Vorlesegeschichte Kapitel 6 – Mutig in die Wellen

Kapitel 9 - Mutig in die Wellen

Am heißesten Tag des ganzen Sommers lagen die Steinplatten im Burghof in der Sonne wie heiße Backbleche. Ganosch hatte sich flach auf seinen kühlsten Stein gelegt und rührte sich nicht. Banoo schwebte in Zeitlupe. Und Bruno schaute hinunter ins Tal, auf den Fluss — kühl, breit, glitzernd. „Der Fluss ist schön kühl", sagte er ganz beiläufig. So, als hätte er nur laut gedacht.

Banoo schwebte in Zeitlupe. Er schwebte ja eigentlich immer, aber heute war es ein besonders müdes Schweben — die Art, die sagt: Ich bin schon noch da, aber so richtig Kraft hab ich keine.

Banoo„Es ist so heiß."

Tick„Bestätigt. Außentemperatur: viel zu viel."

Brunos Schwanz wedelte schon, obwohl er noch gar nichts gesagt hatte. Dann, ein bisschen zu beiläufig:

Bruno„Wir könnten ja… also, ich meine. Der Fluss ist kühl. Ich hab ihn von oben gesehen. Nur so."

Alle schauten ihn an.

Bruno„Ich würde mitkommen. Ans Ufer. Nur zuschauen."

Banoo„Bootastisch!"

Er rief es so laut, dass er gleich drei Loopings drehte. Und dann noch einen, weil der erste so schön war.

Isi„Vernünftig. Sonne, Schatten, kühles Wasser. Ich schreibe einen Plan."

Mato kam vom Wehrgang herunter. Sein Buch hatte er schon zugeklappt.

Mato„Ich komme mit."


Eine halbe Stunde später standen sie am Schlosstor.

Tick saß auf Ganoschs Rücken. Sehr aufrecht. Sehr selbstverständlich. Ganosch trug sie mit der Miene eines Katers, der eine ganz unangenehme Aufgabe mit größtmöglicher Eleganz erledigt.

Ganosch„Das hab ich nicht angeboten."

Tick„Du hast es aber auch nicht abgelehnt."

Ganosch„Stimmt. Weiter."

Der Weg zum Fluss war ein richtiger Sommerpfad. Er roch nach Thymian und warmem Stein. Distelflaum schwebte durch die Luft. Grillen zirpten im Gras — zirp, zirp. Bruno trug ein Handtuch, das er dreimal umgefaltet hatte, ohne es je zu benutzen. Banoo schwebte voraus und machte ein bisschen Schatten, was bei einem Gespenst seiner Größe nicht besonders viel half — aber es war lieb gemeint.

Dann öffneten sich die Bäume — und der Fluss lag vor ihnen.

Alle blieben stehen. Sogar Ganosch machte einen halben Schritt nach vorn. Das Wasser glänzte und gluckerte leise, breit und grün und schimmernd. Weiden hingen wie Vorhänge hinein. Und mittendrin ragte ein großer, flacher Stein heraus, ganz warm von der Sonne.

Mato war als Erster drin. Er hängte sein Matrosenhemd an einen Ast und ging einfach hinein — ruhig, ganz ohne Aufhebens, als wäre das Wasser ein Zimmer, in dem er schon oft gewesen war.

Banoo ließ sich aufs Wasser sinken und schaukelte wie ein Blatt. Tick sprang mit einem fröhlichen Tschp! ins Seichte und reckte die Pfötchen.

Dann sprang Ganosch.

Mato schaute auf — und blinzelte.

Ganosch glitt durchs Wasser. Den Rücken gestreckt, die Pfoten gleichmäßig, ganz ruhig und sicher. Wie ein Kater, der das schon immer konnte.

Mato„Du bist eine Katze."

Ganosch„Ja."

Mato„Und du schwimmst."

Ganosch„Ja."

Mato„Das ist ungewöhnlich."

Ganosch„Ich war oft allein auf dem Bauernhof. Wenn keiner zuschaut, kann man alles lernen."

Tick„Du hättest es uns sagen können."

Ganosch„Es kam nie zur Sprache."

Er glitt weiter, ohne ein Wort mehr — eine elegante Runde, das Halstuch hatte er vorher fein säuberlich am Ast deponiert. Warum er den Bauernhof verlassen hatte, sagte er nicht. Er schwamm einfach. Und das war genug.

Tick lachte. Banoo drehte einen Looping über dem Wasser und tauchte mit dem Kopf hinein — er tauchte einfach hindurch, weil er ja ein Gespenst war und Wasser für ihn kein Hindernis. Aber er tat so, als wäre es echtes Tauchen. Und das war nah genug dran.


Bruno stand am Ufer.

Die Füße im Gras. Vor ihm rauschte das Wasser — warm, klar, man sah die Kiesel auf dem Grund. Es war ganz offensichtlich flach. Es war ganz offensichtlich harmlos. Bruno wusste das. Und genau das war eigentlich das Schwerste.

Er machte einen halben Schritt vor.

Dann wieder zurück.

Banoo glitt ans Ufer.

Banoo„Kommst du nicht rein? Es ist warm wie eine Badewanne, nur viel besser."

Bruno„Ich bin ein Krokodil. Ich sollte doch eigentlich—"

Banoo„Du musst gar nichts."

Bruno setzte sich ins Gras. Er schaute auf seine Pfoten. Dann aufs Wasser. Die anderen planschten, schwammen, lagen in der Sonne auf den Steinen. Keiner schaute zu ihm hin.

Bruno„Ich hab das noch nie laut gesagt. Das mit der Angst."

Banoo sagte nichts. Er schwebte einfach neben ihm, warm und still.

Bruno„Alle erwarten, dass ein Krokodil einfach ins Wasser geht. Als wäre das das Normalste der Welt."

Bruno„Dabei war ich jahrelang der Wächter im Burggraben. Und ins Wasser bin ich nie gegangen. Immer nur am Rand gesessen. Mein Opa war genauso. Er ist jeden Morgen ums Ufer gegangen und hat nur hingeschaut."

Isi trocknete sich auf dem Uferstein ab und setzte sich neben Bruno.

Isi„Man darf vor etwas Angst haben, auch wenn andere meinen, man müsste es können. Das macht deine Angst nicht falsch. Nur schwerer zu sagen."

Bruno nickte langsam.

Mato schwamm eine ruhige Runde und paddelte ans Ufer. Er setzte sich, schüttelte das Wasser aus dem Fell und schaute in den Fluss.

Mato„Beim großen Stein ist es nur kniehoch. Kiesel auf dem Grund. Man sieht alles."

Mehr sagte er nicht. Kein Vorschlag. Er schaute einfach weg.

Bruno schaute zu dem großen Stein. Das Wasser davor war wirklich flach — golden im Sonnenlicht, der Grund deutlich zu sehen.

Er stand auf.

Alle schauten woanders hin. Tick polierte ihren Napf. Ganosch lag platt auf dem Bauch in der Sonne. Banoo schwebte rückwärts.

Bruno trat einen Schritt vor. Das Gras hörte auf, der feuchte Sand begann. Er blieb stehen.

Noch ein Schritt.

Seine Zehenspitzen berührten das Wasser. Kalt. Nicht schlimm — einfach kalt. Er atmete aus.

Noch ein halber Schritt. Jetzt reichte das Wasser bis zu den Knöcheln. Es rauschte leise um seine Füße und zog ein bisschen Sand mit.

Er stand still.

Unter den Füßen spürte er die Kiesel — rund, glatt, sie schoben sich nicht weg. Er hatte gedacht, es würde schlimmer sein. Aber es war nicht schlimm. Es war nur kalt und nass und echt. Und er stand mittendrin.

Illustration: Bruno steht bis zu den Knöcheln im Wasser, alle anderen spielen im Hintergrund, er schaut auf seine Füße

Das war alles.

Tick schaute kurz auf — einmal, ganz kurz. Dann wieder auf ihren Napf. Ganosch öffnete ein Auge und schloss es wieder. Banoo leuchtete ruhig.

Bruno stand noch eine Weile so da. Dann zog er die Füße heraus und setzte sich zurück ins Gras.

Bruno„Das war gar nicht so schlimm."

Banoo„Nein."

Bruno„Ich glaub, nächste Woche probier ich es nochmal."

Banoo„Bootastisch."


Der Nachmittag zog warm und träge dahin. Isi saß auf dem Stein und las. Mato schwamm seine Runden, ruhig und gleichmäßig. Tick baute einen kleinen Damm aus Steinen, riss ihn nach zehn Minuten wieder ein, um zu sehen, wie schnell das Wasser durch den Spalt schoss, baute ihn wieder auf und schrieb die Zeit ins Notizbuch.

Tick„Drei Sekunden schneller als gestern."

Gestern hatte sie gar keinen Damm gebaut. Aber das schmälerte ihre Zufriedenheit kein bisschen.

Banoo spielte „Wasser-Weiterschweben": Er ließ sich von der Strömung ein Stück flussabwärts tragen, schwebte zurück und ließ sich wieder treiben. Kein besonderes Spiel. Aber es machte Spaß.

Einmal rief Tick: „Ganosch, kommst du nochmal rein?" Ganosch lag schon eine Weile auf dem flachen Stein und öffnete ein Auge.

Ganosch„Ich bin fertig."

Tick„Du schwimmst nicht mehr?"

Ganosch„Ich schwimme, wenn es nötig ist oder wenn es Spaß macht. Beides ist erledigt."

Er schloss das Auge wieder. Damit war die Sache erledigt.

Als die Schatten länger wurden, machten sie sich auf den Heimweg. Bruno trug seine Schuhe in der Hand. Die Füße waren noch ein bisschen feucht. Er sagte nichts darüber, und keiner fragte.

Auf dem letzten Stück wedelte sein Schwanz — langsam und gleichmäßig, genau so, wie er immer wedelte, wenn alles gut war.

Tick„Ausgezeichneter Tag."

Ganosch„Bestätigt."

Banoo„Nächste Woche machen wir das wieder."

Bruno„Ja. Ich komm wieder mit."

Er sagte es so fest, als hätte er das schon immer gewusst.

Bis zu den Knöcheln hatte Bruno am Ende im kühlen Fluss gestanden — kalt, nass und gar nicht so schlimm, wie er gedacht hatte. In dieser Nacht hörte Mato, wie Bruno in seinem Zimmer leise summte, ein Lied ohne Namen. „Nächste Woche probiere ich es wieder", hatte Bruno gesagt. Und diesmal sagte er es nicht, um sich Mut zu machen — diesmal glaubte er es einfach.

Banoo

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