Vorlesegeschichte Kap. 8: Claras Brief

Kapitel 8 - Claras Brief

In der Höhle war es kalt. Draußen stand die Sonne hoch und ließ die Steine glühen – aber hier drinnen war die Luft still und kühl, wie ein Atemzug, der seit hundert Jahren gewartet hatte. Es roch nach feuchtem Stein und altem Holz und etwas, das Mato nicht benennen konnte. Vielleicht nach Zeit.

Sie traten alle ein.

Tick hielt sich an Brunos Schwanz fest. Bruno hielt die leere Truhe vor sich wie ein Schild – nicht weil er damit Gefahr abhalten wollte, sondern weil es sich besser anfühlte, etwas in den Händen zu haben. Ganosch betrat die Höhle als letzter, schaute kurz zurück in das helle Tageslicht und beschloss dann, dass seine Würde dieses Abenteuer problemlos überstehen würde.

Banoo leuchtete.

Er leuchtete immer ein bisschen, aber hier in der Dunkelheit leuchtete er mehr – ein weiches, warmes Licht, das die Felswände in sanftes Gold tauchte. Seine runde Brille reflektierte die Schatten wie zwei kleine Monde.

„Das ist schön hier", flüsterte er.

„Du hast ‚schön' gesagt", sagte Ganosch. „In einer Höhle."

„Na ja." Banoo drehte sich einmal langsam um. „Schaut mal."

Sie schauten.

Die Höhle war größer als von außen zu vermuten. Die Wände zeigten alte Ritzzeichnungen – einfache Linien, ein Haus, Tiere, eine Sonne. Jemand hatte hier gesessen und gezeichnet. Vor langer Zeit.

„Alte Ritzzeichnungen", sagte Isi leise. Sie hob einen Flügel und folgte einer der Linien mit dem Rand der Feder, ohne zu berühren. „Das Haus dort." Sie hielt inne. „Das könnte Spukstein sein."

Bruno blinzelte.

„Jemand hat unser Schloss hier reingezeichnet?"

„Jemand kannte unser Schloss", sagte Isi.

Tick schrieb etwas in ihr Notizbuch, sehr schnell, und steckte es wieder ein.

Der Gang bog sich nach rechts. Banoo schwebte voraus – langsam diesmal, wirklich –, und die anderen folgten in einer kleinen Schlange. Mato lautlos an der Spitze, Ganosch dahinter, Tick auf Brunos Schulter, weil der Gang sich verengte und ihre Beine nicht mehr ganz den Boden erreichten.

„Der Gang wird enger", sagte Bruno nach einer Weile. Sehr leise.

„Für wen?", fragte Tick.

„Für mich."

„Für alle anderen nicht."

„Das hilft mir gerade wenig."

Er schaffte es trotzdem. Mit einem Geräusch, das irgendwo zwischen Quietsch und Pfff lag, drückte er sich durch die schmalste Stelle – und dahinter öffnete sich der Gang wieder zu einer kleinen, rundlichen Kammer.

Banoo schwebte in der Mitte und strahlte.

Die Kammer war nicht groß. Aber sie war rund und still und hatte an einer Seite eine tiefe Steinnische, wie ein kleines Regal, das die Natur in die Wand geschnitten hatte. Und in der Nische stand eine kleine Holzschatulle. Sehr alt. Mit einem einfachen Messingverschluss.

Auf dem Deckel war ein Zeichen eingeritzt: ein kleiner Kreis mit einem Stern darin.

„Diesmal", sagte Isi ruhig, „warten wir alle."

Sie schaute kurz zu Banoo.

Banoo streckte die Arme aus und ließ sie wieder sinken.

„Einverstanden", sagte er. Nur ein kleines bisschen enttäuscht.

Isi hob die Schatulle vorsichtig aus der Nische. Sie war leichter als erwartet. Sie legte sie auf Brunos ausgestreckten Händen ab – die waren groß genug als Tisch – und öffnete langsam den Verschluss.

Alle hielten die Luft an.

Tick hielt auch den Stift an.

Ganosch öffnete beide Augen.

In der Schatulle lagen drei Dinge: ein getrocknetes Vergissmeinnicht, dessen blaue Farbe noch immer zart erkennbar war; eine kleine Zeichnung auf einem Stück Papier, sehr verblasst – erkennbar eine Silhouette mit zwei Türmen; und darunter, sorgfältig gefaltet, ein Brief.

Bruno schaute die drei Dinge an. Dann schaute er Banoo an.

„Ein Vergissmeinnicht", sagte er leise.

Banoo nickte. Er wusste selbst nicht, warum ihm das so viel bedeutete.

„Banoo", sagte Mato. Ruhig, wie immer. „Liest du ihn vor?"

Alle schauten Banoo an. Er war überrascht – normalerweise las Mato vor, oder Isi. Aber er nahm den Brief vorsichtig entgegen, faltete ihn auf, und räusperte sich einmal.

Die Handschrift war klein und ordentlich und ein bisschen schief, wie bei jemandem, der noch übt.

Liebe Schatulle, fing der Brief an.

Banoo lachte kurz auf. Dann las er weiter.

Ich bin Clara. Ich bin elf Jahre alt und ich war diesen Sommer auf Schloss Spukstein, weil meine Großmutter die Hüterin des Schlosses war. Das war das Schönste, was mir je passiert ist.

Ich weiß, dass Leute sagen, dort spuke es. Ich hab kein Gespenst gesehen. Aber ich hab ein Schloss gefunden, das einen gut hält. Ich hab im Nordturm geschlafen und der Wind hat mir Gute Nacht gesagt. Ich hab im Rittersaal tanzen gelernt, weil man dafür viel Platz braucht. Ich hab den Fluss kennen gelernt und die Felder und den Geruch von altem Holz, wenn es regnet.

Ich hab keine Schätze mitgenommen. Ich hab keine Schätze gefunden. Aber ich glaube, ich hab etwas Wichtigeres verstanden:

Ein Ort kann ein Zuhause sein, auch wenn man nicht immer dort ist. Er bleibt ein Zuhause, wenn man ihn im Herzen trägt. Spukstein ist das für mich.

Wer das hier findet: Pass gut auf das Schloss auf. Es verdient das.

— Clara, August 1887

Banoo hörte auf zu lesen.

Es war sehr still in der kleinen Kammer.

Tick schrieb nichts in ihr Notizbuch. Sie hielt den Stift, aber sie schrieb nichts.

Bruno schaute in eine Ecke. Weil es manchmal leichter ist, woanders hinzuschauen.

Ganosch sagte nichts. Aber er rückte sein dunkelgrünes Seidentuch gerade – sorgfältig, sehr sorgfältig, mit einer Geste, die aussah, als bräuchte er gerade eine Beschäftigung für die Pfoten.

Isi beugte sich und schaute auf die Zeichnung in der Schatulle. Zwei Türme. Ein Schloss. Ganz einfach, mit Kinderhand gezeichnet. Aber eindeutig.

„Sie hat uns gezeichnet", sagte sie leise. „Ohne uns zu kennen."

„Sie hat gewusst, dass jemand kommt", sagte Mato. Er saß auf einem Felsvorsprung und schaute auf den Brief in Banoos Händen. „Irgendwann."

Illustration: Die Gruppe in der Höhlenkammer, Banoo leuchtet warm und hält einen alten Brief, alle hören still zu

„Ich finde", sagte Banoo nach einer Weile, „dass Clara sehr klug war."

„Elf Jahre", sagte Tick. „Das ist bemerkenswert."

„Vielleicht war Isi früher auch so", sagte Bruno.

Isi schaute ihn an.

„Ich meine— Also. Ich meine, dass auch Isi—" Bruno räusperte sich. „Das war ein Kompliment."

„Ich weiß", sagte Isi. Sie klang amüsiert.

Sie legten den Brief zurück. Das Vergissmeinnicht. Die kleine Zeichnung.

Tick legte den Deckel zu und schloss den Verschluss mit dem gleichen Ernst, mit dem sie alles tat, was wichtig war. Dann stellte sie die Schatulle zurück in die Nische – genau in die Mitte, wo Clara sie hingestellt hatte.

„Lassen wir sie hier?", fragte Bruno.

„Sie gehört hierher", sagte Isi. „Wir können wiederkommen."

Bruno nickte. Er stellte die leere Truhe aus dem Graben neben die Schatulle in die Nische. Sie passte gerade so.

„Jetzt haben sie Gesellschaft", sagte er.

Niemand widersprach.

Auf dem Rückweg gab es nichts zu sagen. Manchmal ist das das Schönste.

Sie kamen aus der Höhle ins Abendlicht. Die Sonne stand tief, das Tal lag in warmem Orangerot. Von Bärental roch es nach Holzrauch. Irgendwo bellte ein Hund. Ein ganz normaler Abend – von außen betrachtet.

Mato schaute einmal zurück zur Höhle. Dann schaute er voraus.

„Clara hat gewusst, was sie hatte", sagte er.

„Wir wissen es auch", sagte Banoo.

Er sagte es sehr leise. Kein Looping. Nur das. Und es war das Richtige.

Den Heimweg gingen sie langsam. Niemand drängte. Der Abend verdiente es, dass man ihn ein bisschen stehen ließ.

Am Schlosstor blieb Tick kurz stehen und schrieb drei Wörter in ihr Notizbuch. Sie zeigte es niemandem. Aber wer genau hingeschaut hätte, hätte gelesen: Wir wissen es.

Bruno hielt das Schlosstor auf. Für alle. Er machte das manchmal, wenn er nicht wusste, was er sagen sollte.

Ganosch trat als letzter durch das Tor. Er blieb einen Moment stehen und schaute hinauf an der alten Mauer entlang, die seit Jahrhunderten dort stand.

Dann rückte er sein dunkelgrünes Seidentuch gerade.

Und ging hinein.

Banoo

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