
Kapitel 7 - Die bootastische Geburtstagssause im Rittersaal
Der vierzehnte Oktober war blau und still. Unten in Bärental heizte die erste Bäckerei den Ofen an, und ein dünnes Rauchwölkchen stieg in den Himmel. Oben auf dem Wehrgang von Schloss Spukstein stand Banoo und schaute ins Tal. Er wartete. Denn heute hatte Banoo Geburtstag — 254 Jahre! Vor vier Wochen hatte er es mit drei dicken Ausrufezeichen an die Küchenpinnwand geschrieben. Und einen Kranz dazugemalt. Heute würden bestimmt alle „Herzlichen Glückwunsch!" rufen. Bestimmt.
254 Jahre. Banoo drehte die Zahl einmal durch den Kopf. 254 Jahre Schloss Spukstein. 254 Jahre kalte Steinmauern und warme Kerzen und Abende, an denen der Fluss im Tal glitzerte.
Er wartete.
Der Vogel im Wald sang seinen ersten Ton. Dann seinen zweiten.
Niemand kam.
Mato war der Erste im Hof. Er hatte sein Notizbuch unter dem Arm und nickte Banoo freundlich zu.
„Guten Morgen."
Dann setzte er sich auf seinen Lieblingsstein und las weiter, wo er aufgehört hatte. Jedenfalls hielt er das Buch so. Umgeblättert hat er die nächste halbe Stunde keine einzige Seite.
Banoo wartete. Mato „las".
Tick kam aus der Küche, ein Tuch über der Schulter.
„Guten Morgen."
Und verschwand wieder. Die Tür fiel zu — klack. Ganz kurz roch es nach Zimt und Butter. Dann war der Duft weg.
Bruno trottete durchs Tor. Er sah Banoo. Dann schaute er ganz schnell — wirklich sehr schnell — auf den Brunnen. An seiner Schnauze klebte ein Hauch Puderzucker, und am Hosenträger hing eine kleine bunte Schleife. Beides wischte er hastig weg, als er merkte, dass Banoo hinschaute. Dann räusperte er sich.
„Morgen! Schöner Tag heute, ja? Gut. Also. Ja. Ganz normaler Tag. Mittwoch eben."
Er stapfte an Banoo vorbei, ohne ihn anzuschauen, und stieß dabei beinahe gegen den Torpfosten.
Isi landete auf dem Brunnenrand — ein Flügelschlag zu viel, kurz gewackelt, dann gerade wie immer. Sie schaute auf die Türme. Auf die Wolken. Auf ihre Karte. Nur Banoo schaute sie auffällig nicht an.
„Guter Flugwind heute."
Mehr nicht.
Ganosch kam zuletzt. Er legte sich auf seinen Lieblingsstein, die Pfoten übereinander, die Augen zu. Er tat gar nichts — aber er tat es heute so betont gleichgültig, dass es schon wieder verdächtig war.
Banoo wartete noch eine Weile. Dann schwebte er ganz langsam in die Küche.
„Tick? Weißt du, welcher Tag heute ist?"
Tick schaute auf ihre Liste. Sie schrieb etwas. Dann schaute sie ihn an.
„Mittwoch."
Und drehte sich wieder um.
Banoo schwebte hinaus.
Den ganzen Vormittag machte er sich nützlich. Er polierte Rollos Helm — wisch, wisch. Er ordnete die Fähnchen auf dem Nordturm. Er rieb mit einem Lappen am Torstein, bis er glänzte.
Die Küchentür blieb zu. Bruno werkelte im Schuppen mit irgendetwas Lautem — und mit irgendetwas, das verdächtig nach Schleifen-Knistern klang. Isi sortierte ganz beschäftigt ihre Schriftrollen. Mato hielt noch immer dieselbe Buchseite.
Ganosch tat gar nichts. Das war normal für Ganosch. Aber heute tat er es irgendwie besonders genau.
Banoo setzte sich auf einen Mauervorsprung und zog die Knie an die Brust.
Vielleicht haben sie es wirklich vergessen, dachte er. Es ist ja schon lange her, dass ich es aufgeschrieben habe. Vielleicht ist der Zettel von der Pinnwand gefallen.
Er wischte sich schnell mit dem Ärmel über die Augen. Er war 254 Jahre alt. Da weinte man doch nicht.
Da rief Mato vom Flur:
„Banoo! Komm mal kurz. Im Rittersaal ist irgendwas. Ich glaub, Rollo ist umgefallen."
Banoo seufzte. Na gut. Wenigstens etwas zu tun. Er schwebte zum Rittersaal und stieß die schwere Tür auf.
„Überraschung!"
Banoo blieb mitten in der Luft stehen.
Der ganze Saal leuchtete! Hundert Kerzen. Bunte Bänder an den Kronleuchtern. Eine Girlande aus gefalteten Papiergeistern, die von Balken zu Balken grinste. Zwischen den Rüstungen steckten Blumen aus Seidenpapier. Auf der langen Tafel: Honigkringel, Apfelküchlein, Pflaumenkompott, Mandelhörnchen. Und mittendrin eine Torte, so fluffig, dass sie fast wegschwebte. Auf der Zuckerschrift stand: Happy 254, Banoo!
Und Rollo? Rollo nickte. Natürlich war Rollo nicht umgefallen.

Tick trat vor und nickte.
„Küche: fertig. Torte: fertig. Schmücken: fertig."
Bruno strahlte so breit, dass man alle Zähne sah.
„Ich hätte es fast verraten! Dreimal fast! Ich hab dich angeschaut und dachte, jetzt platzt es gleich aus mir raus — frag Isi, wie oft sie mich angestupst hat!"
„Viermal."
„Viermal!"
„Ihr habt es gewusst. Die ganze Zeit habt ihr es gewusst!"
„Wir mussten ganz normal tun. Sonst hättest du es sofort gemerkt."
„Bruno hat ‚ganz normaler Tag, Mittwoch eben‘ gesagt. Das war nicht normal."
„Ich weiß. Mir fällt Geheimhalten so schwer."
Ganosch saß in der hintersten Ecke, die Pfoten übereinander, die Augen halb offen.
„Ich war der Überzeugendste."
„Das stimmt."
„Ich weiß."
Banoo hielt sich die Hände vor den Mund. Dann fing er an zu lachen — und drehte vor lauter Freude gleich drei Loopings.
Die Party begann. Tick hatte alles geplant — Essen, Geschenke, Spiele, Torte — und ganz unten auf die Liste geschrieben: „Abweichungen erlaubt." Was für Tick wirklich sehr ungewöhnlich war.
Isis Geschenk war ein Windpfeifer, der jeden Ton wie eine sanfte Brise klingen ließ.
„Damit du das ganze Schloss mit Musik durchpusten kannst."
Matos Geschenk war ein weiches Nebelumhangtuch.
„Für Nachtflüge. Damit der Bauch warm bleibt."
Brunos Päckchen war groß und knisterte laut — knister, knister. Darin: bunte Schleifen in allen Farben. (Eine davon kannte Banoo schon: Sie hatte am Morgen an Brunos Hosenträger gehangen.) Bruno räusperte sich.
„Für Ecken, in denen es zu still ist."
Ganosch legte ein kleines, ordentlich gewickeltes Päckchen auf den Tisch. Darin lag ein einziger glatter Flussstein, fast rund, grau mit einer grünen Ader.
„Den hab ich selbst ausgesucht. Unterhalb der dritten Flussbiegung. Genau dieser hier war der richtige."
Banoo hielt ihn in beiden Händen.
„Der ist bootastisch."
„Ich weiß."
Dann spielten sie Rüstungs-Statue: Wer wackelte, musste einen Honigkringel essen. Und Rollo war der Schiedsrichter — bei jedem, der wackelte, nickte er einmal, sehr streng, als notiere er einen Punktabzug. Bruno wackelte jedes Mal. Das sah überhaupt nicht zufällig aus. Sie tanzten eine leise Polonaise um den Thron, Banoo vorneweg mit dem Windpfeifer, Tick am Ende mit einem ganzen Stapel Kringel. Und Rollo klapperte von seinem Platz aus im Takt mit — klacker, klacker.
Sie erzählten Geschichten. Vom Mond, der einmal so groß war, dass er fast in den Hof gepasst hätte. Von der Nacht, in der es in Bärental so schnell fror, dass die Brunnen am Morgen Eishüte trugen. Von der Fledermaus, die sich einmal in Kalle den Kessel gesetzt hatte und hinterher fast einen Kopf kleiner war.
Beim Tortenanschneiden pustete Banoo mit einem einzigen sanften Hauch alle Kerzen aus. Die anderen hatten gesagt, vier Kerzen reichen doch. Aber Banoo hatte darauf bestanden, jede einzelne anzuzünden.
„Das waren 254 Kerzen. Wir haben zwei Stunden gebraucht."
„Und jede einzelne war wichtig."
„Wünsch dir was."
Banoo schloss die Augen. Dann öffnete er sie wieder und lächelte.
„Heute Morgen dachte ich, es ist nur ein ganz normaler Mittwoch."
„Haben wir gut hingekriegt, oder?"
„Sehr gut. Ich war richtig, richtig traurig."
„Oh. Das war nicht der Plan."
„Doch, genau das war der Plan. Eine Überraschung klappt nur, wenn man vorher nicht damit rechnet."
„Es ist der schönste Geburtstag, den ich je hatte."
Bruno hob seinen Apfelsaft-Becher.
„Auf Banoo! Und auf noch viele bootastische Jahre!"
Bruno kannte Banoo schon am längsten von allen — länger als Tick, länger als Isi, länger als jeder andere am Tisch. In diesem Moment schaute er Banoo an, und Banoo leuchtete, und das war genug.
Alle hoben ihre Becher.
Ganosch wartete einen Moment. Dann hob auch er seinen — langsam und würdevoll, wie jemand, der das nicht oft tut.
„Auf Banoo. Ohne ihn wäre es viel zu still."
Für Ganosch war das eine ungewöhnlich lange Rede.
Banoo strahlte.
Den ganzen Morgen hatte Banoo geglaubt, alle hätten ihn vergessen — dabei hatten seine Freunde längst heimlich Kerzen angezündet und eine Torte gebacken. Am Abend stand er wieder auf dem Wehrgang, den glatten Flussstein von Ganosch in der Hand, und schaute über das schlafende Bärental. Der Stein war noch warm. Und Banoo leuchtete — leiser als beim Fest, aber viel heller als am Morgen.
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