
Kapitel 15 - Ticks perfekte Katastrophe
In der Schlossküche hing ein Zeitplan an der Tür: 14:30 Teig. 15:15 Erster Backgang. 15:45 Zweiter. 16:30 Kringel. 17:15 Glasur. 18:00 Fertig. Tick hatte ihn selbst aufgehängt. Denn am Mittwoch hatte Bruno Geburtstag — und diesmal sollte alles ganz, ganz perfekt werden.
Das Rezept hatte Tick in der Bibliothek gefunden. Seite 84, ein altes Backbuch: Festtagsgebäck für besondere Anlässe. Eine Schokoladentorte mit drei Schichten, Haselnusscreme, zwölf Zuckerkringel im genauen Abstand von drei Zentimetern und eine Glasur, die glänzen sollte wie frisch gewischtes Kastanienholz.
Sie kaufte alle Zutaten ein. Sie sortierte sie in der Küche der Reihe nach, von links nach rechts. Und ihren Zeitplan hängte sie an die Küchentür.
Bruno wusste, dass es sein Geburtstag war. Er hatte den kleinen Kalender an der Küchentür gesehen — Ticks Schrift, roter Stift, zwei Sternchen statt einem. Aber er sagte nichts davon. Beim Frühstück goss er für alle Tee auf, wie immer. Als er Banoos Tasse hinstellte, drehte Banoo drei langsame Loopings und leuchtete rosagolden — ungefähr das Hellste, was er im Haus erzeugen konnte, ohne schon richtig zu feiern.
„Alles Gute, Bruno!"
„Danke, Banoo."
„Weißt du schon, was du dir wünschst?"
„Ja."
„Was denn?"
„Abwarten."
Dann ging er Holz hacken. Das musste nachmittags sowieso erledigt werden — und es tat ihm gut, etwas Vernünftiges zu tun, wenn er innerlich viel aufgeregter war, als er zeigte.
Tick fing um halb drei an. Die Küche war ihr Reich — das Mauseloch hinter dem großen Herd ihr Zuhause. Und wenn sie backte, gehörte alles davon ihr.
Um Viertel vor vier öffnete sie die Ofentür und roch: Rauch. Entschlossenen, ernsthaften Rauch. Der erste Tortenboden war ein flacher, schwarzer Fladen.
„In Ordnung. Das war der erste Versuch."
Zweiter Versuch: Der Teig war zu flüssig, weil zu wenig Mehl drin war. Beim Umfüllen schwappte er über die Kante der Form — schwapp — über den Tisch, über den Boden und genau über den Zeitplan an der Tür. „15:15 Erster Backgang" verschwand unter einer braunen Teigschicht. Der Zeitplan, so schien es, hatte aufgegeben.
„Das war der zweite Versuch."
Tick machte keinen Mucks. Sie stand nur da und schaute zu, wie der Teig von der Küchenbank tropfte — platsch, platsch — und auf dem Boden eine ordentliche kleine Pfütze bildete. Dann holte sie einen Eimer, wischte alles auf, sortierte die Schüsseln neu und begann mit dem dritten Versuch.
Sie strich zwei Punkte auf dem Zeitplan durch. Dann noch einen — denn der dritte Versuch, die Haselnusscreme, wurde klumpig. Die Butter war zu kalt gewesen. Tick wusste das. Sie hatte es trotzdem gemacht. Und das ärgerte sie noch mehr als die Klumpen selbst.
Um halb sechs hörte sie Schritte. Ganosch öffnete die Küchentür einen Spalt, weil er Tee wollte und die Küche auf dem Weg lag.
Er sah: Tick, mit Mehl bis hinter die Ohren. Drei Schüsseln, jede ein anderes Missgeschick. Eine graue Masse auf dem Herd. Teig auf dem Boden, Teig auf dem Tisch, Teig auf dem umgekippten Vanillekrug.
Ganosch öffnete die Tür keinen Spalt weiter.
Tick schaute zurück.
„Ich wollte nur Tee."
„Nein."
Ganosch machte einen Schritt rückwärts und schloss die Tür. Ohne ein Wort. Den Tee würde er aus der Reservekanne im Archiv nehmen.
Zehn Minuten später schob jemand ein Stück Papier unter der Tür durch. Es war nicht Ticks Schrift — es war Isis Schrift, klein und genau:
Butter aus dem Schrank, 20 Minuten vor dem Mischen. Seite 91.
Tick schaute auf das Papier. Dann auf die Uhr. Dann auf den Tisch, auf dem die Butter schon seit zehn Minuten lag.
„Das weiß ich."
Sie sagte es ganz leise, obwohl niemand draußen war. Dann rollte sie das Papier zusammen und steckte es in die Schürzentasche — weil es wichtig war, auch wenn es zu spät kam.
Banoo kam um sechs. Er schwebte durch die Küchentür und blieb stehen.
„Was ist das?"
„Notfallplan."
„Der Notfallplan ist… Grütze?"
„Es sollte Graubrotpudding werden. Es wurde Grütze."
Banoo schaute auf die drei Schüsseln. Auf den Zeitplan, halb im Teig versunken. Auf Tick, die kerzengerade dastand — mit der Geradheit von jemandem, der beschlossen hat, nicht aufzugeben, auch wenn ringsum alles auseinanderläuft.
„Soll ich helfen?"
„Nein."
„Aber ich könnte doch die Schüsseln—"
„Es ist Brunos Geburtstag. Ich mach das fertig."
Banoo schaute sie an. Dann nickte er langsam.
„Ich bin draußen. Falls du mich doch brauchst."
Er schwebte hinaus. An der Tür hielt er kurz inne — eine Sekunde, kaum mehr. Dann war er weg.
Mato kam um Viertel nach sechs. Er sagte nichts. Er öffnete den Küchenschrank, suchte kurz und stellte einen Beutel Stärke neben den Herd — den hatte er am Nachmittag im Keller gesehen, als er Holz geholt hatte.
„Danke."
„Grütze braucht Stärke. Sonst wird sie zu dünn."
Er ging. Draußen schrieb er etwas in sein Notizbuch — aber was, das zeigte er niemandem.
Tick nahm die Stärke. Der vierte Versuch der Torte war der erste, bei dem alle drei Schichten gleichzeitig fertig wurden — wenn auch in verschiedenen Höhen, weil der mittlere Boden mehr aufgegangen war als die anderen beiden. Am Ende sah die Torte aus wie ein kleiner, entschlossener Hügel.
Die Kringel waren angesengt. Sie rochen nach Karamell.
Die Grütze war Grütze — schön dicklich, gleichmäßig und durchaus essbar.
Um acht Uhr stand alles auf dem Tisch.
Bruno trat herein. Diesmal hatte er rechtzeitig den Schwanz eingezogen, damit er nicht gegen den Türrahmen stieß — was bedeutete, dass er aufgeregter war, als er aussah.
Er sah die Grütze. Die angesengten Kringel. Den schiefen Tortenhügel.
Dann schaute er Tick an. Tick stand kerzengerade da, die Hände vor dem Bauch, das Mehl noch im Fell.
„Ich muss dir sagen, dass der ursprüngliche Plan — drei Schichten, Haselnusscreme — nicht ganz so geworden ist, wie ich—"
„Das sieht bootastisch aus."
Tick hielt inne.
„Das sieht überhaupt nicht—"
Bruno setzte sich. Er nahm sich einen Kringel — den angesengten — und biss hinein. Knusper.
„Der riecht nach Karamell."
„Der ist angebrannt."
„Ja. Karamell."

Er aß mit dem breitesten Grinsen des ganzen Abends. Die Grütze löffelte er mit dem großen Löffel, den Mato lautlos neben seinen Teller gelegt hatte, und ließ sich nachschöpfen, als wäre das selbstverständlich. Die Torte schnitt er quer durch die schiefen Schichten, hob ein Stück heraus und betrachtete es von der Seite.
„Grütze und Kringel und Torte. Alles auf einmal. Das hatte ich noch nie."
Er schaute in die Runde. Isi hatte die Hände um ihre Teetasse. Mato saß still da und hatte sich einen Kringel genommen — den zweiten, nicht den ersten. Banoo leuchtete in einem Orangeton, der bei ihm bedeutete: Er war sehr zufrieden, sagte es aber nicht.
„Ich wünsch dir noch mindestens zwanzig so bootastische Geburtstage."
„Mindestens."
Mato räumte still die leeren Schüsseln ab. Als er sah, dass Brunos Becher leer war, füllte er ihn nach, ohne dass Bruno darum gebeten hatte. Ganosch trank seinen Tee und sagte nichts — was bei ihm so viel wert war wie ein Lob. Und er hatte einen der angesengten Kringel genommen — nicht den ersten, den zweiten — und ihn gegessen, als wäre das ganz selbstverständlich.
Tick hatte das gesehen. Sie hatte ins Notizbuch geschrieben: Kringel: angesengt. Ganosch: einen gegessen. Dann hatte sie die Zeile wieder durchgestrichen — weil manche Dinge eben nicht ins Notizbuch gehören.
Banoo drehte drei Loopings über dem Tisch und strahlte dabei so hell, dass die Kerzen fast überflüssig wurden.
„Bootastischer Geburtstag!"
„Der beste, den ich je hatte."
Tick saß daneben. Erst zog sie noch die Schultern hoch — die Torte war nicht richtig, die Kringel angebrannt, die Grütze nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. Dann ließ sie die Schultern sinken.
Bruno schaute zu ihr herüber.
„Die Torte sollte eigentlich Haselnusscreme haben und eine Glasur, die—"
„Perfekt."
„Du hast die Torte noch gar nicht probiert."
„Ich meine ja auch nicht die Torte."
Tick schaute ihn an. Bruno schaute zurück — mit dem breiten, ruhigen Grinsen, das er hatte, wenn er etwas ganz ernst meinte und es trotzdem ganz leicht sagte.
Tick schlug ihr Notizbuch auf. Sie strich eine Zeile durch und schrieb etwas daneben.
Da stand jetzt: Ergebnis: ungenügend. Stimmung: bootastisch.
Den ganzen Tag hatte Tick um die perfekte Torte gekämpft — und am Ende stand nur ein schiefer Hügel auf dem Tisch, die Kringel angebrannt, die Grütze einfach Grütze. Bruno aber strahlte und sagte: „Perfekt." Tick schaute ihn an und wusste, dass er nicht die Torte meinte. Sie ließ ihren Notizbucheintrag genau so stehen: „Ergebnis: ungenügend. Stimmung: bootastisch."
Das könnte dich auch interessieren
Vorlesegeschichten
Kapitel 10 - Die Truhe aus dem Wasser
Eine geheimnisvolle Truhe, viel Spannung und ein gutes Ende: das siebte Kapitel aus Schloss Spukstein zum Vorlesen, Mitfiebern und Kuscheln.
Vorlesegeschichten
Kapitel 14 - Das große Missverständnis
Banoo hört nur einen halben Satz durch die Tür – und denkt, Tick findet ihn anstrengend. Was er nicht gehört hat, ändert alles.
Vorlesegeschichten
Kapitel 26 - 254 Jahre und eine Frage
Banoo fragt Isi: „Wirst du auch mal aufhören?" Isi antwortet ehrlich. Und zusammen bauen sie etwas, das bleibt – eine Tafel mit ihren Umrissen, nebeneinander.
Hier findest du weitere wichtige Kategorien
Kategorie
Kategorie
Kategorie
Kategorie
Kategorie
Kategorie
Kategorie
Kategorie
Kategorie


Schreibe einen Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.