
Kapitel 8 - Banoos Gespenster-Schnupfen
Schloss Spukstein hatte in 254 Jahren schon viel erlebt. Stürme. Eine Belagerung. Drei falsche Geisterjäger. Und einmal einen sehr verwirrten Ziegenbock im Rittersaal. Aber an diesem Morgen passierte etwas ganz Neues: Ein einziges Niesen erschütterte alle fünf Stockwerke. Tick fiel vom Hocker. Bruno rannte aus dem Schuppen. Und Ganosch öffnete ganz langsam ein Auge.
„HAAATSCHIII!"
Das Niesen hallte durch das ganze Schloss. Im Hof zuckte Ganosch zusammen. In der Küche fiel Tick vom Hocker — plumps. Auf dem Wehrgang ließ Mato sein Buch sinken. Und aus dem Schuppen kam Bruno angestürmt, weil er dachte, eine Rüstung sei umgekippt.
Im Bett lag Banoo. Die Stirn ganz warm. Die Nase tropfte wie ein undichter Wasserhahn — tropf, tropf. Sein Schweben, sonst leicht und fröhlich, war auf ein trauriges Hin-und-Her zusammengeschrumpft, kaum eine Handbreit über dem Kissen.
„Mir geht es pri— ähh — ziemlich okay."
Eigentlich hatte er „prima" sagen wollen.
Tick kam zuerst. Notizbuch in der einen Pfote, ein Tablett mit Suppe in der anderen. Sie stellte das Tablett ab, kletterte aufs Bett, lehnte eine winzige Trittleiter an Banoos Stirn und tippte mit der Pfote drauf.
„Patient Banoo. Diagnose: schwerer Geisterschnupfen. Fieber: ja. Temperatur: zu hoch."
Sie schlug eine frische Seite auf und schrieb oben drauf: Krankenakte. Patient: ein Gespenst.
„Bettruhe: drei Tage. Loopings: verboten. Anordnung der Stationsleitung. Die Stationsleitung bin ich."
„Aber Gespenster werden doch gar nicht krank. Das geht nicht."
„Doch. Ganz offensichtlich."
„Aber—"
Tick machte ihre Stimme ganz leise.
„Banoo. Auch Gespenster dürfen mal krank sein."
Mato kam als Nächster. Ganz ohne Aufhebens, mit Kissen und Decken im Arm. Er baute eine kleine Höhle ums Bett und legte einen warmen, in ein Tuch gewickelten Stein daneben, der nach frisch gebackenem Brot roch. Dann setzte er sich in die Ecke.
„Falls du nicht schlafen kannst — ich bin hier."
Er schlug sein Buch auf und las. Banoo lauschte dem leisen Rascheln der Seiten.
Bruno kam als Dritter. Er versuchte, ganz leise zu sein. Aber sein Schwanz stieß gegen den Türrahmen. BONK.
„Tschuldigung! Tschuldigung."
Unter dem Arm trug er einen ganzen Stapel Bücher.
„Lachmedizin. Isi sagt, Lachen hilft."
„Ich kann gerade nicht so richtig—"
„Du musst nicht lachen. Ich lese einfach. Wenn es hilft, schön. Wenn nicht, lese ich leise weiter."
Er setzte sich, schlug das erste Buch auf und las von einem Ritter mit einem viel zu großen Helm. An der Stelle, wo der Ritter beim Niesen den Helm aus dem Fenster pustete, kicherte Banoo. Ganz kurz nur. Aber er kicherte.
Bruno strahlte so breit, dass Banoo fast noch einmal lachen musste.
Dann flog Isi herein — ein Flügelschlag zu viel, die drei Rezeptbücher auf ihrem Rücken rutschten kurz, dann saß sie. Sie blätterte und schaute Banoo an.
„Stärkebrühe. Thymian, Zwiebel, Sternanis. Macht das Geisterwesen von innen stark. Dauert eine Stunde."
Sie verschwand in die Küche. Bald zog der Duft die Treppe hoch — warm und würzig.
Ganosch kam zuletzt.
Er blieb einen Moment in der Tür stehen. Tick saß auf dem Bett, ganz nah am Kopfkissen, das Notizbuch auf den Knien. Eine Maus. Genau da, wo Ganosch hinwollte. Ganosch betrachtete die Lage. Ein Schritt zurück. Dann einer vor. Dann noch einer vor. Er räusperte sich.
„Guten Morgen, Ganosch."
„Morgen. Ich setz mich ans Fußende. Falls das in Ordnung ist."
Das Fußende war so weit von Tick entfernt, wie man auf einem Bett nur sein konnte. Das war kein Zufall. Aber niemand sagte etwas dazu, und Tick am allerwenigsten.
„Ist in Ordnung. Genug Bett ist ja da."
Ganosch sprang elegant aufs Fußende, drehte sich dreimal im Kreis und rollte sich zu einem perfekten Knäuel zusammen. Dann legte er die Stirn an Banoos Beine und fing an zu schnurren. Nicht kurz. Nicht höflich. Ein langes, gleichmäßiges, warmes Schnurren, das durch die ganze Matratze ging.
Banoo schloss die Augen.
Der Abend wurde still. Tick schrieb. Mato las. Bruno hatte sein Buch zugeklappt, weil Banoo eingeschlafen war, und saß einfach da. Isi brachte Tee — fünf Tassen, lautlos auf den Tisch gestellt.
Niemand hatte beschlossen zu bleiben. Es war einfach so gekommen. Das Zimmer war voll — fünf Freunde und das schwache Leuchten, das Banoo auch im Schlaf hatte, weil er gar nicht wusste, wie man aufhört zu leuchten.
Am zweiten Morgen ging es Banoo ein kleines bisschen besser. Sein Schweben war schon wieder auf Kniehöhe. Die Nase tropfte nicht mehr ganz so doll.
Er dachte: Heute kann ich kurz aufstehen. Nur ganz kurz. Einmal durch den Flur und gleich wieder zurück.
Er wartete, bis alle in der Küche waren.
Von unten hörte er sie: Brunos Stimme, das Klappern von Ticks Stiften, das Rascheln von Isis Buch. Das Schloss klang ganz normal — nur ohne ihn. Sonst war Banoo doch immer mittendrin: er rief, er machte Vorschläge, er half beim Frühstück. Und jetzt machten die anderen das alles allein. Schon den zweiten Tag.
Banoo stand auf.
Er schwebte aus dem Zimmer. Den Flur entlang — ganz langsam. Dann die Treppe hoch, Richtung Rittersaal. Rollo nickte. Banoo nickte zurück. Er schwebte zum Fenster.
Das Bärental lag strahlend im Morgenlicht. Banoo lehnte sich ans Fensterbrett.
Dann nieste er.
„HAATSCHIII!"
Die Knie wurden weich. Die Stirn brannte wieder. Ganz langsam sackte er auf den kalten Steinboden.
Das hallte durch das ganze Schloss.
Dreißig Sekunden später standen alle fünf in der Tür. (Tick hatte sogar das Thermometer schon dabei. Sie hatte mit so etwas gerechnet.)
„Erkläre."
„Ich wollte doch nur kurz—"
„Erkläre besser."
„Ich dachte, wenn ich nur rumliege, bin ich unnötig. Ihr macht alles, und ich kann gar nichts. Ich bin doch das Schlossgespenst."
Bruno kniete sich neben ihn und half ihm hoch, ganz vorsichtig.
„Du musst niemanden erschrecken, um wichtig zu sein."
„Ich weiß. Aber es fühlt sich komisch an, wenn ihr alles tut."
„Wir tun das nicht für dich. Wir tun das, weil wir wollen, dass du bald wieder du bist. Merkst du den Unterschied?"
Banoo schaute sie an. Dann Bruno. Dann Tick. Dann Mato, der nur nickte. Und dann Ganosch, der aussah, als hätte er das alles schon vorher gewusst.
„Ich geh wieder ins Bett."
„Gut."

Bruno trug ihn. Das war eigentlich gar nicht nötig, weil Banoo ja schwebte. Aber Bruno trug ihn trotzdem — die Hände ganz sanft um Banoos Schultern, als trüge er etwas sehr Kostbares. Banoo ließ es geschehen.
Im Bett rollte er sich auf die Seite. Draußen bewegten sich die Bäume. Er hörte die anderen im Schloss — Schritte, eine Tür, Tick, die in der Küche klapperte. Sie kümmerten sich um alles, während er lag. Das hatte er nicht erwartet. Und er hatte auch nicht erwartet, dass es ihm so viel bedeutete.
Am dritten Morgen fiel das Licht schräg durchs Turmfenster.
Banoo machte die Augen auf. Keine heiße Stirn. Keine verstopfte Nase. Nur ein leises Kribbeln in den Fingerspitzen, das sich anfühlte wie: bereit.
„Status?"
Sie hatte das Thermometer schon in der Pfote.
„Status: bootastisch."
Tick nickte, schrieb eine Zeile ins Notizbuch — Tag 3: gesund, Temperatur normal, erster Looping versucht — und salutierte mit dem Thermometer.
„Genesung abgeschlossen. Freigabe erteilt. Loopings ab sofort wieder gestattet."
„Eine Runde langsam durch den Hof."
Sie gingen zusammen nach unten. Die Sonne lag warm auf dem Pflaster. Der Fluss glitzerte im Tal. Aus Bärental klang das Markttreiben herauf — Stimmen, ein Karren, irgendwo ein Esel, der unbedingt etwas zu sagen hatte.
Banoo schaute in die Runde. Drei Tage hatte er nur im Bett gelegen. Das Bärental hatte sich kein bisschen verändert — der Fluss, der Markt, die Birken am Wehrgang. Aber alles war schöner, als er gedacht hatte. Vielleicht lag es an der Sonne. Oder daran, dass alle mitgekommen waren, ganz ohne gefragt zu werden.
„Ich hab drei Tage lang nichts getan. Und ihr seid trotzdem dageblieben."
„Na klar. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun."
„Natürlich sind wir geblieben."
Ganosch streckte sich in der Sonne und schloss die Augen.
„Wir kommen wieder, wenn du das nächste Mal krank wirst."
„Soll das ein Trost sein?"
„Ja."
Banoo dachte kurz nach. Dann nickte er.
„Danke."
Banoo drehte einen Looping — einen kleinen, weil die Beine noch nicht ganz mitmachten. Mitten drin merkte er es und hörte einfach auf und schwebte geradeaus weiter in die Sonne. Bruno klatschte trotzdem.
Sie blieben noch eine Weile auf dem warmen Pflaster sitzen. Ganosch machte die Augen wieder zu. Das Markttreiben kam von unten herauf. Die Welt hatte ohne ihn weitergedreht — und ihn die ganze Zeit zurückerwartet.
Drei Tage lang hatte Banoo nur im Bett gelegen — und seine Freunde waren trotzdem dageblieben, hatten Suppe gekocht und vorgelesen. In dieser Nacht schlief er so tief wie lange nicht. Tick hatte das Fenster einen Spalt offen gelassen, für frische Luft. Und weil sie genau wusste, dass Banoo am nächsten Morgen wieder durch die Gänge loopen würde, als wäre nie etwas gewesen. Genau so kam es.
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