Vorlesegeschichte Kap. 26: Mato bleibt

Kapitel 26 - Matos Brief

Mato bekam selten Post. Er hatte die Adresse von Spukstein an das Schiff geschickt – einmal, als er noch nicht sicher war, ob er das tun sollte – und dann abgewartet.

Eines Morgens lag ein Brief auf dem Frühstückstisch.

Absender: Schiff. Von den alten Kollegen.


Mato las ihn in der Küche, allein, bevor die anderen aufstanden. Tick war die Erste, die ihn sah – mit dem Brief auf dem Tisch, die Tasse dampfend daneben, den Brief glatt gestrichen und wieder gefaltet.

Sie sagte nichts. Machte Tee. Stellte ihn hin.

Mato trank ihn.


Den ganzen Morgen sagte er wenig. Das war bei Mato nicht ungewöhnlich, aber es war diesmal anders – nicht die Stille von jemandem, der nachdenkt, sondern die Stille von jemandem, der etwas mit sich trägt.

Alle ahnten es. Niemand fragte.

Bruno machte extra viel Mittag. Isi ordnete ruhig Bücher. Banoo schwebte gedämpfter als sonst und ließ keinen Looping los.

Ganosch trank seinen Tee und las – oder schaute auf sein Buch, was nicht ganz dasselbe war.

Nachmittags stieg Mato auf den Wehrgang.

Er stand lange oben. Der Wind war kalt. Bärental war von dort klein und weit. Hinter dem Wald, unsichtbar, war der Abenbach, und hinter dem Abenbach – noch viel weiter – das Meer.

Er dachte an das Schiff. An die Kabine mit dem kleinen Fenster. An den Geruch von Salz und Tau und Holzöl. An Leute, die er kannte, die er mochte.

Er dachte an das Steinbecken hinter der Scheune. An Ganoschs präzise Instruktionen. An Brunos ausgestreckten Händen in der Höhle. An Isis Flug bei Dämmerung. An Ticks Stift, der manchmal einfach aufhörte.

Er dachte an den Brief aus dem Jahr 1887.


Am nächsten Morgen war er beim Frühstück.

Er setzte sich. Nahm seinen Tee. Schaute kurz die Runde an.

„Ich hab geantwortet", sagte er.

Tick hielt den Stift inne.

„Und?", fragte Banoo, sehr leise, weil er spürte, dass man jetzt leise fragte.

„Ich bleibe."

Illustration: Mato sitzt beim Frühstückstisch und sagt 'Ich bleibe', Banoo dreht drei Loopings, Ganosch rückt sein Seidentuch gerade

Banoo drehte drei Loopings. Einen nach dem anderen, ohne Pause, dabei leuchtend so hell wie an einem klaren Frühlingstag.

Bruno legte seine Gabel hin und schaute Mato an, und sein Gesicht tat das, was es tat, wenn ihm etwas sehr viel bedeutete und er nicht wusste, wie er es sagen sollte.

Tick schrieb etwas in ihr Notizbuch. Sehr schnell, damit niemand sah, dass ihre Hände leicht zitterten.

Isi nippte an ihrem Tee und schaute aus dem Fenster, weil manchmal ist der richtige Moment, um woanders hinzuschauen.

Ganosch rückte sein dunkelgrünes Seidentuch gerade.

Mato trank seinen Tee.

Er schaute auf den Hof draußen, auf die Steine, auf den Frost, der die Ränder der Pflastersteine weiß gemacht hatte.

Er hatte gewusst, was er antworten würde. Spätestens auf dem Wehrgang. Aber es war gut, es laut gesagt zu haben.

Manche Dinge werden erst wirklich, wenn man sie ausspricht.

Banoo

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