
Kapitel 12 - Ticks perfekte Katastrophe
Tick hatte noch nie etwas Unvollständiges abgegeben. Nicht eine Liste, nicht einen Küchenplan, nicht eine Schachtel, die noch nicht vollständig beschriftet war. Das war kein Regelwerk. Es war einfach, wie die Dinge sein sollten.
Brunos Geburtstag war am Mittwoch.
Tick hatte Dienstag um halb drei angefangen.
Sie hatte sich vorbereitet. Natürlich hatte sie sich vorbereitet. Sie hatte ein Rezept aus Isis Bibliothek – Schokoladentorte mit Haselnusscreme, drei Schichten, Verzierung nach Belieben –, sie hatte alle Zutaten am Morgen sortiert, sie hatte eine Zeitplanung an die Küchentür gehängt.
Was dann passierte, war sachlich nicht anders zu erklären als: Es passierte alles falsch, was falsch passieren konnte.
Der Ofen war zu heiß. Das bemerkte Tick erst, als der erste Teig roch wie ein sehr entschlossener Kamin. Sie riss die Tür auf – Rauch, Qualm, ein dunkelbrauner Fladen, der früher einmal ein Boden gewesen war.
„In Ordnung", sagte Tick. „Das war der erste Versuch."
Sie begann nochmal. Diesmal zu wenig Mehl. Der Teig war flüssig und ergoss sich beim Umfüllen über den Tisch, den Boden und einen kleinen Teil ihrer Schürze.
„Das war der zweite Versuch", sagte Tick.
Sie schaute auf ihre Zeitplanung. Sie war bereits 45 Minuten im Rückstand.
Um sechs Uhr abends betrat Banoo die Küche, weil er nachschauen wollte, ob Abendessen gab.
Er schwebte durch die Tür und sah:
Tick, mit Mehl im Gesicht bis zu den Ohren. Einen umgekippten Krug Vanilleextrakt. Drei Schalen, jede mit einem anderen Versuch, der alle auf unterschiedliche Arten gescheitert waren. Auf dem Herd etwas, das nach Plan Grütze hätte sein sollen und jetzt ein undefinierbares Grau hatte.
Tick schaute ihn an.
„Sag nichts", sagte sie.
Banoo sagte nichts.
Er schwebte zur Grütze, schaute hinein.
„Was ist das?"
„Das ist der Notfallplan."
„Der Notfallplan ist Grütze?"
„Es war Graubrotpudding geplant. Es wurde Grütze."
Banoo schaute auf die drei Schalen. Dann auf Tick. Dann auf die Zeitplanung, die jetzt mit sieben verschiedenen Strichen übersät war.
„Soll ich helfen?"
„Nein." Tick nahm die Schürze ab und faltete sie, trotz allem, ordentlich zusammen. „Ich mache es fertig."
„Aber—"
„Es ist Brunos Geburtstag. Ich mache es fertig."
Banoo schaute sie an. Dann nickte er.
„Ich bin draußen, falls du mich brauchst."
Er schwebte hinaus, sehr leise.
Um acht Uhr war alles auf dem Tisch.
Die Grütze. Eine Schale angesengter Kringel, die beim zweiten Versuch fast funktioniert hatten. Ein kleiner Rest Torte – eigentlich der vierte Versuch, aber der einzige, bei dem alle drei Schichten gleichzeitig fertig geworden waren, wenn auch auf verschiedene Höhen. Er schaute aus wie ein kleiner, mutiger Hügel.
Bruno kam herein und sah den Tisch.
Er sah die Grütze. Die Kringel. Den kleinen Tortenhügel.
Dann schaute er Tick an.
Tick stand gerade, Hände vor dem Bauch gefaltet, Mehl noch im Gesicht.
„Ich muss dir sagen", begann sie, „dass der ursprüngliche Plan—"
„Das sieht bootastisch aus", sagte Bruno.
Tick hielt inne.
„Das sieht gar nicht aus—"
„Grütze und Kringel und Torte", sagte Bruno. Er setzte sich bereits. „Das ist alles auf einmal. Das hatte ich noch nie."
Er aß mit dem breitesten Grinsen des Abends. Den Kringel fand er besonders gut. Den angesengten Teil auch.

Tick saß dabei und schaute ihm zu. Am Anfang noch ein bisschen eckig, die Schultern hochgezogen, weil die Torte nicht richtig war und die Kringel angesengt und die Grütze grau.
Dann – irgendwann zwischen dem zweiten Kringel und dem dritten Löffel Grütze – ließ sie die Schultern ein Stück sinken.
Mato räumte still ab und brachte neue Löffel. Ganosch trank seinen Tee und kommentierte nichts, was in diesem Fall mehr war als ein Kompliment.
Banoo drehte einen kleinen Looping über dem Tisch. Aus Freude. Weil Brunos Geburtstag es verdiente.
Später, in der Küche, schrieb Tick in ihr Notizbuch.
Sie schrieb sorgfältig, wie immer. Dann hielt sie inne und schaute auf das, was sie geschrieben hatte.
Sie überlegte, ob sie es durchstreichen sollte.
Sie ließ es stehen.
Es stand da: Ergebnis: ungenügend. Stimmung: bootastisch.
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