Vorlesegeschichte Kap. 27: Grumbert ohne Netz

Kapitel 27 - Grumbert liest

An einem Dezembernachmittag saß Grumbert auf dem alten Brunnenrand im Burghof von Schloss Spukstein. Kein Netz. Keine Töpfe. Keine Apparate. Nur der Hut auf dem Schoß, der Rabe neben sich und das Handbuch, aufgeschlagen auf einer leeren Seite. Tick sah ihn vom Torturm und schrieb ins Notizbuch: „G. Kein Netz."

Er kam an diesem Dezembernachmittag — kein Brief vorher, keine Ankündigung. Tick sah ihn vom Torturm: zuerst nur den Hut, dann den Mantel, dann das Handbuch unter dem Arm. Sie wartete, ob ein Netz dazukam. Es kam keins. Sie schaute noch eine Minute. Dann schrieb sie ins Notizbuch: 14:10 Uhr. G. Kein Netz. Und stieg vom Turm.

Er saß auf dem alten Brunnenrand im Hof, den Hut auf dem Schoß, als sie ankam.

Kein Netz. Keine Apparate. Der Rabe saß neben ihm auf dem Brunnenrand und schaute in den Hof — still, wie zwei alte Bekannte, die kein Gespräch brauchen. Das Handbuch lag aufgeschlagen auf seinen Knien. Aber auf einer Seite, die leer war.

Banoo entdeckte ihn als Nächster und schwebte sofort hinaus.

Banoo„Grumbert!"

Grumbert„Ja."

Banoo„Kein Netz?"

Grumbert„Nein."

Banoo„Willst du etwas fangen?"

Grumbert schaute Banoo an. Dann schaute er auf die leere Seite.

Grumbert„Nein."

Banoo„Warum bist du dann hier?"

Grumbert„Ich sitze."

Banoo„Das ist schön."

Grumbert„Es ist ein Brunnenrand."

Banoo„Trotzdem. Manche Orte sind gut zum Sitzen, auch wenn sie nicht dafür gebaut wurden."


Brunos Reaktion auf Grumbert war: Er holte Kekse. Das war Brunos Reaktion auf die meisten Dinge, die er nicht einordnen konnte — nicht weil er sie mochte oder nicht mochte, sondern weil etwas bringen immer besser war als gar nichts tun. Er stellte die Kekse auf den Brunnenrand, einen Schritt neben Grumbert, und ging wieder. Grumbert schaute auf die Kekse. Dann nahm er einen.

Bruno„Ich hab auch Tee gemacht."

Grumbert„Das ist—"

Bruno„Der ist drin. Ich hol ihn gleich."

Bruno holte den Tee. Grumbert trank ihn. Niemand besprach, ob das so verabredet gewesen war.

Mato kam nach draußen. Er blieb ein paar Schritte entfernt stehen und schaute Grumbert an. Grumbert schaute zurück.

Mato„Was schreiben Sie da?"

Er zeigte auf das offene Handbuch.

Grumbert„Nichts. Ich überlege."

Mato„Worüber?"

Grumbert schaute auf die leere Seite.

Grumbert„Über das Kapitel über Spukstein. Ob das noch stimmt."

Mato„Wie lautet das Kapitel denn?"

Grumbert„Klasse B. Mittlere Verseuchungsrate. Sofortige Bereinigung empfohlen."

Er sagte es ganz ohne Spott — wie jemand, der etwas vorliest, das er vor ein paar Monaten noch für richtig gehalten hätte.

Mato„Und?"

Grumbert„Ich glaube, das stimmt nicht mehr."

Stille. Der Frost knirschte unter Banoos Schwebepfad — was eigentlich gar nicht möglich war, aber manchmal passierte.

Mato„Was würde denn stimmen?"

Grumbert schaute über den Hof. Die Steine, das Tor, die Tafel, die seit November im Torbogen hing.

Grumbert„Das weiß ich noch nicht."

Mato„Dann lassen Sie die Seite einfach frei."

Grumbert„Das hab ich schon getan."

Mato setzte sich neben Grumbert auf den Brunnenrand — mit etwas Abstand, aber auf demselben Rand. Der Rabe schaute ihn an, entschied, dass er kein Problem war, und schaute woandershin.


Tick brachte Tee heraus, ohne zu fragen. Bruno brachte Kekse, weil er immer Kekse brachte, wenn er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Grumbert trank den Tee und aß die Kekse.

Bruno blieb stehen.

Bruno„Darf ich was fragen — warum wollten Sie eigentlich Gespenster fangen? Früher, mein ich. Ganz am Anfang."

Grumbert schaute in seinen Teebecher.

Grumbert„Ich hatte als Kind ein Buch gelesen. Über Geisterjäger. Die hatten in dem Buch immer recht. Sie hatten Werkzeug und Handbücher und brachten Ordnung in unordentliche Sachen."

Bruno„Und das wollten Sie auch?"

Grumbert„Ich wollte derjenige sein, der weiß, was zu tun ist."

Er schaute kurz zur Seite — zum Raben, der sich gerade das Gefieder ordnete.

Grumbert„Sonst hilft mir das Handbuch dabei. Aber für Spukstein — da hilft es gerade nicht."

Bruno„Vielleicht, weil hier niemand Ordnung braucht."

Grumbert schaute Bruno an.

Grumbert„Das hab ich auch gedacht. Ich hätte nur nie gedacht, dass ich so etwas mal denken würde."

Der Rabe hüpfte einen Schritt zur Seite und schaute in den Hof.

Grumbert„Du sagst nichts dazu."

Der Rabe schaute weiter in den Hof. Bruno holte noch mehr Kekse. Inzwischen standen drei Teller davon auf dem Brunnenrand, ordentlich nebeneinander. Bei so viel Stille wusste Bruno sich einfach nicht anders zu helfen.

Mato„Das, was Sie da gerade beschreiben — dass man etwas denkt, von dem man nie dachte, es zu denken — das ist kein kleiner Schritt."

Grumbert„Es fühlt sich nutzlos an."

Mato„Ist es aber nicht."


Dann fragte Grumbert Mato:

Grumbert„Der Brief damals. In der Höhle. Was stand drin?"

Mato„Das war Linas Fund. Hat sie es Ihnen nicht erzählt?"

Grumbert„Sie hat gesagt: etwas über Freundschaft. Etwas Banales."

Mato„Und was stand wirklich drin?"

Grumbert„Wer es gemeinsam bis hierher schafft, kann alles gemeinsam schaffen."

Mato„Und das ist banal?"

Grumbert„Als ich es las, dachte ich: banal. Aber seitdem fällt mir auf, dass ich es nicht vergesse."

Mato schaute auf den abgegriffenen Brunnenrand — auf die Stellen, wo über viele Jahre viele Hände denselben Stein berührt hatten.

Mato„Manchmal sind die Sätze, die man nicht vergisst, gar nicht die klugen."

Illustration: Grumbert sitzt auf dem Brunnenrand im Dezemberhof mit offenem Handbuch, Mato daneben, Banoo schwebend

Grumbert schwieg eine Weile. Dann legte er den Stift in den Falz der leeren Seite und klappte das Handbuch zu.

Grumbert„Ich weiß noch nicht, was ich schreibe."

Mato„Das ist kein Fehler."

Grumbert„Für jemanden, der Handbücher schreibt, ist es ungewohnt."

Mato„Dann haben Sie gerade etwas Neues gelernt."

Grumbert schaute auf die leere Seite. Er tippte einmal mit dem Stift auf das Papier — nicht schreibend, nur um zu spüren, wie es sich anfühlte.

Grumbert„Wie fängt man an, wenn man nicht weiß, was man schreiben will?"

Mato„Sie sitzen im Dezember auf einem Brunnenrand, mit einem leeren Handbuch. Das ist doch schon ein Anfang."

Grumbert schaute sich um. Den Hof, die Steine, die Tafel am Torbogen, Banoo, der über dem Pflaster schwebte, und den Raben neben sich, der ihn von der Seite anschaute — mit dem Blick, den Raben haben, wenn sie etwas nicht kommentieren, es aber trotzdem genau bemerken.

Grumbert„Das ist kein wissenschaftlicher Ausgangspunkt."

Mato„Nein."

Grumbert„Aber ein Ausgangspunkt."

Mato„Ja."


Um fünf Uhr brachte Tick ein zweites Tee-Set und fragte, ob Grumbert zum Abendessen bleibe. Grumbert merkte, dass es eine Frage war und keine Einladung. Er sagte: Ja.

Grumbert„Wenn das keine Umstände macht."

Tick„Es gibt Suppe. Umstände gibt es keine."

Es gab Suppe. Grumbert aß sie auf — zum zweiten Mal in diesem Schloss, und zum zweiten Mal bis zum letzten Löffel. Er saß am Ende des Tisches, weil das sein Platz war — nicht ausgesucht, aber logisch, weil alle anderen ihre Plätze hatten. Er fiel nicht auf. Das war angenehm.

Er blieb bis zur Dämmerung. Als er aufbrach, rückte er den Hut gerade — ruhig, ohne das Zögern der ersten Besuche. Banoo schwebte mit bis zur Zugbrücke.

Banoo„Kommen Sie wieder?"

Grumbert„Ich überlege es."

Banoo„Was überlegen Sie?"

Grumbert„Ob ich das nächste Mal vorher schreibe."

Banoo wartete, weil er das Gefühl hatte, dass noch etwas kam.

Grumbert„Und ob das Kapitel über Spukstein einen anderen Titel braucht. Ich weiß noch nicht, welchen."

Banoo„Was stand drin?"

Grumbert„Klasse B. Mittlere Verseuchungsrate. Sofortige Bereinigung empfohlen."

Banoo„Das stimmt nicht mehr."

Grumbert„Nein."

Er hob den Hut kurz an. Banoo winkte. Grumbert drehte sich um und winkte zurück — kurz, mit dem Hut — und ging den Pfad hinunter. Mit dem ruhigen Schritt von jemandem, der keine Eile hat und das weiß.

Mato stand auf dem Wehrgang. Er sah, wie Grumbert auf halbem Weg innehielt — weil von unten ein Mädchen kam, schnell, den Rucksack auf dem Rücken, die Haare unter der Mütze. Grumbert erkannte sie und hob kurz die Hand. Lina blieb stehen. Sie redeten einen Moment — Mato konnte nicht hören, worüber, aber er sah, wie Grumbert auf das Handbuch zeigte und Lina etwas fragte. Dann nickte sie. Sie gingen zusammen weiter hinunter, ohne Eile.

Mato schaute noch einen Moment. Lina und Grumbert wurden kleiner auf dem Pfad. Sie gingen nebeneinander, und Lina zeigte auf etwas am Waldrand, und Grumbert schaute hin.

Mato notierte: Dezember. Grumbert. Kein Netz. Gute Zeichen.

Dann ging er rein, weil es kalt wurde und drinnen Tee wartete.

Den ganzen Nachmittag hatte Grumbert auf dem Brunnenrand gesessen, vor einer leeren Seite in seinem Handbuch, und nicht gewusst, was er schreiben sollte. „Das ist kein Fehler", hatte Mato gesagt. „Dann haben Sie gerade etwas Neues gelernt." Am Abend blieb Grumbert zum Essen, saß am Ende des Tisches und fiel gar nicht weiter auf. Für jemanden, der früher immer alles besser wissen wollte, war das ganz neu. Und es war schön.

Banoo

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