
Kapitel 16 - Grumbert und der große Plan
Drei Wochen nach seinem ersten Besuch kam Grumbert zurück — diesmal mit vier Suppentöpfen, einem langen Seil durch drei Ringe und einer selbst gebauten Auslöseplatte aus Holz. Der Rabe auf seinem Hut sah aus, als hätte er die drei Wochen kaum geschlafen. Tick sah die Silhouette vom Torturm und schrieb ins Notizbuch: „Er hat diesmal Töpfe dabei."
In Grumberts Manteltasche steckte ein kleines Stück Papier. Er hatte es am Morgen auf seiner Hüttenschwelle gefunden. Eine kleine, schiefe Handschrift: Vorsicht. —L.
Er hatte es nicht weggeworfen.
„Er ist wieder da."
„Ich hab ihn gesehen."
„Er hat was dabei."
„Ein Netz?"
„Nein. Töpfe."
Bruno schaute kurz hinüber. Dann trug er das Geschirr in die Küche und überlegte, ob er sich nicht solange im Keller nützlich machen könnte, bis der Vormittag vorbei war.
Die neue Falle war viel größer als das alte Netz. Sie bestand aus vier Suppentöpfen, einem langen Seil, das durch drei Ringe lief und am Wetterhahn des Torturms befestigt war, einer Schüssel Getreidekörner als Lockmittel — Handbuch, Seite 112: Phänomene reagieren auf organische Substanzen — und einer Auslöseplatte aus Holz.
Der Aufbau dauerte zwei Stunden. Mato beobachtete alles vom Wehrgang aus. Er schrieb: Vier Töpfe. Seil über Wetterhahn. Auslöseplatte: Holz. Dann schaute er zum Wetterhahn, der sich im Wind drehte. Er schrieb: Wind: NW. Dann strich er es wieder durch. Dann legte er den Stift hin und schaute einfach nur zu.
Isi stand am Rand des Burghofs und betrachtete die Konstruktion.
„Der Wetterhahn dreht sich im Wind."
„Das weiß ich."
„Dann dreht sich auch das Seil."
„Das ist einkalkuliert."
„Und wenn sich das Seil um die Turmspitze wickelt—"
„Das ist ebenfalls einkalkuliert."
Isi rückte die Brille gerade und sagte nichts mehr. Aber sie blieb stehen. Die Konstruktion faszinierte sie — als gutes Beispiel dafür, wie weit ein Plan und seine Umsetzung manchmal auseinanderliegen.
Banoo umschwebte die Getreidekörner mit großem Interesse.
„Wirkt das wirklich? Bei mir?"
„Laut Handbuch schon. Phänomene folgen ganz unbewusst organischen Anreizen."
„Ich folge meistens Dingen, die ich interessant finde."
„Das ist dasselbe."
„Und was passiert, wenn ich auf die Platte trete?"
„Die Töpfe fallen. Das Seil zieht. Das Netz schnappt zu."
„Und dann?"
„Dann bin ich fertig."
„Und ich?"
„Das ist dann der Erfolgsfall."
„Ich frag nur, weil ich heute Nachmittag mit Isi die Bibliothek umräumen wollte. Würde das nach dem Fangen noch gehen?"
Grumbert schaute ihn an.
„Du fragst mich, ob ich dich nach dem Fangen wieder freilasse?"
„Eigentlich frag ich, ob die Bibliothek heute noch dran ist."
Grumbert schrieb etwas ins Handbuch. Dann etwas anderes. Dann strich er beides wieder durch.
Gegen Mittag drehte der Wind.
Das Seil wickelte sich um die Turmspitze — genau so, wie Isi es vorhergesagt hatte. Grumbert kletterte auf eine Leiter, um es zu lösen. Er war auf halber Höhe, als Bruno durch den Burghof kam, einen Werkzeugriemen um den Bauch, und auf die Konstruktion schaute.
„Kann ich helfen? Beim Abwickeln?"
„Das ist einkalkuliert."
„Das hat Isi vorhin auch gesagt, als es—"
„Es ist einkalkuliert."
Bruno schaute auf das Seil, das sich weiter um den Turm wickelte. Dann auf Grumbert auf der Leiter. Dann nickte er und stellte sich daneben — für alle Fälle.
Oben auf dem Wetterhahn saß der Rabe und beobachtete die ganze Falle von oben. Er machte keinerlei Anstalten wegzufliegen. Eine Falle, die ein schwebendes Gespenst fangen sollte, beunruhigte einen Raben herzlich wenig.
Da kam Ganosch durch den Burghof. Er wollte zur Vorratskammer, die Einkaufsliste in der Pfote, das Seidentuch korrekt sitzend. Er hatte nicht vor, an irgendetwas teilzunehmen.
Er trat auf die Auslöseplatte.
WUMM. RATSCH. KLONG. KLONG. KLONG.
Stille.
Ganosch stand im Netz. Aufrecht. Die Arme verschränkt. Er rückte sein Seidentuch gerade — dieselbe kleine, genaue Geste wie immer. Im Netz.
Grumbert kletterte von der Leiter. Er schaute auf das Netz. Auf Ganosch. Dann auf sein Handbuch. Dann klappte er es zu.
„Das ist das zweite Mal."
„Ich weiß."
„Beim dritten Mal fange ich an, Fragen zu stellen."
„Das ist fair."

Bruno befreite Ganosch. Es ging diesmal schneller als beim ersten Mal — er wusste jetzt, wo die Maschen hakten: links unten, immer, weil das Netz sich da doppelt verschlang. Ganosch trat heraus. Er glättete sein Seidentuch ein zweites Mal — diesmal ganz akribisch, weil das Netz eine Falte hinterlassen hatte, die er auf keinen Fall stehen lassen wollte. Dann prüfte er die Einkaufsliste. Sie war vollständig.
Banoo schwebte herbei.
„Ein Schild hätte vielleicht geholfen."
„Ein Schild würde die Phänomene warnen."
„Aber nicht die Ganosche."
Ganosch ging zur Vorratskammer, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Tick stand am Küchenfenster und sah alles. Sie hatte nichts gesagt, keinen Einwand gemacht, nicht eingegriffen. Sie hatte nur ins Notizbuch geschrieben: 11:34. Netz: ausgelöst. Ganosch: erwischt. Wie beim letzten Mal. Schild würde helfen. Dann hatte sie aufgehört zu schreiben — weil das Nächste, was sie schreiben wollte, zu viel Platz gebraucht hätte.
Grumbert packte die Töpfe zusammen. Banoo schwebte heran und half ihm, das Seil aufzurollen, ohne zu fragen — er sah ja, dass Grumbert beide Hände brauchte.
„Ich hab eine Frage."
„Was."
„Warum willst du mich überhaupt fangen?"
„Das ist mein Beruf."
„Und wozu?"
Grumbert rollte das Seil langsamer.
„Damit Schlösser nicht mehr — damit die Leute nicht — im Handbuch steht, dass Phänomene störend sind."
„Für wen denn?"
Grumbert rollte noch langsamer. Dann hielt er an.
„Das steht im Handbuch nicht."
„Was steht da nicht?"
„Für wen es störend ist. Ich hab das einfach so übernommen. Ich hab nie nachgefragt, wer sich überhaupt gestört gefühlt hat."
Banoo wartete. Er merkte: Das war gerade ein wichtiger Moment, und da war Schweigen nützlicher als reden.
„Das muss ich wohl noch herausfinden."
„Das finde ich gut."
„Das ist eine Wissenslücke."
„Manche Wissenslücken sind ein Anfang."
Grumbert schaute auf das Seil. Dann auf Banoo. Dann auf das Schloss — die zwei Türme, den Hof, den alten Torbogen, den Wetterhahn, der sich wieder im Wind drehte. Er gab keine Antwort. Er steckte das Seil in die Tasche, nahm die Töpfe und ging.
Der Rabe flog von der Zinne und landete auf Grumberts Hut. Er krächzte einmal.
„Ja, ja. Du musst das nicht kommentieren."
Der Rabe kommentierte es trotzdem. Einmal. Kurz. Er hatte den ganzen Tag gewartet, und jetzt fand er, dass er ein Recht darauf hatte.
Banoo schwebte bis zur Torbogenkante und sah Grumbert nach. Isi trat neben ihn.
„Er hat nicht geantwortet."
„Doch. Er hat mit einem langen Schweigen geantwortet. Das ist auch eine Antwort."
„Und was bedeutet sie?"
„Dass er selbst nicht weiß, wofür er es eigentlich tut. Aber dass es ihm gerade auffällt."
„Das mag ich. Wenn jemand anfängt, solche Fragen zu haben."
„Ich auch."
Unten auf dem Pfad wurde Grumbert kleiner zwischen den Bäumen. Der Rabe flog ein Stück voraus, setzte sich auf einen Ast, wartete, bis Grumbert aufgeholt hatte, und flog dann weiter. Der Rabe nie zu weit vor, Grumbert nie zu weit zurück. So machten die beiden das schon viele Jahre.
Banoo schaute ihnen nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Dann schwebte er zurück in den Hof.
„Er kommt wieder."
„Das weiß ich."
Banoo leuchtete warm. Für ihn war das eine vollständige Antwort.
Wieder war Grumbert mit einer Falle gekommen, und wieder hatte sich nur Ganosch darin verfangen. Aber diesmal nahm Grumbert eine Frage mit nach Hause, auf die er keine Antwort hatte: Für wen tat er das eigentlich alles? Tick schrieb ins Notizbuch: „L. wusste, dass er kommt." Und darunter: „Grumbert: kommt wieder." Banoo las es über ihre Schulter und leuchtete ein bisschen heller. Er freute sich darauf.
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