
Kapitel 9 - Matos Geheimnis
Der Fluss Abenbach war nie breiter als der Schlosshof – aber er war tief genug, dass man den Boden nicht sehen konnte. Das reichte Bruno für eine sehr ausführliche handgezeichnete Karte.
Er legte sie zum Frühstück auf den Tisch.
„Bootsausflug", sagte er. „Übermorgen. Ich hab schon das Boot kontrolliert. Es ist dicht. Meistens."
Banoo strahlte sofort heller. Tick zog einen Stift heraus. Isi nippte ruhig an ihrer Tasse und warf einen Blick auf die Karte – die offenbar den Abenbach in etwa dreifacher Breite zeigte, dafür mit sehr genauen Angaben zu einem Felsen, den nur Bruno kannte.
Mato sagte nichts.
Er schaute auf die Karte. Dann auf seine Teetasse. Dann auf die Karte.
„Ich glaube", sagte er schließlich, „ich muss heute die Taue im Nordturm kontrollieren."
Bruno runzelte die Stirn. „Heute?"
„Es ist… dringend."
Isi hob kurz den Blick von ihrer Tasse. Sie sagte nichts.
Am nächsten Morgen meldete Mato sich freiwillig für den Küchendienst.
Tick starrte ihn an.
„Du hast noch nie freiwillig Küchendienst angeboten."
„Dann wird es Zeit."
„Wir haben morgen Bootsausflug."
„Ich weiß."
Tick schrieb etwas in ihr Notizbuch, dann strich sie es durch, dann schrieb sie es nochmal. Mato war bereits verschwunden.
Ganosch fand ihn auf dem Wehrgang.
Mato stand am Rand und schaute auf das Wasser im Schlossgraben, das weit unten dunkel und still lag. Die Hände auf dem Mauerwerk. Den kleinen Affenschwanz um das Geländer gewickelt, ohne es zu merken.
Ganosch trat neben ihn. Schaute auch hinunter.
„Du kannst nicht schwimmen", sagte er. Es war keine Frage.
Mato drehte sich nicht um.
„Nein."
Eine Dohle setzte sich auf die Zinne zu ihrer Rechten. Sie schauten beide auf sie.
„Das erklärt die Taue", sagte Ganosch.
„Ja."
Stille. Die Dohle zupfte an einem Grashalm zwischen den Steinen.
„Ich bin auf Schiffen aufgewachsen", sagte Mato nach einer Weile. „Ich kenne jeden Knoten. Ich kann Sterne lesen und Wellen von weitem erkennen. Ich weiß, wann Sturm kommt." Er schaute auf seine Hände. „Aber wenn ich ins Wasser komme – es geht nicht. Ich… es geht nicht."
Ganosch schaute weiter auf das Wasser unten.
„Wie lange?"
„Immer."
Ganosch rückte sein dunkelgrünes Seidentuch gerade. Eine kleine, präzise Bewegung.
„Dann lernst du jetzt, dich im Wasser zu halten. Das ist nicht dasselbe wie schwimmen. Aber es reicht."
Mato schaute ihn endlich an. „Was?"
„Morgen früh. Vor dem Frühstück. Das Steinbecken hinter der Scheune – dort ist das Wasser flach und still." Er wandte sich zum Gehen. „Ich bin um sechs Uhr da."
„Der Ausflug ist übermorgen."
„Ich weiß, wann der Ausflug ist."
Mato sah ihn noch einen Moment an.
„Warum tust du das?"
Ganosch blieb stehen. Er schaute zur Dohle, die immer noch an ihrem Grashalm zupfte.
„Weil du keine weiteren schlechten Ausreden erfinden solltest. Es ist unangenehm zuzuhören."
Er ging.
Mato schaute ihm nach. Dann schaute er wieder auf das Wasser unten.
Die Dohle flog weg.
Das Steinbecken hinter der Scheune war früher ein Brunnen gewesen, breit und flach, und das Wasser darin reichte einem Fuchs bis zur Schulter – einem Affen bis zur Taille.
Ganosch war bereits da, als Mato um sechs Uhr ankam. Er hatte seinen Mantel abgelegt – das war so ungewöhnlich, dass Mato kurz stehenblieb. Aber das Seidentuch saß perfekt. Natürlich.
„Ich erkläre es einmal", sagte Ganosch. „Danach machst du es."
„Einverstanden."
„Das Wasser will dich oben halten. Das ist seine Eigenschaft. Du musst nichts tun – du musst aufhören, etwas zu tun. Weniger denken. Weniger kämpfen." Er machte eine kurze Pause. „Das ist für manche schwieriger als für andere."
Er trat ins Becken, legte sich auf den Rücken – mit einer Würde, die eigentlich verbot, dass irgendjemand dabei lachte – und trieb.
Zehn Sekunden. Dann stand er wieder auf.
„So."
Mato schaute auf das Wasser.
„Ich falle."
„Du fällst nicht. Du sinkst höchstens. Aber du sinkst hier auf den Boden, und der Boden ist dort." Ganosch zeigte. „Dreißig Zentimeter."

Mato trat ins Wasser.
Es war kalt. Er verkrampfte sofort.
„Schultern los", sagte Ganosch.
„Ich vers—"
„Schultern. Los."
Er versuchte es. Es half etwas. Nicht genug, aber etwas.
Sie standen eine Weile da. Ganosch korrigierte, kurz und präzise: Arme weiter. Kinn höher. Nicht mit den Fingern greifen. Mato versuchte, nicht zu denken – was das Schwierigste war, was man ihm je aufgetragen hatte.
Beim dritten Versuch trieb er. Drei Sekunden. Vier.
Dann dachte er wieder nach und sank.
„Das zählt", sagte Ganosch.
„Das zählt nicht. Es waren vier Sekunden."
„Es sind vier Sekunden mehr als gestern." Er stieg aus dem Becken, nahm seinen Mantel. „Morgen früh wieder. Dieselbe Zeit."
Er ging, ohne zurückzuschauen.
Mato blieb noch einen Moment im Becken stehen. Das Wasser war immer noch kalt. Aber es war nicht mehr so tief wie vorhin.
Der Bootsausflug begann nach dem Frühstück.
Das Boot war alt und hatte tatsächlich eine kleine Delle am Bug, die Bruno mit Pech abgedichtet hatte – er war sehr stolz darauf. Banoo schwebte als erster hinein, was technisch nicht nötig war, aber er wollte als erster hinein. Isi folgte mit einem Buch. Tick mit einer Liste. Ganosch mit der Gelassenheit von jemandem, der Boote grundsätzlich für überschätzte Erfindungen hielt.
Mato kam als letzter.
Er stand einen Moment am Ufer. Das Boot lag ruhig im Wasser, Brunos Paddel bereit, Banoos Leuchten spiegelte sich im Fluss.
Dann stieg er ein und setzte sich.
Bruno strahlte. „Alle da? Dann los!"
Der Abenbach trug sie langsam flussabwärts. Die Pappeln am Ufer warfen lange Schatten ins Wasser. Irgendwo rief ein Eisvogel. Banoo versuchte eine Libelle zu berühren und verfehlte sie knapp, was ihn sehr überraschte und die Libelle gar nicht.
Isi las. Tick notierte elf Vogelarten und strich zwei davon durch. Bruno erklärte jedem Felsen am Ufer seinen Namen, den er sich selbst ausgedacht hatte.
Mato saß still und schaute auf das Wasser, das am Boot vorbeizog.
Als Bruno auf der Rückfahrt das Ruder wechselte, schlug das Paddel ins Wasser – ein Spritzer, kalt und plötzlich, traf Matos Gesicht und Schulter.
Mato blinzelte. Wischte sich das Gesicht ab. Rückte seinen Kragen zurecht.
Das war alles.
Ganosch, der ihm gegenübersaß, schaute kurz auf den anderen Uferstreifen.
Am Nachmittag saßen sie im Burghof. Bruno erzählte der Reihe nach, was er alles gesehen hatte. Tick schrieb es auf, ergänzte zwei Korrekturen und strich eine wieder raus. Banoo drehte einen Looping, weil der Tag es verdient hatte.
Mato stand am Tor und schaute auf den Fluss, der von hier oben glitzerte.
Ganosch trat neben ihn.
„Du bist bis zum Ende geblieben."
Mato schaute ihn an. „Woher weißt du, dass ich das nicht immer tue?"
„Bei der Floßfahrt in Kapitel 6 bist du in der Mitte ausgestiegen. Du hast gesagt, dir sei schlecht."
„Das war nicht gelogen."
„Nein. Aber es war nicht der Grund."
Mato schwieg.
„Du hast dich gut gehalten", sagte Ganosch. Und das war alles.
Er drehte sich um und ging in den Burghof zurück. Im Gehen bemerkte Mato, dass das Seidentuch einen Moment lang nicht ganz gerade saß – einen kleinen, fast unsichtbaren Winkel.
Ganosch rückte es zurecht.
Mato schaute auf den Fluss.
Dann lächelte er – leise, für sich.
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