
Kapitel 25 - Die Nacht im Sturm
Am Mittag stand Mato auf dem Wehrgang und schaute in den Himmel. Die Wolken am Nordwesthorizont hatten harte Kanten und eine bestimmte Farbe zwischen Weiß und Grau — die kannte er vom Meer. Er kannte sie sehr gut. Er sagte es Banoo, und Banoo sagte es Tick: Heute Nacht gibt es Sturm.
Am Nachmittag stand Mato noch einmal auf dem Wehrgang. Die Wolken hatten sich weiter vorgeschoben — nicht viel, aber genug. Banoo schwebte an ihm vorbei.
„Du schaust schon die ganze Zeit in den Himmel."
„Heute Nacht gibt es Sturm."
„Bist du sicher?"
„Auf dem Meer wäre ich sicher. Hier — ziemlich sicher."
Banoo schaute in den Himmel. Dann schwebte er in die Küche und sagte Tick Bescheid. Tick schrieb „Sturm — vielleicht heute Nacht" ins Notizbuch, holte die Notkerzen aus dem Keller und prüfte den Holzvorrat. Bruno schleppte zwei Armladungen extra herein, ohne dass jemand ihn gebeten hatte. Ganosch legte sich einen zweiten Schal zurecht.
Gegen Abend kam der Wind. Dann der Regen. Dann wurde es dunkel — nicht das normale Dunkel des Abends, das langsam kommt, sondern schnell und vollständig, als hätte jemand eine Tür zugemacht und den Riegel vorgelegt.
Die Lampe im Gemeinschaftsraum flackerte. Dann ging sie aus.
Tick holte die Notkerzen aus dem Schrank. Sie zündete drei an. Die vierte wollte nicht. Sie versuchte es zweimal, dann legte sie sie weg und merkte sich: drei.
Der Wind fuhr durch die Ritzen der Fensterrahmen. Die Vorhänge bewegten sich, obwohl die Fenster geschlossen waren. Ein Ast schlug einmal gegen das Ostfenster — KLACK, ganz ohne Vorwarnung — und Bruno hielt die Luft an.
Dann: nichts. Nur der Wind ging weiter.
Banoo schwebte in die Mitte des Raumes und leuchtete. Er leuchtete ja immer — und in dieser Dunkelheit war sein warmer, ruhiger Schein das Erste, was alle sahen. Wie eine Laterne, die nicht umkippt.
„Das Schloss hält das aus. Es steht schon seit dreihundert Jahren."
„Ich weiß."
„Das war auch eher für mich."
Tick schaute ihn kurz an. Dann schrieb sie die Anzahl der Kerzen ins Notizbuch.
Mato stand am Fenster.
Er schaute hinaus, aber da war nichts zu sehen außer den Bäumen, die sich bewegten — mehr zu ahnen als zu sehen. Der Sturm rauschte gegen die Mauern, durch die Lücken im Stein und durch die alten Schießscharten im Westflügel. Ein Ton fast wie das Meer. Aber es war nicht das Meer. Es war der Wald — und das hörte sich falsch an.
Mato kannte diesen Ton. Aus den Nächten auf dem Schiff, wenn Sturm war und er in seiner Koje lag und das Holz des Schiffsrumpfes ächzte. Damals hatte er gelernt, einfach in der Angst zu sitzen — ganz still, die Hände auf den Knien, warten, bis es vorbeiging. Aber das hier war anders. Dieser Sturm war draußen. Und die Mauern standen.
Etwas berührte seinen Arm.
Tick stand neben ihm. Klein, in der Nachtschürze, den Stift noch in der Tasche. Sie schaute auch zum Fenster.
„Ich mag das nicht."
Mato schaute sie an.
„Ich auch nicht."
„Es bricht nichts zusammen. Ich weiß das. Aber es klingt so."
„Ja. Es klingt so."
Sie standen eine Weile nebeneinander am Fenster, ohne noch etwas zu sagen.
Mato dachte: Auf dem Meer hätte er jetzt die Seile geprüft, die Luken kontrolliert, den Ausguck im Auge behalten. Hier war schon alles getan. Tick hatte dreimal nachgeschaut. Bruno hatte das Holz aufgefüllt, bevor man ihn fragen musste. Es gab nichts mehr zu prüfen. Übrig blieb nur das Warten — und das konnte Mato, weil er es schon oft getan hatte, auch wenn er es nie gern getan hatte.
Banoo schwebte langsam näher — kein Looping, kein Wort. Er setzte sich auf die Fensterbank neben sie und leuchtete ein bisschen wärmer. Mehr brauchte es gerade nicht.
Bruno legte Tick ohne ein Wort eine Decke um die Schultern. Sie ließ es zu.
Ganosch holte die letzte Kerze und stellte sie in die Mitte des Tisches, wo alle sie sehen konnten.
Isi las weiter — das Kerzenlicht reichte ihr — aber diesmal langsamer als sonst.
Sie warteten.
Die Decke war warm. Der Tee, den Bruno gemacht hatte, auch. Draußen rauschte es weiter, mal lauter, mal leiser, wie Wellen, die kommen und gehen. Nach einer Weile merkte Mato, dass er sich an die Wand gelehnt hatte — die Steine kalt durch den Stoff, aber sie standen. Sie standen, weil sie schon dreihundert Jahre gestanden hatten und weil Steine nicht anfangen zu wackeln, nur weil Wind dagegen drückt.
Das half.
Ganosch schenkte sich noch einmal Tee ein, ganz sorgfältig, als wäre es ein ganz normaler Abend. Seine Schritte im Haus waren ruhiger als sonst, sein Blick öfter am Fenster. Aber er saß und trank seinen Tee. Wie immer.
„Auf dem Schiff — wenn Sturm war — hat man irgendwann aufgehört zu warten, wann er aufhört."
„Und dann?"
„Dann war man einfach mittendrin. Und irgendwann war er vorbei."
Tick dachte darüber nach.
„Ich war noch nie in etwas drin, das sich bewegt hat."
„Hier bewegt sich nichts."
„Nein. Das ist der Unterschied."

Banoo leuchtete. Bruno döste in seinem Sessel ein und schnarchte leise — was alle beruhigte, weil Bruno nicht schnarchen konnte, wenn er sich wirklich sorgte. Ganosch trank seinen Tee und schaute in sein Buch; ob er las oder nur hineinschaute, war von außen nicht zu unterscheiden.
Gegen Mitternacht wurde der Wind leiser. Dann stiller. Dann hörte er ganz auf.
Die letzte Kerze brannte noch.
Banoo schwebte zur Tür, öffnete sie und schaute in den Hof. Der Boden glänzte. Die Steine waren nass, das Pflaster schwarz vor Feuchtigkeit. Und zwischen den Wolken: die ersten Sterne.
„Es ist vorbei."
Niemand sagte: Hab ich doch gewusst. Niemand sagte: Na siehst du. Es war einfach, wie es war.
Bruno wachte auf und machte Kamillentee. Er stellte ihn in die Mitte des Tisches, ohne zu fragen, wer welchen wollte. Alle wollten welchen.
Tick trank, ganz ohne Liste. Ganosch trank und schaute noch einmal zum Fenster — nur, um sich zu vergewissern, nicht aus Angst.
Mato setzte sich ans Fenster und schaute in den Sternenhimmel. Er suchte die Sternbilder, die er kannte — den Fuhrmann, den Orion, den Großen Wagen. Sie waren alle da. Den Fuhrmann fand er zuerst, weil er der Verlässlichste war.
Er schrieb drei Zeilen in sein Notizbuch. Was er schrieb, las er nicht noch einmal. Er schrieb es nur auf, damit es irgendwo stand.
Dann schlief er ein, im Stuhl, die Hand noch auf dem Fenstersims. Banoo deckte ihn ganz leise mit dem Mantel zu, der auf dem Stuhl daneben lag.
Er schwebte noch einmal durch den Raum. Tick hatte ihr Notizbuch zugeklappt und verkehrt herum auf den Tisch gelegt — als wollte sie heute Nacht keine Liste sein. Bruno schnarchte leise, die Hände auf den Knien. Isi hatte ihr Buch nur umgedreht auf den Schoß gelegt und schlief, die Brille noch auf der Nase. Ganosch saß aufrecht in seinem Sessel, wie immer, auch im Schlaf.
Banoo leuchtete nicht heller als nötig — nur so hell, dass er wusste, wo alle waren. Das reichte. Und so leuchtete er, bis alle schliefen.
Die ganze Nacht hatte der Sturm gegen die Mauern gedrückt, die Lampe war ausgegangen, ein Ast gegen das Fenster geschlagen. Aber die alten Steine hielten — und die Freunde saßen zusammen, mit Decke, Tee und Banoos Licht, das nicht ausging. Am Morgen roch das Schloss nach feuchtem Stein und frischer Luft. Tick öffnete das Fenster und schrieb ins Notizbuch: „Sturm: vorbei. Alles: noch da." Dann, nach einem Blick in die Runde, setzte sie zwei Wörter dazu: „Auch alle."
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