
Kapitel 6 - Mutig in die Wellen
Der Tag begann heiß. Die Sonne stand früh über Schloss Spukstein, und schon am Vormittag flimmerte die Luft über den alten Steinen. Im Tal funkelte der Fluss wie ein langes Band aus Licht, und unten in Bärental zog jemand einen Eimer aus dem Brunnen — plumps, quietsch, klatsch. Es war ein Tag, an dem die Welt nach Wasser rief.
Mato saß auf dem Wehrgang und las. Er las allerdings nicht wirklich — er las dieselben drei Zeilen seit zehn Minuten.
Unten im Hof hörte er die Stimmen.
„Es ist so heiß", stöhnte Banoo.
Er schwebte nur noch eine Handbreit über dem Boden.
„Bestätigt", sagte Tick. „Außentemperatur: zu viel."
„Wir könnten...", fing Bruno an. Sein Schwanz wedelte schon. „... wir könnten zum Fluss?"
„Bootastisch!", rief Banoo so laut, dass er sich gleich drei Loopings drehte.
„Sehr vernünftig", sagte Isi. „Sonne, Schatten, Wasser. Ich schreibe einen Plan."
„Ich kenne eine stille Bucht", sagte Bruno und klopfte zustimmend mit dem Schwanz auf den Boden.
„Mato!", rief Banoo nach oben. „Wir gehen baden! Kommst du mit?"
Mato schaute auf sein Buch. Er schluckte einmal.
„Ja!", rief er zurück. „Klingt gut!"
Er klang fast überzeugend.
Eine halbe Stunde später standen sie am Tor.
Tick saß auf Ganoschs Rücken. Sehr aufrecht. Sehr selbstverständlich. Ganosch trug sie mit der Würde eines Katers, der eine sehr unangenehme Aufgabe sehr elegant erledigt.
„Nur weil Isi gesagt hat, das wäre gut für die Gruppendynamik", brummte er.
„Ich habe das nicht gesagt", sagte Isi.
„Doch. In Gedanken."
Tick zwinkerte ihm zu.
„Ich beschwere mich nicht. Sehr glatte Fahrt."
Ganosch tat so, als hätte er es nicht gehört.
Banoo schwebte voraus und sorgte für Schatten. Bruno stapfte daneben und schaute alle paar Meter zurück, ob alle noch da waren. Mato ging am Ende. Sein kleines Buch lag tief in seiner Hosentasche.
Der Weg hinunter war ein Sommerpfad. Es roch nach Thymian und warmem Stein. Distelflaum segelte wie kleine Fallschirme durch die Luft. Grillen sägten an der Stille.
„Links die Weiden, rechts die Brombeerhecke", erklärte Isi. „Finger weg, die pieksen."
„Und dort", piepste Tick von Ganoschs Rücken, „die alte Mauer von Kapitän Bärenfalle. Der hat hier früher Seile geflochten." Sie hielt kurz inne. „Der Name war reines Marketing."
Ganosch nickte anerkennend.
Schließlich öffneten sich die Bäume — und der Fluss lag vor ihnen.
Ein breiter, grüner Zug mit silbrigen Schuppen. Lichttupfer tanzten auf den Wellen. Weiden hingen wie grüne Vorhänge ins Wasser.
Bruno war als Erster drin — natürlich.

Platsch. Eine Fontäne. Drei Reihen Blasen blubberten an die Oberfläche, als hätte der Fluss gelacht.
„Ahhhhh", machte Bruno und streckte sich aus. „Genau richtig."
Banoo ließ sich aufs Wasser sinken und schaukelte wie ein Blatt. Tick sprang von Ganoschs Rücken ins seichte Wasser, landete mit einem „Tschp!" und reckte triumphierend die Pfötchen.
Dann sprang Ganosch.
Mato schaute auf — und blinzelte.
Ganosch glitt durchs Wasser. Elegant. Mit gestrecktem Rücken. Mit ruhigem Atemzug. Wie ein Kater, der das schon hundert Mal gemacht hat. Was er hatte.
„Aber...", sagte Bruno, „du bist ein Kater?"
„Ja", sagte Ganosch.
„Und Katzen mögen kein Wasser?"
„Andere Katzen", sagte Ganosch. „Vielleicht."
Tick lachte das erste Mal an diesem Tag.
Mato blieb am Ufer.
Er setzte sich auf einen sonnenwarmen Stein. Er zupfte an einem Halm. Er wickelte ihn um den Finger. Er wickelte ihn wieder ab.
Banoo glitt heran. So leise wie ein Schatten.
„Kommst du nicht rein?", fragte er. „Es fühlt sich an wie eine Wolke. Aber eine, die kitzelt."
Mato presste die Lippen zusammen.
Eine kleine Pause.
„Ich kann nicht schwimmen", sagte er leise.
Das Wort fiel ihm schwer wie ein großer Stein.
„Und ich hab Angst, dass ihr lacht."
Es wurde sehr still am Ufer.
Bruno stand bis zum Bauch im Wasser und schaute Mato an. Er sagte nichts. Er machte nur einen langsamen Schritt aus dem Fluss heraus und kam ans Ufer.
Tick kletterte von einem Stein und stellte sich neben Mato.
Isi setzte sich auf den Stein direkt neben ihn — so nah, dass ihre Federn seinen Arm berührten.
„Niemand lacht", sagte Isi leise.
„Niemand", sagte Bruno. Seine tiefe Stimme war ganz weich. „Wir können alle Dinge nicht. Bis wir sie können."
Ganosch kam ebenfalls aus dem Wasser. Er schüttelte sich einmal — sehr wenig spritzte ab.
„Wenn du willst", sagte er ruhig, „bringen wir es dir bei. Ich war heute Morgen noch ein Kater, der angeblich kein Wasser mag. Sieh mich jetzt an."
Tick salutierte.
„Hiermit eröffne ich den Schwimmkurs für Mato. Lehrer: alle. Schüler: einer."
Mato schaute in die Runde.
„Ihr lacht wirklich nicht?"
„Wir lachen erst, wenn du selber lachst", sagte Banoo. „Und das wirst du. Versprochen."
Isi entwarf einen Plan.
„Erstens: Nähe am Ufer, wo du stehen kannst. Zweitens: Atmen wie ein Wal — ruhig ein, ruhig aus. Drittens: Schweben lernen. Viertens: Kicks wie ein Frosch, aber höflicher. Fünftens: Kleine Züge, nur so groß wie ein Sonnenstrahl."
Bruno legte sich auf den Rücken vor und streckte alle Beine und den Schwanz aus.
„Schweben ist wie Vertrauen. Du lässt das Wasser tragen — und das Wasser macht das gerne."
Banoo nickte.
„Und ich bin der Wind, der nicht drückt. Nur stützt."
Tick rannte ans Ufer und kam mit einem geraden Weidenast wieder.
„Stabilisator. Selbstgemacht."
Mato setzte einen Zeh ins Wasser. Es war kühl, aber kein Feind. Noch ein Schritt. Die Knöchel. Die Schienbeine. Das Ufer murmelte. Banoo glitt an seine Seite, kaum spürbar, wie kühle Luft an einem heißen Tag.
„Atmen", sagte Isi. „Eins... zwei... drei..."
Bruno zeigte ihm unter Wasser, wie die Beine kicken müssen — kleine Bewegungen, wie lächelnde Wellen. Tick hielt den Weidenast fest, als wäre er ein Zepter.
Ganosch beobachtete alles vom seichten Wasser aus.
„Die Hände wie kleine Löffel", sagte er. „Nur kosten. Nicht schöpfen."
Mato lachte kurz auf — ein dünnes Lachen, aber echt. Er zog das Wasser behutsam zur Seite. Es gab nach. Es trug. Er staunte.
„Ich... ich schwebe."
Der Weidenast wurde plötzlich weniger wichtig.
„Wenn du willst", flüsterte Banoo, „lass ihn für einen Herzschlag los. Ich bin direkt neben dir."
Mato nickte.
Er löste eine Hand. Der Fluss nickte zurück. Noch eine Hand. Zwei kleine Züge. Seine Füße sprachen mit dem Wasser, und das Wasser antwortete.
„Ich schwimme!"
Erst leise, dann lauter. Bis es das Wasser hören konnte. Bis es der Fluss bestätigte.
„Ich schwimme!"
Banoo wirbelte eine kleine Glitzerfontäne.
„Bootastisch!"
Tick trampelte am Ufer und rief: „Mato! Mato! Mato!" Bruno klatschte mit dem Schwanz aufs Wasser, dass es spritzte. Ganosch nickte. Nur einmal. Aber das reichte.
Isi lächelte.
„Sehr gut, Mato."
Es klang, für eine Eule, sehr warm.
Der Rest des Tages war eine Sammlung kleiner Wunder.
Mato lernte die Sternform — Arme und Beine weit, der Bauch dem Himmel zugewandt — und plötzlich trug ihn das Wasser wie auf Händen. Er lernte, die Strömung zu lesen. Er lernte, dass Ausruhen kein Aufgeben war.
Sie spielten Flusspost. Tick setzte ein Blattboot ins Wasser, Mato schwamm daneben her und schob es mit der Nasenspitze. Ganosch gab den Zielrichter: „Keine Rempler, bitte." Bruno baute mit dem Schwanz eine sanfte Strömungsbrücke, damit das Blatt um die Kurve kam. Banoo malte mit kühlem Wind Kringel in die Luft, die im Wasser als Wellen landeten.
Auf einer Sandbank machten sie Pause.
Mato saß da, die Füße im Wasser, und schaute in die Runde. Sein Buch war noch in der Hosentasche. Es war jetzt nass. Ihm war es egal.
„Ich wusste nicht", sagte er, „dass Mut sich so... glitzerig anfühlt."
„Mut glänzt selten laut", sagte Isi. „Er schimmert meistens. Wenn man genau hinschaut."
„Und er wächst", sagte Bruno, „wenn man ihn teilt."
Als die Schatten länger wurden, machten sie sich auf den Rückweg. Auf halber Höhe blieben sie stehen und schauten zurück. Der Fluss lag jetzt ruhig — wie ein sorgfältig gefalteter Schal.
Mato räusperte sich.
„Danke", sagte er. Erst zum Fluss. Dann zu den Freunden.
„Danke, dass ihr mich getragen habt. Bis das Wasser es konnte."
Banoo stupste ihn mit der Nasenspitze, so sanft, dass nur die Gänsehaut es merkte.
„Freunde sind für Mut da", sagte er. „Und fürs Kichern auch."
Oben auf dem Schloss verteilte der Himmel schon die ersten Sterne. Tick kletterte zurück auf Ganoschs Rücken.
„Gute Gruppendynamik heute", flüsterte sie.
Ganosch tat so, als hätte er es nicht gehört. Aber sein Schwanz malte ein kleines, zufriedenes Fragezeichen in die Luft.
Wer in dieser Nacht am Fluss vorbeiging, hörte das Wasser leise singen. Es klang anders als sonst — voller, irgendwie. Als hätte es heute ein paar gute Geheimnisse dazubekommen, die es jetzt für sich behielt.
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