
Kapitel 3 - Flussabwärts! Die Suche nach dem Schwimmring
Der Morgen über Schloss Spukstein war noch kühl und blau. Der Fluss unten im Tal glitzerte im frühen Licht, und aus Bärental stieg dünner Rauch auf — jemand heizte schon die Bäckerei an. Im Hof des Schlosses war es still. Der Tag hatte gerade erst angefangen.
Brunos Schwanz verriet ihn immer.
Wenn er glücklich war, wedelte er langsam, wie ein schwerer Besen. Wenn er aufgeregt war, schlug er schnell hin und her. Und wenn er unruhig war — so wie jetzt — zuckte er einfach nur, ganz kurz, immer wieder.
Mato saß oben auf dem Wehrgang und las. Er schaute nicht hin. Aber er hatte es trotzdem bemerkt.
Bruno lief durch den Hof. Einmal. Zweimal. Dreimal. Er schaute unter die Bank, hinter den Brunnen, zwischen die Steine neben dem Tor.
„Alles gut?", fragte Banoo, der gerade kopfüber aus dem Turmfenster schaute.
„Ja", sagte Bruno.
Sein Schwanz zuckte.
„Wirklich alles gut?"
„Ja."
Zuck.
Ganosch öffnete ein Auge. Er lag auf seinem Lieblingsstein im Innenhof, die Pfoten ordentlich übereinandergelegt.
„Du hast etwas verloren", sagte er. Keine Frage. Eine Feststellung.
Bruno blieb stehen. Er holte tief Luft. Dann ließ er die Schultern fallen.
„Meinen Schwimmring", sagte er leise. „Den rot-weiß gestreiften. Ich hab ihn heute Morgen beim Baden ans Ufer gelegt — und als ich ihn wieder anziehen wollte, war er weg." Er machte eine kurze Pause. „Ich weiß, es ist nur ein Ring. Ihr müsst nicht—"
„Wo genau warst du?", fragte Isi von oben.
Die Eule saß auf dem Nordturm und hatte alles mitgehört. Sie hatte bereits eine Karte aufgerollt.
„Am großen Stein, flussaufwärts vom Steg."
„Flüsse tragen Dinge flussabwärts", sagte Isi ruhig. „Wenn niemand den Ring genommen hat, ist er mit der Strömung gewandert. Wir gehen Richtung Bärental, am Ufer entlang." Sie rollte die Karte wieder zusammen. „Erstens: Ufer absuchen. Zweitens: bei den Tieren fragen. Drittens: Steg."
„Ich komm mit", sagte Banoo sofort.
„Ich auch", sagte Mato. Er hatte sein Buch bereits zugeklappt.
Ganosch schwieg einen Moment. Dann stand er auf, streckte sich ausgiebig und sagte:
„Na gut."
Bruno schaute in die Runde.
„Es ist wirklich nur ein Ring", sagte er noch einmal.
Aber diesmal klang es nicht mehr ganz so, als würde er das glauben.
„Wenn er dir wichtig ist, ist er wichtig", sagte Mato. „Punkt."
Sie machten sich auf den Weg. Der Uferpfad war schmal und roch nach nassem Gras. Banoo schwebte über dem Wasser und schaute hinein. Mato ging voraus, ruhig und aufmerksam. Bruno stapfte nebenher, die Augen auf die Strömung gerichtet. Ganosch folgte am Ende — trocken, würdevoll, und mit einem Blick, der alles registrierte.
„Augen auf!", rief Banoo. „Alles Rote oder Runde könnte ein Hinweis sein!"
Schon bald watschelte ihnen etwas entgegen: eine Ente mit besonders stolzer Brust.
„Quak! Ihr sucht was Rundes?"
„Rot-weiß gestreift", sagte Isi.
„Quak! Hab ich heute früh vorbeihuschen sehen. Hat sich beim großen Weidenbaum im Schilf verfangen — quak — zumindest kurz."
„Danke, Frau Ente!", sagte Banoo und verneigte sich so ernsthaft, dass die Ente kurz verdutzt dreinschaute.
Sie eilten weiter zum Weidenbaum. Seine langen Zweige hingen wie grüne Vorhänge ins Wasser. Mato schob das Schilf beiseite — aber vom Ring keine Spur. Nur ein Frosch lugte hervor und blinzelte schläfrig.
„Entschuldige, Herr Frosch", sagte Mato leise. „Hast du einen Schwimmring gesehen?"
„Plupp. Etwas Rundes hat vorhin plopp gemacht und ist wieder losgeschwommen. Ich hörte ein Klappern. Vielleicht hat es sich bei einem Boot verfangen. Am Steg weiter unten liegt ein Ruderboot." Er blinzelte. „Plupp."
Bruno wurde ein bisschen heller um die Augen.
„Ein angeleintes Ruderboot — das würde den Ring aufhalten."
Sie folgten dem Pfad. Zwischen zwei Steinen raschelte es: Ein Biber hob kurz die Pfote.
„Falls ihr was sucht — im Seitenarm hinter dem Erlenbusch zieht die Strömung Dinge gern unter den Steg. Aber passt auf die glitschigen Bretter auf."
„Danke dir!", rief Banoo.
Als sie den Steg erreichten, schaukelte das Ruderboot sanft am Seil. Das Wasser gluckerte dunkel darunter. Mato kniete sich auf die Bretter. Er tastete nach einem langen Ast, der zwischen den Pfählen steckte, und führte ihn langsam an den Bootsrand. Einmal glitt er vorbei. Zweimal. Beim dritten Mal spürte er Widerstand.
„Da ist etwas", murmelte er.
Er zog langsam. Ganz langsam. Etwas Rundes stieg aus dem Wasser. Tropfen funkelten in der Sonne.
„Der Ring!", rief Bruno — und sprang auf, so schnell, dass der Steg wackelte und Ganosch einen Schritt zur Seite machte.
„Vorsicht", sagte Ganosch.
„Entschuldigung", sagte Bruno. Aber er lächelte schon so breit, dass man alle seine Zähne sah.
Mato legte den nassen, rot-weiß gestreiften Ring behutsam aufs Holz. Bruno kniete sich daneben, strich einmal mit der Hand darüber und seufzte — diesmal vor Erleichterung.
„Danke", sagte er. „Euch allen."

Seine Stimme war noch ein bisschen wackelig. Aber sie klang wieder nach Bruno.
„Ich hab mich geschämt", sagte er nach einer Weile. „Es ist doch nur ein Ring. Aber er erinnert mich an den Sommer am See mit meinem Opa. Wir haben jeden Morgen zusammen gebadet. Er hat immer gesagt: Wer im Wasser singt, hat keine Angst." Bruno schaute auf den Ring. „Seitdem singe ich beim Schwimmen. Immer noch."
Es war eine Weile still.
„Was singst du?", fragte Banoo.
Bruno überlegte. Dann sang er — leise, ein bisschen falsch, und trotzdem schön. Ganosch schaute auf den Fluss. Mato hörte zu, ohne ein Wort. Banoo leuchtete ein kleines Stück heller.
Isi räusperte sich.
„Gut", sagte sie. Und das klang, für eine Eule, sehr warm.
Auf dem Rückweg schnatterte die Ente ihnen ein „Gern geschehen!" hinterher, der Frosch quakte zufrieden, und der Biber hob noch einmal die Pfote.
Oben im Schloss trockneten sie den Ring am Kamin. Bruno legte ihn neben sich, als säße da ein kleiner stiller Freund. Ganosch setzte sich in die Nähe. Nicht direkt daneben. Aber nah genug.
„Manchmal", sagte Isi ruhig, „zeigt ein verlorener Ring, was man eigentlich hat."
„Freunde, die flussabwärts gehen", sagte Banoo.
Bruno nickte. Er schaute in die Runde — Banoo, der leise leuchtete. Mato, der still lächelte. Isi, die die Flügel ein kleines bisschen ausbreitete. Ganosch, der so tat, als würde er schlafen, aber dessen Schnurren man trotzdem hören konnte.
„Ich hab gedacht, ich darf nicht sagen, dass mir etwas fehlt", sagte Bruno leise. „Weil es doch nur ein Ring ist." Er strich noch einmal darüber. „Aber ihr seid einfach mitgekommen. Ohne zu fragen, ob es sich lohnt."
„Das ist Freundschaft", sagte Banoo. „Man geht mit. Immer."
Bruno lehnte sich zurück. Sein Schwanz wedelte — langsam, gleichmäßig. So wie immer, wenn alles gut war.
Draußen sang der Fluss leise vor sich hin. Und drinnen, am warmen Kamin, war es still auf die schönste Art — die Art, die sich gemütlich anfühlt und nicht leer.
Das könnte dich auch interessieren
Vorlesegeschichten
Kapitel 1 - Sonnenschein über Schloss Spukstein
Der Auftakt der Schloss-Spukstein-Reihe: eine warmherzige Geschichte über einen besonderen Tag, kleine Aufregungen und viel Freundschaft zum Vorlesen.
Vorlesegeschichten
Kapitel 6 - Mutig in die Wellen
In Kapitel 6 lernen Kinder, wie Mut wächst, wenn jemand an sie glaubt: eine behutsame Geschichte rund um Wasser, Wellen und kleine große Schritte.
Vorlesegeschichten
Kapitel 4 - Die bootastische Geburtstagssause im Rittersaal
Banoos Geburtstag im Rittersaal von Schloss Spukstein: eine fröhliche, liebevolle Vorlesegeschichte über Feiern, Freundschaft und kleine Überraschungen.
Hier findest du weitere wichtige Kategorien

