
Kapitel 23 - 254 Jahre und eine Frage
Banoo war zweihundertvierundfünfzig Jahre alt. Das wusste er ungefähr. Genau wusste er es nicht, weil er die ersten hundert Jahre nicht gut aufgepasst hatte, was die Jahreszählung betraf. Aber ungefähr zweihundertvierundfünfzig.
An einem ruhigen Novembernachmittag fragte er Isi etwas.
Sie saßen in der Bibliothek. Isi ordnete Bücher, Banoo schwebte und schaute ihr dabei zu, was seine Art war, dabei zu sein, ohne zu stören.
„Isi."
„Ja."
„Wirst du auch mal… aufhören?"
Isi hielt inne. Sie schaute auf das Buch in ihrem Flügel.
„Ja", sagte sie. „Irgendwann."
Banoo schwebte langsam zur Fensterbank.
„Und ich?"
Isi stellte das Buch ins Regal. Dann drehte sie sich um und schaute Banoo an – direkt, wie sie immer alles anschaute.
„Ich weiß es nicht."
„Das ist keine Antwort."
„Doch. Es ist eine ehrliche."
Banoo schaute aus dem Fenster. Der Hof lag ruhig da. Die alten Steine. Die Karte von Ganosch an der Wand des Gemeinschaftsraums, von hier aus nicht sichtbar, aber er wusste, dass sie da war.
„Macht dir das Angst?", fragte Isi. „Dass du es nicht weißt?"
Banoo dachte nach. Wirklich nach – nicht das schnelle Denken, das er meistens machte, sondern das andere, langsamere.
„Ein bisschen", sagte er schließlich. „Aber mehr nicht."
„Warum mehr nicht?"
„Weil ich hier bin. Jetzt." Er schaute auf seine Arme, die kleinen, runden, fingerlosen. „Das ist eigentlich genug."
Isi schaute ihn an. Dann nickte sie, einmal, leise.
„Aber ich möchte etwas bauen", sagte Banoo.
„Was?"
„Etwas, das bleibt. Wenn ich irgendwann nicht mehr bin, oder einfach so. Ich möchte etwas Bleibendes."
Isi dachte nach. „Was bleibt?"
„Ich weiß nicht. Was glaubst du?"
„Ehrlich?"
„Bitte."
Isi trat an den Schreibtisch und holte ein Stück Papier. Sie malte nichts darauf. Sie legte es hin.
„Ich glaube, das meiste bleibt nicht. Bücher irgendwann nicht mehr. Steine irgendwann nicht mehr." Sie pause. „Aber das, was ein Ort in jemandem hinterlässt – das bleibt, solange derjenige da ist. Und manchmal erzählt derjenige es weiter."
Banoo schaute auf das leere Papier.
„Wie Clara."
„Wie Clara."
Er drehte sich zur Wand. An der Wand hing nichts. Genau das war der Platz, den er meinte.
„Ich möchte eine Tafel", sagte er. „Keine Inschrift. Nur – uns. Damit der Raum weiß, wer hier war."
Isi schaute auf die Wand. Dann auf Banoo.
„Dann machen wir das."
Sie machten es zusammen. Bruno schnitt eine Platte aus dem alten Eschenholz, das seit Jahren im Keller lag. Tick schmirgelte sie glatt – zweimal, weil das erste Mal nicht glatt genug war. Ganosch brachte Farbe, ohne gefragt zu werden, eine kleine Schachtel mit verschiedenen Tönen.
Banoo und Isi malten ihre Umrisse nebeneinander auf das Holz. Banoo seine runde Form mit den kleinen Armen, Isi ihre Flügelspannweite. Einfach, wie Kinderumrisse.
Keine Namen. Keine Jahreszahl. Nur die Formen.

Sie hängten die Tafel im Rittersaal auf. An der Wand neben dem großen Fenster, wo das Licht den ganzen Tag durchkam.
Die anderen standen still dabei.
Niemand sagte etwas Großes. Mato schaute die Tafel an und nickte leise. Bruno schaute sich die Umrisse an und konnte beide sofort erkennen, ohne zu fragen.
Ganosch rückte sein Seidentuch gerade.
Dann rückte er die Tafel gerade.
Ein kleines bisschen. Sie hing schon gerade. Aber manchmal macht man das trotzdem.
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