
Kapitel 26 - 254 Jahre und eine Frage
Es war November, und Lina saß mit allen am Frühstückstisch. Draußen regnete es leise gegen die Fenster. Drinnen roch es nach Tee und frischem Brot. Und dann stellte Lina eine Frage, die noch nie jemand gestellt hatte.
„Wie heißt das Schloss eigentlich?"
Stille am Tisch.
„Spukstein ist der Name vom Ort."
„Ich meine das Schloss selbst."
„Ich weiß."
Ganosch trank seinen Tee. Isi legte ihr Buch zur Seite. Bruno schaute zur Decke hinauf, als stünde der Name dort oben angeschrieben und er hätte ihn nur übersehen.
„Im alten Archiv stand mal: Burg Steinlicht. Aber das war von 1803."
„Klingt nicht nach heute."
„Nein."
Banoo schwebte einmal langsam im Kreis.
„Ich finde, es sollte einen Namen haben."
„Es hat keinen, weil es nie einen gebraucht hat. Es ist das einzige Schloss hier."
„Trotzdem."
Kurz darauf verabschiedete sich Lina. Auf dem Weg nach draußen drehte sie sich noch einmal um und schaute den Torbogen an — die alten Steine, die abgeriebenen Kanten, das Moos an der unteren Ecke. Als gäbe es da etwas, das einen Namen verdient hätte.
Nach dem Abendessen fragte Banoo jeden der Reihe nach.
„Burg Steinlicht klingt nicht mehr richtig. Wie würdest du es nennen, Bruno?"
„Burg Spukstein?"
„Das ist der Ort."
„Dann weiß ich es nicht."
„Ganosch?"
Ganosch schaute auf seine Teetasse.
„Namen sind für Leute, die suchen. Wir wissen, wo wir sind."
„Ja. Aber wenn jemand anderes sucht—"
„Dann fragt er. Namen helfen dabei weniger, als man denkt."
Banoo leuchtete nachdenklich. Dann fragte er Tick.
„Ich hab noch keinen guten Vorschlag. Gib mir bis Donnerstag."
Am Abend saß Banoo allein in der Bibliothek und schaute aus dem Fenster. Eine Stunde nach dem Essen fand Isi ihn dort.
„Du sitzt schon lange hier."
„Ich überlege."
„Worüber?"
„Ob ich etwas Bleibendes machen kann. Ein Schild vielleicht. Aber ich weiß nicht, was draufstehen soll."
Isi setzte sich auf die Fensterbank gegenüber und schaute auf den Hof hinunter.
„Was ist das Schloss für dich? In einem Wort."
„In einem Wort?"
„Versuch es."
Banoo schaute auf seine kleinen runden Arme.
„Heimgekommen."
Isi schaute ihn an.
„Das ist ein gutes Wort."
„Ja. Aber das sag ich nicht gern laut. Weil ich es so lange nicht hatte."
Isi nickte. Sie sagte nichts dazu — aber sie rückte ein kleines Stück näher, bis ihr Flügel beinahe Banoos Arm berührte. Das war ihre Art zu sagen: Ich verstehe.
Der Donnerstag kam, und Tick hatte noch nichts. Der Freitag auch nicht. Am Samstagmorgen trug sie ein leeres Blatt in die Küche und legte es auf den Tisch.
„Ich habe keine Idee."
„Gar keine?"
„Nichts, das sich richtig anfühlt. Alles klingt entweder zu groß oder zu klein."
Banoo schaute auf das leere Blatt. Dann faltete er es in der Mitte, weil er manchmal besser dachte, wenn er etwas in den Händen hatte. Seine Hände hatten zwar keine Finger, aber das Papier blieb trotzdem gefaltet.
In den nächsten zwei Tagen überlegten Banoo und Isi mögliche Namen. Banoo schlug vor: Schloss der Freundschaft. Isi sagte, das klinge nach einem Gasthof. Banoo schlug vor: Haus der offenen Türen. Isi sagte, die Türen klemmten doch meistens. Banoo schlug vor: Willkommen daheim. Isi sagte, das setze voraus, dass die Leute schon wüssten, dass sie gemeint sind. Banoo schlug vor: Bootastische Burg. Isi sagte, das könne sie aus rein fachlichen Gründen nicht ernst nehmen — und Banoo gab ihr insgeheim recht.
Mato hörte eines Abends einfach zu, sagte nichts, schrieb aber etwas in sein Notizbuch — klein, an den Rand. Am nächsten Abend zeigte er es Banoo. Kurz, ohne ein Wort.
Banoo las es und leuchtete auf.
„Das ist es!"
„Es ist nicht besonders poetisch."
„Doch."

Mato erklärte nicht, woher er den Satz hatte. Als Banoo nachfragte, sagte er nur, er habe ihn schon eine Weile im Kopf gehabt — und dass er manchmal warte, bis etwas den richtigen Moment finde. Mehr sagte er nicht. Es war genug.
Bruno fand im Keller ein altes Stück Eschenholz — ein Brett, das seit Jahren wartete. Er sägte es auf die richtige Größe für einen Torbogen und schmirgelte es zweimal glatt, weil Tick beim ersten Mal sagte, man spüre noch die Holzfaser.
Ganosch hatte die Farben gebracht, ohne dass jemand ihn gefragt hatte — eine kleine Schachtel, zwölf Töpfchen, gut sortiert. Er hatte sie auf den Tisch gestellt und war wieder gegangen. Tick öffnete die Schachtel und schaute sich die Farben an. Unter dem Braun lag ein kleiner Pinsel, der gar nicht zur Schachtel gehörte — genau der richtige für die Schrift, mit der feinen Spitze, die man für große, klare Buchstaben braucht. Sie fragte Ganosch nicht, woher er wusste, dass sie ihn brauchen würden. Bruno wählte ein dunkles Braun für den Grund. Tick wählte die Schriftfarbe: ein gebrochenes Weiß, weil das auf dunklem Holz besser zu lesen ist als reines Weiß.
Isi malte die Buchstaben. Sonst war ihre Handschrift klein und genau, aber für die Tafel machte sie sie groß und ruhig — mit dem Pinsel, den sie einmal mit der Zunge anfeuchtete, obwohl sie genau wusste, dass das eigentlich unnötig war.
Was draufstand:
Wer hierher kommt, ist angekommen.
Bruno betrachtete es lange.
„Das ist gar kein Name."
„Doch."
„Es ist eine Aussage."
„Es ist beides."
Ganosch betrachtete die Tafel. Er schaute lange — länger, als Ganosch sonst irgendetwas anschaute. Dann rückte er sein Seidentuch gerade. Einmal nach links, einen Fingerbreit zurück nach rechts.
„Gut."
Das war seine Art, zuzustimmen. Alle am Tisch kannten sie inzwischen.
Die Tafel trocknete einen Tag lang. Banoo schwebte immer wieder vorbei und schaute sie an, ohne sie zu berühren — was für ihn ungewöhnlich war. Tick hatte ein Tuch darübergelegt, damit kein Staub draufkam. Bruno prüfte zweimal den Dübel, an dem sie hängen sollte, weil er beim ersten Mal nicht ganz sicher war, ob er hielt. Beim zweiten Mal war er sicher.
Sie hängten die Tafel am inneren Torbogen auf — nicht am großen Außentor, wo jeder Besucher sie sofort sähe, sondern innen, sodass man sie erst las, wenn man schon hereingekommen war. Das war Matos Vorschlag gewesen. Er hatte nicht erklärt, warum. Banoo hatte gefragt. Mato hatte gesagt: Wer draußen steht, muss sich erst entscheiden. Wer drin ist, hat es schon getan. Alle hatten geschwiegen. Dann hatten alle genickt.
Bruno richtete die Tafel gerade. Dann rückte Ganosch sie einen halben Zentimeter nach rechts.
„Sie hing schon gerade."
„Jetzt hängt sie noch gerader."
Das war der einzige Kommentar.
Tick schrieb ins Notizbuch: Tafel angebracht. Text: Wer hierher kommt, ist angekommen. Alle einverstanden. Sie hielt inne. Dann schrieb sie weiter: Isi: Buchstaben. Bruno: Holz. Mato: Text und Stelle. Ganosch: Farben. Banoo: wollte es. Ich: Schriftfarbe.
Sie schaute auf die Liste. Es sah aus wie die Zusammenfassung von etwas, das sie niemals hätte planen können.
Abends, als alle schlafen gegangen waren, schwebte Banoo noch einmal durch den Torbogen und blieb kurz vor der Tafel stehen.
Wer hierher kommt, ist angekommen.
Er kannte den Satz schon auswendig. Er kannte jeden Strich von Isis Pinsel, jeden Abstand zwischen den Worten, die Art, wie das Braun des Holzes durch das gebrochene Weiß schimmerte. Dreimal hatte er ihn an diesem Tag schon gelesen.
Er leuchtete dabei — erst nur ein bisschen, gerade genug, um die Buchstaben zu sehen. Dann etwas mehr, weil er nicht anders konnte.
Er dachte an den Moment, als er das allererste Mal durch diesen Torbogen geschwebt war — vor langer Zeit, bevor er wusste, wie es sich anfühlt, irgendwo anzukommen. Dann schwebte er weiter.
Lange hatte das Schloss keinen Namen gehabt. Dann fragte Lina, alle überlegten, und am Ende hing eine Holztafel am Torbogen — von allen gemeinsam gemacht. Darauf stand kein Name, sondern ein Satz: „Wer hierher kommt, ist angekommen." Zwei Tage später las Lina ihn im Vorbeigehen. Einmal. Dann noch einmal. Beim Weggehen schaute sie nicht zurück. Sie kannte den Weg jetzt.
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