Vorlesegeschichte Kap. 19: Ticks Überforderung

Kapitel 19 - Tick und das Zuviel

Tick hatte drei Listen. Das war normal. Manchmal hatte sie vier. Das war auch noch normal. Fünf war der Rand. Sechs war zu viel. Sie hatte gerade sechs.


Die Küche sollte aufgestockt werden. Das Kartenarchiv aus Kapitel 7 war noch nicht vollständig sortiert. Die Bibliothek brauchte einen neuen Index. Brunos Werkzeug lag in der falschen Kammer. Und dann war noch die Sache mit den Vorräten, die nach System geordnet werden mussten, und dem Fenster im Westflügel, das nicht dicht schloss, und dem Kalender für den nächsten Monat.

Tick hatte begonnen, alle sechs Listen gleichzeitig zu bearbeiten.

Das funktionierte nicht. Sie wusste, dass es nicht funktionierte. Aber aufhören und anfangen schien gerade schwieriger als weitermachen.


Mato fand sie in der Speisekammer, hinter dem großen Mehlsack, der in der hintersten Ecke stand.

Sie saß auf dem Boden. Die Pfoten um die Knie gezogen. Alle sechs Listen auf dem Boden verteilt. Augen offen, aber irgendwo anders.

Mato blieb in der Tür stehen.

Er sagte nicht: Was ist los? Er sagte nicht: Brauchst du Hilfe? Er sagte auch nicht: Hier bin ich, was in diesem Moment das Schwerste zu sagen gewesen wäre.

Er setzte sich auf den Boden neben den Mehlsack. Nicht neben Tick. Einfach neben den Mehlsack.

Sie saßen eine Weile.

„Ich wollte nur fertig sein", sagte Tick schließlich.

„Mit was?"

„Mit allem."

Mato schaute auf die Listen. Sechs Zettel, dicht beschriftet.

„Welche davon muss heute fertig sein?"

Tick schaute auch auf die Listen. Sie musste nachdenken.

„Keine."

„Welche bis Freitag?"

„Die Vorräte. Und die Bibliothek."

„Was davon können andere tun?"

Pause.

„Bruno könnte das Werkzeug tragen. Das ist eigentlich seins." Sie schaute auf die Liste. „Isi würde den Bibliotheksindex selbst anders machen. Besser, wahrscheinlich."

„Dann gib ihr die Liste."

„Aber ich hab sie begonnen."

„Das spielt keine Rolle."

Tick schaute ihn an. „Doch."

„Für wen?"

Stille. Die Speisekammer roch nach Mehl und getrocknetem Thymian und ein bisschen nach dem, was war, bevor man fertig sein musste.

„Für mich", sagte Tick leise.

„Ja", sagte Mato. „Das dachte ich."

Illustration: Tick und Mato sitzen nebeneinander auf dem Boden der Speisekammer, sechs Listen zwischen ihnen, ruhig und ohne Eile

Er nahm drei der Listen und legte sie zusammen. „Die hier – nächste Woche. Die hier – Freitag. Die hier – morgen, aber nur eine Sache davon."

Tick schaute auf die neu sortierten Zettel.

„Das ist noch genauso viel Arbeit."

„Ja. Aber es sieht kleiner aus. Und manchmal hilft das."

Tick nahm die Eine-Sache-Liste und schaute sie an. Dann faltete sie die anderen zusammen und steckte sie weg.

„Ich hab Angst", sagte sie, „dass ich aufgehört habe, wenn ich delegiere."

„Aufgehört womit?"

„Aufgehört, gebraucht zu werden."

Mato schaute auf die Wand hinter dem Mehlsack. Er dachte an die Bootsfahrt, an das Wasserbecken hinter der Scheune, an Ganosch, der ihm beigebracht hatte, sich zu halten.

„Ich glaube", sagte er, „du wirst gebraucht, weil du du bist. Nicht wegen der Listen."

Tick schwieg lange.

Dann faltete sie die Eine-Sache-Liste noch einmal und steckte sie in die Schürzentasche.

„Das war hilfreich."

„Gut."

„Du musst nicht so unbeteiligt klingen."

„Ich bin beteiligt", sagte Mato. „Ich klinge nur so."

Tick stand auf. Dann half sie Mato aufstehen, weil er sich beim Hinsetzen das Knie verdreht hatte und jetzt ein bisschen humpelte, was er nicht zugeben wollte.

Sie sagten nichts darüber.

Das war auch gut so.

Banoo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren

Kapitel 26 - Matos Brief Vorlese­geschichten

Kapitel 26 - Matos Brief

Das alte Schiff fragt, ob Mato zurückkommt. Er sitzt lange auf dem Wehrgang. Am nächsten Morgen beim Frühstück sagt er: „Ich bleibe."

Kapitel 14 - Bruno und die Wut Vorlese­geschichten

Kapitel 14 - Bruno und die Wut

Bruno ist wütend – aber er weiß nicht warum. Beim Abendessen sagt er es laut, zum ersten Mal, und alles wird ein bisschen besser.

Kapitel 17 - Das Konzert in Bärental Vorlese­geschichten

Kapitel 17 - Das Konzert in Bärental

Das Dorf lädt zum Herbstfest. Bruno trommelt, Tick dirigiert, Ganosch singt einmal – und Mato liest vor. Banoo leuchtet so hell wie eine Laterne.