Vorlesegeschichte Kap. 3: Nasse Spuren im Burghof

Kapitel 3 - Nasse Spuren im Burghof

Es hatte die halbe Nacht geregnet. Am Morgen lag der Burghof von Schloss Spukstein grau und glänzend da, überall kleine Pfützen, und die Luft roch nach nassem Stein. Banoo schwebte als Erster hinaus, weil er nachsehen wollte, ob das Windrad auf Isis Fensterbank den Regen überstanden hatte. Es hatte. Aber dann sah Banoo etwas anderes, das ihn alles andere vergessen ließ: Quer über den nassen Hof, von der Toreinfahrt bis zur Küchentür, zog sich eine Reihe kleiner, nasser Fußspuren. Und die gehörten niemandem, den Banoo kannte.

Banoo„Es gibt Spuren! Geheime Spuren! Im Hof!"

Innerhalb von einer Minute standen alle im Türrahmen und schauten auf die nasse Reihe.

Die Spuren waren klein. Kleiner als Brunos Pfoten, kleiner als Ticks Trippeln. Sie führten in einem etwas tapsigen Bogen über den Hof und hörten an der Küchenwand einfach auf.

Banoo„Ich weiß, was das ist. Ein Wassergespenst. Aus dem Burggraben. Es kommt nachts heraus und tropft durchs Schloss!"

Ganosch„Ein Wassergespenst."

Banoo„Ein nasses!"

Isi„Gespenster hinterlassen keine Fußspuren. Du zum Beispiel hinterlässt keine."

Banoo schaute auf den Boden unter sich. Tatsächlich: trocken.

Banoo„Stimmt. Schade eigentlich."

Bruno war einen Schritt zurückgetreten. Alles, was mit Wasser zu tun hatte, machte ihn nervös, und etwas, das nachts nass aus der Dunkelheit kam, machte ihn besonders nervös.

Bruno„Was, wenn es groß ist? Und nass? Und im Schloss?"

Isi„Es ist nicht groß."

Isi war schon in die Hocke gegangen und betrachtete einen einzelnen Abdruck ganz genau, die Brille dicht über dem nassen Stein.

Isi„Klein. Drei Zehen, mit Häutchen dazwischen. Das ist kein Gespenst und kein Ungeheuer. Das sind Schwimmfüße. So einer watschelt."

Banoo„Ein watschelndes Wassergespenst?"

Isi„Ein Vogel, Banoo. Vermutlich ein sehr kleiner."


Tick hatte längst aufgehört zu diskutieren und tat, was sie immer tat: Sie handelte.

Tick„Die Spuren hören an der Wand auf. Also ist es nicht durch die Wand. Also ist es noch hier. Wir suchen."

Sie verteilte die Aufgaben, noch während die anderen überlegten. Isi sollte die Spuren lesen. Banoo sollte in alle dunklen Ecken leuchten. Bruno sollte schwere Dinge anheben, hinter denen sich etwas verstecken könnte. Ganosch sollte… nun ja, Ganosch sollte einfach dabei sein.

Die Spuren waren an der Wand zwar zu Ende, aber Isi fand etwas anderes: einen winzigen feuchten Wisch, der an der Küchenmauer entlang nach unten führte — bis zu einem schmalen Spalt, wo ein loser Stein nicht ganz schloss. Genau hinter dem warmen Küchenherd. Der wärmsten Stelle im ganzen Schloss.

Isi„Da drin. Es hat sich die wärmste Ecke gesucht."

Bruno stellte sich sofort schützend vor die anderen, machte sich groß und breit, so groß ein Krokodil sich eben machen kann.

Bruno„Ich geh zuerst. Falls es… falls es etwas Großes ist."

Banoo leuchtete in den Spalt.

Es war nichts Großes.

Es war ein winziges Entenküken. Klitschnass, zitternd, ganz allein. Es drückte sich so weit in die Ecke, wie es nur ging, und schaute mit großen Augen heraus.

Bruno„Oh."

Bruno, der sich eben noch breit gemacht hatte, machte sich nun ganz, ganz klein. Er kniete sich vor den Spalt und sprach so leise, wie er konnte, was immer noch ziemlich laut war.

Bruno„Du musst keine Angst haben. Ich hab nämlich auch manchmal Angst. Vor Wasser. Und du bist ganz nass. Wir passen also gut zusammen."

Das Küken schaute Bruno an. Bruno schaute zurück. Dann, ganz langsam, watschelte es einen einzigen Schritt aus dem Spalt heraus — auf Bruno zu.


Sie bekamen es nicht mit Reden heraus und nicht mit Locken. Sie bekamen es heraus, weil Tick einfach eine flache Schale mit warmer Hafergrütze hinstellte und alle einen Schritt zurücktraten.

Das Küken kam heraus, weil es Hunger hatte und weil ringsum niemand mehr drohte. Es aß. Dann schüttelte es sich, und ein winziger Sprühregen ging auf Ganoschs Pfoten nieder.

Ganosch schaute auf seine Pfoten. Dann auf das Küken. Dann rückte er sein Halstuch gerade, obwohl das Halstuch trocken geblieben war.

Ganosch„Reizend."

Aber er ging nicht weg. Er setzte sich sogar — mit Abstand, würdevoll — und beobachtete das kleine nasse Wesen, als wollte er sichergehen, dass ihm nichts passierte.

Isi legte den Kopf schief.

Isi„Es ist von der Silberau heraufgekommen. Bei dem Regen. Ganz allein, den Hang hoch. Das ist weit für so kurze Beine."

Banoo„Warum hat es sich denn versteckt? Wir hätten doch sofort geholfen."

Isi„Vielleicht wusste es nicht, dass es hier jemanden gibt, der hilft. Vielleicht hat es sich einfach die wärmste Ecke gesucht und gehofft, dass niemand schimpft."

Es wurde einen Moment still im Schloss. Jeder von ihnen kannte das von früher — die wärmste Ecke suchen und hoffen, dass niemand schimpft. Bruno aus dem Burggraben. Ganosch vom Bauernhof. Isi von all ihren Türmen. Und Banoo, der so lange allein gewesen war, dass er bis heute keinen aushielt, der sich versteckte.

Banoo„Dann bringen wir es heim. Aber erst, wenn es trocken ist."


Sie trockneten das Küken am warmen Herd. Tick legte ein Tuch zurecht. Banoo leuchtete ein bisschen wärmer, weil das gegen die Kälte half — oder weil er nicht anders konnte. Bruno saß die ganze Zeit daneben, und das Küken rückte immer näher an ihn heran, bis es schließlich an seine Pfote gelehnt einschlief.

Als die Sonne durchkam, gingen sie hinunter zur Silberau.

Bruno trug das Küken. Bis ans Wasser ging er nicht — das musste er heute nicht. Er blieb am trockenen Ufer stehen und setzte das Küken vorsichtig ins flache Gras am Rand.

Und da kam, schon um die Biegung, die stolze Ente angeschwommen, hinter sich eine ganze Reihe Küken — und plötzlich sehr viel Geschnatter, das ungefähr hieß: Da bist du ja endlich, wo warst du denn, quak, steig sofort ein!

Illustration: Bruno setzt am Ufer der Silberau ein kleines Entenküken ins Gras, die stolze Ente und ihre Kükenreihe kommen angeschwommen

Das kleine Küken watschelte ins Wasser, drehte sich aber, mitten im Einsteigen, noch einmal um — zu Bruno. Bruno hob eine Pfote und winkte. So wie man jemandem winkt, von dem man sich ungern verabschiedet.

Das Küken paddelte hinter seiner Familie her und wurde kleiner und kleiner.

Bruno„Es hat zurückgeschaut."

Banoo„Natürlich hat es zurückgeschaut."

Am Morgen hatte eine Reihe nasser Fußspuren über den Burghof geführt, und niemand hatte gewusst, woher. Am Abend war der Hof trocken, das Küken zurück bei seiner Familie auf der Silberau — und an der wärmsten Stelle im Schloss, hinter dem Herd, lag noch das kleine Tuch, auf dem es geschlafen hatte. Tick räumte es nicht weg. Sie ließ es liegen, gefaltet, in der warmen Ecke. Für den Fall, dass noch einmal jemand Kleines, Nasses kommt und die wärmste Ecke sucht.

Banoo

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