
Kapitel 25 - Das alte Lied
Beim Aufräumen der alten Kammer im Ostflügel – die immer aufgeräumt werden sollte und es nie wurde – fand Tick eine kleine Schatulle. Nicht die aus der Höhle. Eine andere. Kleiner, mit Eisenbeschlägen, gut verschlossen.
Sie öffnete sie nicht allein.
Sie rief alle zusammen. Banoo war als erster da. Ganosch als letzter, aber noch bevor Tick anfangen konnte.
In der Schatulle lagen, auf einem Stück altem Tuch, Notenblätter. Acht Seiten, eng beschrieben, mit einer Handschrift, die nach Eile aussah oder nach jemandem, für den Schreiben langsam war und Noten schnell.
Isi hob ein Blatt auf. Sie las die Noten mit dem Blick, mit dem sie alles las – ruhig, ein wenig nach innen.
Dann summte sie eine Zeile.
Banoo hörte sie.
Und er kannte sie.
Er wusste nicht woher. Er hatte die Melodie noch nie gehört und gleichzeitig immer. Sie saß irgendwo in ihm, an einem Platz, den er nicht oft besuchte – nicht weil er unangenehm war, sondern weil er sehr still war.
Er summte weiter.
Isi summt die nächste Zeile. Banoo folgte.
Die anderen standen still. Tick hatte den Stift in der Hand, aber sie schrieb nichts. Bruno hatte die Hände auf dem Tisch, ganz ruhig. Mato schaute auf Banoo – auf die Art, mit der man jemanden anschaut, wenn man etwas versteht, ohne es zu können.
Das Lied war einfach. Nicht sehr lang. Eine Melodie, die kam und wiederkehrte und am Ende leiser wurde, aber nicht aufhörte.
Als sie fertig waren, war es eine Weile still.
„Ich kenne das", sagte Banoo. „Ich weiß nicht warum."
„Vielleicht warst du dabei", sagte Isi, „als jemand es gespielt hat. Irgendwann."
„Vor zweihundert Jahren?"
„Vielleicht."
Banoo schaute auf die Notenblätter. Auf die Handschrift. Auf die Klammer oben auf der ersten Seite, wo ein Name gestanden haben könnte, aber die Tinte verblasst war.
„Jemand hat das hier gelassen", sagte er. „Der nicht mehr da ist."
„Ja."
„Aber das Lied ist noch da."
Isi legte das Blatt vorsichtig zurück auf das Tuch. „Das ist es."

Bruno räusperte sich. Er hatte Tränen in den Augen – nicht viele, aber er räusperte sich trotzdem, weil er hoffte, das half.
Tick schrieb einen einzigen Satz in ihr Notizbuch: Das Lied bleibt.
Ganosch schaute auf die Notenblätter. Er sagte nichts, aber er streckte einen Finger aus und legte ihn kurz auf den Rand des ersten Blattes.
Dann zog er ihn zurück.
Sie legten die Notenblätter zurück in die Schatulle. Nicht weil sie sie vergessen wollten, sondern weil Dinge manchmal besser aufgehoben sind, wenn man weiß, wo sie sind.
Die Schatulle stellten sie ins Regal der Bibliothek. Neben Isis Büchern. Dort, wo man sie wiederfand, wenn man suchte.
Abends summte Banoo die Melodie noch einmal, sehr leise, während er durchs Schloss schwebte. Nicht für jemanden. Einfach so.
Mato hörte es aus dem Korridor. Er blieb kurz stehen.
Dann ging er weiter, aber er trug die Melodie eine Weile mit sich.
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