
Kapitel 28 - Das alte Lied
Im Herbst sollte die alte Kammer im Ostflügel aufgeräumt werden — so wie eigentlich jedes Jahr. Dieses Jahr passierte es auch wirklich. Tick schob einen schweren Schrank zur Seite, und dahinter stand eine Schatulle. Klein, mit Eisenbeschlägen, gut verschlossen. Auf dem Deckel nur eine einzige eingeritzte Linie. Tick rief die anderen. So etwas öffnet man nicht allein.
Sie ließ das Fundstück liegen, genau so, wie es war, und rief vom Gang nach unten — einmal, ohne Erklärung, nur die Namen. Ihre Stimme war ruhig, kein Alarm. Aber sie hatte den Stift in der Hand und machte keine einzige Notiz. Was bei Tick eine Menge sagte.
Alle kamen. Banoo war als Erster da. Ganosch als Letzter — aber noch bevor Tick anfangen konnte.
Tick öffnete den Deckel. Er klappte schwer auf, weil das Scharnier verrostet war — knaaarz. Sofort kam der Geruch von altem Papier heraus. Nicht unangenehm, eher wie alte Bücher, die lange an einem sehr ruhigen Ort gelegen haben. Alle standen ganz still. Tick hielt den Deckel offen. Niemand griff als Erster hinein.
In der Schatulle lagen auf einem Stück altem Tuch Notenblätter. Acht Seiten, eng beschrieben, mit einer Handschrift, die nach Eile aussah — oder nach jemandem, für den das Schreiben langsam ging und die Noten schnell kamen.
„Das ist eine Notenschrift. Sehr alt. Die Zeichen sehen etwas anders aus als heute."
„Was steht oben?"
Isi hob das erste Blatt vorsichtig an. Oben links stand eine halb verblasste Angabe: ein Ortsname — Steinlicht — und eine Jahreszahl: 1803. Der Name dessen, der die Noten aufgeschrieben hatte, war verblasst, nicht mehr zu lesen.
„Steinlicht. Das war der alte Name."
„Jemand hat hier Noten aufgeschrieben. In diesem Schloss. Vor zweihundert Jahren."
„Kann jemand lesen, wie die Melodie geht?"
Isi schaute auf die ersten Zeilen. Sie konnte Noten gut lesen — sie hatte als junges Tier Musik gelernt, bevor ihr Bücher wichtiger wurden. Ihre Lippen bewegten sich leise.
Dann summte sie die erste Zeile. Leise und vorsichtig, als wäre die Melodie etwas, das man nicht zu laut anfassen darf.
Und Banoo kannte sie.
Er hätte nicht sagen können, woher. Sie war einfach da. So wie er wusste, wo der Rittersaal war und welche Stufe im Korridor knarzte — Dinge, die er irgendwann gelernt hatte, ohne zu merken, wann.
Er summte einfach weiter, dort, wo Isi aufgehört hatte.
Isi hörte auf. Schaute ihn an. Banoo summte die zweite Zeile. Dann die dritte.
Die anderen standen still. Tick hatte den Stift in der Hand, schrieb aber nichts. Bruno hatte die Hände ganz ruhig flach auf dem Tisch. Mato schaute Banoo an und sagte kein Wort.
Isi summte die vierte Zeile. Banoo folgte. Dann wechselten sie sich ab — Isi las, Banoo ergänzte — und nach und nach war die ganze Melodie im Raum. Sie war einfach. Nicht sehr lang. Eine Melodie, die kam und wiederkehrte und am Ende leiser wurde, nicht schneller.
Sie sangen sie einmal ganz durch, dann noch ein halbes Mal, weil Isi nicht sicher war, ob sie am Ende richtig abgesetzt hatte. Banoo summte die letzte Note nach. Das war richtig. Die anderen standen ganz still dabei. Niemand räusperte sich, niemand rührte sich.
Als sie fertig waren, war es eine Weile still.
„Ich kenne das. Ich weiß nur nicht, woher."
„Vielleicht warst du dabei, als es gespielt wurde."
„Vor zweihundert Jahren?"
„Du bist zweihundertvierundfünfzig."
„Ja. Aber ich erinnere mich nicht—"
„Vielleicht nicht als Erinnerung. Vielleicht nur als Kennen."
Banoo summte die letzte Note der ersten Zeile noch einmal leise nach. Er wusste nicht, ob er es mit Absicht tat.
Dann schaute er auf die Notenblätter. Auf die verblasste Handschrift. Auf die Stelle, wo ein Name hätte stehen können.
„Jemand hat das hier zurückgelassen."
„Ja."
„Aber das Lied ist noch da."
„Das ist es."

Bruno räusperte sich. Er hatte Tränen in den Augen — nicht viele, aber er räusperte sich trotzdem. Er schaute auf die Notenblätter, nicht auf die anderen, weil er wusste, dass sein Gesicht nicht gut darin war, etwas zu verbergen.
Tick schrieb einen einzigen Satz ins Notizbuch: Das Lied bleibt. Sie schrieb ihn einmal, strich ihn nicht durch und fügte keine Unterliste hinzu. Es war der kürzeste Eintrag seit Monaten — und der einzige, den sie beim ersten Versuch stehen ließ.
Ganosch schaute auf die Notenblätter. Er sagte nichts. Dann streckte er einen Finger aus und legte ihn kurz auf den Rand des ersten Blattes — nicht auf die Schrift, nur auf den Rand. Wie jemand, der bestätigt, dass etwas wirklich da ist. Dann zog er den Finger zurück.
„Kann man das wieder spielen?"
„Wenn jemand ein Instrument hätte."
„Ich hab eine Trommel."
„Eine Trommel ist kein Instrument für so ein Lied."
„Ich könnte den Rhythmus machen."
Niemand widersprach, dass Bruno den Rhythmus machen sollte.
Sie legten die Notenblätter zurück in die Schatulle und stellten sie ins Regal der Bibliothek, neben Isis Bücher. Dorthin, wo man sie wiederfand, wenn man suchte.
In den nächsten Tagen kam jeder einmal an der Schatulle vorbei. Keiner sagte es. Es fiel trotzdem auf, weil Isis Regal direkt daneben stand, und wer etwas aus der Bibliothek holte, blieb manchmal kurz davor stehen. Ganosch rückte die Schatulle einmal einen halben Zentimeter nach rechts. Natürlich.
Abends summte Banoo die Melodie noch einmal, ganz leise, während er durchs Schloss schwebte. Nicht für jemanden. Einfach so, wie man ein Lied summt, das man kennt. Durch die Bibliothek, durch die Küche, durch den langen Korridor mit dem Bogenfenster. Er hielt bei keinem Zimmer an. Er summte einfach, weil die Melodie da war und er nicht wusste, wo er sie sonst lassen sollte.
Mato hörte es aus dem Korridor. Er blieb stehen, die Hand noch am Türrahmen, und lauschte, bis Banoo außer Hörweite war. Dann ging er in sein Zimmer, setzte sich und schrieb die Melodie so gut er konnte auf — nicht als Noten, weil er keine kannte, sondern als Klang: ta-ta-taaa, ta-ta-ta, ta-taaaa. Es war keine richtige Aufzeichnung. Aber er wollte, dass irgendetwas davon blieb, falls die alten Notenblätter eines Tages nicht mehr zu lesen wären.
Er klappte das Notizbuch zu und legte es hin.
Hinter einem Schrank hatten sie Notenblätter von 1803 gefunden — und Banoo kannte die Melodie, ohne zu wissen, woher. Der, der sie einst aufgeschrieben hatte, war längst fort. Aber das Lied war noch da. In der nächsten Woche klopfte Bruno beim Holzhacken den Rhythmus dazu, ganz von selbst. Tick rief aus dem Küchenfenster: „Das ist das Lied aus der Schatulle!" Bruno klopfte weiter. Und Tick ließ das Fenster offen und hörte zu.
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