Vorlesegeschichte Kap. 10: Truhe aus Wasser

Kapitel 10 - Die Truhe aus dem Wasser

Am frühen Morgen fiel das Licht schräg in den Schlossgraben. Der Nebel lag noch über dem Wasser, alles roch nach Moos und nasser Erde. Und Mato stand ganz still am Rand, einen langen Holzstab in der Hand. Er hatte etwas auf dem Grund entdeckt. Etwas Großes. Etwas mit Eisenbeschlägen. Vorsichtig begann er zu ziehen.

Zuerst kam ein Seil. Dann eine Kiste daran. Und die Kiste war viel größer als gedacht — mit Algen bewachsen, und sie roch nach hundert Jahren Schlossgraben. Langsam tauchte sie aus dem Wasser auf, wie ein Wal, der aus dem Schlaf erwacht.

Banoo hatte das Geräusch vom Nordturm aus gehört und war sofort zur Stelle.

Banoo„Was ist das?!"

Mato„Weiß ich nicht. Deswegen hab ich es rausgezogen."

Im Nu waren alle da. Tick mit dem Notizbuch. Bruno, der gleich fragte, ob sich jemand wehgetan habe. Isi, die sofort anfing, die Kiste zu begutachten. Und Ganosch, der einfach da war — keiner hatte gesehen, wie er gekommen war.

Die Kiste war massiv und alt, die Eisenbeschläge ganz zerfressen vom Rost. Mato hatte sie mit dem langen Stab aus dem tiefsten Graben gehebelt — am Morgen, als das Licht so schräg fiel, dass man bis auf den Grund sehen konnte.

Isi„Wir öffnen sie. Aber vorsichtig."

Ganosch„Vielleicht ist etwas Gefährliches drin."

Tick„Oder etwas sehr, sehr Nasses."

Sie überlegten hin und her. Isi machte einen Vorschlag. Tick machte einen Gegenvorschlag. Bruno fragte, ob vielleicht jemand einen Plan zeichnen sollte. Ganosch sagte: „Oder wir—"

Banoo„Hey! Schaut mal! Eine Karte!"

Alle drehten sich um.

Banoo saß auf dem Boden. Die Kiste war offen. Und auf seinem Schoß lag eine alte, vergilbte Karte.

Eine Pause.

Isi„Banoo. Wir wollten doch gerade noch—"

Banoo„Ich hab nur ganz kurz reingeschaut. Wirklich nur einen Blick."

Ganosch„Natürlich."

Banoo„Bootastisch kurz!"

Tick seufzte. Aber sie lächelte dabei.

Sie breiteten die Karte auf dem Boden aus. Tick hielt eine Ecke fest. Isi beugte sich darüber.

Isi„Das ist unser Tal. Hier Spukstein, da Bärental, da der Fluss. Und hier — ein rotes Kreuz! Am alten Bergwerksstollen, oben über dem Erlenwald."

Mato„Dann brauchen wir Proviant."

Alle schauten ihn an.

Mato„War kein Witz."

Banoo„Aber trotzdem bootastisch!"


Eine Stunde später standen sie am Tor, fertig zum Aufbruch.

Tick saß auf Ganoschs Rücken. Sehr aufrecht. Sehr selbstverständlich. Ganosch trug sie ohne ein Wort — was bei Ganosch schon eine ganze Menge sagte.

Der Weg ins Tal war ein Sommerpfad, er roch nach Thymian und heißem Stein. Bruno trug die leere Kiste auf dem Rücken. Vielleicht brauche man sie ja noch, sagte er. Niemand widersprach.

An einer Stelle, wo der Pfad den Bach kreuzte, stand ein Mädchen.

Es war ungefähr so alt wie Lina — und das war es tatsächlich: Lina aus Bärental. Sie trug braune Stiefel und einen roten Schal (bei dieser Hitze!) und schaute die Gruppe an, als wollte sie zuerst einmal alles ganz genau ansehen.

Dann schaute sie Banoo an.

Lina„Bist du das Schlossgespenst?"

Banoo„Ja. Banoo."

Lina„Im Dorf sagen alle, man soll nicht raufgehen. Ist da oben was Gefährliches?"

Banoo„Nicht wirklich. Rollo nickt manchmal ein bisschen komisch. Aber er meint es gut."

Lina„Rollo?"

Banoo„Die Rüstung. Sie nickt."

Lina schaute zu Mato, zur Kiste auf Brunos Rücken, zur Karte unter Isis Flügel. Dann wieder zu Banoo.

Lina„Ihr sucht was im alten Stollen da oben, stimmt’s?"

Banoo„Kennst du ihn?"

Lina„Drin war ich noch nie. Aber ich weiß, wo er ist. Und seit letztem Jahr liegt ein dicker Stein davor, der den Eingang fast zumacht — der ist im Sturm runtergerollt. Ihr braucht jemanden, der schmal genug ist, um durchzuschlüpfen."

Sie schaute auf Bruno. Bruno schaute auf seinen Bauch. Dann auf Lina. Dann wieder auf seinen Bauch.

Lina„Ich bin schmal genug."

Isi„Dann komm mit."

Lina zögerte nicht, überlegte nicht, fragte nicht ihre Eltern. Sie drehte sich einfach um und ging voraus.

Mato trat einen halben Schritt hinter Bruno. Tick flüsterte ihm zu:

Tick„Sie ist direkt. Aber kein Problem."

Mato„Ich weiß."

Trotzdem blieb er noch eine ganze Weile hinter Bruno.


Auf halber Höhe saß ein Murmeltier auf einem Felsen und wippte auf und ab.

Murmeltier„Pssst. Heute bitte nicht so laut. Im alten Bergwerk schlafen Steine. Und die mögen es gar nicht, wenn man sie weckt."

Bruno„Vers—"

Tick„Bruno. Du flüsterst wie ein Kessel mit klapperndem Deckel."

Bruno„Tut mir leid! Ist das besser?"

Tick„Nein."

Das Murmeltier wurde unruhig. Es richtete sich auf und fuchtelte mit den kurzen Armen.

Murmeltier„LEISE! HABE ICH GESAGT! GANZ LEISE!"

Sein „Leise!" hallte dreimal vom Felsen wider und war mit Abstand das Lauteste, was an diesem Morgen am Berg zu hören gewesen war. Irgendwo rieselte ein kleines Steinchen. Das Murmeltier verstummte erschrocken und duckte sich.

Ganosch„Beeindruckend leise."

Sie schlichen weiter. Mato vorneweg, lautlos. Ganosch dahinter, ebenfalls lautlos. Lina dazwischen, als wäre das ihr ganz normaler Schulweg. Und Bruno in der Mitte, so leise wie ein Krokodil mit Latzhose eben sein kann. (Also nicht besonders leise.)

Am frühen Nachmittag standen sie vor einer hohen Felswand. In der Mitte: ein dunkler Eingang, halb verdeckt von einem runden Stein. Die Lücke war eng. Sehr eng. Gerade so eng, dass Lina hindurchpasste.

Lina„Ich geh rein und schau, was drin ist. Dann sag ich euch, ob ihr nachkommen könnt."

Banoo„Und ich—"

Isi„Wir warten alle."

Banoo„Ich kann aber durch Steine schweben."

Isi„Wir. Warten. Alle."

Banoo setzte sich. Tatsächlich. Er setzte sich hin und wartete. Einmal schwebte er ganz langsam Richtung Felsspalt, wie zufällig — und Isi räusperte sich, ohne aufzuschauen, und Banoo schwebte ebenso langsam wieder zurück. Er zappelte. Aber er wartete.

Lina schlüpfte durch die Lücke. Drinnen war es still. Dann hörten sie ihre Schritte. Dann nichts mehr. Dann ihre Stimme:

Lina„Drinnen ist viel Platz! Der Stein liegt blöd. Aber wenn ihr von außen schiebt, geht er bestimmt zur Seite."

Bruno und Mato schoben. Ganosch stemmte eine Pfote dagegen. Tick gab von oben die Kommandos. Isi erklärte, wo man am besten anpackte. Der Stein bewegte sich — erst knarrend, dann ein Ruck, dann ein Stück zur Seite. KNIRSCH.

Jetzt war die Öffnung weit genug.

Banoo schaute Isi an. Isi nickte. Und dann gingen sie alle hinein — dieses Mal wirklich zusammen.


Die Höhle war kühl und still. An der Decke hingen Wassertropfen wie kleine Sterne. Banoo leuchtete, und sein Licht warf weiche Schatten an die Wände.

Auf einem Steinpodest stand eine kleine Truhe.

Sie war ganz anders als die erste — kleiner, aus Holz, ohne Eisen. Sie sah aus, als hätte jemand sie mit Absicht dorthin gestellt. Nicht, als wäre sie verloren gegangen.

Lina„Die stand schon da, als ich reinkam. Ich hab sie nicht angefasst."

Isi„Gut."

Sie traten alle näher. Bruno legte eine Pfote auf die Truhe. Tick legte eine andere darauf. Mato auch. Isi setzte sich oben drauf. Ganosch berührte sie nur mit der Schwanzspitze. Lina stand daneben und schaute zu. Und Banoo legte seine Geisterhand in die Mitte.

Bruno„Auf drei?"

Tick„Auf drei."

Bruno„Eins. Zwei. Drei."

Die Truhe knarzte und quietschte und wehrte sich kurz. Dann ging sie auf.

Drinnen lag kein Gold. Keine Münzen. Keine Krone.

Nur ein Brief, in ein Stofftuch gewickelt.

Illustration: Alle stehen in der Höhle um die geöffnete Truhe, Banoo leuchtet, ein Brief liegt darin

Isi hob ihn heraus und las laut vor:

Isi„Wer auch immer ihr seid: Wenn ihr es gemeinsam bis hierher geschafft habt, dann könnt ihr alles gemeinsam schaffen. Das ist der größte Schatz, den man finden kann."

Es war ganz still in der Höhle. Nur das Tropfen von der Decke — tropf, tropf.

Dann räusperte sich Bruno.

Bruno„Ich bin nicht traurig. Mir ist nur was ins Auge geflogen."

Ganosch„In beide."

Bruno„Sei still."

Ganosch„Niemals."

Tick lachte. Mato auch. Und Banoo strahlte so hell, dass die ganze Höhle ein bisschen wärmer wurde.

Lina schaute auf den Brief. Dann auf die Gruppe.

Lina„Im Dorf sagen sie, auf dem Schloss ist es unheimlich."

Banoo„Und? Findest du das auch?"

Lina dachte kurz nach.

Lina„Nein. Ich find es eher nett."


Auf dem Rückweg fühlte sich der Pfad viel kürzer an als am Morgen. Bruno trug die leere Kiste und sagte noch einmal, vielleicht brauche man sie ja noch. Niemand widersprach. Am Murmeltierfelsen kamen sie diesmal ganz leise vorbei — und das Murmeltier schlief tief und fest und schnarchte lauter als alle zusammen.

Am Bach, wo sie sich getroffen hatten, blieb Lina stehen.

Lina„Ich komm vielleicht mal rauf. Wenn das okay ist."

Banoo„Bootastisch!"

Isi„Freitags gibt es meistens Tee um vier."

Lina„Gut."

Sie ging den Bach entlang und ließ sie einfach stehen — so, als wäre sie ohnehin schon die ganze Zeit auf dem Weg woandershin gewesen.

Tick tippte Ganosch zwischen die Ohren. Ganosch schluckte kurz — dann hielt er ganz, ganz still.

Tick„Übrigens. Wir müssen mal mit Banoo reden."

Ganosch„Über das Vorauslaufen."

Tick„Genau."

Ganosch„Aber später."

Tick„Viel später."

Banoo hörte alles und kicherte. Er wusste, dass sie recht hatten. Und er wusste auch: Sie mochten ihn trotzdem.

Sie hatten eine alte Karte gefunden, eine dunkle Höhle und eine Truhe — und alle hatten an Gold gedacht. Stattdessen lag darin nur ein Brief: „Wer es gemeinsam bis hierher schafft, kann alles gemeinsam schaffen." Mato legte ihn auf den Esstisch, einfach so, damit er dalag. Die ganze Woche blieb er dort liegen. Niemand räumte ihn weg — und niemand sagte, warum.

Banoo

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