
Kapitel 22 - Die Nacht im Sturm
Der Sturm kam von Nordwesten. Mato hatte ihn am Mittag am Himmel gesehen — eine bestimmte Art von Wolke, die er vom Meer kannte. Hoch, mit geraden Kanten, die Farbe zwischen Weiß und Grau, die bedeutete: heute Nacht. Er hatte es nicht gesagt, weil er nicht sicher war, ob es hier dasselbe bedeutete wie auf dem Meer.
Es bedeutete dasselbe.
Gegen Abend begann der Wind. Dann Regen. Dann wurde es dunkel — nicht der normale Dunkel des Abends, der kommt und geht, sondern der schnelle, vollständige, wie jemand, der eine Tür schließt und den Riegel vorlegt.
Die Lampe im Gemeinschaftsraum flackerte. Dann erlosch sie.
Tick holte die Notkerzen aus dem Schrank. Sie zündete drei an. Die vierte zündete nicht. Sie versuchte es zweimal, dann legte sie sie weg und nahm die Anzahl mit drei zur Kenntnis.
Der Wind fuhr durch die Ritzen in den Fensterrahmen. Die Vorhänge bewegten sich, obwohl die Fenster geschlossen waren. Ein Ast schlug einmal gegen das Ostfenster — laut, ohne Vorwarnung — und Bruno hielt die Luft an.
Dann: nichts. Nur der Wind weiter.
Banoo schwebte in die Mitte des Raumes und leuchtete. Er leuchtete immer, und in dieser Dunkelheit war es das Erste, was alle sahen — sein warmer, gleichmäßiger Schein, der die Mitte des Raumes erhellte wie eine Laterne, die nicht kippt.
„Das Schloss hält das aus. Es steht seit dreihundert Jahren."
„Ich weiß."
„Das war für mich."
Tick schaute ihn kurz an. Dann schrieb sie die Anzahl der Kerzen ins Notizbuch.
Mato stand am Fenster.
Er schaute hinaus, aber da war nichts zu sehen außer der Bewegung der Bäume, die man mehr ahnte als sah. Der Sturm rauschte gegen die Mauern und durch die Lücken im Stein und durch die Rillen der alten Schießscharten im Westflügel. Ein Ton wie das Meer — aber es war nicht das Meer. Es war der Wald, und er hörte sich falsch an.
Er kannte diesen Ton. Er kannte ihn aus den Nächten auf dem Schiff, wenn Sturm war und er in seiner Koje lag und das Holz des Schiffsrumpfes sich bewegte. Das Ächzen, das Drücken, das Geräusch von Wasser überall. Er hatte gelernt, in dieser Angst zu sitzen — ganz still, die Hände auf den Knien, warten bis es vorbeiging. Aber das hier war anders. Dieser Sturm war von außen. Und die Mauern standen.
Etwas berührte seinen Arm.
Tick stand neben ihm. Klein, in der Nachtschürze, den Stift noch in der Schürzentasche. Sie schaute auch zum Fenster.
„Ich mag das nicht."
Mato schaute sie an.
„Ich auch nicht."
„Es bricht nichts zusammen. Ich weiß das. Aber es klingt so."
„Ja. Es klingt so."
Sie standen eine Weile nebeneinander am Fenster, ohne noch etwas zu sagen. Banoo schwebte langsam näher — kein Looping, kein Wort. Er setzte sich auf die Fensterbank neben sie und leuchtete ein bisschen wärmer. Mehr brauchte es gerade nicht.
Bruno legte ohne Fragen eine Decke um Ticks Schultern. Sie ließ es zu.
Ganosch holte die letzte Kerze und stellte sie in die Mitte des Tisches, wo sie für alle zu sehen war.
Isi las weiter — Kerzenlicht reichte ihr — aber sie las diesmal langsamer als sonst.
Sie warteten.
Die Decke war warm. Der Tee, den Bruno gemacht hatte, auch. Draußen rauschte es weiter, einmal lauter, einmal leiser, wie Wellen, die kommen und gehen. Mato merkte nach einer Weile, dass er sich an die Wand gelehnt hatte — die Steine kalt durch den Stoff, aber sie standen. Sie standen, weil sie dreihundert Jahre gestanden hatten und weil Steine nicht anfangen zu wackeln, wenn Wind dagegen fährt.
Das half.
„Auf dem Schiff — wenn Sturm war — hat man irgendwann aufgehört zu warten, wann er endet."
„Und dann?"
„Dann war man einfach drin. Und dann war er irgendwann vorbei."
Tick dachte darüber nach.
„Ich bin noch nie irgendwo drin gewesen, das sich bewegt hat."
„Hier bewegt sich nichts."
„Nein. Das ist der Unterschied."

Banoo leuchtete. Bruno döste in seinem Sessel ein und schnarchte leise — was alle beruhigte, weil Bruno nicht schnarchen konnte, wenn er sich wirklich sorgte. Ganosch trank seinen Tee und las oder schaute in sein Buch; beides war von außen gleich.
Gegen Mitternacht wurde der Wind leiser.
Dann stiller. Dann hörte er auf.
Die letzte Kerze brannte noch.
Banoo schwebte zur Tür, öffnete sie und schaute in den Hof. Der Boden glänzte. Die Steine waren nass, das Pflaster schwarz vor Feuchtigkeit. Zwischen den Wolken: die ersten Sterne.
„Es ist vorbei."
Niemand sagte: Hab ich doch gewusst. Niemand sagte: Na siehst du. Es war einfach so wie es war.
Bruno wachte auf und machte Kamillentee. Er stellte ihn in die Mitte des Tisches, ohne zu fragen, wer welchen wollte. Alle wollten welchen.
Tick trank ohne Liste. Ganosch trank und schaute noch einmal zum Fenster — um sich zu vergewissern, nicht aus Angst.
Mato setzte sich ans Fenster und schaute in den Sternenhimmel. Er suchte die Konstellationen, die er kannte — der Fuhrmann, der Orion, der Große Wagen. Sie waren alle da. Er fand den Fuhrmann zuerst, weil er der Verlässlichste war.
Er schrieb drei Zeilen in sein Notizbuch. Was er schrieb, las er nicht noch einmal, er schrieb es nur auf, damit es irgendwo stand.
Dann schlief er ein, im Stuhl, die Hand noch auf dem Fenstersims. Banoo deckte ihn zu, sehr leise, mit dem Mantel, der auf dem Stuhl daneben lag.
Dann schwebte er zurück in den Raum und leuchtete, bis alle schliefen.
Das könnte dich auch interessieren
Vorlesegeschichten
Kapitel 18 - Grumbert in der Klemme
Grumbert verirrt sich im Wald. Bruno findet ihn – und bringt ihn ins Schloss. Grumbert muss die Nacht bleiben. Beim Aufbruch sagt er: „Das war akzeptabel."
Vorlesegeschichten
Kapitel 19 - Tick und das Zuviel
Tick hat sechs Listen und bearbeitet alle gleichzeitig. Mato findet sie hinter dem Mehlsack. „Ich wollte nur fertig sein." – „Mit was?" – „Mit allem."
Vorlesegeschichten
Kapitel 13 - Grumbert und der große Plan
Grumbert ist zurück – diesmal mit einer Geisterfalle aus Töpfen, Seilen und einem Wetterhahn. Ganosch landet wieder im Netz.
Hier findest du weitere wichtige Kategorien


Schreibe einen Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.