Vorlesegeschichte Kap. 12: Matos Geheimnis

Kapitel 12 - Matos Geheimnis

Beim Frühstück breitete Bruno eine große Karte auf dem Tisch aus. Er hatte sie selbst gezeichnet. Die Uferlinie war dreimal so breit wie in Wirklichkeit, dafür war ein bestimmter Felsen ganz genau eingetragen — den hielt Bruno offenbar für besonders wichtig. „Bootsausflug", sagte er. „Übermorgen. Ich hab das Boot geprüft. Es ist dicht. Meistens."

Banoo strahlte. Tick zog sofort einen Stift heraus. Isi schaute auf die Karte und dann auf Bruno, sagte aber nichts. Ganosch nippte an seinem Tee.

Mato schaute auf die Karte. Dann auf Bruno. Bruno lächelte — einen winzigen Moment zu breit. Mato schrieb etwas in sein Notizbuch.


Am Abend fand Mato Bruno auf dem Wehrgang. Bruno stand ganz am Rand und schaute hinunter auf das Wasser im Schlossgraben, das tief unten schwarz und still lag. Sein Schwanz zuckte. Einmal. Zweimal.

Mato hatte es schon beim Frühstück gemerkt — an Brunos Händen, die die Karte viel zu fest gehalten hatten. Er stellte sich neben ihn und schaute ebenfalls hinunter.

Mato„Du hast die Karte gezeichnet. Für uns alle."

Bruno„Ja."

Eine Pause. Eine Dohle landete auf der Zinne neben ihnen.

Bruno„Ich bin ein Krokodil."

Mato„Ich weiß."

Bruno„Also müsste ich das doch können. Das Wasser. Aber wenn ich davorstehe, geht es einfach nicht."

Mato schaute auf seine Hände.

Mato„Ich bin auf einer Insel groß geworden. Das Wasser war immer da. Ich kann es lesen wie ein Buch. Einmal war ich fünf Tage allein auf See, und niemand hat mit mir geredet. Aber das Wasser hat geredet. Es sagt: Bleib ruhig. Ich trage dich, wenn du aufhörst zu strampeln."

Bruno„Warum erzählst du mir das?"

Mato„Weil du die Karte für uns gezeichnet hast. Das verdient etwas zurück. Morgen früh, sechs Uhr: das Steinbecken hinter der Scheune. Wasser bis zur Hüfte, flacher Boden. Ich steh die ganze Zeit dabei."

Er ging, ohne auf eine Antwort zu warten. Die Dohle flog davon.


Das Steinbecken war früher mal ein Brunnen gewesen — breit und flach, das Wasser reichte Bruno bis zum Bauch. Als Bruno um sechs ankam, war Mato schon da.

Mato„Ich zeig es dir einmal. Dann probierst du es."

Er trat ins Wasser, legte sich auf den Rücken und trieb. Zehn Sekunden. Fünfzehn. Dann stand er wieder auf.

Mato„Das Wasser will dich tragen. Das ist kein Spruch — das ist einfach so. Du musst aufhören, etwas zu tun. Und genau das ist das Schwerste."

Bruno trat ins Wasser. Es war kalt. Sofort spannte sich alles an.

Das Becken war nicht tief — er wusste das, er konnte stehen, er stand ja auch. Aber das kalte Wasser bis zur Brust reichte, damit der Mut wieder ganz tief nach unten rutschte.

Mato„Schultern locker."

Bruno„Ich vers—"

Mato„Schultern. Locker."

Bruno versuchte es. Und versuchte es. Beim dritten Mal trieb er — vier Sekunden lang. Dann sank er wieder.

Mato„Das zählt. Morgen wieder."

Er ging. Bruno blieb noch einen Moment im Becken stehen. Das Wasser war kalt, aber irgendwie nicht mehr ganz so fremd. Vier Sekunden lang hatte er nicht gekämpft. Vier Sekunden lang hatte das Wasser ihn getragen. So etwas hatte er noch nie gemacht.

Am zweiten Morgen trieb er acht Sekunden. Am dritten dreizehn.

Am dritten Morgen hatte Bruno gar nicht mehr mitgezählt. Er trieb einfach — und merkte irgendwann, dass er an etwas ganz anderes dachte. An die Namen auf seiner Karte. An den Buckelstein. An den Grünen Riesen. Als er wieder aufstand, wusste er nicht, wie lange es gewesen war. Mato sagte: dreizehn Sekunden. Das war länger, als Bruno gedacht hätte.

Bruno„Ich hab nicht aufgehört."

Mato„Ich weiß. Gut. Du lernst."

Bruno„Dreizehn Sekunden sind nicht viel."

Mato„Für übermorgen reicht es."


Der Bootsausflug begann nach dem Frühstück. Das Boot war alt und hatte eine Delle am Bug, die Bruno mit Pech abgedichtet hatte. Banoo schwebte als Erster hinein. Dann Isi mit einem Buch. Tick mit einem Stift. Und Ganosch mit der Miene von jemandem, der Boote für eine völlig überschätzte Erfindung hielt.

Bruno stand am Ufer.

Mato stand neben ihm. Er sagte nichts. Er schaute woanders hin.

Bruno schaute auf das Boot. Nicht auf das Wasser unter dem Boot — nur auf das Boot. Und auf das andere Ufer dahinter.

Dann stieg er ein und setzte sich. Die Hände auf den Knien. Den Blick fest auf das andere Ufer gerichtet.

Mato setzte sich ans Heck und nahm das Ruder, ganz ohne ein Wort. Kein Kommentar, kein Blick auf Bruno. Denn Mato wusste: Wenn jemand etwas Mutiges tut, schaut man besser nicht hin. Sonst wird das Mutige nur noch schwerer. Er schaute aufs Wasser und zog das erste Ruder durch — platsch.

Der Abenbach trug sie langsam flussabwärts. Pappeln am Ufer. Irgendwo ein Eisvogel. Banoo versuchte, eine Libelle zu berühren, und verfehlte sie knapp. Tick schrieb Vogelarten auf. Ganosch schaute aufs Ufer mit dem Gesicht von jemandem, dem das insgeheim ganz gut gefiel. Nur dass Tick beim Schreiben mal nach links und mal nach rechts rutschte, das hatte er nicht eingeplant.

Das Boot schaukelte einmal kräftiger über eine kleine Welle. Ganosch krallte sich unauffällig fest und sagte, ohne eine Miene zu verziehen:

Ganosch„Ich bleibe bei meiner Einschätzung. Boote sind überschätzt."

Aber er stieg nicht aus. Das hätte man ohnehin schlecht gekonnt, mitten auf dem Fluss.

Das Wasser war hier ruhiger als im Schlossgraben — breiter, dunkler, weil die Pappeln beidseitig dicht standen. Banoo schwebte eine Weile ganz knapp über der Oberfläche, so nah, dass es aussah, als wollte er das Wasser anfassen.

Bruno saß still. Dann ließ er einen Arm über den Bootsrand hängen, bis seine Finger das Wasser streiften. Mato sah es. Er sagte nichts.

Bruno saß weiter still. Und dann fing er an, die Felsen zu benennen — die, die er auf seiner Karte eingetragen hatte.

Bruno„Das da ist der Buckelstein. Und da drüben — der Grüne Riese, weil da immer Moos drauf ist. Und der hier—"

Banoo„Was ist mit dem hier?"

Bruno schaute kurz aufs Wasser — dann wieder weg, auf den Felsen.

Bruno„Den hab ich noch nicht benannt. Der heißt ab jetzt: der Überraschende."

Mato ruderte gleichmäßig weiter. Einmal schrieb er mit einer Hand etwas ins Notizbuch, während er mit der anderen das Ruder hielt.


Sie zogen das Boot ans Ufer. Bruno half mit — er hob die Seite, die für Isi zu schwer war, und half Mato, das Seil um den Pflock zu wickeln. Es ging schnell und fast ohne Worte. Als alles fertig war, blieb Bruno noch kurz stehen und schaute auf den Fluss.

Am Nachmittag saßen sie im Schlosshof. Bruno erzählte alle Felsnamen noch einmal, mit langen Hintergrundgeschichten, die er sich gerade erst ausgedacht hatte. Tick schrieb fleißig mit. Banoo drehte einen Looping.

Mato stand am Tor und schaute auf den Fluss hinunter, der von hier oben glitzerte.

Bruno trat neben ihn.

Bruno„Du hast kein einziges Wort gesagt. Die ganze Fahrt lang."

Mato„Ich war beschäftigt."

Bruno„Mit Rudern."

Mato„Und mit Aufschreiben."

Er zeigte auf sein Notizbuch.

Mato„Ich hab den ganzen Ausflug aufgeschrieben. Alle Felsen mit ihren Namen. Falls du deine Karte noch ergänzen willst."

Illustration: Bruno und Mato stehen am Schlosstor, Mato hält sein Notizbuch, der Fluss glitzert unten im Tal

Mato„Du hast dich gut gehalten."

Bruno„Es war sogar richtig schön."

Er klang selbst noch ein bisschen überrascht davon.

Bruno„Was schreibst du da noch?"

Mato„Felsen Nummer sieben. Der Überraschende. Benannt von Bruno. Passt."

Bruno schaute auf das Notizbuch. Er las es zweimal. Dann nickte er.

Bruno„Ich ergänze meine Karte. Dann haben wir beide eine vollständige."

Mato„Gut."

Er machte eine kurze Pause.

Mato„Morgen früh üben wir weiter. Steinbecken. Sechs Uhr."

Bruno„Ich dachte, der Ausflug ist vorbei?"

Mato„Der Ausflug schon. Das Schwimmen nicht."

Bruno„Ah."

Bruno dachte einen Moment nach.

Bruno„Einverstanden."

Vier Sekunden hatte Bruno am ersten Morgen auf dem Wasser getrieben. Am dritten waren es dreizehn — und da zählte er schon gar nicht mehr mit, weil er an die Namen seiner Felsen dachte. Am Abend trug Mato sein Notizbuch mit den sieben Felsennamen auf den Wehrgang. Felsen Nummer sieben hieß jetzt „der Überraschende" — getauft von einem Krokodil, das dreizehn Sekunden lang nicht ein einziges Mal ans Wasser gedacht hatte.

Banoo

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