
Kapitel 20 - Das Konzert in Bärental
Jeden September gab es in Bärental ein Herbstfest — mit einer Holzbühne, zwei Laternen, einem roten Vorhang und Bratäpfeln, die man schon vom Schlosstor aus roch. In diesem Jahr kamen alle aus dem Schloss mit. Bruno mit seiner Trommel. Tick mit drei Listen. Ganosch, der sich „bereit erklärt" hatte, einzuspringen — womit alle „niemals" meinten. Und Mato, dessen Name auf der Liste stand, noch bevor er überhaupt geantwortet hatte.
Tick hatte ihre Liste sogar dreifach dabei: wer wann was tut. Die Reserveliste steckte zusammengerollt in der Schürzentasche — für Notfälle.
Bruno hatte seine Trommel. Er hatte sie selbst gebaut, was ungefähr erklärt, wie sie klang.
Ganosch hatte sich „bereit erklärt, falls nötig einzuspringen". Das hatten alle als niemals verstanden.
Mato hatte lange überlegt, ob er mitgehen sollte. Tick hatte seinen Namen schon auf die Liste geschrieben, bevor er antworten konnte.
Banoo strahlte schon auf der Zufahrtsstraße so hell, dass ein Teil der Laternen eigentlich überflüssig war.
Am Ortseingang blieb Frau Bergmeier von der Bäckerei in der Tür stehen und rief nach drinnen. Die Bergmeierkinder liefen heraus. Jemand lachte. Der kurze Weg von der Bäckerei bis zur Bühne dauerte am Ende ungefähr dreimal so lang wie sonst — weil Banoo jeden Zaun und jeden Brunnen mit einem Looping begrüßte.
Es roch nach Bratäpfeln und Holzrauch. Kinder rannten zwischen den Bierbänken hindurch. Auf der kleinen Holzbühne wehte der rote Vorhang im Wind.
Bruno trat als Erster auf.
Er trommelte mit dem vollen Einsatz, den er bei allen Dingen aufbrachte. Das Ergebnis war laut, begeistert und in einem Rhythmus, der ganz sein eigener war — und mit dem Lied darunter nur ab und zu zusammenpasste. Das Publikum klatschte trotzdem. In Bärental zählte Einsatz mehr als alles andere.
Bruno verbeugte sich tief. Dabei rollte die Trommel vom Podest — er fing sie im Fallen. Großer Applaus! Bruno verbeugte sich noch einmal, einmal mehr als geplant, weil der Applaus einfach nicht aufhörte. Er strahlte so breit, dass man bis zum Bühnenrand sehen konnte: Der Applaus freute ihn riesig, und der Rhythmus war ihm völlig egal. Beides stimmte.
Tick dirigierte die Dorfkapelle mit einem Zimtstöckchen und demselben Ernst, mit dem sie alles tat. Die Kapelle bestand aus vier Leuten, die hauptsächlich verwirrt aussahen. Die Musik wurde trotzdem besser. Tick nahm das als Beweis, dass Dirigieren funktioniert.
Hinterher tippte ihr der Geiger — ein großer Mann mit rotem Halstuch — auf die Schulter und sagte, sie hätten selten so gut gespielt. Tick schaute auf die Bühne, dann ins Notizbuch. Dann sagte sie, er habe Möglichkeiten genutzt, die er vorher nicht gekannt habe. Der Geiger lachte laut. Tick schrieb es auf.
Dann trat Ganosch auf.
Freiwillig gemeldet hatte er sich nicht. Frau Bergmeier hatte gefragt, ob „der elegante Herr dort" nicht etwas singen könnte. Und Ganosch hatte im Moment des Gefragtwerdens nicht nein gesagt — was in Ganoschs Welt als Ja galt.
Er sang ein altes Lied, das er auswendig konnte und über das er kein Wort verlieren wollte. Es hatte keine richtigen Strophen — nur eine Melodie, die immer wiederkam, jedes Mal ein klein wenig anders. Ganosch stand vollkommen still auf der Bühne. Kein Mikrofon, keine Bewegung. Nur seine Stimme, die ganz von allein alles tat. Die Kinder in der ersten Reihe hörten auf, sich zu schubsen. Jemand stellte sein Glas ab.
Er sang das Lied bis zum Schluss, mit einem Gesicht, das sagte: Das ist jetzt passiert. Wir reden nicht darüber.
Danach war das Publikum ganz still. Dann klatschte Frau Bergmeier — und alle anderen auch, weil in Bärental Frau Bergmeier den Takt angab.
Ganosch verbeugte sich ganz knapp, rückte sein Seidentuch gerade und verließ die Bühne, als hätte er eben nur eine kleine Aufgabe erledigt.
„Du hast wunderschön gesungen!"
„Ich habe genuschelt."
„Das war kein Genuschel."
„Doch. Genuschel auf sehr hohem Niveau."
Mato war der Letzte.
Er stand am Bühnenrand und schaute auf das Publikum. So viele Leute. Bauern, Bäckersleute, Kinder, der alte Zollinger vom Weinberg. Alle schauten in dieselbe Richtung — zu ihm.
Dieses Gefühl kannte er. Nicht vom Lesen, denn vor Menschen hatte er noch nie gelesen. Er kannte es vom Meer: das erste Mal an Deck einer fremden Route, wenn man die Seezeichen noch nicht kennt. Da steht man und weiß: Jetzt muss ich mich entscheiden. Und man entscheidet, ohne zu wissen, ob es richtig ist.
Er machte einen halben Schritt zurück. Das Notizbuch saß in der Jackentasche — eigentlich hatte er es gar nicht mitnehmen wollen und es dann doch eingesteckt, weil es sich ohne zu leicht angefühlt hätte.
Dann war Banoo neben ihm. Kein Looping, kein „bootastisch". Er war einfach da, warm und ruhig leuchtend, nah genug, dass Mato ihn spürte. Das sagte: Ich bin hier. Mehr nicht.
Mato schloss die Augen. Einmal tief atmen.
Dann trat er auf die Bühne, setzte sich auf den Hocker, legte das Buch auf die Knie und schlug es auf.
Er schaute nicht ins Publikum. Er schaute ins Buch. Und er las, als säße er allein am Kamin und würde nur einer einzigen Person vorlesen.
Das Publikum wurde still. Ein Mädchen in der dritten Reihe lehnte sich vor. Der alte Zollinger legte seinen Gehstock quer über die Knie.

Irgendwann hob Mato den Blick. Nur ganz kurz. Die Gesichter wirkten kleiner als vorher. Ein Mann in der zweiten Reihe nickte — nicht als Zeichen, einfach weil sein Kopf das tat, wenn etwas bei ihm ankam. Mato schaute wieder ins Buch und las noch zwei Seiten.
Banoo schwebte neben der Bühne und strahlte so hell, dass er die Laternen überflüssig machte. Er merkte es selbst nicht.
Auf dem Heimweg durchs Tal, mit den Laternen und dem Nachhall der Musik hinter ihnen:
„Das war der schönste Abend seit Langem."
Niemand widersprach.
Tick klappte ihr Notizbuch zu. Ganosch schaute geradeaus und sagte nichts über das Lied. Mato trug das Buch unter dem Arm und schaute hinauf in den Himmel, der über dem Tal voller Sterne war.
Isi flog ein Stück voraus und wartete am Wegrand. Bruno trug Tick das letzte Stück auf dem Rücken, weil der Hang steil war und ihre kurzen Beine müde wurden. Tick ließ es geschehen, ohne ein Wort. Bruno trug sie, ohne ein Wort. Das war in Ordnung.
„Wie heißt der da?"
Er zeigte mit einem runden Arm in den Himmel.
„Der Orion? Den kenn ich."
„Nein, der andere."
„Das ist der Fuhrmann."
„Was macht der?"
„Er fährt. Den ganzen Winter lang."
Banoo schaute lange hinauf.
„Bootastisch."
Bruno blieb kurz stehen und schaute auch hinauf. Dann ging er weiter. Die Trommel trug er unter dem Arm — und weil der Weg holprig und steil war, fing er an, leise darauf zu trommeln, im eigenen Takt, der genau zum Gehen passte.
Tick hörte es und nickte einmal, als wäre das genau richtig.
Von hier unten war das Schloss nur ein Licht oben auf dem Hügel — zwei Fenster, die noch brannten, warm und klein in der Dunkelheit. Banoo schwebte voraus und leuchtete den Weg.
„Ausgezeichneter Tag."
„Bestätigt."
„Nächstes Jahr machen wir das wieder."
„Ja. Ich komm wieder mit."
Er sagte es so fest, als wäre das schon immer so gewesen.
Am Anfang hatte Mato nicht einmal gewusst, ob er mitgehen wollte — und am Ende hatte er vor dem ganzen Dorf vorgelesen, während Banoo neben der Bühne so hell leuchtete, dass er die Laternen fast überflüssig machte. Auf dem Heimweg trommelte Bruno leise im Takt der Schritte. Oben auf dem Hügel hatte das Schloss zwei warme Fenster in der Dunkelheit. Und es roch nach Bratäpfeln, den ganzen Weg hinauf.
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