
Kapitel 27 - Das Spukstein-Versprechen
Isi war vor einem Jahr auf Schloss Spukstein angekommen. Genau an diesem Tag. Sie wusste das, weil sie es notiert hatte – in ihr kleines Korrespondenzheft, auf die letzte Seite, mit dem Datum und einem einzigen Satz: Angekommen.
Banoo hatte es auch gewusst. Er hatte es seit Wochen gewusst und seit Wochen überlegt, was man macht, wenn jemand ein Jahr da ist.
Beim Frühstück sagte er: „Ich habe eine Idee."
Tick legte den Stift hin.
„Jeder von uns schreibt auf einen Zettel, was Spukstein ihm bedeutet. Wir legen sie in die Truhe aus Kapitel 7 – die leer neben Claras Schatulle. Als zweites Kapitel davon."
Es war einen Moment still.
„Das ist schön", sagte Bruno.
„Ja", sagte Tick. Einfach so, ohne Einschränkung.
Isi schaute auf ihr Tee. Dann schaute sie Banoo an. „Das ist sehr schön."
Sie schrieben am Nachmittag, jeder für sich, an verschiedenen Orten.
Bruno setzte sich in den Burghof, auf den alten Brunnenrand, und schrieb. Er schrieb langsam und drückte den Stift fest auf, wie er alles tat.
Tick schrieb in der Küche. Sie fing einmal neu an, weil ihr erster Versuch zu lang war. Dann ließ sie die Länge stehen, weil Tick war.
Mato schrieb auf dem Wehrgang. Er schaute dabei manchmal in den Himmel.
Isi schrieb in der Bibliothek. Ein Satz. Sehr präzise.
Banoo schwebte durch alle Zimmer, bis er eine Idee hatte, setzte sich dann auf seine Lieblingsecke der Fensterbank und schrieb. Ausnahmsweise sehr ordentlich.
Ganosch nahm seinen Zettel in sein Zimmer und ließ die Tür zu.
Abends versammelten sie sich im Gemeinschaftsraum. Die Truhe stand auf dem Tisch – die leere, aus der Höhle, neben der Karte an der Wand.
Einer nach dem anderen legte seinen Zettel hinein.
Bruno zuerst – schnell, weil er nicht zögern wollte. Dann Tick, der Zettel eng beschriftet und zweimal gefaltet. Mato, ohne zu zögern. Isi, sorgfältig, wie sie alles ablegte.
Banoo schwebte heran und ließ seinen Zettel hineinwehen, was unbeabsichtigt war, aber niemanden störte.
Ganosch war der letzte.
Er hatte seinen Zettel in der Hand, genau gefaltet, keine Kante schief. Er schaute auf die Truhe. Dann auf die anderen. Dann auf den Zettel.
Er legte ihn hinein.
Er war der längste.
Niemand las die Zettel der anderen. Das war keine Absprache. Es war einfach klar.
Tick schloss den Deckel der Truhe. Der Messingverschluss klickte zu.
Es war sehr still und sehr warm im Gemeinschaftsraum, und draußen war der Januar und der Frost und die Sterne, die Mato gut kannte.
Dann öffnete sich das Schlosstor.
Banoo schwebte zur Tür. Dann schwebte er wieder zurück.
„Da ist jemand."
Bruno stand auf. Mato auch.
Am Tor – im Licht von Banoos Schein, das bis dorthin reichte – stand Grumbert. Den Hut in der Hand. Das Handbuch unter dem Arm, aber zugeklappt. Er war gut angezogen, sauber rasiert, der Schnurrbart diesmal gerade.
Er räusperte sich.
„Ich hätte…" Er hielt inne. Schaute auf den Hut in seinen Händen. „Ich hätte vielleicht einen Zettel."
Stille.
Dann: Banoo drehte einen Looping. Und öffnete die Truhe.
„Komm rein", sagte er. „Wir machen Platz."

Grumbert trat ein. Er setzte sich auf den freien Stuhl am Rand des Tisches. Tick schob ihm ein leeres Papier und einen Stift zu, ohne ein Wort.
Er schrieb.
Nicht lange. Aber er schrieb es fertig und faltete es und legte es in die Truhe.
Tick schloss den Deckel erneut.
Bruno machte Tee.
Ganosch schaute Grumbert an, einmal, kurz. Dann schaute er zur Wand, wo die Karte hing. Dann rückte er sein Seidentuch gerade.
Niemand fragte, was Grumbert geschrieben hatte.
Er gehörte jetzt auch dazu. Das reichte.
Später, als der Tee getrunken war und der Abend sich setzte, schwebte Banoo einmal durch alle Zimmer.
Er schwebte durch die Bibliothek, wo Isis Bücher standen und die Schatulle mit den Noten. Durch den Rittersaal, wo die Tafel an der Wand hing. Durch die Küche, wo Ticks Liste für morgen bereits auf dem Tisch lag. Durch den Korridor, wo Brunos Kübel in der richtigen Kammer stand. Am Wehrgang vorbei, wo Matos Atemzug im Frost stand.
Dann schwebte er zurück in den Gemeinschaftsraum.
Die Truhe stand auf dem Tisch. Die Zettel darin.
Er schaute sie an.
„Das war ein gutes Jahr", sagte er leise.
Ganosch hörte es, weil er noch da war.
Er sagte nichts.
Aber er rückte sein dunkelgrünes Seidentuch gerade.
Und das war die richtige Antwort.
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