Vorlesegeschichte Kap. 10: Der Geisterjäger

Kapitel 10 - Der Mann mit dem Netz

In Bärental gab es nicht viele Fremde. Die meisten kamen, sahen das Schild „Schloss Spukstein – 2 km", drehten um, und fuhren weiter. Das war seit Jahrhunderten so. Eigentlich ganz praktisch.

Dieser hier drehte nicht um.

Er kam zu Fuß, was ungewöhnlich war. Er trug einen breitkrempigen Hut, was auffiel. Und er schleppte eine große, schwere Tasche, aus der Metallteile ragten, was Fragen aufwarf.

Frau Bergmeier von der Bäckerei sah ihn durch ihr Fenster und rief nach Herrn Bergmeier. Herr Bergmeier schaute hinaus, schwieg eine Weile, und sagte dann: „Der geht zum Schloss."

„Was will der da?"

„Nichts Gutes", sagte Herr Bergmeier. Dann aß er sein Brötchen.


Tick entdeckte ihn zuerst.

Sie saß auf dem Torturm und ordnete ihre Stiftesammlung nach Farbe und Dicke gleichzeitig – das war komplizierter als es klang, aber Tick war überzeugt, dass es sich lohnte. Dann schaute sie auf und sah ihn die Zufahrt heraufkommen.

Sie steckte alle Stifte in die Tasche und lief nach unten.

„Da kommt jemand", sagte sie im Burghof. „Mit Gepäck. Viel Gepäck."

Die anderen schauten aus dem Tor.

Der Mann blieb vor dem Schlossgraben stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er war mittelgroß, mittelalt, mit einem Schnurrbart, der leicht nach rechts driftete, und einer Brille, die er gerade rückte. Er zog ein sehr dickes Buch aus der Tasche und blätterte darin, als suchte er etwas Bestimmtes.

Dann schaute er auf. Dann auf das Schloss. Dann wieder auf das Buch.

„Aha", sagte er laut zu sich selbst. „Klasse B. Mittlere Verseuchungsrate. Wäre nicht mein erster."

Bruno runzelte die Stirn. „Wer ist das?"

Isi schaute ihn an. Dann auf das Buch des Mannes. Dann sagte sie ruhig: „Das ist ein Geisterjäger."

Banoo schwebte nach vorne.

„Ein Geisterjäger?" Er leuchtete heller. „Ich noch nie einen gesehen!"

„Das liegt wahrscheinlich daran", sagte Ganosch trocken, „dass du das bist, was die jagen."


Der Mann hieß Grumbert. Das stand in Druckbuchstaben auf dem Etikett seiner Tasche: G. GRUMBERT – LIZENZIERTER PHÄNOMENBEREINIGER. Er nannte sich selbst ausschließlich beim Nachnamen und sprach schnell und mit vielen Fachbegriffen, die er gelegentlich selbst erfunden hatte.

„Laut Handbuch", sagte er, „weist dieses Schloss typische Anzeichen auf: ungewöhnliche Lichterscheinungen, Berichte über schwebende Gegenstände, Temperaturschwankungen."

Er schaute auf seine Liste. Dann auf Banoo.

Banoo winkte.

Grumbert räusperte sich und schaute wieder auf seine Liste.

„Ich werde die Anlage systematisch untersuchen und das Phänomen danach fachgerecht beseitigen. Das dauert, je nach Schwere, zwei bis vier Arbeitstage."

„Das Phänomen", sagte Isi, „wohnt hier."

„Phänomene wohnen nicht. Sie manifestieren sich."

„Er heißt Banoo", sagte Bruno. „Er hat heute Morgen Apfelkuchen gebacken."

Grumbert schrieb etwas in sein Handbuch.


Er baute sein Netz im Rittersaal auf.

Es war ein beeindruckendes Konstrukt: ein Gerüst aus Metallstangen, daran befestigt ein sehr großes Netz aus silberfarbenem Draht, mit Kurbeln an beiden Seiten. Grumbert montierte es mit großer Sorgfalt und kommentierte dabei laut jeden Arbeitsschritt, obwohl ihm niemand zugehört hatte – bis auf Isi, die inzwischen auf dem Schreibpult saß und still zuschaute.

„Die Maschenverstärkung im oberen Bereich", erklärte Grumbert, ohne aufzuschauen, „neutralisiert das elektromagnetische Resonanzfeld, das Phänomene typischerweise—"

„Woher haben Sie das Handbuch?", fragte Isi.

Grumbert hielt inne. „Selbstverfasst. Dritte Auflage."

„Wie viele Exemplare?"

„Drei. Aber das spielt keine Rolle."

Isi schaute auf das Netz. „Hat das schon einmal funktioniert?"

Grumbert antwortete nicht sofort. Er zog eine Schraube fest.

„Der Begriff ‚funktionieren' ist in diesem Fachgebiet sehr komplex."


Banoo umkreiste die Maschine aus sicherem Abstand. Er fand sie faszinierend. Er fand Grumbert faszinierend. Er fand eigentlich alles faszinierend, aber diesmal mehr als sonst.

„Darf ich fragen", sagte er, „was passiert, wenn Sie mich fangen?"

„Phänomene werden neutralisiert", sagte Grumbert wichtigtuerisch. „Das Handbuch beschreibt den Prozess ab Seite 47."

„Tut das weh?"

Grumbert schaute zum ersten Mal direkt auf Banoo. Eine kurze Pause.

„Theoretisch nicht."

„Und praktisch?"

„Praktisch habe ich noch kein Phänomen erfolgreich—" Er brach ab. „Der Prozess ist noch nicht vollständig erprobt."

Banoo nickte nachdenklich. „Ich frage, weil ich heute Nachmittag noch Abendessen kochen muss. Falls das wichtig ist."

Illustration: Grumbert baut sein großes Geisternetz im Rittersaal auf, Banoo schwebend daneben, Isi beobachtet vom Schreibpult

Grumbert schrieb in sein Handbuch.


Der Fangversuch fand nach dem Mittagessen statt – was Grumbert nicht geplant hatte, denn der Mittag auf Schloss Spukstein dauerte länger als erwartet, weil Tick einen zweiten Nachtisch brachte und Bruno auf dem Tisch einschlief.

Grumbert positionierte sich in der Mitte des Rittersaals, Netz gespannt, Handbuch offen, Kurbeln in Reichweite.

Banoo schwebte in der Tür.

„Ich bin bereit", rief Grumbert.

„Ich auch", sagte Banoo.

Grumbert zog an der Kurbel.

Das Netz schnappte zu – präzise, schnell, genau nach Plan.

Darin saß Ganosch.

Er hatte den Rittersaal durchquert, weil er ins Archiv wollte. Er saß jetzt sehr aufrecht im silbernen Netz, die Arme verschränkt, und schaute Grumbert an mit einem Ausdruck, der sehr klar sagte: Ich warte auf eine Erklärung, und sie sollte gut sein.

Grumbert schaute auf das Netz. Dann auf sein Handbuch. Dann auf Ganosch.

„Das ist…"

„Ich bin ein Waschbär", sagte Ganosch. „Kein Phänomen."

„Technisch gesehen—"

„Kein Phänomen."

Bruno zog Ganosch aus dem Netz, was eine Weile dauerte, weil die Maschen sich verhakt hatten und Ganosch jede Berührung mit der Würde eines Mannes ertrug, dem so etwas nie hätte passieren dürfen.

Grumbert packte seine Tasche zusammen.

„Ich komme wieder", sagte er. „Mit einem besseren Plan."

„Das würde mich freuen", sagte Banoo ehrlich.

Alle schauten ihn an.

„Er ist interessant", sagte Banoo.

Grumbert trug sein Netz zum Tor. An der Zugbrücke drehte er sich noch einmal um, als wolle er etwas sagen. Dann drehte er sich wieder um und ging.

Banoo schwebte ihm nach – bis zur Kante des Burghofes.

Er winkte.

Grumbert sah es nicht mehr. Aber Banoo winkte trotzdem.

Banoo

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