
Kapitel 30 - Das Spukstein-Versprechen
Beim Frühstück schwebte Banoo schon ganz aufgeregt — so aufgeregt, dass er zwei Loopings drehte, bevor er sich überhaupt gesetzt hatte. Er hatte etwas gemerkt: Es war genau ein Jahr her, dass Isi auf Spukstein angekommen war. Und fast ein Jahr seit Mato. Und Banoo hatte eine Idee.
„Ich möchte, dass wir etwas aufschreiben."
„Was denn?"
„Was Spukstein für uns bedeutet. Jeder auf einem Zettel. Und dann legen wir die Zettel in die Truhe — die aus der Höhle, in der schon der alte Brief liegt."
Stille.
„Als zweite Geschichte da drin."
„Ja. Genau das."
„Das ist schön."
Tick legte den Stift hin. Dann nahm sie ihn wieder.
„Gut."
Einfach so. Ohne Bedingungen.
Ganosch trank seinen Tee und schaute in sein Buch. Dann sagte er, ohne aufzublicken:
„Bis wann?"
„Heute Abend?"
„Gut."
Am Nachmittag schrieben sie. Jeder für sich, an einem anderen Ort.
Bruno setzte sich in den Burghof, auf den Brunnenrand. Der kalte Stein war ihm egal, er hatte ja seinen dicken Mantel. Er schrieb langsam und drückte den Stift fest auf, so wie er alles tat. Einmal fing er neu an, weil sein erster Satz so lang war, dass er vergessen hatte, warum er ihn überhaupt angefangen hatte. Der zweite Versuch war kürzer und besser. Er faltete den Zettel, ohne ihn noch einmal zu lesen, und steckte ihn in den Mantel.
Tick schrieb in der Küche. Sie fing dreimal an. Der erste Versuch war zu sachlich, der zweite zu lang, der dritte war beides gleichzeitig — aber den behielt sie, weil er stimmte. Es kamen die Wörter „Ordnung" und „Verlässlichkeit" darin vor, und noch ein drittes Wort, das sie zweimal durchstrich und zweimal wieder hinschrieb. Das Wort hieß „Zuhause". Sie ließ es stehen.
Mato schrieb auf dem Wehrgang, in der Kälte, und schaute dabei manchmal in den Himmel. Er schrieb einen ganzen Absatz und strich zwei Drittel wieder durch. Übrig blieb ein einziger Satz. Es war der richtige — er sagte, was Mato meinte, ohne mehr zu sagen als nötig. Mato mochte Sätze, die das konnten.
Isi schrieb in der Bibliothek. Einen Satz. Sehr genau. Sie las ihn einmal, nickte und faltete den Zettel.
Banoo schwebte durch alle Zimmer, bis ihm etwas einfiel. Dann setzte er sich in seine Lieblingsecke auf der Fensterbank und schrieb — ausnahmsweise ganz ordentlich, weil es wichtig war. Wie ein Gespenst ohne Finger überhaupt schreibt, ist übrigens eine sehr gute Frage. Banoo beantwortete sie nicht. Er schrieb einfach.
Ganosch nahm seinen Zettel mit in sein Zimmer und ließ die Tür zu. Wie lange er brauchte, sagte er nicht.
Am Abend versammelten sich alle im Gemeinschaftsraum. Die Truhe stand auf dem Tisch — die aus der Höhle, leer bis auf den einen Brief, der schon immer darin gelegen hatte.
Einer nach dem anderen legte seinen Zettel hinein.
Bruno zuerst — schnell, weil er nicht zögern wollte. Dann Tick, ihren Zettel eng beschrieben und dreimal gefaltet. Dann Mato, ohne Zögern, ohne ein Wort. Dann Isi, sorgfältig und gerade.
Banoo schwebte heran und ließ seinen Zettel hineinsegeln — was nur halb mit Absicht passierte, aber niemanden störte.
Ganosch war der Letzte. Er hielt seinen Zettel noch einen Moment in der Hand — genau gefaltet, keine Kante schief. Dann schaute er kurz in die Runde. Keiner schaute ihm direkt in die Augen, weil keiner wollte, dass er sich beobachtet fühlte.
Er legte den Zettel hinein. Er war der längste.
Das hatte keiner erwartet. Ganosch schrieb nie mehr als nötig. Aber heute hatte er offenbar mehr als nötig gehabt. Er faltete die Hände wieder, ganz sachlich, als wäre nichts Besonderes geschehen.

Niemand las die Zettel der anderen. Das war nicht abgesprochen. Es war einfach klar.
Tick schloss den Deckel. Der Messingverschluss klickte zu.
Es war ganz still und ganz warm im Gemeinschaftsraum. Dann hörte Banoo etwas — ein Geräusch vom Hof. Er schwebte zur Tür und öffnete sie einen Spalt.
„Da ist jemand."
Bruno stand auf. Mato auch.
Am Tor — im Licht, das Banoo nach draußen warf — stand Grumbert. Den Hut in der Hand. Auf dem Hut saß sein Rabe und schaute herein. Das Handbuch unter dem Arm, zugeklappt. Er war gut angezogen, frisch rasiert. Er stand da und räusperte sich.
Niemand sagte etwas. Banoo schwebte in den Hof, leuchtend, und wartete.
„Ich hab — ich hab geschrieben, dass ich vielleicht vorbeikomme. Ich weiß nicht, ob der Brief angekommen ist."
„Vor zwei Wochen. Ja."
„Dann hätte ich eigentlich gar nicht—"
„Wir haben ein freies Zimmer. Kommen Sie rein."
Grumbert trat ein und setzte sich auf den freien Stuhl am Rand des Tisches.
Der Rabe schaute in den Raum, mit der Aufmerksamkeit, die Raben haben, wenn sie alles in eine Karte einzeichnen. Nach einer Weile flog er von Grumberts Schulter auf die Lehne des Nachbarstuhls und schüttelte die Federn.
Ganosch schaute ihn an, einmal, kurz. Dann zur Wand, wo seine Karte hing. Dann rückte er sein Seidentuch gerade — und rückte dabei auch seinen Stuhl einen Fingerbreit zur Mitte, ohne es zu kommentieren. Das war Ganoschs Art, Platz zu machen.
Banoo schaute auf die Truhe. Dann auf Grumbert. Dann wieder auf die Truhe. Dann wieder auf Grumbert.
„Wir haben gerade Zettel hineingelegt. Was das Schloss für uns bedeutet."
„Oh. Ich komme ungelegen."
„Nein."
Er öffnete den Deckel der Truhe.
„Wenn Sie möchten."
Stille.
Grumbert schaute auf die Truhe. Auf den Raben, der die Truhe auch anschaute. Auf das Handbuch unter seinem Arm.
Tick schob ihm ohne ein Wort ein leeres Papier und einen Stift hin.
Grumbert schaute auf das Papier. Dann auf Banoo. Dann auf die Truhe. Er nahm den Stift.
Er schrieb. Nicht lange. Aber er schrieb es fertig und faltete es — sorgfältig, die Kanten gerade — und legte es selbst in die Truhe.
Tick schloss den Deckel wieder. Acht Zettel jetzt.
Bruno machte Tee. Für sieben.
„Bärental-Kräuter oder Kamille?"
„Bärental, wenn ich wählen darf."
„Du darfst."
Grumbert bemerkte das „du" und sagte nichts dazu. Er rückte sich auf seinem Stuhl zurecht.
Später, als der Tee getrunken war und das Gespräch sich verlaufen hatte — Bruno war eingeschlafen und wieder aufgewacht, Ganosch hatte sich ein Buch genommen, Isi und Mato sprachen leise über Sternbilder — schwebte Banoo noch einmal durch alle Zimmer.
Durch die Bibliothek, wo die Schatulle mit den Noten stand. Durch den Rittersaal, wo Ganoschs Karte hing und die Tafel: Wer hierher kommt, ist angekommen. Durch die Küche, wo Ticks Liste für morgen schon bereitlag — ordentlich, mit einer Leerzeile für Unvorhergesehenes. Durch den Korridor mit dem Bogenfenster, durch das es immer zog. Am Wehrgang vorbei.
Er drehte keine Loopings. Er schwebte nur langsam an allem vorbei, das in diesem Jahr dazugekommen oder geblieben war. Heute Abend hörte nichts auf. Das war gut.
Dann schwebte er zurück.
Grumbert saß noch am Tisch. Er hatte das Handbuch aufgeschlagen — nicht auf der leeren Seite, sondern auf einem anderen Kapitel, das er mit Bleistift bearbeitete. Streichen, neu schreiben, streichen.
„Was schreiben Sie da?"
„Ich formuliere um."
„Und was wird es, wenn es fertig ist?"
Grumbert schaute auf die durchgestrichenen Zeilen.
„Ehrlicher."
Banoo nickte.
„Das war ein gutes Jahr."
Grumbert schaute ihn an.
„Es ist noch kein ganzes Jahr her, dass wir uns kennen."
„Ich meine das ganze Jahr. Alle zusammen."
Grumbert dachte darüber nach.
„Ich war die meiste Zeit Ihr Gegner."
„Trotzdem."
Grumbert klappte das Handbuch zu und legte es auf den Tisch. Dann schaute er sich im Zimmer um — die Truhe, die Kerzen, den Raben, der auf der Stuhllehne schlief.
Er sagte nichts.
Er rückte das Handbuch gerade.
Banoo schaute auf das Handbuch. Dann auf die Truhe. Acht Zettel darin, jetzt — sieben, die das Schloss schon kannten, und einer von jemandem, der es gerade erst kennenlernte. Oder der es vielleicht schon eine Weile kannte, nur von einer anderen Seite.
Und das war seine Antwort.
Ein ganzes Jahr war vergangen, seit Isi und Mato gekommen waren — und an diesem Abend legte jeder einen Zettel in die alte Truhe, mit dem, was Spukstein für ihn bedeutete. Sogar Grumbert, der einst gekommen war, um Banoo zu fangen, schrieb einen dazu und legte ihn selbst hinein. Acht Zettel lagen jetzt darin, neben dem alten Brief aus der Höhle. Das Schloss sah aus wie gestern. Nur die Truhe war ein kleines bisschen schwerer geworden.
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