
Kapitel 14 - Bruno und die Wut
Bruno ärgerte sich selten. Das war allgemein bekannt und wurde allgemein sehr geschätzt. Wenn Bruno ruhig war, war der Hof ruhig. Wenn Bruno lächelte, lächelten die meisten mit. Das war keine Absicht. Es war einfach, wie Bruno war.
Deshalb bemerkte es jeder sofort, als es nicht so war.
Es fing mit dem Kübel an.
Es war ein alter Eimer aus dem Keller, den Bruno regelmäßig zum Garten trug. Er hatte ihn immer selbst getragen. Heute Morgen war er zum Keller hinuntergegangen und der Kübel war weg – frisch gewaschen, sauber, ordentlich neben der Küchentür gestellt von Tick, die ihn offenbar auch gebraucht hatte.
Das war vernünftig. Das war praktisch. Das war vollkommen in Ordnung.
Bruno trug den Kübel trotzdem zurück in den Keller, setzte ihn hin, und stand eine Weile da.
Beim Mittagessen antwortete er einsilbig. Beim Abräumen stellte er eine Schüssel etwas fester ab als nötig. Nicht so, dass es laut war. Aber so, dass Mato es hörte.
Beim Abendessen schwieg er meistens.
„Bruno", sagte Banoo, „bist du müde?"
„Nein."
„Hast du Kopfweh?"
„Nein."
„Hast du—"
„Ich bin wütend", sagte Bruno.
Es wurde sehr still am Tisch.
Bruno schaute überrascht, dass er das gesagt hatte. Aber er hatte es gesagt, und jetzt saß es da.
Tick legte ihren Löffel hin. „Auf wen?"
„Weiß ich nicht."
„Auf was?"
„Weiß ich auch nicht." Er schaute auf seinen Teller. „Es fing mit dem Kübel an."
Pause.
„Mit dem Kübel", wiederholte Ganosch. Ohne Urteil. Nur zur Bestätigung.
„Ich hole ihn immer selbst. Ich wollte ihn heute holen und er war schon weg." Bruno schaute auf. „Das ist dumm, oder? Das ist so dumm."
„Nein", sagte Isi. „Was du sagst, klingt nicht nach dem Kübel."
Bruno schwieg.
„Was ist noch passiert?", fragte Isi ruhig.
Bruno dachte nach. Dann fing er an zu reden.
Er erzählte von der Woche. Dass beim Ausflug nach Bärental alle schon einen Plan gehabt hatten, bevor er ankam. Dass er beim Einkauf nicht gefragt wurde, was er haben wollte, weil Tick schon die Liste hatte. Dass beim Aufräumen niemand fragte, weil er sowieso immer die schweren Dinge trug. Dass die schweren Dinge die einzigen Dinge waren, die immer auf ihn warteten.
Er hörte auf. Schaute auf den Tisch.
„Ich weiß, dass das alles nicht böse gemeint war."
„Nein", sagte Tick leise. „War es nicht."
„Ich weiß. Aber ich hab mich… nicht gefragt gefühlt. Manchmal." Er strich mit dem Daumen über den Tischrand. „Als wäre klar, was ich tue. Ohne dass jemand fragt."

Es war sehr still am Tisch. Nicht unangenehm still. Die Art von Stille, die entsteht, wenn jemand etwas Echtes gesagt hat und alle Zeit brauchen.
Banoo leuchtete sehr weich.
Tick öffnete ihr Notizbuch. Schloss es wieder.
„Ich hätte fragen sollen", sagte sie. „Beim Einkauf. Das war falsch."
„Ich auch", sagte Banoo. „Beim Ausflug."
Mato schaute Bruno an. „Beim nächsten Mal sagst du es."
„Ja", sagte Bruno. Leise.
„Oder bevor", sagte Mato.
Bruno schaute ihn an.
„Wenn du übergangen wirst — sag es. Nicht danach. Dann." Mato schob seinen Teller zur Seite. „Ich hab das auch gelernt. Es ist schwer. Aber es hilft."
Bruno nickte langsam. Er dachte an Mato auf dem Wehrgang, der wochenlang schlechte Ausreden erfunden hatte, anstatt zu sagen, was war. Er dachte, dass Mato das vielleicht besser verstand als die meisten.
Nach dem Essen räumten sie zusammen ab.
Tick fragte Bruno, ob er den schweren Topf haben wollte oder ob sie ihn tragen sollte. Bruno musste kurz lachen – was das Gesicht machte, das es machte, wenn jemand nach etwas fragt, das man sich gewünscht hat, ohne es gewusst zu haben.
„Ich nehm ihn", sagte er. „Danke."
Ganosch rückte sein Seidentuch gerade und brachte die Schüsseln hinüber, ohne etwas zu sagen. Aber er brachte die Schüsseln.
Banoo schwebte neben Bruno, während der abwusch.
„Wütend bist du jetzt noch?"
Bruno überlegte.
„Ein bisschen", sagte er. „Aber das hört auf."
„Gut", sagte Banoo. Er schwebte ein kleines Stück näher. „Wütend sein darf man."
„Ich weiß."
„Ich wollte es nur sagen."
Bruno wischte die letzte Schüssel ab und stellte sie hin.
Dann schaute er Banoo an und nickte einmal – kurz und ganz.
Das könnte dich auch interessieren
Vorlesegeschichten
Kapitel 19 - Tick und das Zuviel
Tick hat sechs Listen und bearbeitet alle gleichzeitig. Mato findet sie hinter dem Mehlsack. „Ich wollte nur fertig sein." – „Mit was?" – „Mit allem."
Vorlesegeschichten
Kapitel 2 - Land in Sicht: Alles für die Freundschaft!
Im zweiten Kapitel von Schloss Spukstein geht es um Freundschaft, Mut und Zusammenhalt – eine liebevolle Vorlesegeschichte für gemütliche Familienmomente.
Vorlesegeschichten
Kapitel 20 - Ganoschs Tag
Eines Morgens ist Ganosch weg – kein Zettel, kein Wort. Abends kommt er zurück mit einer handgezeichneten Karte von Schloss Spukstein. Als Geschenk für alle.
Hier findest du weitere wichtige Kategorien


Schreibe einen Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.