Vorlesegeschichte Kap. 7: Truhe aus Wasser

Kapitel 7 - Die Truhe aus dem Wasser

Es war einer dieser stillen Sommertage, an denen die Luft im Schlosshof wie warmer Honig stand. Selbst der Fluss unten im Tal floss langsamer als sonst. Aus Bärental drang nur ein einzelnes Hundebellen herauf, und im Schlossgraben blubberte es leise vor sich hin — wie immer um diese Zeit. Eigentlich war es ein Tag, an dem nichts passieren würde.

Eigentlich.

Banoo schwebte über dem Schlossgraben und ließ sich von der warmen Luft tragen. Er war nicht wirklich wach. Er war nicht wirklich am Schlafen. Er war in dem schönen Zustand dazwischen.

Plötzlich — PLATSCH!

Eine riesige Wasserfontäne stieg auf. Banoo schoss vor Schreck drei Meter in die Höhe.

„Wasdas?!"

Aus dem Graben tauchte Bruno auf. Schnaufend. Tropfnass. Mit einer riesigen, algenbewachsenen Truhe zwischen den Zähnen.

„'Tschuldigung!", brubbelte er um die Truhe herum. „'Ab wa' gefunden!"

Er schob die Truhe ans Ufer. Wasser lief in dünnen Bächen aus den alten Ritzen. Die Truhe war alt. Sehr alt. Mit Eisenbeschlägen, die bestimmt schon hundert Jahre niemand mehr berührt hatte.

„Ähm", sagte Bruno und schaute Banoo an. „Ich hab sie unten am Grund gefunden. Ich glaub... ich glaub, da ist etwas drin." Er räusperte sich. „Aber alleine reinschauen? Trau ich mich nicht."

Im Nu waren alle da.

Isi landete auf der Truhe und ging einmal vorsichtig drumherum. Tick erschien aus der Küche und hatte schon ihr Notizbuch dabei. Mato kam vom Wehrgang. Und Ganosch — Ganosch erschien wie immer einfach. Niemand hatte gesehen, wie er gekommen war.

„Sollten wir die wirklich öffnen?", fragte Ganosch.

„Vielleicht ist sie jemandem wichtig", sagte Isi. „Wir sollten überlegen, ob es einen Eigentümer geben könnte."

„Vielleicht ist etwas Gefährliches drin", piepste Tick und hielt sich vorsichtshalber an Brunos Schwanz fest.

Sie diskutierten. Isi machte einen Vorschlag. Tick machte einen Gegenvorschlag. Bruno fragte, ob jemand vielleicht erst noch einen Plan zeichnen wollte. Ganosch sagte: „Wir könnten auch einfach—"

„Hey Leute!"

Banoos Stimme. Vom Boden.

„Schaut mal. Eine Schatzkarte!"

Alle drehten sich um.

Banoo saß auf dem Boden. Die Truhe stand offen. Eine alte, vergilbte Karte lag auf seinem Schoß.

Eine Pause.

„Banoo", sagte Isi langsam. „Wir hatten gerade noch... wir hatten gerade noch gesagt, dass wir vielleicht—"

„Ich hab nur kurz reingeschaut", sagte Banoo. „Ganz kurz. Versprochen."

„Sehr kurz", brummte Ganosch.

„Bootastisch kurz."

Tick seufzte. Aber sie lächelte ein bisschen dabei.

Sie breiteten die Karte auf dem Hofboden aus. Tick hielt eine Ecke fest, damit der Wind sie nicht davontrug. Isi beugte sich darüber.

„Das ist unser Tal. Hier ist Spukstein. Da unten Bärental. Und der Fluss." Sie deutete mit einem Flügel. „Und hier — sehr deutlich — ein rotes Kreuz."

„Was bedeutet das Kreuz?", fragte Bruno mit großen Augen.

„Dass wir Proviant brauchen", sagte Mato ruhig. „Sofort."

Alle schauten ihn an.

Mato zuckte mit den Schultern.

„War ein Witz."

„Ein guter Witz!", rief Banoo und drehte einen Looping. „Ein bootastischer Witz! Aber er hat trotzdem recht!"

Sie packten alles ein, was sie für eine kleine Wanderung brauchen würden. Frisches Brot, Äpfel, ein Stück Käse, eine Flasche Wasser. Tick steckte ihre winzige Decke ein und Ganoschs Pfotensalbe „für alle Fälle". Isi schob die Karte unter den Flügel. Bruno hob die Truhe auf den Rücken — „Vielleicht brauchen wir sie noch", sagte er.

Banoo schwebte voraus.

„Banoo!", rief Isi.

Er drehte sich in der Luft um.

„Ja?"

„Wir gehen zusammen."

„Klar! Hab ich doch gesagt!"

Er wartete. Wirklich. Aber er zappelte dabei.

Der Weg ins Tal war heiß. Bruno trug die Truhe ohne sich zu beklagen. Die Steine glühten unter den Pfoten. Die Sonne stand hoch.

An einer Stelle, wo der Pfad den Bach kreuzte, stand ein Bachreiher und schaute sie an.

„Guten Tag!", sagte Isi höflich. „Welcher Pfad führt zum Steinbruch?"

Der Reiher nickte langsam Richtung Norden.

„Und... haben Sie zufällig irgendetwas Ungewöhnliches in der Gegend gesehen?", fragte Tick.

Sie wollte diplomatisch sein. Vom Schatz hatten sie beschlossen zu schweigen, damit niemand Verdacht schöpfte.

Der Reiher schaute sie lange an. Dann schaute er die Truhe an, die Bruno auf dem Rücken trug. Dann schaute er Tick wieder an.

Er sagte kein einziges Wort.

„Das war jetzt", flüsterte Tick zu Mato, „nicht meine geschickteste Diplomatie."

Mato nickte.

Eine Stunde später wippte ein Murmeltier auf einem Felsen auf und ab.

„Pssst", machte es. „Heute bitte nicht so laut. Im alten Bergwerk schlafen Steine. Die mögen es nicht, wenn sie geweckt werden."

„Verstanden", flüsterte Bruno so leise wie er konnte.

Was nicht sehr leise war.

„Bruno", flüsterte Tick. „Du flüsterst wie ein Kessel mit Deckel."

„Tut mir leid! Ist das besser?"

„Nein."

Sie schlichen weiter. Mato voraus, geräuschlos. Ganosch hinterher, ebenfalls geräuschlos. Bruno in der Mitte, alles andere als geräuschlos.

Am Nachmittag erreichten sie eine hohe Felswand.

In der Mitte: ein dunkler Eingang. Wie der Mund eines Riesen, der gerade sehr ruhig atmete.

Über dem Eingang: ein verblasstes Zeichen, kaum noch zu erkennen. Auf der Karte glühte an genau dieser Stelle das rote Kreuz.

„Gehen wir wirklich rein?", fragte Bruno. Sein Schwanz zuckte.

„Vielleicht sollten wir kurz warten", sagte Ganosch.

„Oder Kerzen holen", schlug Tick vor.

„Oder einen Plan zeichnen", schlug Bruno vor.

„Banoo?", fragte Isi. „Was meinst du?"

Sie schaute sich um.

„Banoo?"

Stille.

Aus der Höhle hallte eine fröhliche Stimme:

„Kommt her! Ich hab was gefunden!"

Tick legte sich die Pfote vor die Augen.

„Banoo!", rief Isi in die Höhle. „Wir hatten gesagt zusammen!"

„Ich war nur ganz kurz vor!", schallte es zurück.

„Wir sollten wirklich mal mit ihm darüber reden", brummte Ganosch.

„Später", sagte Mato. „Erst rein."

In der Höhle war es kühl und dunkel. Wassertropfen hingen wie kleine Sterne von der Decke. Banoo leuchtete schwach in der Mitte des Raums — und auf einem Steinpodest stand eine zweite Truhe.

Diese war kleiner. Aber genauso alt.

„Aufmachen?", fragte Mato.

Banoo wollte gerade „Ja!" rufen — aber Isi unterbrach ihn.

„Banoo", sagte sie ruhig. „Diesmal zusammen."

Banoo blinzelte. Dann nickte er.

„Ja", sagte er leise. „Diesmal zusammen."

Sie traten alle näher. Bruno legte eine Pfote auf die Truhe. Tick eine andere. Mato auch. Isi setzte sich oben drauf. Ganosch berührte die Truhe nur mit der Schwanzspitze — aber er war auch dabei.

Banoo legte seine Geisterhand zwischen alle anderen.

„Auf drei?", fragte Bruno.

„Auf drei", sagte Tick.

„Eins... zwei... drei."

Es knarzte. Es quietschte. Als wäre die Truhe seit hundert Wintern nicht bewegt worden.

Alle hielten die Luft an.

Illustration: Alle halten gespannt die Luft an, eine geheimnisvolle Truhe wird geöffnet

Innen lag — kein Gold. Keine Edelsteine. Keine Krone.

Nur ein Brief. In groben Stoff gewickelt.

Isi hob ihn vorsichtig heraus und faltete ihn auf. Sie las laut, mit ihrer ruhigen Stimme:

„Wer auch immer ihr seid: Wenn ihr es gemeinsam bis hierhin geschafft habt, dann könnt ihr alles gemeinsam schaffen. Das ist der größte Schatz, den man finden kann."

Eine Weile sagte niemand etwas.

Bruno räusperte sich. Sein Schwanz zuckte verdächtig.

„Ich bin nicht traurig", sagte er. „Mir ist nur was ins Auge geflogen."

„In beide Augen", sagte Ganosch trocken.

„Halt die Klappe."

„Niemals."

Tick lachte kurz. Mato auch. Banoo strahlte so hell, dass die ganze Höhle ein bisschen wärmer wurde.

„Also", sagte Isi und lächelte. „Dann haben wir den Schatz gefunden."

„Den größten", sagte Mato.

Auf dem Rückweg fühlte sich der Pfad kürzer an.

Die Karte steckte wieder unter Isis Flügel. Bruno trug die Truhe leichter als am Morgen — vielleicht weil sie jetzt leer war, vielleicht aus einem anderen Grund. Über allem schwebte das Gefühl, dass man heute etwas Wichtiges erledigt hatte.

Banoo flog in der Mitte der Gruppe. Nicht vorne. Nicht hinten.

In der Mitte.

Tick saß auf Ganoschs Rücken und tippte ihm sehr leicht zwischen die Ohren.

„Übrigens", sagte sie. „Wir müssen mit Banoo reden."

„Müssen wir", brummte Ganosch.

„Aber später."

„Viel später."

„Vielleicht morgen."

„Vielleicht übermorgen."

Banoo hörte das alles und kicherte. Er wusste, dass sie recht hatten. Und er wusste auch, dass sie ihn trotzdem mochten. Genau so wie er war.

Vielleicht das Bootastischste an allem.

Die Sonne ging hinter den Bergen unter, als sie wieder am Schlosstor ankamen. Im Graben blubberte es weiter vor sich hin — ganz friedlich, als wäre nichts gewesen. Und vielleicht war das auch das Schöne an Schloss Spukstein: dass es immer aussah wie immer. Auch an Tagen, an denen sich alles veränderte.

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