken. Und er erfand mit Banoo eine Kunst: Türen sollten nur dann knarren, wenn jemand über Mut spricht. Kerzen nur dann flackern, wenn jemand an Wünsche denkt.

Abends saßen sie am Fenster des Ostturms.

„Du kannst hören, wann der Wind eine Geschichte trägt", sagte Banoo.

„Und du kannst sehen, wann jemand Freunde sucht", sagte Mato.

Als das Piratenschiff nach ein paar Tagen wieder abfuhr, stand Mato mit Banoo auf dem Wehrgang und winkte. Keine Sehnsucht. Der Platz in seiner Brust, der so lange leer gewesen war, war jetzt warm.

Nicht weil die Stille verschwunden war. Sondern weil sie jetzt zu zweit war.

„Dann wohne ich jetzt hier", sagte Mato.

„Dann wohnst du jetzt hier", sagte Banoo. „Und heute Abend zeige ich dir den Weg zur Sternwarte. Da fallen die Sternschnuppen so nah, dass man fast die Wünsche huschen hört."

Bootastisch", sagte Mato.

Und er lachte sein erstes echtes Schlossfreund-Lachen.

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