
Kapitel 29 - Matos Brief
An einem Januarmorgen lag ein Brief auf dem Frühstückstisch — auf Matos Platz, mit drei Weiterleitungsstempeln auf dem Umschlag. Die Handschrift kannte er. Von ganz weit her. Tick hatte den Brief dort hingelegt und nichts gesagt. Mato las ihn allein, noch bevor die anderen aufstanden.
Tick hatte ihn als Erste gefunden, kurz nach sechs, als sie die Küche aufschloss. Sie schaute auf den Umschlag. Die Stempel: vom Küstengebiet, dreimal weitergeleitet, zuletzt nach Bärental. Die Handschrift: fein, mit langen Schwüngen, wie bei jemandem, der in einer anderen Sprache zu Hause ist und in dieser hier ganz besonders sorgfältig schreibt. Tick kannte die Handschrift nicht. Sie wusste nur: Der Brief kam von weit her. Weiter als alles, was bisher den Weg nach Bärental gefunden hatte. Sie legte ihn auf Matos Platz und sagte nichts.
Mato las den Brief in der Küche, allein, bevor die anderen aufstanden. Als Tick um sieben hereinkam, saß er da, den Brief zusammengefaltet vor sich auf dem Tisch, die Tasse dampfend, die Hände um den Becher.
Tick machte Tee für alle. Sie füllte Matos Tasse nach. Sie sagte nichts.
Mato trank.
Den ganzen Morgen sagte Mato wenig. Das war bei ihm nicht ungewöhnlich. Aber es war eine andere Stille als sonst — alle merkten es, auch wenn niemand etwas sagte.
Bruno kochte das Mittagessen und machte viel mehr als nötig: eine Linsensuppe, die locker für acht gereicht hätte, obwohl sie nur zu sechst waren, und schnitt dann noch so viel Brot, bis auf dem Tisch fast kein Platz mehr war. Er wusste, dass er das tat. Er hörte trotzdem nicht auf — Kochen war eben das, was seine Hände taten, wenn sein Kopf woanders war.
Isi räumte Bücher um. Drei Regale, die sie schon vor zwei Wochen geordnet hatte. Sie sortierte ein System in ein anderes, das eigentlich dasselbe meinte, sich nur ein bisschen anders anfühlte. Manchmal half das.
Banoo schwebte gedämpfter als sonst und drehte keinen einzigen Looping. Das war von ihm das Deutlichste, was er sagen konnte.
Ganosch trank seinen Tee und schaute in sein Buch. Tick schrieb an einem Bericht, der nicht fertig wurde — sie fing denselben Satz dreimal an und strich ihn dreimal durch, was ihr sonst nie passierte.
Beim Mittagessen sagte Mato: Die Suppe ist gut. Das stimmte. Bruno nickte, ohne aufzusehen.
Nach dem Essen stieg Mato auf den Wehrgang.
Eine Weile stand er einfach oben. Der Frost hatte die Steine weiß überzogen. Unten lag Bärental, klein und still, die Schornsteine rauchten. Mato legte eine Hand auf die Mauerkante. Der Stein war kalt — aber nicht so kalt, dass man die Hand wegnehmen musste.
Er dachte an seine Insel. An den Geruch von dort — Salz und Hibiskus und feuchter Stein nach dem Regen. An die Gesichter. An den Weg zum Wasser, den er blind kannte. An das Haus, das er verlassen hatte — oder das er hatte verlassen müssen. Vor zwei Jahren hatten die Piraten dort angelegt. Vor zwei Jahren hatte er aufgehört, dort zu sein.
Wenn er zurückkäme — er wusste nicht, ob alles noch genauso wäre. Ob die Menschen noch da waren. Ob jemand auf ihn gewartet hatte oder ob das Leben dort einfach weitergegangen war, so wie das Leben das tut.
Lange stand er da.
Dann dachte er an andere Dinge.
An das Steinbecken hinter der Scheune, wo Bruno ihn gehalten hatte, als er das Schwimmen ohne Angst lernte. An Isis Flug in der Abenddämmerung, schräg im Wind, aber entschlossen. An Ticks Stift, der manchmal einfach innehielt, weil sie zuhörte. An Banoos Leuchten in der Sturmnacht, das nicht ausgegangen war. An den Brief in Claras Schatulle: Wer es gemeinsam bis hierher schafft, kann alles gemeinsam schaffen.
Er legte die Hand flach auf den Mauerstein. Kalt, hart und sehr alt. Er stand schon seit dreihundert Jahren.
Dann ging Mato wieder hinunter.
Die Antwort schrieb er noch am selben Abend. Er saß am Schreibtisch in seiner Kammer — nicht groß, aber mit dem kleinen Regal, auf dem seine drei Bücher standen, und mit dem Blick auf den Hof, wenn man die Tür offen ließ. Er schrieb kurz, in seiner klaren Handschrift. Er schrieb, dass er bleibe. Dass es ihm gut gehe. Dass er sie nicht vergessen habe. Dann faltete er den Brief und legte ihn für den nächsten Morgen auf den Tisch.
Beim Frühstück setzte er sich hin. Trank einen Schluck Tee. Schaute kurz in die Runde.
„Ich hab geantwortet."
Tick hielt mitten im Schreiben inne.
„Und?"
„Ich bleibe."

Banoo wartete einen Moment, als wollte er sichergehen, dass er richtig gehört hatte. Dann drehte er drei Loopings, einen nach dem anderen, ohne Pause — und leuchtete dabei so hell wie an einem klaren Frühlingstag, heller als irgendwann in diesem ganzen Winter. Er sagte nichts. Die Loopings sagten alles, und jeder am Tisch wusste es.
Bruno legte die Gabel hin. Er schaute Mato an — mit dem Gesicht, das er hatte, wenn ihm etwas sehr viel bedeutete und er nicht wusste, wie er es sagen sollte. Also sagte er es nicht. Er nickte nur einmal, tief, und nahm die Gabel wieder.
Tick schrieb etwas ins Notizbuch. Ganz schnell, ohne aufzusehen, damit niemand merkte, dass ihre Hände einen Moment lang nicht ganz stillhielten. Was sie schrieb, war: Mato bleibt. Nur das. Ohne Unterliste. Es war das erste Mal seit Monaten, dass ein Eintrag so kurz war.
Isi schaute aus dem Fenster. Manchmal ist das der richtige Moment, um woandershin zu schauen.
Ganosch rückte sein dunkelgrünes Seidentuch gerade. Das war seine Antwort.
Mato trank seinen Tee aus. Er schaute auf den Hof — die Steine, den Frost, die zwei Türme, das Tor mit der Tafel. Er las den Satz, den er auswendig kannte: Wer hierher kommt, ist angekommen. Damals hatte er bei diesem Satz mitgemacht, weil er der einzige war, der sich richtig anfühlte. Jetzt las er ihn und dachte: ja.
Eigentlich hatte er es schon gewusst. Spätestens oben auf dem Wehrgang. Wahrscheinlich schon viel früher. Aber es war gut, es einmal laut gesagt zu haben.
Er stellte die Tasse hin. Draußen auf dem Hof fing der Frost an zu schmelzen — die ersten Stellen, wo die Sonne die Mauer traf. Der Winter würde noch eine Weile bleiben. Aber nicht für immer. Das war gut.
„Gibt es noch Tee?"
„Ja."
Sie stand auf und holte ihn, noch bevor er die Frage ganz zu Ende gestellt hatte. Das machte sie immer, wenn jemand nach Tee fragte — so war sie da, ohne etwas sagen zu müssen. Mato kannte das. Er nickte kurz, als sie die Tasse hinstellte. Tick nickte zurück und setzte sich wieder.
Das war genug.
Ein Brief aus seiner alten Heimat hatte Mato einen ganzen Tag lang still gemacht. Oben auf dem Wehrgang dachte er an die Insel — und an das Steinbecken, an Isis Flug, an Banoos Licht in der Sturmnacht. Dann wusste er es. „Ich bleibe", sagte er beim Frühstück, und Banoo drehte vor Freude drei Loopings. Später warf Mato den Brief in den Briefkasten in Bärental und blieb kurz am Flussufer stehen. Wo die Sonne die Mauer traf, fing der Frost schon an zu schmelzen. Dann ging er zurück zum Schloss.
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