
Kapitel 24 - Brunos Ausflug
Beim Frühstück war Brunos Platz leer. Auf dem Tisch lag ein Zettel: „Mühle. Flussaufwärts. Bin abends zurück. — Bruno." Die ganze Nacht hatte er daran gedacht. Nicht an die Mühle — sondern daran, wie es wohl wäre, einfach ganz allein loszugehen. Das hatte er noch nie gemacht.
Bruno mochte es, wenn jemand dabei war. Aber die ganze Nacht hatte er gedacht: Und wenn ich es einfach mal täte?
Beim Frühstück ließ er die anderen vorgehen. Dann legte er den Zettel auf den Tisch.
Er hatte überlegt, mehr zu schreiben. Aber dann hatte er es gelassen. Mehr war nicht nötig.
Er packte eine Brotdose, eine Feldflasche und seinen Werkzeugriemen ein — aus Gewohnheit, obwohl er gar nichts reparieren wollte. Mit dem Riemen fühlte er sich vollständiger. Er band ihn zweimal nach, weil er beim ersten Mal das Gefühl hatte, er säße nicht ganz fest.
Der Weg flussaufwärts war schmal und wechselte dreimal die Seite, weil der Abenbach sich durchs Tal schlängelte. An zwei Stellen gab es Brücken aus altem Holz, breit genug. Die dritte Stelle war eine Furt — das Wasser kaum kniehoch, die Steine flach und glitschig.
Bruno blieb kurz stehen. Das Wasser bewegte sich. Es rauschte leise um die Steine.
Mit großen, schnellen Schritten ging er hindurch, ohne nach unten zu schauen. Das Wasser war kalt. Und dann stand er auf der anderen Seite. Er blieb stehen und wartete, bis sein Herz wieder ruhig schlug.
Dann ging er weiter.
Die erste Stunde war er ganz still. Er hörte die Vögel. Er hörte den Fluss neben sich, der mal lauter wurde, wo der Bach enger war, und mal fast verschwand, wo er sich breit machte. Er ging einfach. Und das reichte.
Ab der zweiten Stunde nieselte es leicht. Das war gut. Dann rochen die Bäume am besten — nach Moos und feuchtem Holz und nach etwas Altem, Geduldigem.
Die Mühle fand er nach zwei Stunden Weg. Sie stand am Flussufer, halb in eine alte Weide eingewachsen. Das Mühlrad hing schief im Wasser, aber es drehte sich noch — langsam, mit einem Knarzen, das in gleichmäßigen Abständen wiederkam: knarz… knarz… knarz. Wie ein sehr alter, sehr verlässlicher Herzschlag.
Bruno blieb stehen und schaute auf das Rad — nicht auf das Wasser darunter. Das Knarzen war so gleichmäßig, dass er irgendwann mit dem Kopf mitnickte, ohne es zu merken. Das Dach hatte Moos, das Mauerwerk auch. Auf dem Fenstersims schlief eine Katze, öffnete ein Auge, um ihn einzuordnen, und schloss es wieder, weil er kein Problem war.
Er aß sein Brot auf einem Mauerstück neben dem Wasserrad und hörte dem Knarzen zu. Sonst war es ganz still. Kein Wind, kein Mensch. Nur das Rad, das Wasser und weit weg ein Specht: tack-tack-tack.
Er lehnte den Rücken gegen das Mauerwerk. Die Steine hatten Wärme gespeichert, sogar hinter den Wolken. Er schloss die Augen — nicht zum Schlafen, nur um eine Weile nichts zu sehen und nur das Knarzen zu hören.
Nach einer Weile merkte er: Er dachte gar nicht daran, ob jemand das Brot auch mochte, oder ob die anderen schon Mittag aßen, oder ob er etwas vergessen hatte. Er dachte einfach gar nichts.
Das war ungewohnt. Und schön.
Gerade als Bruno fertig gegessen hatte, kam aus der Mühle ein alter Igel. Er war klein und sehr alt, die Stacheln an den Seiten schon grau. Er schleppte eine schwere Holzkiste und kam die drei Treppenstufen vor der Tür nicht gut herunter, weil die Kiste zu breit für seine kurzen Arme war.
Bruno stand auf.
„Darf ich helfen?"
Der Igel schaute hoch. Er sah Bruno. Aber er erschrak nicht — wer vierzig Jahre allein an einer Mühle lebt, erschrickt nicht mehr so leicht.
Er nickte.
Bruno nahm die Kiste. Sie war richtig schwer. Das war gut. Er trug sie einmal um die Mühle herum zu einem kleinen Schuppen, wie der Igel ihm zeigte, und stellte sie ab. Die Schuppentür klemmte. Bruno reparierte das Scharnier mit dem Werkzeug aus seinem Riemen — weil er es konnte und weil das Werkzeug ja da war.
Dann standen sie nebeneinander am Fluss. Der Igel bot Apfelsaft an, und Bruno sagte ja.
Der Saft kam aus einem kleinen Krug, der kühl war, weil er im Wasser gestanden hatte. Sie tranken und schauten auf das Mühlrad.
„Wer hat die Mühle gebaut?"
Der Igel nahm erst in aller Ruhe einen Schluck Apfelsaft. Dann überlegte er. Dann nahm er noch einen Schluck.
„Mein Großvater. Und sein Vater davor." Er sprach langsam, mit der Ruhe von jemandem, dem Zeit nichts mehr ausmacht. „Ich repariere sie. Stück für Stück. Und wenn ich fertig bin, fange ich wieder von vorne an."
„Und das macht man immer so? Für immer?"
„Solange man kann."
Bruno schaute auf das Rad. Er dachte an das Schloss. An die Steine, die immer irgendetwas brauchten. An den Trog im Stall, den er jeden Monat ausbesserte. An die Treppe im Nordturm, die immer wieder knarrte, egal wie oft er sie reparierte.
„Ich mach das auch so. Bei uns."
Der Igel nickte, als wäre das genau die richtige Antwort. Dann schaute er Bruno kurz an — aufmerksam, die kleinen Augen ruhig — und wieder zurück auf das Rad. Er hatte Bruno einfach angenommen: jemand, der hergekommen war, geholfen hatte und dann geblieben war, ohne großes Erklären. Das reichte hier.
Sie sagten noch eine ganze Weile nichts. Das Mühlrad knarrte.

Auf dem Rückweg fand Bruno am Ufer einen Stein. Er lag halb im Wasser, flach und glattgeschliffen, mit einer Farbe, die zwischen Grau und Grün wechselte, je nachdem, wie das Licht fiel.
Er hob ihn auf und steckte ihn in die Jackentasche.
An der Furt blieb er einen Moment stehen. Das Wasser war noch dasselbe wie am Morgen. Die Steine auch. Diesmal ging er mit ganz normalen Schritten hindurch, nicht eilig — und schaute dabei nach unten, auf das Wasser und auf seine Stiefel, die mitten in der Strömung standen.
Kalt. Klar. Sicher.
Einen Moment lang stand er einfach still mitten im Fluss. Dann ging er weiter.
Er kam zurück, als die anderen schon beim Abendessen saßen. Sein Mantel war nass. Er roch nach Fluss und Moos und Apfelsaft.
Er setzte sich. Banoo schwebte sofort herbei.
„Wie war die Mühle?"
„Alt. Schön. Das Rad dreht sich noch."
„Und wie war das — allein gehen?"
Bruno legte den Stein auf den Tisch. Er dachte nach. Dann:
„Gut. Aber weniger gut als mit euch."
Banoo strahlte.
Tick hob den Stein hoch und schaute ihn an — die Farbe, die je nach Licht wechselte. Ganosch bemerkte Brunos Gesicht und nickte einmal, kurz, fast unmerklich.
Bruno sah es.
„Du hast die Furt gekreuzt."
„Zweimal."
„Wie war das?"
„Nass. Kalt. Auf dem Rückweg hab ich sogar nach unten geschaut."
„Und?"
„Und es war in Ordnung."
Mato nickte.
Bruno stellte den Stein auf das Küchenfensterbrett, wo am Morgen das Licht drauffiel. Er tat es einfach so, ohne zu fragen, ob das in Ordnung war. Es war ja sein Stein.
Zum ersten Mal war Bruno ganz allein losgezogen — über die Furt, bis zur alten Mühle. Am Abend stellte er einen graugrünen Flussstein auf das Küchenfensterbrett, ganz selbstverständlich, ohne zu fragen. „Schön war's", sagte er. „Aber schöner mit euch." Am nächsten Morgen schob Tick den Stein beim Putzen kurz beiseite und stellte ihn genau wieder hin. Er gehörte da hin. So wie Bruno.
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