
Kapitel 20 - Ganoschs Tag
Ganosch verschwand manchmal. Das hatte er immer so gemacht, noch bevor er auf Spukstein war, noch bevor irgend jemand ihn kannte. Er brauchte Tage für sich. Das war keine Launenhaftigkeit. Es war einfach, wie er war.
Er hatte nur vergessen, es zu erklären.
Eines Morgens war sein Stuhl beim Frühstück leer. Kein Zettel. Kein Hinweis. Der Mantel weg, das Seidentuch nicht – das heißt: das Reserveseidentuch nicht, das grüne mit dem kleinen Flicken. Das erste, das beste hing noch am Haken.
Tick schaute auf den leeren Stuhl. Dann auf Banoo.
„Wo ist er?"
„Weiß ich nicht."
„Er hat nichts gesagt?"
„Nein."
Tick schrieb „Ganosch?" in ihr Notizbuch. Dann schaute sie es an und strich es durch.
Bruno machte sich Sorgen, sagte es aber nicht laut, weil er merkte, dass Mato und Isi keine Sorgen machten, und wenn die keine machten, war meistens auch keiner nötig.
Isi trank ihren Tee und sagte nur: „Er kommt zurück."
„Woher weißt du das?", fragte Bruno.
„Er hat das beste Seidentuch nicht mitgenommen."
Den ganzen Tag war er weg. Niemand sah ihn in Bärental. Der alte Bergpfad, der hinter dem Schloss begann, war früh morgens mit frischen Spuren gewesen – das hatten Mato und Tick beim Holzholen bemerkt.
Bruno machte trotzdem Mittagessen, aber er machte mehr davon als nötig.
Tick arbeitete ihre Eine-Sache-Liste ab und fing danach mit einer anderen an, aber sie tat es ruhiger als sonst.
Banoo schwebte ein bisschen ziellos umher, was bei Banoo bedeutete, dass er durch alle Zimmer schwevbe und in jedem kurz nachschaute.
Gegen Abend öffnete sich das Schlosstor.
Ganosch trat ein. Mantel etwas staubig, Stiefel ehrlich dreckig, Reserveseidentuch noch am Platz. Er trug unter dem Arm eine gerollte Papiertube.
Er stellte sie auf den Abendessenstisch, ohne etwas zu sagen.
Bruno rollte sie auf.
Es war eine Karte. Handgezeichnet, sehr sorgfältig, in zarten Linien. Schloss Spukstein aus der Vogelperspektive: die Türme, der Hof, die Wirtschaftsgebäude, der Graben, der Fluss, der Wald. Mit Namen – seine eigene Handschrift, klein und ordentlich. Der Nordturm. Die Bibliothek. Die Scheune. Das Steinbecken. Die Zinnenkante, von der aus Isi abflog.
Er hatte jeden Winkel gezeichnet. Alles, was zählte.
Die Gruppe schaute auf die Karte.
Bruno sagte: „Du hast den ganzen Tag—"
„Ja."
„Für uns?"
„Es war für mich", sagte Ganosch. „Aber es ist für euch."

Er setzte sich. Nahm seinen Teller.
„Du hättest es sagen können", sagte Bruno nach einer Weile. „Dass du einen Tag für dich brauchst."
„Ja."
„Dann hätten wir nicht—"
„Ich weiß." Ganosch schaute auf seinen Teller. „Vielleicht nächstes Mal."
Tick schaute auf die Karte. Dann auf Ganosch. Sie öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
Sie schrieb nichts in ihr Notizbuch. Das war das Lauteste, was sie sagen konnte.
Die Karte wurde an die Wand im Gemeinschaftsraum gehängt. Zwischen dem alten Jagdhorn, das niemand spielte, und dem Fenster, aus dem man den Fluss sah.
Sie hing schief. Tick richtete sie gerade. Ganosch sah es und rückte sein Seidentuch gerade.
Banoo drehte einen Looping davor. Aus Freude.
„Bootastisch", sagte er.
Ganosch schaute die Karte an. Dann schaute er Banoo an.
Er sagte nichts. Aber er ließ ihn drehen.
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