
Kapitel 18 - Der erste Schnee
Eines Morgens stand Mato am Nordturmfenster und schaute hinaus. Draußen fielen Flocken — leise, langsam, eine nach der anderen. Mato rührte sich nicht. Er kannte das Meer in zwanzig verschiedenen Stimmungen: Stürme, Flauten, das Grau vor einem Gewitter. Aber Schnee kannte er nur aus Büchern. Jetzt schaute er und schaute, bis sein Atem das Fensterglas ganz beschlug.
Es schneite.
Die Flocken fielen weich und lautlos, als wollten sie gar nicht fallen, sondern schweben. In den Büchern hatte gestanden, wie kalt Schnee ist. Aber kein Buch hatte ihm gesagt, wie still es dabei war. Kein Rauschen, kein Geräusch. Nur das leise Landen, Flocke um Flocke.
Da schwebte Banoo durch die Tür — leuchtend vor Aufregung.
„Komm!"
Er zog sanft an Matos Ärmel — er hatte zwar keine Finger, aber so etwas wie Hände — und war schon halb zur Treppe.
Banoo hatte die allererste Flocke durchs Fenster fliegen sehen und sofort allen Bescheid gegeben.
Tick schrieb: Erster Schnee, 14. November. Bruno holte seine Handschuhe aus dem Keller — er wusste genau, wo sie lagen. Ganosch schaute kurz aus dem Fenster, nickte einmal und machte es wieder zu. Isi trank ihren Tee weiter.
Und Mato und Banoo gingen hinaus in den Burghof.
Der Schnee lag erst ganz dünn. Die Luft roch nach nichts — und genau das war das Überraschendste. Keine Salzluft, kein Holzrauch, kein Gras. Nur Kälte. Und Stille.
„Halt mal die Hand auf."
Mato hielt die Hand auf.
Eine Flocke landete darauf. Er schaute sie an. Sie war kleiner als gedacht. Und sie war weg, bevor er sie richtig ansehen konnte.
„Sie schmilzt sofort."
„Auf der Hand schon. Auf dem Boden bleibt sie liegen. Wenn es genug werden."
Banoo wollte eine Handvoll Flocken fangen, um es zu zeigen. Aber die Flocken fielen einfach durch seine Arme hindurch, eine nach der anderen.
„Das ist gemein."
Mato schaute auf die Steine. Dort blieben die Flocken liegen — Flocke um Flocke.
„Und dann? Wenn es genug werden?"
„Dann ist alles weiß! Der ganze Hof. Die Felder. Der Wald. Ich zeig es dir, wenn es so weit ist."
Auf Matos Ärmel saß eine Flocke, die noch nicht geschmolzen war. Sechs Spitzen, alle gleich.
„Jede ist anders."
„Ja."
„Das hab ich gelesen. Geglaubt hab ich es nicht."
„Manche Sachen muss man sehen."
Mato kniete sich hin und drückte die Handfläche flach in den Schnee. Der Schnee gab nach — fester als gedacht, aber weich, nicht wie Erde. Als er die Hand wegnahm, blieb ein Abdruck zurück: eine flache Hand in Weiß.
Banoo versuchte es mit beiden Armen gleichzeitig — ganz konzentriert, die Arme weit auf. Die Flocken fielen hindurch.
„Das ist wirklich gemein."
„Du kannst sie sehen."
„Das ist nicht dasselbe."
„Nein. Aber es ist mehr als nichts."
Irgendwann merkten Matos Füße, dass sie kalt waren. Er ging hinein, wechselte die Socken und schrieb in sein Notizbuch: Schnee: lautlos. Handabdruck: bleibt. Jede Flocke anders — eine gesehen.
In der nächsten Woche schneite es mehr. Der Hof füllte sich. Bruno schaufelte Wege und war dabei sichtlich vergnügt. Tick maß jeden Morgen die Schneehöhe mit einem beschrifteten Stab. Ganosch trug jetzt zwei Schals übereinander und tat, als wäre das die einzig vernünftige Anzahl. Wer nur einen trug, fand er, hatte die Lage nicht richtig erfasst.
Mato half Bruno beim Schaufeln. Nicht weil ihn jemand darum gebeten hatte, sondern weil er wissen wollte, wie sich Schnee anfühlt, wenn man ihn schiebt. Er war schwerer an den Seiten, leichter oben. Bruno schaufelte und erklärte nichts. Das war die beste Erklärung.
Mato lernte, die Spuren der anderen zu lesen. Banoos Schwebepfad, der den Schnee kaum berührte. Brunos breite, tiefe Tapsen. Ticks kleine, gerade Schritte. Und Ganosch hinterließ — natürlich — gar nichts Unordentliches.
An einem Morgen wachte Mato auf, bevor es hell war. Er trat ans Fenster. Der Hof lag glatt und unberührt da, wie eine leere weiße Seite. Dann lief ein Fuchs von links nach rechts darüber, ganz langsam, als wüsste er nicht, dass ihn jemand sah. Er verschwand durchs Tor. Zurück blieben acht kleine Abdrücke im Weiß.
Mato schrieb: Fuchs. Burghof, vor dem Morgengrauen. Er wusste nicht, dass jemand schaut. Dann knarrte unten die Küchentür, und er zog die Stiefel an.
Abends wurde es früh dunkel. Alle saßen am Kamin.
Banoo brachte heißen Apfelsaft, den er selbst gemacht hatte. Er war ein bisschen zu süß. Das sagte niemand. Tick strickte. Bruno wachte kurz auf, als er den Saft roch, nahm einen Schluck und schlief gleich wieder ein — schnarch. Ganosch hielt seine Tasse mit beiden Händen, was er sonst nie tat. Heute tat er es trotzdem.
Mato saß auf seinem Stuhl und schaute ins Feuer. Dreimal hatte er sein Buch in die Hand genommen, dreimal wieder weggelegt. Dann holte er sein kleines, verwittertes Buch heraus, schaute auf den Einband und dann auf die anderen.
„Ich könnte vorlesen."
Es wurde kurz still — überrascht, aber nicht unangenehm. Mato las sonst fast nie laut vor.
„Ja!"
Isi legte ihr Buch hin. Tick hörte auf zu stricken. Bruno schlief weiter — aber seine Ohren standen ein Stückchen höher.
Mato schlug das Buch auf. Die Seiten rochen nach Meer und altem Papier.
Er las. Es war kein Märchen — eher eine Geschichte über Freundschaft. Darüber, wie schön es ist, neben jemandem zu sitzen und zu wissen, dass er da ist, ohne dass man etwas sagen muss. Mato las langsam und klar. Seine Stimme war ruhig wie immer. Aber beim Vorlesen klang sie irgendwie größer.
Draußen fiel der Schnee. Drinnen war es warm.

Als er fertig war, sagte zuerst niemand etwas.
Banoo leuchtete ganz still. Ganosch hatte sein eigenes Buch, das er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, irgendwann zugeklappt — das hatten nur Tick und Isi bemerkt.
Bruno öffnete ein Auge.
„Schön."
Und schloss es wieder.
Mato klappte das Buch zu und legte es auf die Knie. Er schaute ins Feuer.
„Das erste Mal hab ich das gelesen, als ich noch auf dem Schiff war. Nachts. Ganz allein."
Niemand fragte weiter.
Ganosch rückte sein Seidentuch gerade und sagte dann, ohne aufzuschauen:
„Jetzt liest du es uns vor."
Mato schaute ihn an.
„Das ist nicht dasselbe. Aber es ist besser."
Mato schaute ins Feuer. Früher hatte er dieses Buch allein gelesen, nachts, wenn sich der Schiffsrumpf bewegte. Und jetzt: dieselben Seiten, dieselbe Stimme — aber fünf andere saßen in der Wärme und hörten zu. Das war anders. Das war besser.
Eine einzige Schneeflocke hatte Mato am Morgen auf der Hand gehalten — ganz kurz nur, dann war sie geschmolzen. Am Abend las er dasselbe Buch vor, das er früher ganz allein auf dem Schiff gelesen hatte. Diesmal hörten fünf Freunde zu, im warmen Kaminschein. „Das ist nicht dasselbe", hatte Ganosch gesagt. „Aber es ist besser." Draußen fiel der Schnee weiter, und das Feuer brannte noch lange.
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