Vorlesegeschichte Kap. 17: Das Herbstfest

Kapitel 17 - Das Konzert in Bärental

Das Herbstfest in Bärental fand jeden Oktober statt, und jedes Mal wurde die Einladung ans Schloss mit leichter Nervosität übermittelt. Nicht weil man keine Lust hatte, sie einzuladen. Sondern weil man nie ganz sicher war, was mitkommt.

Diesmal kam alles mit.


Das Dorf hatte eine kleine Bühne aufgebaut – Holzplanken, zwei Laternen links und rechts, ein roter Vorhang, der sich im Wind bewegte. Davor: Bierbänke, Kürbissuppe, Musik aus dem Wirtshaus.

Tick hatte eine Liste, wer wann auftreten sollte. Die Liste war dreifach vorhanden, einmal für den Notfall gerollt in der Schürzentasche.

Bruno hatte seine Trommel. Er hatte sie selbst gebaut, was ihre Qualität ungefähr erklärte.

Ganosch hatte sich bereit erklärt, „einzuspringen, falls nötig", was alle als: er würde niemals einspringen verstanden hatten – was sich als halbwahr herausstellte.

Mato hatte sein verwittertes Buch dabei.

Banoo strahlte bereits auf dem Weg ins Dorf und erleuchtete damit einen guten Teil der Zufahrtsstraße.


Bruno trat als erster auf.

Er spielte Trommel mit dem vollen Einsatz, den er für alle Dinge aufbrachte. Das Ergebnis war laut, enthusiastisch, und in einem Rhythmus, der sein eigener war und mit dem Lied darunter nur gelegentlich übereinstimmte. Das Publikum klatschte trotzdem. In Bärental schätzte man Einsatz höher als Präzision.

Bruno verneigte sich tief. Die Trommel rollte einmal vom Podest. Er fing sie auf.

Großer Applaus.


Tick dirigierte.

Sie hatte ein Stöckchen dabei, das ursprünglich ein Zimtstock gewesen war, und dirigierte die Dorfkapelle mit dem gleichen Ernst, mit dem sie alles tat. Die Kapelle bestand aus vier Leuten, die hauptsächlich verwirrt aussahen, aber die Musik wurde trotzdem besser, was Tick als Beweis dafür nahm, dass Dirigieren funktioniert.


Dann trat Ganosch auf.

Er hatte sich nicht freiwillig gemeldet. Aber Frau Bergmeier von der Bäckerei hatte gefragt, ob „der elegante Herr dort" nicht singen könnte, und Ganosch hatte – im Moment des Gefragt-Werdens – nicht nein gesagt, was in Ganoschs Welt als Zusage galt.

Er sang ein Lied. Ein altes Lied, das er auswendig kannte und zu dem er selbst nichts mehr sagen wollte. Er sang es exakt einmal, in voller Länge, mit einem Ausdruck, der sagte: Das ist jetzt passiert. Wir sprechen nicht darüber.

Das Publikum war sehr still danach.

Dann applaudierte Frau Bergmeier, und alle anderen auch, weil Frau Bergmeier in Bärental den Takt angab.

Ganosch verneigte sich minimal, rückte sein Seidentuch gerade, und verließ die Bühne.

„Du hast wunderschön gesungen", sagte Banoo.

„Ich habe genuschelt."

„Das war kein Genuschel."

„Doch." Ganosch setzte sich. „Das war Genuschel auf sehr hohem Niveau."


Mato war der letzte.

Er trat auf die Bühne mit seinem kleinen, verwitterten Buch, setzte sich auf den Hocker, der dort stand, und wartete, bis es still war.

Es dauerte einen Moment. Das Publikum – Bauern, Bäckersleute, Kinder, der alte Zollinger, der immer einschlief – schaute auf den kleinen Affen mit dem Matrosenshirt und dem abgegriffenen Buch und war neugierig.

Mato las vor.

Er las den Text, den er am Kaminabend gelesen hatte – denselben. Aber hier draußen, auf der Bühne, mit den Laternen links und rechts und dem Geruch nach Kürbissuppe und Herbst, klang er anders. Größer, irgendwie. Und sehr ruhig.

Das Publikum wurde still. Nicht die höfliche Stille vor dem Applaus. Die andere Stille. Die Art, bei der die Leute aufhören, sich zu räuspern, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen.

Illustration: Mato liest beim Herbstfest auf der Bühne vor, das Dorf hört still zu, Banoo leuchtet so hell wie eine Laterne

Banoo schwebte neben der Bühne und strahlte so hell, dass die Laternen überflüssig waren.

Er merkte es nicht.


Auf dem Heimweg durch das Tal, mit Laternen und dem Nachklang der Musik hinter ihnen, sagte Bruno: „Das war der beste Abend seit Langem."

Niemand widersprach.

Tick schrieb drei Sätze in ihr Notizbuch, dann klappte sie es zu. Ganosch schaute geradeaus und sagte nichts über das Lied und nichts über das Genuschel und nichts über nichts.

Mato trug sein Buch unter dem Arm und schaute in den Himmel, der über dem Tal voll Sterne war. Er kannte Sterne gut. Diese hier kannte er inzwischen auch.

„Wie heißt der da?", fragte Banoo und zeigte mit einem seiner runden Arme in den Himmel.

„Den Orion?"

„Den kenn ich. Den anderen."

Mato schaute.

„Das ist der Fuhrmann."

„Und was macht der?"

„Er fährt. Den ganzen Winter lang."

Banoo schaute lange hinauf.

„Bootastisch", sagte er leise.

Banoo

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