Vorlesegeschichte Kap. 6: Flussabwärts! Schwimmring

Kapitel 6 - Flussabwärts! Die Suche nach dem Schwimmring

Im Burghof von Schloss Spukstein lag die Sonne warm auf den Pflastersteinen. Ein Vogel sang. Und Bruno lief im Kreis. Dreimal links herum. Dann ein viertes Mal. Er schaute unter die Bank, hinter den Brunnen und in die Ritzen neben dem Schlosstor. Was er suchte, sagte er nicht. Nur sein Schwanz zuckte dabei — einmal, zweimal, dreimal.

Beim Frühstück hatte Bruno dreimal nach dem Salz gegriffen, obwohl auf seinem Teller Haferbrei lag. Beim Abräumen hatte er beide Schüsseln in dieselbe Hand genommen — und dann gar keine. Und jetzt lief er im Hof im Kreis. Nicht schnell. Aber immer weiter, wie jemand, der einen Gedanken loswerden will und es einfach nicht schafft.

Mato schaute vom Wehrgang aus zu.

Banoo schwebte aus dem Torturm.

Banoo„Bruno. Was suchst du?"

Bruno„Gar nichts."

Sein Schwanz zuckte. Zuck.

Banoo„Wirklich gar nichts?"

Bruno„Ja. Ich lauf nur kurz."

Zuck.

Isi landete auf dem Brunnenrand — mit zwei Flügelschlägen zu viel, wackelte kurz, fing sich wieder.

Isi„Kontrollierte Landung."

Niemand hatte etwas anderes behauptet. Sie schaute Bruno an. Dann schaute sie auf seinen Schwanz. Dann wieder Bruno.

Isi„Du läufst seit zwanzig Minuten im Kreis. Du hast unter die Bank geschaut, hinter den Brunnen und zwischen die Steine am Tor. Was vermisst du?"

Bruno blieb stehen. Er machte den Mund auf. Er machte ihn wieder zu. Dann, ganz leise:

Bruno„Mein kleines Krokodil. Aus Holz. Ich hab es heute früh mit ans Ufer genommen. Und dann ist es ins Wasser gefallen. Ich war keine fünf Minuten weg — und weg war es."

Isi„Wo genau warst du?"

Bruno„Am großen Stein. Flussaufwärts vom Steg."

Isi hatte ihre Karte schon herausgezogen.

Isi„Flüsse tragen alles flussabwärts. Bei dieser Strömung ist das Krokodil höchstens zweihundert Meter weit. Wir suchen vom Stein bis zum Steg."

Banoo„Ich komm mit!"

Mato„Ich auch."

Er war schon halb die Treppe hinunter.

Ganosch hatte auf seinem Lieblingsstein alles verfolgt. Jetzt stand er auf. Streckte sich ausgiebig. Rückte das grüne Halstuch gerade.

Ganosch„Gut."

Bruno schaute in die Runde.

Bruno„Es ist doch nur ein Stück Holz."

Mato„Wenn es dir wichtig ist, ist es wichtig. Punkt."


Der Uferpfad war schmal und roch nach nassem Gras. Banoo schwebte über dem Wasser und schaute hinein. Isi ging mit der Karte voraus, einen Flügel als Zeiger. Bruno stapfte nebenher, die Augen fest auf die Strömung gerichtet. Ganosch folgte als Letzter — trocken, würdevoll, mit einem Blick, der alles sah und nichts unbedingt sagen musste.

An der ersten Biegung watschelte ihnen etwas entgegen: eine Ente mit besonders stolzer Brust.

Ente„Quak! Ihr seid auf meinem Fluss. Wisst ihr, wer hier alles sieht? Ich. Mir entgeht nichts auf der Silberau. Nichts."

Isi„Dann hast du vielleicht etwas gesehen. Klein, aus Holz, geschnitzt wie ein Krokodil."

Ente„Ob ich das gesehen habe! Natürlich habe ich das gesehen. Ich sehe alles. Erst nachdem das geklärt ist, sage ich: Heute früh, beim großen Weidenbaum, im Schilf festgehangen — quak — dann weiter. Da hin."

Sie zeigte mit einem Flügel flussabwärts, sehr bestimmt, als hätte sie soeben das ganze Rätsel im Alleingang gelöst.

Banoo„Danke dir!"

Er verbeugte sich so feierlich, dass die Ente einen Moment ganz verdutzt schaute. Dann reckte sie die Brust noch ein bisschen weiter und watschelte zufrieden davon.

Sie eilten zum Weidenbaum. Die langen Zweige hingen wie grüne Vorhänge ins Wasser. Mato schob das Schilf beiseite. Kein Krokodil. Nur ein Frosch, der ganz langsam ein Auge aufmachte.

Mato„Entschuldige. Hast du ein kleines Holzkrokodil gesehen?"

Der Frosch blinzelte. Sehr langsam. Als koste ihn schon das Blinzeln viel Kraft.

FroschPlupp. Etwas Kleines hat vorhin plopp gemacht und ein bisschen geklappert. Ich glaub, es hat sich an einem Boot festgehakt. Am Steg weiter unten liegt ein Ruderboot. Plupp."

Und dann schloss er das Auge wieder, als wäre damit auch dieser Tag erledigt.

Brunos Augen wurden ein bisschen heller.

Bruno„Ein angebundenes Boot — das hält die Strömung auf."

Sie folgten dem Pfad. Zwischen zwei Steinen raschelte es. Ein Biber schaute kurz hoch — er hatte, während die anderen noch überlegten, längst zwei Äste übereinandergelegt und mit nassem Laub verstopft, einfach weil er gerade dabei war.

Biber„Wenn ihr was sucht — im Seitenarm hinter dem Erlenbusch zieht die Strömung alles unter die Stegbretter. Aber Vorsicht: Die Bretter sind heute glitschig."

Banoo„Danke dir!"

Der Biber hob nur kurz die Pfote und arbeitete weiter.


Der Steg war alt. Die Bretter dunkel vor Nässe, an manchen Stellen mit Moos bewachsen. Das Ruderboot schaukelte am Seil. Darunter gluckerte das Wasser — dunkel und tief und glitschig, genau wie der Biber gesagt hatte.

Bruno blieb an der Kante stehen. Er schaute aufs Wasser. Er trat von einer Pfote auf die andere.

Banoo„Bruno. Du musst nicht. Ich schau."

Bruno„Ich kann kurz—"

Banoo„Ich schau. Wirklich."

Bruno nickte. Er schluckte und trat einen Schritt von der Kante zurück.

Banoo schwebte über das Wasser, ganz nah an den Steg, und schaute unter die Bretter. Da unten war es dunkel. Er leuchtete ein kleines bisschen heller, um besser zu sehen.

Banoo„Da! Da ist was!"

Mato kniete sich auf die Bretter und tastete nach einem langen Ast, der zwischen den Pfählen klemmte. Er schob ihn vorsichtig vor. Einmal rutschte er vorbei. Zweimal. Beim dritten Mal spürte er einen Widerstand.

Mato„Da ist was."

Er zog. Ganz langsam. Ein kleines braunes Etwas stieg aus dem Wasser. Tropfen funkelten in der Sonne. Es war klein und glatt und ein bisschen schief geschnitzt — von einem Schnitzmesser, das mehr Liebe als Übung gehabt hatte.

Bruno„Das Krokodil!"

Er sprang so schnell auf, dass der Steg wackelte und Ganosch mit hochmütiger Eile einen Schritt zur Seite machte — und dabei trotzdem so tat, als wäre er ohnehin gerade dorthin gewollt.

Ganosch„Vorsicht."

Bruno„Entschuldigung."

Er kniete sich hin, strich mit dem Finger einmal über das nasse Holz und hob es auf.

Illustration: Bruno am Flusssteg, er hält sein kleines Holzkrokodil in beiden Pfoten, alle Freunde stehen um ihn herum

Bruno„Danke. Euch allen."

Dann schwieg er einen Moment. Er schaute auf das Krokodil in seiner Pfote. Die anderen warteten.

Bruno„Mein Opa hat es geschnitzt. Er hatte auch Angst vor Wasser."

Niemand sagte etwas. Also redete Bruno weiter, ganz leise.

Bruno„Wir sind jeden Morgen zusammen ans Ufer gegangen. Nur schauen. Nie rein. Er hat immer gesagt: Wer nicht allein ist, muss nicht so mutig sein."

Bruno„Ich dachte, irgendwann wird die Angst kleiner. Bei ihm ist sie nie kleiner geworden. Bei mir auch nicht. Aber er ist trotzdem jeden Morgen rausgegangen."

Es war still.

Dann sagte Isi:

Isi„Das ist kein Stück Holz."

Banoo„Nein."

Ganosch„Ganz bestimmt nicht."

Bruno hielt das Krokodil fest in beiden Pfoten.

Bruno„Ich hab mich geschämt. Ich dachte, ihr sagt: Das ist doch nur ein Ding. Aber ihr seid einfach mitgekommen. Ohne zu fragen, ob sich das lohnt."

Banoo„Das lohnt sich immer. Wenn dir was wichtig ist, ist das Grund genug."

Auf dem Rückweg rief die Ente ihnen ein „Gern geschehen — war ja auch mein Fluss!" hinterher. Der Frosch quakte einmal und machte die Augen wieder zu. Der Biber hob noch einmal die Pfote.

Oben im Schloss trockneten sie das Krokodil am Kamin. Bruno legte es genau dahin, wo das Licht draufschien. Ganosch setzte sich auf den Sessel daneben — nicht ganz nah, aber nah genug, dass man ihn atmen hörte.

Isi„Heute Morgen war es weg. Jetzt ist es wieder da."

Banoo„Weil wir alle zusammen flussabwärts gegangen sind."

Bruno schaute in die Runde. Banoo leuchtete warm. Mato hatte sein Notizbuch auf dem Knie, schrieb aber nichts — er schaute einfach zu. Isi breitete die Flügel einen kleinen Spalt aus, was bei ihr so etwas wie eine Umarmung war. Und Ganosch schnurrte. Leise. Aber man hörte es.

Bruno„Wir müssen nicht nochmal darüber reden."

Banoo„Nein."

Bruno„Danke trotzdem."

Sein Schwanz wedelte — langsam und gleichmäßig, genau so, wie er immer wedelte, wenn alles gut war.

Am Morgen hatte das kleine Holzkrokodil noch auf dem Grund des Abenbachs gelegen. Am Abend lag es auf dem warmen Kaminsims und roch ein bisschen nach Fluss. Ganosch saß auf dem Sessel daneben — nicht ganz nah, aber nah genug, dass man ihn atmen hörte. Bruno schaute es lange an und sagte kein Wort. Aber nie wieder sagte er, es sei nur ein Stück Holz.

Banoo

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