
Kapitel 19 - Isi und das Heimweh
An einem Donnerstag lag ein Brief auf dem Frühstückstisch — auf Isis Platz. Absender: Wiltrud, aus dem Norden. Isi schaute den Umschlag lange an, bevor sie ihn aufmachte. Dann las sie ihn allein in der Bibliothek. Und beim Mittagessen räumte sie Bücher um, die längst in Ordnung standen.
Wiltrud war die einzige Eule aus Isis altem Wald, die wusste, wo Isi jetzt wohnte. Seit Jahren schrieben sie sich Briefe — kurze, genaue Briefe, ohne unnötige Sätze. Wiltrud schrieb gut. Isi antwortete. Das war die Art, wie die beiden befreundet waren.
Isi las den Brief allein in der Bibliothek. Er war kurz — Wiltrud schrieb immer kurz —, aber es war eine Kürze, in der viel steckte, wenn man zwischen den Zeilen lesen konnte. Isi konnte das, nach all den Jahren. Sie legte den Brief auf den Schreibtisch und saß ganz still.
Dann stand sie auf und sortierte Bücher. Ein Regal, das schon längst in Ordnung war. Sie nahm die Bücher heraus und stellte sie genau so wieder hin, wie sie gestanden hatten. Das war keine Zerstreutheit. Das war einfach, was ihre Hände taten, wenn ihr Kopf woanders war.
Wiltrud schrieb von den Wäldern, die beide kannten. Von einem Fichtenweg, der jetzt breiter war. Von einem alten Baum am Ufer des Silbersees, der im letzten Herbst umgefallen war. Ohne diesen Baum, schrieb Wiltrud, sehe der See ganz anders aus — kleiner irgendwie. Und ganz am Ende stand: Ich hoffe, du bist gut angekommen. Wo auch immer du jetzt bist.
Beim Mittagessen war Isi da. Sie antwortete auf alles. Sie verbesserte einen kleinen Fehler in Brunos Wetterbericht und erklärte, warum der Westwind in diesem Tal früher kommt als in der Ebene. Sie war genau wie immer.
Aber Banoo merkte trotzdem: Irgendetwas stimmte nicht. Er wusste nur nicht, was. Er schwebte zweimal durch die Bibliothek — einmal so, als suchte er ein Buch, einmal ganz ohne Ausrede. Beim zweiten Mal schaute Isi kurz auf.
„Du suchst gar kein Buch."
„Nein."
„Du kannst bleiben, wenn du willst."
„Ich will nicht stören."
„Du störst nicht."
Also blieb er. Er setzte sich auf den Fenstersims und leuchtete dort — ruhig und warm, ohne eine einzige Frage. Er sagte von allein gar nichts. Was bei Banoo bedeutete: Er machte sich große Sorgen.
Nach dem Essen spülte Tick ab. Bruno streckte sich. Ganosch verschwand ins Archiv. Mato blieb am Tisch sitzen und schaute in seinen Tee.
Dann stand er auf und setzte sich neben Isi. Ohne Frage, ohne Ankündigung. Er schaute aus dem Fenster.
Isi schaute auch aus dem Fenster.
Eine Weile sagten beide nichts.
„Post aus dem Norden."
„Ich hab es gehört. Banoo hat die Briefträgerin sehr begeistert begrüßt."
Isi machte ein kleines Geräusch, das bei ihr einem Lachen am nächsten kam. Dann wurde sie wieder still.
„Ich kenne dort Wälder. Wege, die ich mag. Orte, die—"
Sie hielt inne.
„Heimweh."
Isi schaute ihn an.
„Das Wort kenne ich gut. Und das Gefühl dahinter auch. Heimweh ist nicht dasselbe wie weg-wollen. Du willst gar nicht weg. Und vermisst es trotzdem."
„Hast du es noch? Das Heimweh?"
„Manchmal. Weniger als früher."
„Was hat es weniger gemacht?"
Mato dachte nach. Er trank einen Schluck Tee. Isi wartete.
„Keine einzelne Sache. Viele kleine. Das Frühstück hier. Der Wehrgang am Morgen. Und der Moment, wenn man weiß, dass jemand weiß, wo man ist."
„Ja."
„Das, was man kennt, bleibt. Es verschwindet nicht, nur weil man woanders ist."
„Nein. Aber manchmal ist es weit weg."
„Ja. Manchmal ist es weit weg."
Am Nachmittag sortierte Isi wieder Bücher um. Dann stellte sie sie zurück. Sie begann einen Brief und strich den ersten Satz durch. Dann den zweiten. Dann legte sie den Stift hin.
Banoo schwebte vorsichtig herein.
„Darf ich?"
„Ja."
Er setzte sich auf die Fensterbank neben sie. Er sagte nichts. Er leuchtete einfach, warm und ruhig.
Eine Weile war es still.
„Du denkst, ich gehe weg."
Banoo schwieg.
„Das tue ich nicht."
„Ich weiß."
„Woher weißt du das?"
„So ganz sicher weiß ich es nicht. Aber ich glaube es. Und wenn du es doch tätest — dann wäre das auch in Ordnung."
„Wäre es das wirklich?"
„Nein. Aber ich würde sagen, es ist in Ordnung. Damit es leichter ist."
Isi schaute ihn an. Banoo schaute auf seine kleinen runden Arme — die ohne Finger — und dann wieder zu ihr.
„Ich fliege eine Runde."
„Gut."
„Allein."
„Gut."
Sie flog in der Abenddämmerung. Im Westen war der Himmel noch hell, das Tal lag schon im Schatten. Dazwischen lag eine Stunde mit orangem Licht — Isis liebste Flugstunde, weil die Luft dann ruhig trug und man weit sehen konnte.
Sie flog so gut sie konnte. Das hieß: mit viel Flügelschlag, einmal schief im Wind und einmal zu tief über die Baumwipfel, sodass sie scharf bremsen musste. Aber sie flog entschlossen und ohne Aufhebens, wie sie alle schweren Dinge tat.
Über den Wald. Über die Felder. Über den Fluss. Über Bärental, wo die Lichter in den Häusern brannten und aus dem Wirtshaus Stimmen klangen.
Sie dachte an Wiltruds Brief. An den umgefallenen Baum am Silbersee, ohne den der See kleiner aussah. An den Fichtenweg, der breiter geworden war. An all die Orte, die sich verändern, auch wenn man gar nicht da ist. Und an die Orte hier, die sich auch veränderten — ganz langsam, kaum merklich —, wenn man dabei war.
Dann drehte sie um und flog zurück.
Die Landung auf dem Torturm war nicht elegant: zu schnell, zu steil, eine Kralle verhakte sich, die andere ruderte. Dann saß sie. Sie ordnete die Federn. Sie rückte die Brille gerade.
Unten lag der Hof im Abendlicht — zwei Türme, das Tor, das Pflaster und Banoos weiches Leuchten aus dem Bibliotheksfenster. Sie kannte diesen Anblick jetzt in vier verschiedenen Lichtstimmungen. Das hatte eine Weile gedauert. Jetzt war es selbstverständlich. Und das war gut.
Sie flog hinein — schräg durchs Bogenfenster, landete halb auf dem Schreibpult und halb daneben, ruderte nach, saß.
„Kontrollierte Landung."

Banoo schwebte ihr entgegen — keine Fragen, nur das ruhige warme Leuchten, das er hatte, wenn er erleichtert war und es nicht sagen wollte. Isi rückte die Brille. Für sie war das genug.
Beim Abendessen war Isi wieder ganz da. Sie trank ihren Tee bei genau der richtigen Temperatur. Sie beantwortete alles. Brunos Bericht über einen Biber am Graben kommentierte sie mit einer kurzen Erklärung über Biberreviere im Herbst.
Alles war wie immer.
Nur Tick fragte etwas — weil Tick Dinge fragte, die andere nicht fragten.
„War es gute Post?"
Isi überlegte kurz.
„Es war ehrliche Post."
„Das ist meistens die beste."
Bruno nickte, obwohl er nicht ganz wusste, worüber sie redeten. Ganosch rückte sein Seidentuch gerade. Mato schaute kurz zu Isi hinüber, und sie schaute zurück. Nicht lange. Dann tranken beide ihren Tee.
Banoo schwebte ans Fenster und schaute auf den Hof. Er sagte nichts. Er leuchtete warm und ruhig, wie immer.
Isi schaute kurz zu ihm. Dann holte sie einen frischen Bogen Papier aus der Schublade — das Papier, das sie nur für Briefe aufhob. Sie setzte sich, rückte die Brille gerade und fing an.
Der erste Satz lautete: Ich bin gut angekommen. Dann schrieb sie weiter — über den Torturm, über einen Weg im Tal, der ein bisschen wie der Fichtenweg aussah, nur mit anderem Holz. Über Bücher, die hierher passten. Über den Moment, wenn der Abendwind durchs Bogenfenster kommt und die Kerze trotzdem nicht ausgeht.
Ein Brief aus dem Norden hatte Isi den ganzen Tag still gemacht, und lange hatte sie nicht gewusst, was sie zurückschreiben sollte. Am Abend holte sie das Briefpapier aus der Schublade, rückte die Brille gerade und begann. Der erste Satz lautete: „Ich bin gut angekommen." Sie las ihn noch einmal. Dann ließ sie ihn stehen und schrieb weiter — über den Torturm, über das Bogenfenster und über den Abendwind, der die Kerze nicht ausgehen lässt.
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