
Kapitel 4 - Der längste Regentag
Es regnete schon den dritten Tag. Nicht wild, nicht mit Donner — einfach gleichmäßig, grau und ohne Pause, als hätte der Himmel vergessen, wie man aufhört. Auf Schloss Spukstein klopfte der Regen an alle Fenster, gluckerte in den Dachrinnen und tropfte an genau drei Stellen durch die Decke in genau drei untergestellte Töpfe: ploink, plink, plonk. Drinnen war es warm und trocken. Aber drei Tage drinnen sind lang, wenn man eigentlich am liebsten draußen Loopings dreht. Und Banoo drehte gerade seinen vierundzwanzigsten Looping durch die Küche.
„Mir ist langweilig."
Er sagte es zum elften Mal. Tick hatte mitgezählt, weil Tick alles mitzählte.
„Ich weiß. Du hast es mir gerade erklärt. Und davor zehnmal."
„Soll ich helfen? Ich kann helfen. Ich helf einfach."
Bevor Tick „nein danke" sagen konnte, hatte Banoo schon den Wäschestapel gepackt, um ihn „wegzuräumen". Der Stapel schwebte mit ihm los — durch die Küche, um die Ecke, geradewegs in einen der drei Tropf-Töpfe.
Platsch.
„Ich hab die Wäsche transportiert."
„Du hast die Wäsche gewässert."
Drei Regentage taten allen ein bisschen weh — jedem auf seine Art.
Bruno ging alle zehn Minuten zum Fenster und schaute hinunter zum Burggraben. Dann kam er zurück und meldete, sehr ernst:
„Noch nicht übergelaufen."
Zehn Minuten später wieder:
„Immer noch nicht übergelaufen."
Ganosch versuchte, seine Würde zu bewahren, was bei drei durch die Decke tropfenden Töpfen schwierig war. Der Rhythmus — ploink, plink, plonk — geriet nämlich immer wieder durcheinander, und jedes Mal, wenn ein Tropfen zu früh oder zu spät kam, zuckte ein Ohr von Ganosch. Schließlich stand er auf und rückte die drei Töpfe zurecht, jeden um einen halben Zentimeter, als ließe sich der Regen durch ordentliches Aufstellen erziehen.
Er ließ sich nicht erziehen. Ploink. Plink. Plonk.
Isi saß in der Bibliothek und versuchte zu lesen. Das gelang ihr ungefähr alle zwei Minuten nicht, weil alle zwei Minuten jemand hereinkam: Banoo, dem langweilig war. Bruno mit dem neuesten Burggraben-Bericht. Banoo, dem immer noch langweilig war.
„Ich habe denselben Satz jetzt neunmal gelesen. Es ist ein guter Satz. Aber so gut ist kein Satz."
Am Nachmittag passierte das, was an langen Regentagen eben passiert: Alle gingen sich ein bisschen auf die Nerven.
Banoo wollte ein Spiel spielen, sofort, alle zusammen. Ganosch fand, das sei keine Möglichkeit mehr, sondern eine Drohung. Bruno sorgte sich, ein Spiel könnte zu wild werden und etwas umwerfen. Tick hatte in der Küche zu tun und wollte ihre Küche für sich. Und Isi wollte einfach nur diesen einen guten Satz zu Ende lesen.
Es wurde kurz still. Eine unzufriedene Stille, in der jeder in eine andere Ecke schaute und das Schloss sich auf einmal viel kleiner anfühlte, als es war.
Dann sagte Banoo — leiser als sonst:
„Ich frag nur so viel, weil… draußen kann ich alle besuchen. Den Wehrgang, das Tal, das Windrad. Drinnen sind wir alle da, aber jeder für sich. Das ist komisch. Da fühlt sich voll an wie leer."
Es blieb einen Moment still. Aber es war jetzt eine andere Stille.
Isi klappte ihr Buch zu — bei dem guten Satz, mit dem Daumen als Lesezeichen.
„Wenn ich sowieso nicht weiterlese: Ich könnte laut lesen. Für alle. Dann hat der Satz wenigstens einen Sinn."
So fing es an.
Tick stellte das Kochen nicht ein — aber sie ließ die Küchentür offen, damit der Duft und die Stimmen zueinander konnten. Sie machte heißen Apfelsaft für alle und stellte die Becher der Reihe nach hin, ohne zu fragen, wer wollte. Alle wollten.
Bruno schleppte den großen Lehnsessel und alle Kissen, die er finden konnte, vor den Kamin — diesmal verkantete er nichts, weil er es langsam tat. Er ging auch nicht mehr zum Burggraben. Stattdessen setzte er sich so, dass er das Fenster trotzdem im Blick hatte. (Der Graben lief übrigens nicht über. Das tat er nie. Aber das wusste Bruno erst hinterher.)
Banoo bekam endlich seine Aufgabe: Er war das Licht. Er schwebte über die Mitte und leuchtete warm, so dass das Feuer und Banoo zusammen die ganze Bibliothek in ein gemütliches Gold tauchten.
Und Ganosch? Ganosch setzte sich an den Rand — mit Abstand, würdevoll, als wäre er nur zufällig auch hier. Aber er setzte sich. Und als Isi anfing zu lesen, schloss er die Augen und hörte zu, und sein Ohr zuckte kein einziges Mal mehr, obwohl die drei Töpfe weiter tropften.
Isi las.
Sie las von fernen Inseln und langen Reisen und davon, wie schön es ist, abends irgendwo anzukommen. Ihre Stimme war ruhig und klar. Draußen regnete es weiter — ploink, plink, plonk — aber drinnen hörte das auf, schlimm zu sein. Es wurde einfach das Geräusch, das dazugehörte.

Irgendwann schlief Bruno im Sessel ein und schnarchte leise. Niemanden störte es. Tick strickte und hörte zu. Banoo leuchtete und hörte zu. Ganosch tat, als hörte er nicht zu, und hörte am genauesten zu von allen.
Als Isi am Ende eines Kapitels innehielt, sagte Banoo ganz leise, damit Bruno nicht aufwachte:
„Jetzt fühlt sich voll wieder voll an."
„Soll ich weiterlesen?"
„Bitte."
Und Isi las weiter, während draußen der dritte Regentag langsam in den Abend überging.
Drei Tage hatte es geregnet, und drei Tage lang waren alle drinnen einander ein bisschen auf die Nerven gegangen. Am dritten Abend saßen sie zusammen am Kamin, Isi las vor, und der Regen am Fenster war nur noch ein Geräusch, das dazugehörte. Die drei Töpfe tropften weiter — ploink, plink, plonk. Bruno schnarchte. Niemand ging mehr in eine andere Ecke. Und als Tick spät am Abend in ihr Notizbuch schaute, stand bei „Wetter" noch immer: „Regen, dritter Tag." Sie schrieb nichts dazu. Sie machte nur einen kleinen Haken dahinter, der nichts bedeutete außer: war ein guter Tag.
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