
Kapitel 15 - Der erste Schnee
Mato hatte Salz gekannt und Wind und das Grau des Meeres bei Regen. Er kannte Stürme, die nichts mit Kälte zu tun hatten, und Wärme, die nicht von einem Ofen kam. Er kannte zwanzig Arten, wie Wasser aussah – aber nicht diese.
Er stand am Fenster des Nordturms und schaute hinaus.
Es schneite.
Banoo hatte es zuerst bemerkt – Banoo bemerkte immer zuerst, wenn etwas zum ersten Mal passierte. Er hatte die Flocke durch das Turmfenster fliegen sehen, eine einzige, und war sofort los, um allen Bescheid zu sagen.
Tick schrieb es in ihr Notizbuch: Erster Schnee, 14. November.
Bruno holte seine Handschuhe aus dem Keller. Er wusste, wo sie waren.
Ganosch schaute kurz aus dem Fenster, nickte einmal wie zur Bestätigung einer Theorie, und machte das Fenster wieder zu.
Isi trank ihren Tee weiter.
Und Mato stand am Fenster und schaute.
„Komm", sagte Banoo.
Er zog – sanft, mit seinen Armen ohne Finger – an Matos Ärmel und schwebte dabei schon halb zur Treppe.
Sie gingen in den Burghof.
Der Schnee war noch dünn, ein erster leiser Vorhang, der die Steine grau bestäubte. Die Luft schmeckte nach nichts. Das war das Überraschendste: keine Salzluft, kein Holzrauch, kein Gras. Nur Kälte. Und Stille.
„Halt die Hand auf", sagte Banoo.
Mato hielt die Hand auf.
Eine Flocke landete. Er schaute sie an. Sie war kleiner als erwartet. Und sie war verschwunden, bevor er sie richtig gesehen hatte.
„Sie schmilzt sofort", sagte er.
„Auf der Hand schon." Banoo schwebte und fing selbst eine, was eigentlich nicht funktionieren sollte, aber bei Banoo irgendwie doch half. „Auf dem Boden bleibt sie. Wenn es genug werden."
Mato schaute auf die Steine. Die Flocken lagen dort, eine nach der anderen, und blieben.
„Und dann?"
„Dann ist alles weiß. Der ganze Hof. Die Felder. Der Wald." Banoo strahlte. „Ich zeig's dir, wenn es so weit ist."
Mato schaute auf seinen Ärmel. Dort saß eine Flocke, noch nicht geschmolzen. Sechs Spitzen. Symmetrisch.
„Jede ist anders", sagte er.
„Ja."
„Das hab ich gelesen. Ich hab es nicht geglaubt."
Banoo drehte einen kleinen, bedächtigen Looping in der kalten Luft.
„Manchmal muss man es sehen."
In der nächsten Woche schneite es mehr. Der Burghof füllte sich. Bruno schaufelte Wege frei und war dabei sichtlich vergnügt. Tick notierte die Schneehöhe jeden Morgen mit einem kleinen Stab, den sie für diesen Zweck beschriftet hatte. Ganosch trug jetzt zwei Schals und ließ sich dabei keine Blöße geben.
Mato lernte, Spuren zu lesen.
Nicht die des Schnees selbst – das war einfach – sondern die Spuren der anderen. Banoos Schwebepfad, der den Schnee kaum berührte. Brunos breite, tiefe Stapfen. Ticks schnelle, kleine Schritte, die immer exakt geradeaus führten. Ganosch hinterließ nichts Unordentliches.
Abends war es früh dunkel, und die Gruppe saß am Kamin.
Banoo brachte heißen Apfelsaft, den er selbst gemacht hatte und der zu süß war, aber das sagte niemand. Tick strickte etwas, was am Ende vielleicht ein Schal werden würde. Bruno schlief nach zehn Minuten ein und schnarchte leise. Ganosch las.
Mato holte sein kleines, verwittertes Buch heraus.
Er schaute auf das Cover. Dann auf die anderen.
„Ich könnte", sagte er, „vorlesen."
Es wurde kurz still – nicht unangenehm, eher überrascht. Mato las selten laut vor. Mato tat viele Dinge nicht laut.
„Ja", sagte Banoo sofort.
Isi legte ihr Buch hin. Tick hörte auf zu stricken. Bruno, der schon halb schlief, schlief genau so weiter, aber seinen Ohren nach zufrieden.

Mato schlug das Buch auf. Die Seiten waren wellenwürfelig und riechten nach See und altem Papier.
Er las.
Es war ein Text über Freundschaft – kein Märchen, eher ein Gedanke, jemandes Überlegungen, in kleine Abschnitte geteilt. Mato las langsam und klar. Seine Stimme war ruhig, wie immer. Aber beim Vorlesen hatte sie etwas Anderes – etwas, das größer klang, als die Worte allein es waren.
Draußen fiel der Schnee.
Drinnen war es warm, und die Gruppe saß um das Feuer, und niemand wollte, dass es aufhörte.
Als er fertig war, sagte niemand gleich etwas.
Dann: Bruno blinzelte wach und sagte: „Schön." Und schlief wieder ein.
Tick schrieb einen Satz in ihr Notizbuch.
Ganosch legte sein Buch zur Seite – das andere Buch, das er die ganze Zeit gar nicht gelesen hatte.
Banoo leuchtete still und satt, wie ein Ofen am Ende des Abends.
Mato klappte das Buch zu und legte es auf seinen Schoß. Er schaute ins Feuer.
„Das erste Mal hab ich das gelesen", sagte er leise, „als ich noch auf dem Schiff war. Nachts. Allein."
Niemand fragte, was er damals dabei gefühlt hatte.
Sie wussten es jetzt.
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