
Kapitel 21 - Grumbert in der Klemme
Der Wald oberhalb von Spukstein war nicht groß, aber alt — und alte Wälder verschieben ihre Wege, ohne jemanden zu fragen. Das hatte Grumbert nicht eingeplant. Am frühen Nachmittag war er mit Laterne, Netz, Handbuch und festem Vorsatz losgezogen. Um sechs Uhr abends stand er auf einem Weg, der nirgendwohin führte. Sein rechtes Bein war verdreht, das Handbuch aufgeweicht, und auf dem Ast über ihm saß der Rabe und schaute auf ihn herunter.
Grumbert hatte einen Plan gehabt. Im Handbuch stand unter Kapitel 17: Phänomene der Klasse B sammeln sich oft an Orten mit hoher Erdenergie. Waldkuppen, alte Quellen, Kreuzungen von Flussarmen. Der Wald über Spukstein hatte all das. Also war Grumbert am frühen Nachmittag hineingegangen, mit Laterne, Netz, Handbuch und festem Vorsatz.
Der Plan funktionierte bis drei Uhr nachmittags. Dann kam Grumbert an eine Stelle, die auf der Karte ganz geradeaus aussah — aber in Wirklichkeit gingen dort drei Wege nach vorn, und keiner sah aus wie der Hauptweg. Er wählte den mittleren.
Das war falsch.
Gemerkt hat er es erst um halb fünf — als er wieder auf genau derselben Lichtung herauskam, von der er vor einer Stunde losgegangen war. Genau das machen alte Wälder: Wege rutschen nach Regen, Lichtungen sehen plötzlich doppelt aus, wenn man im Kreis läuft, ohne es zu merken.
Um sechs Uhr stand Grumbert auf einem schmalen Weg, der nirgendwohin führte und auf keiner Karte stand. Das Handbuch war aufgeweicht, weil er im Halbdunkel in eine Quelle getreten war, die laut Handbuch genau dort sein sollte — nur leider einen Meter tiefer. Platsch. Sein rechtes Bein war verdreht — kein Bruch, aber unangenehm. Und auf dem Ast über ihm saß der Rabe und schaute so vorwurfsvoll herunter, wie ein Rabe eben schauen kann.
Grumbert war seit zwei Jahren Geisterjäger. Er kannte vierzig Arten, einen Phänomenfall aufzuschreiben. Aber wie man aus diesem Wald wieder herauskam, das wusste er nicht. Und genau das war das Problem.
Bruno machte seinen Abendspaziergang am Waldrand — den machte er immer, auch bei Regen, weil die Bäume dann besonders gut rochen. Er hatte eine Laterne dabei und keinen besonderen Plan.
Da hörte er ein Geräusch. Und dann sah er zwischen den Bäumen das Licht von Grumberts Laterne — unregelmäßig, wie bei jemandem, der nicht weiß, in welche Richtung er soll.
Bruno blieb stehen. Dann ging er in den Wald hinein.
Er fand Grumbert auf einem Baumstumpf am Rand eines Weges, der nirgendwohin führte. Der Hut saß schief, der Mantel war nass, das aufgeweichte Handbuch lag auf seinen Knien. Grumbert erkannte Bruno. Sein Gesicht machte kurz viele Dinge gleichzeitig. Dann machte es gar nichts mehr.
„Ich bring dich ins Schloss."
„Das ist nicht—"
Bruno kniete sich hin und schaute sich das Bein an.
„Kannst du laufen?"
„Natürlich kann ich—"
„Ich frag, weil ich dir helfen würde. Falls nicht."
Grumbert schwieg. Dann stand er auf — langsam und ziemlich schief.
„Ich kann laufen."
Bruno reichte ihm die Laterne.
„Nimm die. Den Weg kenn ich auch im Dunkeln."
Der Rückweg dauerte zwanzig Minuten. Bruno ging voran — ruhig, gleichmäßig, mit dem Schritt von jemandem, der genau weiß, wo er hinmuss. Grumbert humpelte hinterher. Das Bein wurde mit jedem Schritt ein bisschen schiefer, aber es ging.
Eine Weile sagten sie nichts. Die Bäume rauschten. Der Rabe flog vor ihnen her, setzte sich auf einen Ast, wartete, flog weiter — ganz sicher und ohne ein einziges Zögern, als hätte er den Weg aus dem Wald die ganze Zeit gekannt. Vermutlich hatte er das auch.
„Ich hätte früher umkehren sollen."
„Ja."
Eine Pause.
„Das weiß ich."
„Ich weiß, dass du es weißt."
Sie gingen weiter. Grumbert schaute auf den Rücken des großen Krokodils vor ihm — auf den gleichmäßigen Schritt und die Laterne, die er selbst trug und die Bruno gar nicht vermisste.
Es war spät, als sie ankamen.
Tick machte Suppe, ohne zu fragen. Pastinaken, Lorbeer und etwas Undefinierbares, das sehr gut roch. Isi schaute sich das Bein an und erklärte, es solle morgen geschont werden, und er solle auf gar keinen Fall wieder in den Wald — was Grumbert mit einem Nicken bestätigte, das kein Versprechen war und auch keines sein wollte.
Ganosch betrachtete das aufgeweichte Handbuch aus einiger Entfernung und sagte nichts. Was bei ihm die freundlichste Reaktion auf Grumbert bisher war.
Banoo schwebte hin und her und wollte unbedingt helfen.
„Bitte schweb woanders."
„Ich kann auch woanders leuchten."
„Ja. Das wäre gut."
Tick brachte Grumbert in die Gästekammer im Nordflügel. Vorbereitet hatte sie sie nicht, weil sie ihn nicht erwartet hatte. Aber das Laken war frisch — das Laken war immer frisch —, und auf dem kleinen Tisch stand ein Krug Wasser, weil dort immer einer stand. Grumbert setzte sich auf die Bettkante und schaute sich um: die Kalkwände, der Balken, das Fenster zum Hof.
Tick stellte die Suppe auf den Tisch.
„Heiß. Iss, bevor sie kalt wird."
Das war alles. Dann ging sie.
Er aß die Suppe — ganz, bis auf den letzten Löffel. Dann saß er am kleinen Fenster und schaute auf den dunklen Hof.
Der Rabe saß auf der Fensterstange und putzte sein Gefieder.
Grumbert schaute auf das Handbuch, das auf dem Fensterbrett lag. Die Tinte der letzten Seiten war verlaufen, die Zeilen nicht mehr zu lesen. Er wusste, was dort gestanden hatte — er hatte es ja selbst geschrieben. Aber jetzt sah er das Schloss: die Küche, wo Tick abwusch. Den Hof, wo Mato noch eine Runde drehte, bevor er schlafen ging. Das Leuchten aus Banoos Zimmer.
Er schrieb nichts ins Handbuch. Er klappte es zu.
Am Morgen war das Bein besser. Er packte die Tasche — das Handbuch zuletzt, weil er noch nicht wusste, was er damit machen sollte.
Tick stand in der Küchentür.
„Frühstück ist fertig."
„Ich wollte eigentlich—"
„Es ist fertig."
Er aß das Frühstück. Es gab Brot, Käse, ein gekochtes Ei und Tee. Er aß alles auf, sogar das Ei, das er sonst immer liegen ließ. Es war das Frühstück von jemandem, der sich um ihn gekümmert hatte, ohne dafür eine Liste zu brauchen. Das fiel ihm auf.

Bruno saß ihm gegenüber und trank seinen Morgentee, als wäre das selbstverständlich. Er fragte Grumbert, ob er wisse, dass Waldwege nach Regen manchmal bis zu zwanzig Meter aus ihrer Spur rutschen, weil der Boden nachgibt. Grumbert wusste das nicht. Er schrieb es sich nicht auf. Aber er merkte es sich.
Tick stand in der Küchentür und schaute, wie Grumbert seine Tasche schnürte. Dann ging sie zur Gästekammer. Das aufgeweichte Handbuch stand noch auf dem Fensterbrett — sie hatte es so hingestellt, dass es gleichmäßig trocknete. Kurz überlegte sie, ob sie es ihm bringen sollte. Dann ließ sie es stehen. Er würde es schon sehen, wenn er es wollte.
Er sah es. Er nahm es und steckte es in die Tasche, ohne ein Wort. Dann packte er den Rest zusammen.
Am Tor räusperte sich Grumbert. Banoo schwebte mal wieder viel zu nah.
„Das war — das war akzeptabel."
„Du kannst wiederkommen. Ohne Netz, wenn du willst."
Grumbert schaute auf das Tor. Auf Banoo. Auf den Raben, der schon auf dem Hut saß. Er hob den Hut kurz an und ging — den Hang hinunter, mit dem leicht schiefen Schritt von jemandem, dessen Bein noch nicht ganz wieder mitspielte.
Mato stand auf dem Wehrgang und sah ihm nach, bis er hinter der Baumreihe verschwunden war. Dann schrieb er in sein Notizbuch: Grumbert. Im Wald verirrt. Hat das Frühstück aufgegessen — bis aufs letzte Ei. Kam ohne Netz und ging ohne Geist. Gutes Zeichen.
Dann ging er in den Hof.
Tick schrieb gerade in ihr Notizbuch.
„Was hast du geschrieben?"
„Fortschritt."
„Was für ein Fortschritt?"
„Seiner."
Sie sagte es, als wäre es selbstverständlich. Dann klappte sie das Notizbuch zu und schaute kurz aus dem Fenster, den Pfad hinunter, der jetzt leer war. Der Rabe war verschwunden. Das hieß: Grumbert war schon weit genug weg.
„Er kommt wieder."
„Wahrscheinlich."
„Das klingt, als wärst du nicht dagegen."
Tick legte das Notizbuch auf den Tisch. Sie antwortete nicht — was bei ihr manchmal so viel hieß wie: Du hast recht.
Im Wald hatte sich Grumbert verirrt, mit verdrehtem Bein und aufgeweichtem Handbuch — und Bruno hatte ihn einfach gefunden und nach Hause gebracht. Es gab Suppe, ein frisches Laken und am Morgen ein Frühstück, für das niemand eine Liste gebraucht hatte. Grumbert steckte sein getrocknetes Handbuch ein und ging. „Er kommt wieder", sagte Banoo. Tick antwortete nicht — und das hieß bei ihr manchmal: Ich hoffe es auch.
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