Vorlesegeschichte Kap. 14: Das Missverständnis

Kapitel 14 - Das große Missverständnis

Im zweiten Stock von Schloss Spukstein gab es ein Bogenfenster, das immer klemmte. An einem Dienstagnachmittag schwebte Banoo den Korridor entlang, um nachzuschauen, ob es noch klemmte. Auf dem Weg kam er an der Bibliothekstür vorbei. Diese Tür schloss nie ganz. Und durch den schmalen Spalt kam ein Satz heraus — klar und deutlich.

Es war Ticks Stimme.

Tick„Banoo ist manchmal anstrengend."

Banoo blieb stehen.

Einen Moment lang schwebte er ganz still im Korridor, die runde Brille auf die geschlossene Tür gerichtet. Sein Licht wurde ein kleines bisschen schwächer als noch eine Sekunde zuvor.

Er wartete, ob noch mehr kam. Hinter der Tür redete jemand weiter — aber die Worte waren jetzt undeutlich, zu weit weg. Er hatte nur den einen Satz gehört. Und den behielt er.

Dann schwebte er weiter. Zum Bogenfenster. Es klemmte. Wie immer.


Beim Abendessen war Banoo stiller als sonst.

Bruno merkte es als Erster — er merkte immer, wenn jemand weniger aß. Banoo aß zwar nie etwas, er war ja ein Gespenst. Aber normalerweise schwebte er beim Essen ganz nah am Tisch. Heute schwebte er ein Stück weiter weg, fast am Rand des Kerzenlichts.

Bruno„Alles gut?"

Banoo„Ja. Alles gut."

Er sagte es auf die Art, bei der man sofort merkt, dass eben nicht alles gut ist — und dass man trotzdem besser nicht fragt.

Tick schaute ihn an. Banoo schaute zur Decke. Mato löffelte seinen Eintopf.


Zwei Tage lang war Banoo anders als sonst.

Er leuchtete, er war da, er half — aber er drehte keine Loopings. Einmal fing er einen an, auf dem Weg in die Küche. Dann hörte er mitten drin auf und schwebte einfach geradeaus weiter. Ganosch sah es und sagte nichts.

Banoo half bei kleinen Dingen. Er öffnete ein Fenster, das sonst klemmte. Er hielt eine Kerze, damit Tick schreiben konnte. Nützlich sein — das war einfacher, als zu entscheiden, wie er sonst sein sollte. Und er rief auch niemanden mehr mit einem lauten „Kommt her!" durch den Hof. Er hielt sich im Hintergrund. Das war so ungewohnt, dass der ganze Schlosshof sich auf einmal größer anfühlte.

Bruno machte am nächsten Morgen viel mehr Frühstück als nötig — Haferbrei für eine ganze Festgesellschaft, dazu drei Sorten Marmelade, ordentlich in einer Reihe. Das war seine Art, etwas zu tun, wenn er nicht wusste, was er tun sollte. Keiner fragte, warum so viel. Alle ahnten: Bruno machte sich Sorgen um Banoo.

Tick merkte es am zweiten Tag. Sie saß in der Küche und zählte Vorratsdosen — dreimal dieselbe Reihe, weil ihre Gedanken ganz woanders waren. Beim dritten Mal legte sie den Stift hin und dachte an den Satz, den sie gesagt hatte. Genauer: an den Teil davon, den Banoo wohl gehört hatte.

Als Isi in die Küche kam, sagte Tick:

Tick„Stimmt etwas mit Banoo nicht?"

Isi„Ja."

Tick„Du hast es auch gemerkt?"

Isi„Schon vor zwei Tagen."

Tick„Was ist passiert?"

Isi„Das solltest du ihn selbst fragen."


Isi fand Banoo oben auf dem Nordturm. Er saß auf dem Zinnenkranz und schaute auf die Felder, die sich bis nach Bärental zogen. Sein Licht war gedämpft — nicht aus, aber leiser als sonst.

Isi setzte sich neben ihn. Einfach so, ohne zu fragen.

Eine Weile sagten beide nichts. Unten lagen die Felder in lauter Grautönen. Dann schaute Isi ihn an.

Isi„Du hast etwas gehört."

Banoo schaute sie an.

Banoo„Woher weißt du das?"

Isi„Weil ein Banoo, dem nichts fehlt, nicht zwei Tage lang auf dem Nordturm sitzt. Der dreht Loopings und fragt, ob jemand Kekse will."

Banoo schaute auf die Felder.

Banoo„Ich hab einen Satz gehört. Durch die Tür. Tick hat gesagt, sie findet mich anstrengend."

Isi„Wann?"

Banoo„Dienstagnachmittag. In der Bibliothek."

Isi„Und was hat sie noch gesagt?"

Banoo„Nichts. Ich bin weitergeschwebt."

Isi„Nur diesen einen halben Satz?"

Banoo„Ja."

Isi stand auf.

Isi„Komm mit."

Sie gingen zusammen — nicht schnell. Isi flog ein Stück voraus, wie sie das manchmal tat, aber nicht weit. Banoo schwebte hinterher. Vielleicht will ich es gar nicht wissen, dachte er. Aber Dinge, die man nicht fragt, werden manchmal kleiner mit der Zeit — sie bleiben trotzdem da. Nur eben kleiner.


Tick saß noch in der Küche, als Isi mit Banoo zurückkam. Banoo verschränkte die Arme vor dem Bauch und schaute auf den Boden — auf die Fliesen, die er tausendmal überflogen hatte und die heute irgendwie anders aussahen.

Tick schaute ihn an. Dann Isi.

Isi„Dienstagnachmittag. In der Bibliothek. Du hast über Banoo geredet."

Tick dachte nach. Sie blätterte kurz im Notizbuch. Dann veränderte sich ihr Gesicht.

Tick„Oh."

Banoo„Was hab ich gesagt?"

Tick schaute ihn direkt an.

Tick„Ich hab gesagt: Banoo ist manchmal anstrengend. Genau so, wie ich es brauche."

Stille.

Banoo„Was?"

Tick„Ich hab zu Bruno gesagt, dass ich manchmal jemanden brauche, der einfach losgeht. Der nicht erst eine Liste macht und einen Plan und einen Gegenplan. Ich mache immer Listen. Aber manchmal bin ich so froh, wenn jemand einfach ruft: Kommt her! — und dann macht man es. Genau das tust du. Und genau das brauche ich."

So viel am Stück hatte Tick noch nie über etwas gesagt, das nichts mit Listen zu tun hatte. Banoo merkte das. Er sagte nichts dazu — weil er merkte, dass es ihr selbst auch aufgefallen war.

Banoo schaute von Tick zu Isi. Dann wieder zu Tick.

Und dann leuchtete er auf — plötzlich, warm, so hell wie immer.

Banoo„Du brauchst mich?"

Tick seufzte.

Tick„Das hab ich nicht— ja. Manchmal. Ein bisschen."

Banoo„Das ist bootastisch."

Illustration: Tick schaut Banoo direkt an, beide in der Küche, Isi im Hintergrund, Banoo leuchtet wieder hell

Er drehte einen kleinen Looping in der Küche — vorsichtig, um nicht gegen den Topf zu stoßen. Er stieß trotzdem dagegen. KLONK. Der Topf rutschte ein Stück. Banoo schaute ihn an. Dann schaute er Tick an.

Tick„Ich stell ihn einfach woanders hin."

Das war alles. Das reichte.

Isi schaute zu. Sie sagte nichts. Aber sie nickte einmal.


Beim Abendessen schwebte Banoo wieder ganz nah am Tisch.

Bruno merkte es sofort. Er gab Banoo extra viel von der Soße, obwohl Banoo die Soße ja gar nicht aß. Das war Brunos Art zu sagen: Schön, dass du wieder da bist. Ohne es zu sagen.

Mato aß seinen Eintopf und sagte nichts. Aber er schob seinen Teller ein Stück in Banoos Richtung.

Isi schlug ihr Buch auf — das Buch, das sie den ganzen Tag zugeklappt gelassen hatte. Tick schrieb die Liste für morgen und ließ dabei die Küchentür einen Spalt offen, was sie sonst nie tat. Es zog ein bisschen. Niemand sagte etwas.

Ganosch trank seinen Tee. Er schaute kurz zu Banoo hinüber — einmal, schnell. Dann wieder auf seine Tasse. Aber er schnurrte.

Zwei Tage lang hatte sich Banoo zurückgezogen — wegen eines halben Satzes, den er falsch verstanden hatte. „Du bist manchmal anstrengend", hatte Tick gesagt; was er nicht mehr gehört hatte, war: „Genau so, wie ich es brauche." Beim Abendessen schwebte Banoo wieder ganz nah am Tisch, so wie immer. Das Bogenfenster klemmte noch. Er ließ es klemmen — so blieb die Wärme abends drinnen. Und die Freunde auch.

Banoo

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