
Kapitel 22 - Tick und das Zuviel
In der Schlossküche lagen sechs Listen auf dem Tisch. Tick hatte normalerweise drei. Manchmal vier. Fünf war schon viel. Jetzt waren es sechs — und die Küchenliste lag in der Bibliothek, der Bibliotheksindex war erst halb fertig, und das Westfenster schloss noch immer nicht richtig. Tick lief von einem Raum zum nächsten und wusste gerade selbst nicht mehr, wo oben und unten war.
Angefangen hatte alles damit, dass die Küchenvorräte aufgefüllt werden mussten. Eine Liste. Dann hatte Tick das Kartenarchiv aus der Höhle entdeckt, das noch niemand sortiert hatte — eigentlich erst eine Aufgabe für nächsten Monat. Aber jetzt war es ihr aufgefallen. Und was Tick auffiel, das kam auf eine Liste. Zweite Liste. Dann die Bibliothek, die einen neuen Index brauchte. Dritte. Brunos Werkzeug lag in der falschen Kammer. Vierte. Die Vorräte mussten neu geordnet werden. Fünfte. Und das Westfenster schloss nicht richtig — das merkte sie auf dem Weg in die Küche. Und merken hieß: aufschreiben.
Sechs.
Es gab inzwischen sogar eine Liste, auf der alle anderen Listen standen. Tick fand das vollkommen vernünftig.
Am Montag hatte sie noch drei Listen gehabt und gedacht: machbar. Am Dienstagmorgen waren es sechs — und sie merkte, wie alles auseinanderlief.
Um acht Uhr schwebte Banoo durch die Küche und sah Tick dreimal in fünf Minuten herein- und wieder hinauslaufen — einmal für den Stift, einmal für die falsche Liste und einmal für den Stift, den sie schon in der Hand hielt und gerade suchte.
„Tick?"
„Nicht jetzt."
„Kannst du kurz—"
„Ich muss zur Bibliothek und dann in die Speisekammer und dann ist da noch das Westfenster—"
„Ich frag später."
Er schwebte aus dem Weg, weil er merkte: aus dem Weg schweben war gerade das Hilfreichste, was er tun konnte. Er setzte sich auf den Fenstersims und leuchtete dort ruhig — so wie immer, wenn er warten konnte, ohne sich aufzudrängen.
Mato fand sie am Mittwochnachmittag in der Speisekammer, hinter dem großen Mehlsack.
Sie saß auf dem Boden, die Pfoten um die Knie gezogen. Alle sechs Listen lagen um sie herum auf den Steinfliesen — jede bis zum Rand beschrieben, jede mit mindestens einer Unterliste, die wieder neue Unterlisten nach sich gezogen hatte.
Mato blieb in der Tür stehen.
Er sagte nicht: Was ist los. Er sagte nicht: Brauchst du Hilfe. Er setzte sich neben den Mehlsack — nicht neben Tick, einfach neben den Mehlsack — und wartete.
Sie saßen eine Weile. Die Speisekammer roch nach Mehl und getrocknetem Thymian. Von draußen war nichts zu hören, weil die Kammer tief im Nordflügel lag. Es war einer der ruhigsten Orte im ganzen Schloss. Sonst mochte Tick das nicht besonders. Jetzt schon.
„Ich wollte nur fertig werden."
„Womit?"
„Mit allem."
Mato schaute auf die Zettel. Sechs Stück, dicht beschrieben, mit Unterlisten in immer kleinerer Schrift bis auf die Rückseiten.
„Welche davon muss heute fertig sein?"
Tick musste nachdenken.
„Keine."
„Welche bis Freitag?"
„Die Vorräte. Und die Bibliothek."
„Und was davon können andere übernehmen?"
Eine längere Pause.
„Bruno könnte sein Werkzeug selbst räumen. Es ist ja sowieso seins. Und Isi würde den Bibliotheksindex sowieso anders machen. Wahrscheinlich besser."
„Dann gib ihr die Liste."
„Aber ich hab sie angefangen."
„Das spielt keine Rolle."
„Doch."
„Für wen?"
„Für mich."
„Ja. Das hab ich mir gedacht."
Er nahm drei der Zettel und legte sie zusammen — nicht ordentlich gestapelt, einfach zusammen.
„Diese hier — nächste Woche. Diese — Freitag. Und diese — morgen, aber nur eine einzige Sache. Keine Unterliste."
Tick schaute auf die neu sortierten Zettel.
„Das ist noch genauso viel Arbeit."
„Ja. Aber es sieht kleiner aus. Manchmal hilft das schon."
Tick nahm die Eine-Sache-Liste. Die anderen faltete sie zusammen und steckte sie weg.
„Ich hab Angst, dass ich nicht mehr gebraucht werde, wenn ich Sachen abgebe."
„Wofür gebraucht?"
„Überhaupt. Dass mich keiner mehr braucht."
Mato schaute auf den Thymian an der Wand, der sich ein bisschen bewegte, obwohl gar kein Wind ging.
„Du wirst gebraucht, weil du du bist. Nicht wegen der Listen."
Tick schwieg lange.
Dann faltete sie die Eine-Sache-Liste noch einmal und steckte sie in die Schürzentasche.
„Das war hilfreich."
„Gut."
„Das machst du öfter, oder? Sachen sortieren, wenn jemand anderes nicht mehr weiterweiß."
„Das hab ich auf dem Schiff gelernt. Wenn sich die Fracht verschiebt, muss sie jemand neu verteilen, bevor das Schiff kippt. Da wartet man nicht, bis man gefragt wird."
„Ich bin aber kein Schiff."
„Nein. Aber es funktioniert trotzdem gleich."
„Du musst nicht so unbeteiligt klingen."
„Ich bin beteiligt. Ich klinge nur so."
Tick stand auf. Mato wollte auch aufstehen — und verdrehte sich dabei das Knie, weil die Steinfliesen glatt waren und er zu schnell hochkam. Er machte ein Geräusch, das kein richtiges Wort war.
Tick reichte ihm die Hand. Er nahm sie. Beide zogen, und er stand.
Sie sagten nichts darüber.

An der Tür blieb Tick kurz stehen.
„Bruno. Ich hätte ihn fragen sollen, ob er sein Werkzeug selbst räumen will."
„Ja."
„Ich hab einfach angenommen, es ist egal."
„Das war falsch."
„Ja. Ich frag ihn."
Sie ging zur Werkzeugkammer und fand Bruno dort — er sortierte das Werkzeug gerade ein. Nicht nach Ticks Liste, sondern nach seiner eigenen Ordnung, die er nie aufgeschrieben, aber immer im Kopf hatte.
„Ist das so richtig für dich?"
„Die Sägen getrennt von den Hämmern. So mach ich das immer."
„Dann so."
Sie strich die Werkzeug-Zeile von der Liste.
Am Nachmittag brachte sie Isi einen Zettel. Isi las ihn und schaute kurz auf.
„Du weißt, dass ich den Index sowieso umbauen wollte?"
„Ich weiß."
„Gut. Dann mach ich es nach meinem System."
„Einverstanden."
Isi fing sofort an. Tick stand eine Weile daneben und schaute zu — und merkte, dass Isis System tatsächlich besser war als ihr eigenes. Sie öffnete den Mund, sagte aber nichts und ließ es so. Das war schwerer als jeder Gegenvorschlag.
Dann ging sie in die Küche und arbeitete die Eine-Sache-Liste ab. Eine Sache: die Vorräte. Übersicht schreiben, ohne Unterliste.
Um vier Uhr nachmittags war es abgehakt.
Sie legte den Stift hin und schaute auf das leere Kästchen neben dem letzten Punkt. Dann aus dem Fenster. Bruno hackte Holz — sie hörte den gleichmäßigen Rhythmus, der immer dann am gleichmäßigsten war, wenn es ihm gut ging. Heute war er gleichmäßig.
Tick saß eine Weile einfach so da. Das war ungewohnt. Dann holte sie einen neuen Zettel heraus.
Er blieb leer.
Sie schaute aus dem Fenster. Der Hof, die Steine, Bruno auf der Holzbank, der ein Messer schärfte — ruhig, in seinem eigenen Takt. Isi lief mit einem Buch unter dem Arm über den Hof, ganz ohne Eile.
Tick schaute eine Weile. Dann steckte sie den leeren Zettel weg.
Bruno klopfte kurz an der Küchentür, bevor er hereinkam — eine neue Gewohnheit, seit Neuestem. Tick hatte das bemerkt und nichts dazu gesagt. Aber sie hatte ins Notizbuch geschrieben: Bruno klopft jetzt. Kein Kommentar. Nur der Fakt. Manchmal sind Fakten genug.
„Riecht gut hier."
„Ich mach Abendsuppe."
„Soll ich Brot schneiden?"
„Wenn du möchtest."
„Ich möchte."
Er holte das Brot. Tick kochte die Suppe. Sie sagten nicht viel. Auch das war gut.
Sechs Listen hatte Tick gehabt und keine einzige geschafft — bis Mato ihr half, eine nach der anderen abzugeben. Am Ende hakte sie eine einzige Sache ab und ließ den nächsten Zettel einfach leer liegen. Am Morgen fragte Bruno, wo das kleine Handsieb sei. Sie wusste es sofort, ohne nachzuschauen. Das stand auf keiner Liste.
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