
Kapitel 11 - Das große Missverständnis
Missverständnisse wachsen meistens aus Halbsätzen. Ein ganzer Satz ist schwer falsch zu verstehen. Ein halber hingegen passt in jeden Kopf, der schon auf etwas Bestimmtes wartet.
Banoo hatte nicht gewartet. Aber er hatte zugehört.
Das war sein Fehler.
Es war ein Dienstagnachmittag, und Banoo schwebte durch den Korridor im zweiten Stock, weil er nachschauen wollte, ob das Bogenfenster oben noch klemmte. Es klemmte immer. Aber manchmal klemmte es interessant.
Hinter der Tür zur Bibliothek hörte er Ticks Stimme.
Nicht deutlich – die Tür war alt und dick und schon immer etwas quengelig beim Schließen. Nur ein Satz kam durch, klar genug:
„Banoo ist manchmal anstrengend."
Banoo blieb stehen.
Er schwebte einen Moment lang im Korridor, die runde Brille direkt auf die geschlossene Tür gerichtet, das Licht in ihm ein kleines bisschen weniger hell als eine Sekunde davor.
Dann schwebte er weiter. Zum Bogenfenster. Es klemmte. Wie immer.
Beim Abendessen war er stiller als sonst.
Bruno bemerkte es als erster, weil er immer bemerkte, wenn jemand weniger aß. Banoo aß zwar technisch gesehen nichts – er war ein Gespenst – aber er schwebte beim Essen normalerweise näher am Tisch, und heute schwebte er etwas weiter weg.
„Alles gut?", fragte Bruno.
„Ja", sagte Banoo. „Alles gut."
Er sagte es auf die Art, die bedeutete: Ich möchte nicht darüber reden, aber ich bin auch nicht in der Lage, überzeugend zu lügen.
Tick schaute ihn an. Banoo schaute zur Decke.
Mato aß seinen Eintopf und sagte nichts.
Die nächsten zwei Tage war Banoo weniger präsent.
Er leuchtete. Er war da. Er beantwortete Fragen, half beim Tragen, fand Brunos vermisste Kelle hinter dem Gewürzregal. Aber er startete keine Loopings. Er rief niemanden mit „Kommt her!" durch den Hof. Er blieb ein bisschen im Hintergrund, und das war so ungewohnt, dass der Hof sich größer anfühlte als sonst – auf eine Art, die nicht angenehm war.
Tick bemerkte es am zweiten Tag.
Sie saß in der Küche und zählte ihre Vorratsdosen durch, aber sie zählte dreimal dieselbe Reihe, weil ihre Gedanken woanders waren.
Beim dritten Durchzählen legte sie den Stift hin.
„Isi", sagte sie, als Isi am Nachmittag die Küche betrat, „stimmt etwas mit Banoo nicht."
„Ja", sagte Isi.
„Du hast es auch bemerkt?"
„Vor zwei Tagen."
Tick schaute auf ihre Dose. „Was ist passiert?"
„Das", sagte Isi, „solltest du ihn fragen."
Isi fand Banoo auf dem Nordturm. Er saß auf dem Zinnenkranz und schaute auf die Felder, die sich Richtung Bärental zogen. Das Licht in ihm war gedämpft – nicht weg, aber leiser, wie eine Lampe, die jemand ein wenig heruntergedreht hat.
Isi setzte sich neben ihn. Ohne zu fragen. Einfach so.
Eine Weile sagten beide nichts.
„Du hast etwas gehört", sagte Isi schließlich.
Banoo schaute sie an.
„Woher weißt du das?"
„Weil Banoo, der nichts gehört hat, nicht auf dem Nordturm sitzt. Banoo, der nichts gehört hat, dreht Loopings und fragt, ob jemand Kekse will."
Banoo schaute wieder auf die Felder.
„Ich hab einen Satz gehört. Durch die Tür. Tick hat gesagt… sie findet mich anstrengend."
Isi nickte langsam. „Wann?"
„Dienstagnachmittag. In der Bibliothek."
„Was hat sie noch gesagt?"
„Nichts. Ich bin weitergegangen."
Isi schaute ihn an. „Nur den halben Satz?"
„Ja."
Isi schwieg einen Moment. Dann stand sie auf.
„Komm mit."
Tick saß immer noch in der Küche, als Isi zurückkam – diesmal mit Banoo, der etwas kleiner wirkte als sonst und seine Arme vor dem Bauch verschränkt hielt.
Tick schaute ihn an. Dann auf Isi.
„Dienstagnachmittag", sagte Isi. „Die Bibliothek. Du hast über Banoo geredet."
Tick dachte nach. Dann wurde ihr Gesicht anders.
„Oh."
„Was habe ich gesagt?" fragte Banoo leise.
Tick öffnete ihr Notizbuch. Sie blätterte kurz – dann hielt sie inne. Sie schaute ihn an.
„Ich hab gesagt: ‚Banoo ist manchmal anstrengend.'" Sie machte eine Pause. „Genau wie ich das brauche."
Stille.
Banoo schaute sie an.
„Was?"
„Ich hab zu Bruno gesagt, dass ich manchmal jemanden brauche, der einfach losgeht und keine langen Pläne macht. Der einfach sagt: Kommt her! Und dann macht man es einfach." Tick schaute auf ihr Notizbuch. „Ich mache immer Listen. Ich plane alles. Manchmal bin ich froh, wenn jemand einfach… anstrengend ist. In die richtige Richtung."

Banoo schaute von Tick zu Isi. Dann wieder zu Tick.
Dann leuchtete er auf – plötzlich, warm, so hell wie immer.
„Du brauchst mich?"
„Das habe ich nicht—" Tick seufzte. „Ja. Manchmal. Ein bisschen."
„Das ist bootastisch", sagte Banoo.
Er drehte einen kleinen Looping in der Küche – vorsichtig, damit er nicht gegen den Topf stieß – und Isi schaute zu und sagte nichts, aber der Ausdruck auf ihrem Gesicht sagte ungefähr: Genau das.
Beim Abendessen schwebte Banoo wieder nah am Tisch.
Bruno bemerkte es sofort. Er sagte nichts – aber er gab Banoo mehr von der Soße, obwohl Banoo die Soße technisch gesehen nicht aß, und das war Brunos Art, zu sagen: Willkommen zurück.
Mato aß seinen Eintopf und sagte nichts.
Aber er schob seinen Teller ein Stück in Banoos Richtung.
Weil man das manchmal tut.
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