
Kapitel 13 - Der Mann mit dem Netz
Die meisten Besucher in Bärental sahen das Schild „Schloss Spukstein — 2 km", drehten um und gingen wieder. Dieser hier nicht. Er kam zu Fuß. Er trug einen breitkrempigen Hut, und auf dem Hut saß ein schwarzer Rabe. Über der Schulter schleppte er eine schwere Tasche, aus der überall Metallstangen herausragten. Frau Bergmeier schaute aus dem Bäckereifenster. „Der geht zum Schloss", sagte Herr Bergmeier — und biss in sein Brötchen.
Tick entdeckte ihn als Erste. Sie saß auf dem Torturm und sortierte ihre Stifte — nach Farbe und Dicke gleichzeitig, was viel schwieriger war, als es klang. Aber Tick war überzeugt, dass sich das lohnte.
Dann schaute sie hoch.
„Da kommt jemand. Mit sehr viel Gepäck."
Die anderen traten ans Tor.
Der Mann blieb vor dem Schlossgraben stehen und wischte sich die Stirn. Mittelgroß, mittelalt, mit einem Schnurrbart, der ein bisschen nach rechts hing, und einer Brille, die er sofort zurechtrückte. Er zog ein sehr dickes Buch aus der Tasche und blätterte darin, als suchte er etwas Bestimmtes. Dann schaute er hoch. Auf das Schloss. Dann ins Buch.
„Klasse B. Mittlere Verseuchungsrate. Wäre nicht mein erster."
„Wer ist das?"
„Ein Geisterjäger."
Banoo schwebte nach vorn und leuchtete gleich ein bisschen heller.
„Ein Geisterjäger? So einen hab ich noch nie gesehen!"
„Das liegt daran, dass du das bist, was die jagen."
Mato stand ein Stück weiter hinten als die anderen. Er schaute auf das Netz und die Metallstangen, die aus der Tasche ragten. Dann auf den Mann. Dann wieder auf die Tasche.
Der Mann hieß Grumbert. Das stand auf dem Etikett seiner Tasche: G. GRUMBERT — LIZENZIERTER PHÄNOMENBEREINIGER. Er redete schnell und benutzte viele Fachwörter, die er manchmal selbst erfunden hatte.
„Laut Handbuch zeigt dieses Schloss alle typischen Anzeichen: seltsame Lichterscheinungen, Berichte über schwebende Gegenstände, Temperaturschwankungen."
Er schaute auf seine Liste. Dann auf Banoo.
Banoo winkte.
Grumbert räusperte sich und schaute schnell wieder auf seine Liste.
„Ich werde die Anlage gründlich untersuchen und das Phänomen anschließend fachgerecht beseitigen. Zwei bis vier Arbeitstage."
„Das Phänomen wohnt hier."
„Phänomene wohnen nicht. Sie erscheinen."
„Er heißt Banoo. Und heute Morgen hat er Apfelkuchen gebacken."
Grumbert schrieb etwas in sein Handbuch.
Bevor er sein Netz aufbaute, untersuchte er das ganze Schloss. Er ging jeden Korridor ab, ein kleines silbernes Messgerät in der Hand, das er „Ektometer" nannte. Isi schaute es kurz an und sagte nichts — aber ihr Gesicht sagte, es sehe aus wie eine Taschenuhr, der jemand etwas sehr Unfreundliches angetan hatte. Grumbert notierte Zahlen, klopfte gegen Wände und leuchtete mit einer kleinen Lampe in Ecken, in die noch nie jemand geleuchtet hatte.
Banoo schwebte den ganzen Rundgang neben ihm her.
„Das hier ist der Nordkorridor. Im Winter zieht es, weil das Fenster nicht richtig schließt."
„Mhm."
„Und da — die Kerbe im Stein. Die ist von 1809. Wir wissen nicht, wer das war."
„Kritzeleien in der Wand spielen keine Rolle."
„Für mich schon."
Grumbert schrieb. Dann hielt er inne und schaute Banoo an, als wäre ihm gerade etwas aufgefallen.
„Wie lange bist du schon hier?"
„Sehr lange. So genau weiß ich es nicht."
„Erinnerst du dich an einen Anfang?"
„Nein. Das Schloss war immer da. Und ich war auch immer da."
Grumbert schrieb das sorgfältig auf. Banoo schaute ihm über die Schulter.
„Was schreibst du da gerade?"
„Beobachtungen."
Er klappte das Buch zu. Banoo schwebte schon zum nächsten Korridor und zeigte ihm den Weg.
Sein Netz baute Grumbert im Rittersaal auf. Ein eindrucksvolles Ding aus Metallstangen, daran ein riesiges Netz aus silbernem Draht, mit einer Kurbel an jeder Seite. Grumbert schraubte alles ganz sorgfältig zusammen und erklärte dabei laut jeden einzelnen Arbeitsschritt.
„Die Maschenverstärkung im oberen Bereich neutralisiert das elektromagnetische Resonanzfeld, das Phänomene typischerweise destabilisiert."
Isi saß auf dem Schreibpult und schaute zu.
„Elektromagnetisches Resonanzfeld. So ein Wort gibt es gar nicht."
„Es wird eins."
„Woher haben Sie dieses Handbuch?"
Grumbert hielt inne.
„Selbst geschrieben. Dritte Auflage."
„Wie viele Exemplare?"
„Drei. Das spielt keine Rolle."
„Hat das Netz schon einmal funktioniert?"
Grumbert zog eine Schraube fest.
„Das Wort „funktionieren" ist in diesem Fachgebiet sehr kompliziert."
Banoo umkreiste die Maschine aus sicherem Abstand.
„Darf ich mal fragen — was passiert, wenn du mich fängst?"
„Das Phänomen wird neutralisiert. Seite 47."
„Tut das weh?"
Grumbert schaute zum ersten Mal direkt auf Banoo. Eine kurze Pause.
„Theoretisch nicht."
„Und praktisch?"
Grumbert stockte.
„Praktisch habe ich noch nie ein Phänomen erfolgreich — also, das Verfahren ist noch nicht ganz ausgereift."
„Ich frage nur, weil ich heute Nachmittag noch das Abendessen kochen muss. Falls das wichtig ist."
Grumbert schrieb in sein Handbuch.
Der Fangversuch sollte nach dem Mittagessen stattfinden. Das Mittagessen dauerte länger als geplant, weil Tick einen zweiten Nachtisch brachte und Bruno am Tisch einschlief.
Grumbert hatte mitgegessen, weil Banoo ihn eingeladen hatte. Eigentlich hatte er abgelehnt — Geisterjäger essen nicht mit dem Phänomen. Aber Banoo hatte ihm die Gemüsesuppe einfach hingestellt und gesagt, der Platz sei sowieso frei, und der Rabe wolle bestimmt auch etwas. Der Rabe saß auf der Stuhllehne und schaute auf den Tisch. Das war das Argument, das gewonnen hatte.
Grumbert hatte die Suppe gegessen. Dann den Nachtisch. Den zweiten Nachtisch hatte Tick einfach hingestellt, ohne zu fragen — und Grumbert hatte ihn genommen, ohne zu fragen.
„Sie kochen selbst?"
„Meistens. Heute Gemüsesuppe. Und Apfelkuchen, hab ich ja gesagt."
„Das ist sehr ungewöhnlich für ein Phänomen."
„Das hast du heute Morgen schon gesagt."
Grumbert schaute auf seinen Teller.
„Der Kuchen war gut."
„Ich weiß."
Dann stellte Grumbert sich in die Mitte des Rittersaals. Netz gespannt, Handbuch offen, die Kurbeln in Reichweite.
Banoo schwebte in der Tür.
„Ich bin bereit."
„Ich auch."
Auf Grumberts Hut wurde der Rabe unruhig. Dann flog er auf und setzte sich in sicherem Abstand auf den Kronleuchter — als wüsste er schon ganz genau, wie das hier ausgehen würde.
Grumbert drehte an der Kurbel.
Das Netz schnappte zu — SCHWUPP — schnell und genau, ganz nach Plan.
Darin saß Ganosch.
Er hatte gerade den Rittersaal durchquert, weil er ins Archiv wollte. Jetzt saß er kerzengerade im silbernen Netz, die Arme verschränkt, und schaute Grumbert an mit dem Gesicht von jemandem, der jetzt eine richtig gute Erklärung erwartet.
Grumbert schaute auf das Netz. Auf sein Handbuch. Auf Ganosch.
„Das ist—"
„Eine Katze. Kein Phänomen."
„Streng genommen—"
„Kein Phänomen."
„Aber der Auslöser hat funktioniert. Das ist immerhin eine teilweise gelungene Kalibrierung."
„Es ist eine Katze. Im Netz."
Oben auf dem Kronleuchter krächzte der Rabe einmal. Es klang nicht nach Zustimmung.

Bruno befreite Ganosch aus dem Netz. Das dauerte, weil sich die Maschen verhakt hatten und Ganosch jede Berührung mit der Würde eines Katers ertrug, dem so etwas auf gar keinen Fall hätte passieren dürfen.
Grumbert setzte sich auf eine Steinbank am Rand des Rittersaals. Er schaute auf sein Handbuch. Dann klappte er es zu.
Banoo schwebte zu ihm.
„Ist das oft so?"
„Meistens. Beim ersten Versuch klappt es nie."
„Hat es überhaupt schon mal geklappt?"
Grumbert schwieg einen Moment.
„Das ist eine fachlich komplizierte Frage."
„Also nein."
„Ich sagte: kompliziert."
Banoo schwebte einmal im kleinen Kreis und kam zurück.
„Warum machst du es dann weiter?"
Grumbert schaute durch den Rittersaal — die hohen Fenster, das Licht, das in Streifen durch den Staub fiel, die alten Steine, die er heute Morgen schon mit der Lampe abgeleuchtet hatte. Er antwortete nicht gleich.
„Ich bin gut darin, Schlösser zu untersuchen."
„Nur nicht im Fangen."
„Daran arbeite ich noch."
Er stand auf und begann, die Stangen des Netzes abzubauen, und packte seine Tasche.
„Ich komme wieder. Mit einem besseren Plan."
„Das würde mich freuen."
Alle schauten ihn an.
„Er ist interessant."
Grumbert trug sein Netz zum Tor. Der Rabe saß wieder auf dem Hut und krächzte einmal — krah. An der Zugbrücke drehte Grumbert sich noch einmal um, als wollte er etwas sagen. Dann drehte er sich wieder weg und ging.
Der Rabe blieb noch einen Moment auf dem Torrand sitzen. Er schaute Banoo an. Dann flog er Grumbert hinterher.
Banoo schwebte bis ganz an die Torkante und winkte.
Grumbert sah es nicht mehr. Banoo winkte trotzdem.
Isi trat neben ihn.
„Du magst ihn."
„Er hat jeden einzelnen Korridor untersucht. Das hat sonst noch nie jemand gemacht."
„Er wollte dich fangen."
„Ja. Aber er hat trotzdem Suppe gegessen und den Raben auf die Stuhllehne gesetzt. Das sagt eine Menge."
Ganosch trat aus dem Torturm und schaute kurz auf den leeren Weg. Der Mann war schon hinter der Baumreihe verschwunden.
„Er kommt wieder."
„Ich weiß."
„Vielleicht fängt er nächstes Mal jemanden, der gefangen werden will."
Niemand antwortete darauf. Alle schauten kurz zu Banoo. Banoo leuchtete ganz ruhig und schwebte dann zurück in den Hof.
Mit Netz, Handbuch und vielen schwierigen Wörtern war Grumbert gekommen, um Banoo zu fangen. Am Abend ging er wieder — ohne Banoo, aber mit einer leeren Suppenschüssel und dem Raben auf dem Hut. Tick schrieb ins Notizbuch: „Grumbert, Geisterjäger. Netz: silbern. Einschätzung: kommt wieder." Und darunter, fast ein bisschen zufrieden: „Suppe: aufgegessen."
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