
Kapitel 11 - Claras Brief
Es war Freitag, Viertel vor vier. Das große Schlosstor stand einen Spalt offen, und Banoo schwebte schon seit zehn Minuten auf dem Wehrgang und hielt Ausschau. Tick hatte Tee gemacht und für alle eine Tasse hingestellt. Bruno hatte dreimal gefragt, ob er noch Kekse holen solle. Und dann, endlich: Schritte auf dem Pfad. Klopf, klopf.
Banoo öffnete das Tor, noch bevor Lina klopfen konnte.
„Lina! Bootastisch! Ich hab dich schon vom Wehrgang gesehen. Komm rein. Rollo steht gleich rechts."
Lina trat ein und schaute sich um — die hohe Eingangshalle, die alten Steinmauern, der eiserne Kronleuchter. Dann sah sie Rollo.
Rollo nickte.
„Aha. Die Rüstung. Du hast nicht übertrieben."
„Er macht das immer."
Im Innenhof saß Tick am Tisch, mit der Kanne Tee und den Tassen, die sie schon bereitgestellt hatte. Daneben Bruno, der sofort aufsprang und fragte, ob er nicht doch noch einen Keks holen solle. Ganosch lag auf seinem Stein und öffnete ein Auge. Mato saß oben auf dem Wehrgang und kam langsam die Treppe herunter.
Isi landete — mit zwei Flügelschlägen zu viel — auf dem Brunnenrand und richtete sich auf.
„Tee um vier. Freitag. Wie besprochen."
„Hast du eine Liste?"
„Natürlich. Erstens: Tee. Zweitens: Schlossführung. Drittens: Kekse, sobald Bruno sie holt."
„Ich hol sie! Endlich darf ich die Kekse holen."
Er war schon weg. Bruno hatte den ganzen Nachmittag auf diese Aufgabe gewartet.
„Wer macht die Führung?"
„Ich!"
„Ich komme mit."
Banoo zeigte ihr alles. Die Küche mit Kalle, dem Kessel. Den Rittersaal, wo Rollo ein zweites Mal nickte — und Lina diesmal zurücknickte. Das große Treppenhaus, wo jede Stufe anders knarrt und Banoo jede einzelne genau kannte. Den Wehrgang mit dem Blick übers Bärental. Und den Nordturm, wo Isi wohnte.
Im Nordturm blieb Lina stehen.
„Das Ostfenster. Von hier sieht man den ganzen Fluss."
„Ich weiß."
„Hier hat schon mal jemand gewohnt. Schaut — da."
Sie zeigte auf die Wand neben dem Fenster. Dort war eine kleine eingeritzte Zeichnung — ganz fein, von Jahren und Staub fast verdeckt. Ein Mädchen mit einem langen Zopf.
Banoo schwebte ganz nah heran. Das hatte er noch nie bemerkt.
„War das schon immer da?"
„Hab ich sofort gesehen. Ihr habt sie übersehen, weil ihr jeden Tag dran vorbeigeht."
Isi betrachtete das Bild. Dann schaute sie an der Wand entlang.
„In alten Zimmern gibt es manchmal Hohlräume. Wer lange irgendwo lebt, versteckt manchmal etwas."
Sie klopfte die Wand an verschiedenen Stellen ab — klopf, klopf, klopf. Tick, die mit ihrem Teebecher nachgekommen war, hörte ganz genau hin.
„Da."
Sie zeigte auf die Stelle direkt unter der Zeichnung. Hier klang es anders — leicht hohl.
Es dauerte eine Weile. Bruno holte ein schmales Holzstück. Mato kniete sich hin. Lina zeigte, wo genau man drücken musste. Nach ein paar Versuchen löste sich ein kleines Mauerstück — nicht heraus, sondern zur Seite, wie eine Tür, die sehr, sehr lange nicht benutzt worden war.
Dahinter lag eine kleine Nische, kaum tiefer als eine Handbreit. Und darin stand eine kleine Holzschatulle mit einem einfachen Messingverschluss.
Auf dem Deckel war ein Zeichen eingeritzt: ein kleiner Kreis mit einem Stern darin.
Niemand sagte etwas.
„Diesmal warten wir alle."
Sie schaute zu Banoo.
Banoo streckte schon die Arme aus — und ließ sie wieder sinken.
„Einverstanden."
Isi hob die Schatulle vorsichtig heraus. Sie war leichter als gedacht. Sie legte sie auf Brunos ausgestreckte Hände — die waren groß genug als Tisch — und öffnete langsam den Verschluss.
Alle hielten die Luft an. Sogar Tick hielt mit dem Schreiben inne.
In der Schatulle lagen drei Dinge: ein getrocknetes Vergissmeinnicht, dessen Blau man noch ganz zart erkennen konnte. Eine kleine Zeichnung — das Schloss mit zwei Türmen, gemalt von einer Kinderhand. Und darunter, sorgfältig gefaltet, ein Brief.
„Ein Vergissmeinnicht."
Er schaute Banoo an. Banoo schaute zurück. Er wusste selbst nicht, warum ihm das alles so nahe ging.
„Banoo. Liest du ihn vor?"
Banoo war überrascht. Sonst las immer Mato vor, oder Isi. Aber er nahm den Brief vorsichtig, faltete ihn auf und räusperte sich.
Die Handschrift war klein und ordentlich und ein bisschen schief — wie bei jemandem, der das Schreiben noch übt.
Liebe Schatulle,
ich bin Clara. Ich bin elf Jahre alt und ich war diesen Sommer auf Schloss Spukstein, weil meine Großmutter die Hüterin des Schlosses war. Das war das Schönste, was mir je passiert ist.
Ich weiß, dass die Leute sagen, hier spuke es. Ich hab kein Gespenst gesehen. Aber ich hab ein Schloss gefunden, das einen gut hält. Ich hab im Nordturm geschlafen, und der Wind hat mir Gute Nacht gesagt. Ich hab im Rittersaal tanzen gelernt, weil man dafür viel Platz braucht. Ich hab den Fluss kennengelernt und die Felder und den Geruch von altem Holz, wenn es regnet.
Ich hab keine Schätze mitgenommen. Ich hab auch keine gefunden. Aber ich glaube, ich hab etwas Wichtigeres verstanden: Ein Ort kann ein Zuhause sein, auch wenn man nicht immer dort ist. Er bleibt ein Zuhause, wenn man ihn im Herzen trägt. Genau das ist Spukstein für mich.
Wer auch immer das hier findet: Pass gut auf das Schloss auf. Es hat das verdient.
— Clara, August 1887
Banoo hörte auf zu lesen.
Im Nordturm war es ganz still.
Tick schrieb nichts in ihr Notizbuch. Sie hielt den Stift in der Hand, aber sie schrieb nichts.
Bruno schaute aus dem Ostfenster. Da hinauszuschauen war gerade leichter.
Ganosch rückte sein grünes Halstuch gerade — ganz sorgfältig, so wie jemand, der einfach etwas für die Pfoten zu tun braucht.
Isi beugte sich über die Zeichnung in der Schatulle. Zwei Türme, ein Schloss, ganz einfach.
„Sie hat uns gezeichnet. Obwohl sie uns gar nicht kannte."
„Sie hat gewusst, dass irgendwann jemand kommt."

„Ich finde, Clara war sehr klug."
„Elf Jahre. Das ist wirklich erstaunlich."
„Vielleicht war Isi früher auch so."
Isi schaute ihn an.
Bruno räusperte sich.
„Ich meine — das war als Kompliment gemeint."
„Ich weiß."
Lina stand noch immer vor der Wandzeichnung — dem kleinen Mädchen mit dem Zopf. Sie fasste sie nicht an. Sie schaute sie nur an.
„Das ist die Clara."
„Woher weißt du das?"
„Weil man so zeichnet, wenn man sich selbst malt und es keiner sehen soll."
Niemand widersprach.
Sie legten alles zurück in die Schatulle. Den Brief. Das Vergissmeinnicht. Die Zeichnung. Tick schloss den Verschluss mit demselben Ernst, mit dem sie alle wichtigen Dinge tat. Dann stellte Isi die Schatulle zurück in die Nische.
„Lassen wir sie hier?"
„Sie gehört hierher."
Mato schob das Mauerstück vorsichtig wieder zu. Es passte nicht mehr ganz so fest wie vorher — aber es saß.
„Wir können wiederkommen. Und nach ihr schauen."
„Ich komme mit."
Das war keine Frage. Nur eine Feststellung.
Auf dem Weg zurück in den Hof gab es nicht viel zu sagen. Manchmal ist das genau richtig.
Tick schrieb drei Wörter in ihr Notizbuch. Sie zeigte es niemandem. Aber wer ganz genau hingeschaut hätte, hätte gelesen: Wir wissen es.
Ganosch hielt das Tor zum Hof auf. Das tat er nicht oft.
Lina ging als Letzte hindurch und schaute noch einmal an der alten Mauer hinauf.
„Mein Großvater sagt immer, alte Häuser haben ein Gedächtnis. Ich hab das nie verstanden."
„Und jetzt?"
„Stimmt schon. Unheimlich ist das hier nicht."
„Hab ich dir doch gesagt."
„Du hast es nicht gesagt. Du hast gefragt, ob ich es finde."
„Das stimmt."
In einer alten Mauer hatten sie eine Schatulle gefunden: ein getrocknetes Vergissmeinnicht, eine Kinderzeichnung und einen Brief von einem Mädchen namens Clara, das vor über hundert Jahren hier gelebt hatte. „Ein Ort bleibt ein Zuhause", hatte sie geschrieben, „wenn man ihn im Herzen trägt." Banoo saß noch lange bei der eingeritzten Zeichnung an der Wand und leuchtete sie ganz sanft an. An diesem Abend leuchtete der Nordturm ein klein wenig anders als sonst. Wärmer.
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