Vorlesegeschichte Kap. 4: Geburtstagssause

Kapitel 4 - Die bootastische Geburtstagssause im Rittersaal

Einmal im Jahr, in der Nacht vom dreizehnten auf den vierzehnten Oktober, wurde es in Schloss Spukstein ganz besonders still. Der Fluss unten im Tal rauschte leiser als sonst. Die Eulen im Wald hielten inne. Und der Wind, der sonst so gerne durch die Zinnen pfiff, schlich nur noch auf Zehenspitzen. Als wäre die ganze Welt in Erwartung.

Es war Banoos Geburtstag.

Banoo war schon wach, bevor die Sonne aufging.

254 Jahre. Er drehte sich einmal in der Luft, ganz langsam, und ließ die Zahl durch seinen Kopf schweben. 254 Jahre Schloss Spukstein. 254 Jahre kalte Steinmauern und warme Kerzen und der Geruch von altem Holz. Er schwebte aus seiner Kammer und glitt durch den dunklen Gang, so leise er konnte.

Der Hof lag noch im Grau des frühen Morgens. Irgendwo sang ein Vogel seinen ersten Ton. Banoo schwebte zur Mitte, breitete die Arme aus und wartete.

Irgendjemand würde gleich kommen. Irgendjemand würde rufen: „Bootastisch, heute ist dein Geburtstag!"

Er wartete.

Der Vogel sang seinen zweiten Ton.

Niemand kam.

Mato war der Erste, der in den Hof trat. Er hatte sein Buch unter dem Arm und nickte Banoo freundlich zu.

„Guten Morgen."

Dann setzte er sich auf seinen Stein und schlug die Seite auf, wo er aufgehört hatte.

Kurz darauf erschien Tick aus der Küche, ein Tuch über der Schulter.

„Guten Morgen, Banoo."

Sie verschwand wieder.

Bruno trottete durch das Tor, schaute kurz zu Banoo herüber — und dann sehr schnell woanders hin.

„Morgen!" Er räusperte sich. „Schöner Tag heute. Also. Ja."

Und stapfte weiter.

Banoo wartete auf den nächsten Satz. Der kam nicht.

Isi landete auf der Brunnenkante und strich jede Feder einzeln glatt.

„Feinster Flugwind heute", murmelte sie.

Mehr nicht.

Ganosch erschien zuletzt. Er legte sich auf seinen Lieblingsstein, schloss die Augen, und schnurrte einmal kurz. Das war alles.

Banoo schwebte ein kleines Stück tiefer.

Vielleicht haben sie es vergessen.

Er schüttelte den Kopf. Nein. Bestimmt nicht. Er schwebte zur Werkstatt und pustete die quietschende Tür weich auf. Er ordnete die Fähnchen auf dem Turm zu perfekten kleinen Bögen. Er polierte sogar den großen Ritterhelm im Flur, bis er sein rundes Gesicht darin sehen konnte.

„Herz, bleib hell", flüsterte er sich zu.

Der Vormittag kroch dahin.

Tick kochte irgendetwas in der Küche — es roch gut, aber die Tür war zu. Isi sortierte Schriftrollen, sehr beschäftigt, sehr konzentriert. Mato las. Bruno zählte Pflastersteine im Hof. „Dreiundvierzig… vierundvierzig…" Er stolperte bei fünfundvierzig, räusperte sich, und fing von vorne an.

Ganosch tat gar nichts. Das war normal. Aber er tat es auf eine Art, die sehr nach Absicht aussah.

Banoo setzte sich auf einen Mauervorsprung und schaute in den Hof. In seiner Brust fühlte es sich an wie eine zu kalte Suppe. Er wollte tapfer sein. Er war 254 Jahre alt. Man weinte nicht, weil man dachte, sein Geburtstag sei vielleicht vergessen worden.

Er wischte sich rasch die Augen.

„Banoo!" Matos Stimme kam vom Flur — ruhig, aber bestimmt. „Komm kurz. Im Rittersaal ist etwas. Ich glaube, eine Rüstung ist umgefallen."

Na gut. Banoo holte tief Luft, die nach altem Holz roch — und ein bisschen nach Zimt, woher kam eigentlich immer dieser Zimt? — und schwebte zur großen Tür des Rittersaals.

Er öffnete sie.

Überraschung!"

Illustration: Festlich geschmückter Schlosssaal mit Kerzen, Girlanden und Geburtstagstafel

Banoo blieb in der Luft stehen.

Der Saal leuchtete. Hundert Kerzen, bunte Bänder von den Kronleuchtern, eine Kette aus gefalteten Papiergeistern, die von Balken zu Balken grinste. Zwischen den Rüstungen steckten Blumen aus Seidenpapier. Und mitten im Saal stand eine Tafel: Honigkringel, Apfelküchlein, Pflaumenkompott, Mandelhörnchen — und eine Torte, so fluffig, dass sie fast davonflog. In Zuckerschrift stand darauf: Happy 254, Banoo!

Tick trat vor und salutierte kurz.

„Küche: fertig. Torte: fertig. Dekorationsprogramm: abgeschlossen."

Bruno strahlte so breit, dass man alle seine Zähne sah.

„Ich hab es fast verraten! Dreimal fast! Frag Isi!"

„Viermal", sagte Isi.

„Ihr habt es gewusst", sagte Banoo leise. „Ihr habt es die ganze Zeit gewusst."

„Von wegen vergessen", sagte Mato. Er lächelte — nicht groß, aber warm. „Wir mussten nur normal tun. Sonst hättest du alles geahnt."

Ganosch saß in der hintersten Ecke, die Pfoten übereinandergelegt.

„Ich war der Überzeugendste", sagte er.

„Das stimmt", sagte Isi.

Banoo hielt sich beide Hände vor den Mund. Seine Augen funkelten.

Die Party begann.

Tick hatte alles durchgeplant. Erstens: Essen. Zweitens: Geschenke. Drittens: Spiele. Viertens: Torte.

„Abweichungen vom Programm", sagte sie, „sind natürlich erlaubt."

Sie zwinkerte — was für Tick sehr ungewöhnlich war.

Das erste Geschenk war ein Windpfeifer — ein Flötchen, das jeden Ton wie eine sanfte Brise klingen ließ.

„Damit du das Schloss mit Musik durchpusten kannst", sagte Isi.

Das zweite war ein weiches Nebelumhangtuch.

„Für kühle Nachtflüge", sagte Mato, „damit dein Bauch warm bleibt."

Das dritte Päckchen — von Bruno — enthielt bunte Schleifen in allen möglichen Farben. Bruno räusperte sich.

„Für Ecken, in denen es zu still ist."

Ganosch legte ein kleines Päckchen auf den Tisch. Darin lag ein einziger glatter Stein. Banoo schaute ihn an.

„Vom Fluss", sagte Ganosch. „Besonders rund. Ich hab ihn selbst ausgesucht."

„Das ist bootastisch", sagte Banoo.

Und er meinte es so.

Sie spielten Rüstungs-Statue — wer wackelte, musste einen Honigkringel essen. Bruno wackelte immer. Er schien das absichtlich zu tun. Sie machten eine leise Polonaise um den Thron, Banoo vorneweg, Tick am Ende mit einem Tablett voller Kringel. Und sie erzählten Geschichten — vom Mond, der einmal so groß war, dass er fast in den Hof gepasst hätte. Vom Bärental, in dem die Brezeln die beste Kruste haben. Von Nächten, in denen der Wind am Zinnenkamm singt.

Beim Torteanschneiden pustete Banoo mit einem einzigen weichen Hauch alle Kerzen aus — nicht zu stark, nur gerade so, dass die Flämmchen kichernd wippten und erloschen.

„Wünsch dir was", sagte Mato.

Banoo schloss die Augen. Sein Wunsch war still wie Federflaum: Mögen wir noch lange hier zusammen lachen.

Als die Kerzen kleiner wurden, setzte sich Banoo auf die Rückenlehne des alten Throns.

„Heute Morgen", sagte er leise, „dachte ich, mein Geburtstag sei vergessen." Er schaute in die Runde. „Aber jetzt… jetzt ist es der schönste, den ich je hatte."

„254 Jahre", sagte Isi. „Und jedes davon hat sich Spukstein an dich erinnert." Sie legte eine warme Schwinge auf seine Schulter. „Wir auch."

Bruno hob sein Becherchen Apfelsaft.

„Auf Banoo — und auf viele, viele bootastische Jahre!"

Alle hoben ihre Becher.

Ganosch wartete einen Moment. Dann hob er seinen.

„Auf Banoo", sagte er. „Es wäre stiller ohne dich."

Für Ganosch war das eine sehr lange Rede.

Banoo strahlte. Sein Lächeln leuchtete heller als alle Kerzen im Saal.

In dieser Nacht leuchtete Schloss Spukstein ein bisschen heller als sonst. Nicht viel. Aber genug, dass ein Fuchs im Wald stehen blieb, die Nase hob und kurz lauschte. Dann trottete er weiter. Es klang nach einem guten Abend.

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