Vorlesegeschichte Kap. 16: Isis Heimweh

Kapitel 16 - Isi und das Heimweh

Isi bekam nicht oft Post. Wenn sie es tat, schaute sie den Umschlag lange an, bevor sie ihn öffnete. Als wollte sie erst wissen, was sie denkt, bevor sie weiß, was darin steht.

Dieser Umschlag kam an einem Donnerstag. Absender: Wiltrud. Aus dem Norden.


Isi las ihn in der Bibliothek, allein, und legte ihn dann auf den Schreibtisch.

Wiltrud schrieb gut. Klar, genau, mit Sätzen, die sagten, was sie meinten. Sie schrieb von den Wäldern, die sie beide kannten. Von einem alten Weg, der jetzt neu beschrieben war. Von einem Buch, das Isi ihr noch schuldete. Am Ende: Ich hoffe, du bist gut angekommen. Wo auch immer du jetzt bist.

Isi saß lange still.


Beim Mittagessen war sie da, aber sie war nicht ganz da. Das war bei Isi schwer zu erkennen, weil sie sowieso ruhig und präzise war. Aber Banoo bemerkte es.

Er schwieg den ganzen Mittag.

Auch das war ungewöhnlich.

Nach dem Essen spülte Tick ab und summte dabei. Bruno streckte sich. Ganosch verschwand in Richtung Archiv. Mato blieb am Tisch und schaute auf seinen Tee.

Dann stand er auf und setzte sich neben Isi.

Einfach so. Ohne Frage, ohne Ankündigung. Er setzte sich und schaute auf das Fenster.

Isi schaute auch auf das Fenster.

Sie saßen eine Weile so.

„Post aus dem Norden", sagte Isi schließlich.

„Ich hab es gehört", sagte Mato. „Banoo hat die Briefträgerin sehr begeistert begrüßt."

Isi machte ein kleines Geräusch, das in ihrer Nähe einem Lachen entsprach.

Dann wurde sie wieder still.

„Ich kenne Wälder dort", sagte sie. „Wege, die ich mag. Orte, die—" Sie hielt inne. „Es ist schwer zu erklären."

„Heimweh", sagte Mato.

Isi schaute ihn an.

„Das Wort kenn ich", sagte Mato ruhig. „Ich kenne auch, was dahinter ist. Es ist nicht dasselbe wie wollen."

Isi schaute wieder auf das Fenster.

„Nein", sagte sie leise. „Es ist nicht dasselbe."


Am Nachmittag war Isi ungewöhnlich still.

Sie sortierte Bücher um. Dann stellte sie sie wieder zurück. Sie schrieb einen Anfang in ihr kleines Korrespondenzheft und strich ihn durch. Sie saß am Erkerfenster und schaute auf den Wald am Horizont – den anderen Wald, nicht den aus dem Brief, aber vielleicht half es, einen zu sehen.

Banoo schwebte vorsichtig ins Zimmer.

„Darf ich?"

„Ja."

Er setzte sich – schwebte sich hin, eigentlich – auf die Fensterbank neben sie. Sagte nichts. Leuchtete einfach, warm und ruhig, wie er das konnte.

„Du denkst, ich gehe weg", sagte Isi nach einer Weile.

Banoo schwieg.

„Das tue ich nicht."

„Ich weiß", sagte Banoo leise.

„Whence, weißt du das?"

„Ich weiß es nicht sicher. Aber ich glaube es." Er schaute auf seine Arme, die kleinen, rundlichen, fingerlosen. „Und wenn du es tätest – dann wäre das auch okay."

Isi schaute ihn an.

„Wäre es das?"

„Nein", sagte Banoo. „Aber ich würde sagen, es ist okay, damit es leichter ist."

Illustration: Isi und Banoo sitzen am Erkerfenster und schauen auf den Wald – ruhig, nah, ohne Worte

Isi sah ihn lange an. Dann schaute sie wieder auf den Wald draußen.

„Ich fliege eine Runde", sagte sie.

„Gut."

„Allein."

„Gut."


Sie flog bei Abenddämmerung, als der Himmel das Blau hatte, das man nur in den letzten zwanzig Minuten des Tages bekommt.

Sie flog über den Wald. Über die Felder. Über den Fluss. Über den alten Weinberg, dessen Reben jetzt kahl waren. Über Bärental, wo in den Häusern Lichter brannten.

Dann drehte sie und flog zurück.

Sie landete auf dem Torturm von Schloss Spukstein. Schaute auf das Schloss, das unter ihr lag – die zwei Türme, den Hof, die Lichter in den Fenstern. Banoos weiches Leuchten aus einem der oberen Fenster.

Sie blieb eine Weile stehen.

Dann flog sie hinein.


Beim Abendessen antwortete sie auf alles, was jemand fragte. Sie trank ihren Tee in der richtigen Temperatur. Sie korrigierte eine sachliche Ungenauigkeit in Brunos Bericht über Bärental.

Alles war normal.

Außer dass Mato einmal kurz zu ihr hinüberschaute und sie kurz zurückschaute. Nicht lange. Einfach kurz.

Mehr brauchte es nicht.

Banoo

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