
Kapitel 17 - Bruno und die Wut
Bruno ärgerte sich selten. Wenn Bruno ruhig war, war der ganze Hof ruhig. Wenn Bruno lachte, lachten meistens alle mit. Deshalb fiel es sofort auf, als an diesem Morgen etwas anders war: Er griff dreimal nach dem Salz, ohne es zu nehmen. Er suchte seinen Kübel an einer Stelle, wo er nicht stand. Und beim Mittagessen antwortete er nur mit einem Wort und stellte eine Schüssel ein bisschen fester ab als nötig. KLONK.
Es fing mit dem Kübel an.
Bruno holte ihn jeden Morgen aus dem Keller — sein Kübel, sein Weg, seine Aufgabe. An diesem Morgen ging er die Kellertreppe hinunter, und der Kübel war weg. Nicht verloren. Frisch gewaschen stand er ordentlich neben der Küchentür, weil Tick ihn am Abend gebraucht und dorthin zurückgestellt hatte.
Das war vernünftig. Das war praktisch. Das war vollkommen in Ordnung.
Bruno stand eine Weile an der leeren Stelle im Keller und sagte gar nichts. Dann trug er den Kübel durch die Küche in den Garten, wie immer. Nur dass er jetzt einen anderen Weg gehen musste, weil der Kübel nicht da war, wo er hingehörte.
Beim Frühstück war er stiller als sonst. Banoo fragte, ob er gut geschlafen habe. Bruno sagte: ja. Und das stimmte sogar. Er hatte geschlafen. Er wusste nur nicht, was das für ein komisches Gefühl war, das im Lauf des Morgens immer größer wurde. Es hatte keinen Namen. Es war nichts Schlimmes. Aber es war da.
Beim Einkauf in Bärental hatte Tick die Liste — sie hatte sie am Abend vorher geschrieben, sorgfältig und vollständig. Mittwochs war Markt, und Bruno hatte die großen Körbe mitgenommen, die er selbst genäht hatte, weil die normalen Griffe in seinen Händen nicht hielten. Tick ging von Stand zu Stand. Bruno trug, wog, packte ein, wartete.
Am Käsestand sprach die Frau hinter dem Tisch nur mit Tick: „Holt er immer für Sie?" Tick antwortete sofort: „Wir holen zusammen." Die Frau nickte und meinte etwas anderes damit. Bruno trug die Körbe weiter und zählte die zweiundzwanzig Stufen bis zum Stadttor — er zählte manchmal, wenn er etwas spürte, für das er noch keine Worte hatte.
Beim Mittagessen antwortete er nur einsilbig. Beim Abräumen stellte er eine Schüssel etwas fester ab als nötig. Nicht laut. Nur so.
Mato hörte es.
Am Nachmittag bat Isi ihn, die Regale in der Bibliothek zu rücken. Bruno half. Isi sagte, wo: ein Stück nach links, nein, zurück, nein, so. Bruno rückte, bis Isi sagte: gut.
Die Regale wogen rund fünfzig Kilo das Stück. Bruno hatte sie zwei Jahre zuvor selbst mitgebaut. Er konnte sie allein heben — praktisch. Und er konnte sie auf den Zentimeter genau hinstellen, weil er Holz kannte. Er hätte sagen können: Der Dübel da steckt zu weit raus, lass ihn so. Hatte er nicht gesagt. Niemand hatte ihn gefragt.
Das war nicht böse gemeint. Das wusste er. Es war trotzdem irgendwas.
Beim Abendessen schwieg Bruno fast die ganze Zeit.
„Bruno, bist du müde?"
„Nein."
„Hast du Kopfweh?"
„Nein."
„Hast du dir den Schwanz an der Tür geklemmt? Das tut nämlich richtig—"
„Ich bin wütend."
Es wurde sehr still am Tisch.
Bruno schaute selbst überrascht, dass er das gesagt hatte. Aber jetzt lag es da, mitten zwischen Eintopf und Brot.
Tick legte ihren Löffel hin.
„Auf wen?"
„Weiß ich nicht."
„Auf was?"
„Weiß ich auch nicht. Es fing mit dem Kübel an."
„Mit dem Kübel."
Nur zur Bestätigung. Kein Urteil.
„Ich hol ihn jeden Morgen selbst. Heute war er schon weg. Das klingt dumm."
„Das klingt nicht nach dem Kübel."
Bruno schaute kurz auf.
„Was ist noch passiert?"
Bruno dachte nach. Dann fing er an zu reden — langsam, weil er nicht geübt war darin, über sich selbst zu reden.
Beim Einkauf hatte Tick die Liste gehabt, ohne zu fragen. Beim Regalrücken hatte Isi entschieden, ohne zu fragen. Bei den schweren Körben hatte er geholfen, ohne zu fragen — und ohne dass ihn jemand gefragt hatte.
Lauter kleine Dinge. Jedes einzelne war vernünftig. Aber alle zusammen ergaben ein Gefühl, das Bruno erst jetzt benennen konnte.
„Den ganzen Tag hat keiner gefragt, was ich denke. Als wäre sowieso klar, dass ich trage und hebe und helfe. Niemand hat mich gefragt. Kein einziges Mal."
Er schaute auf den Tisch.
„Ich weiß, dass das nicht böse gemeint war."
„Nein. War es nicht."
„Ich weiß. Aber ich hab mich übergangen gefühlt."
Sehr still am Tisch.
Tick öffnete ihr Notizbuch. Schloss es wieder. Sie hatte angefangen, einen Satz aufzuschreiben — aber dieser Satz gehörte nicht ins Notizbuch.
„Ich hätte fragen sollen. Beim Einkauf. Das war falsch."
„Ich auch. Beim Ausflug letzten Monat. Da war der Plan schon fertig, als du ankamst."
Mato schaute Bruno an.
„Beim nächsten Mal sagst du es vorher."
„Ja."
„Nicht danach. Sondern dann. In dem Moment."
Bruno schaute ihn an.
„Das ist schwer. Aber es hilft. Das hab ich auch erst lernen müssen."
Er schob seinen Teller ein Stück zur Seite — nicht weil er fertig war, sondern weil er Platz brauchte für den nächsten Satz.
„Auf dem Schiff hat mich nie jemand gefragt, was ich will. Ich dachte, so was fragt man nicht. Und dann hab ich gemerkt: Wenn man es nicht gewohnt ist, fragt man sich das nicht mal selbst. Das ändert sich nur ganz langsam."
Sehr still am Tisch. Banoo schwebte ruhig, ganz ohne Looping.
„Wie lange hat es bei dir gedauert?"
„Jahre. Und ich lern es immer noch."
Bruno schaute ihn an. Mato schaute zurück — ruhig und klar, ohne ein Versprechen zu machen, das er nicht halten konnte.
„Dann geht das also."
„Ja. Langsam."
„Langsam ist gut."

Bruno nickte langsam. Er sagte nichts mehr, weil er gerade viel dachte und die richtigen Worte noch nicht hatte. Das war in Ordnung.
Er dachte an Mato, der manchmal auf dem Wehrgang stand und auf den Fluss schaute — ruhig und für sich. Bruno hatte nie gewusst, was Mato dabei dachte. Jetzt wusste er es ein kleines bisschen besser.
Nach dem Essen räumten sie zusammen ab.
Tick fragte Bruno, ob er den schweren Topf nehmen wolle — oder ob sie ihn tragen solle.
Bruno musste kurz lachen — nicht laut, nur kurz und überrascht.
„Ich nehm ihn. Danke fürs Fragen."
Isi rückte die Brille gerade.
„Die Regale heute Nachmittag. Ich hätte fragen sollen, ob du eine Meinung zur Aufstellung hast. Du hast sie schließlich gebaut."
„Ich hatte eine."
„Dann sag sie."
„Der Dübel rechts steckt drei Millimeter zu weit raus. Ich hätte ihn anders gesetzt."
„Das ändern wir morgen."
Ganosch brachte die Schüsseln hinüber, ohne etwas zu sagen. Aber er brachte sie. Und das war nicht selbstverständlich.
Banoo schwebte neben Bruno, der abwusch.
„Noch wütend?"
Bruno dachte kurz nach.
„Ein bisschen. Aber das hört auf."
„Das darf sein. Wütend sein darf man."
„Ich weiß."
„Ich wollte es nur gesagt haben."
Bruno trocknete die letzte Schüssel ab und stellte sie hin. Er schaute kurz in den Hof, wo es still war. Dann nickte er Banoo zu — kurz und ganz.
Ganosch verschwand lautlos durch die Tür, wie immer. Aber er hatte die Schüsseln gebracht. Tick hatte es bemerkt. Sie schrieb nichts dazu, weil manche Dinge nicht ins Notizbuch gehören. Aber sie hatte es bemerkt.
Den ganzen Tag hatte Bruno etwas gespürt, das keinen Namen hatte — bis er am Abend endlich sagen konnte, was es war: Er hatte sich übergangen gefühlt. Und seine Freunde hörten einfach zu. Am nächsten Morgen stand der Kübel wieder an seinem Platz im Keller, und Bruno trug ihn in den Garten, auf seinem Weg, wie immer. Tick sah es vom Fenster aus und schrieb nur ein Wort ins Notizbuch: „Erledigt." Und meinte damit mehr als den Kübel.
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