
Kapitel 23 - Ganoschs Tag
Am Mittwochmorgen fehlte beim Frühstück ein Stuhl. Ganoschs Stuhl. Dabei frühstückte Ganosch jeden Tag — pünktlich um acht, mit Tee und einem Buch. Sein bestes Seidentuch hing noch am Haken. Das zweitbeste hatte er mitgenommen. Kein Abschied, kein Zettel, keine Erklärung.
Tick schlug ihr Notizbuch auf und suchte nach einem Eintrag. Nichts. Kein geplanter Ausflug, keine Besorgung, kein Wort. Kein Abschied.
Das beste Seidentuch hing noch am Haken. Das hieß: Er hatte das zweitbeste mitgenommen, das grüne mit dem kleinen Flicken. Also wollte er draußen ordentlich aussehen — aber nicht auf allerhöchstem Niveau. Ein nützlicher Hinweis. Aber kein beruhigender.
„Er hat nichts gesagt."
„Nein."
„Ich hab ihn nicht weggehen sehen."
„Ich auch nicht."
„Sollen wir ihn suchen?"
„Noch nicht."
Bruno schaute auf den leeren Stuhl. Dann auf Isi.
„Er hat sein bestes Seidentuch dagelassen. Er kommt zurück."
Mehr sagte Isi nicht dazu. Bruno fand das nicht ganz genug, aber er verstand, was sie meinte: Ganosch tut Dinge manchmal auf seine eigene Art. Und zu seiner Art gehört eben kein Zettel.
Den ersten Tag verbrachten alle damit, so zu tun, als wäre das keine große Sache. Tick arbeitete ihre Listen ab — etwas schneller als sonst, was bei Tick hieß, dass sie innerlich ganz hibbelig war. Bruno kochte mehr Mittagessen als nötig. Eintopf für sechs. Dann merkte er, dass sie nur zu fünft waren, und ließ den sechsten Topf einfach auf dem Herd stehen.
Banoo schwebte durch alle Zimmer. Ganz leise — keine Loopings, kein „bootastisch". Er schaute nur in jeden Raum, einen nach dem anderen, als könnte Ganosch hinter einem Türrahmen stehen und bloß vergessen haben, Bescheid zu sagen.
Am Nachmittag ging Mato den alten Bergpfad ein Stück hinauf. Im Gras sah er frische Spuren — eindeutig Ganoschs Schritte, diese breite, gleichmäßige Art zu gehen. Die Spuren führten nach oben, ohne Zögern, ohne Eile. Das war das Beruhigende daran.
Er kam zurück und sagte nur: „Er ist in die Berge gegangen." Mehr nicht.
Am zweiten Tag wurde Bruno wirklich unruhig. Zweimal fragte er Mato. Und zweimal antwortete Mato mit einer Gegenfrage, die Bruno zum Nachdenken brachte, statt ihn noch unruhiger zu machen. Das war Matos Art, mit Brunos Sorgen umzugehen, ohne sie größer werden zu lassen.
Tick hängte an diesem Abend die Tagesaufgaben zwei Finger tiefer als sonst. Das war ihre Version von: Ich bin abgelenkt.
Banoo setzte sich abends ans Bibliotheksfenster und schaute hinauf in die Berge — dunkel jetzt, mit dem letzten Licht dahinter. Er sagte nichts. Er leuchtete nur ein bisschen wärmer als sonst, weil er nicht anders konnte. Dann schwebte er einmal durch den Raum und rückte alle Bücher gerade, die ein bisschen schief standen. Es half nicht. Aber es war wenigstens etwas zu tun.
Am Samstagabend, als es schon dämmerte und Banoo angefangen hatte, die Fackeln im Hof anzuzünden — weil das besser war als noch länger zu warten —, öffnete sich das Schlosstor.
Ganosch kam herein.
Er trat durch den Torbogen wie immer — ruhig, kein besonderer Schritt, den Kopf leicht erhoben. Als wäre es ein ganz normaler Abend. Als hätte er nur eben etwas geholt.
Unter dem Arm trug er eine Lederrolle. Der Mantel war staubig, die Stiefel ehrlich dreckig. Das beste Seidentuch hing zu Hause am Haken. Auf dem Handrücken hatte er einen kleinen Kratzer — von einem niedrigen Ast, an dem er zu nah vorbeigegangen war.
Er schaute die Gruppe an, die sich im Hof versammelt hatte. (Banoo hatte beim Anblick von Ganosch so hell aufgeleuchtet, dass alle herausgekommen waren.)
„Ich nehme an, es gibt noch Abendessen."
„Gibt es."
Das war der erste klare Satz an diesem Abend.
Beim Essen aß Ganosch alles auf — ein Zeichen, dass er erschöpft war, denn sonst war er wählerischer. Dann legte er die Lederrolle auf den Tisch.
„Ich habe etwas gemacht."
Er rollte das Papier auf und beschwerte die Ecken mit zwei leeren Tellern.
Es war eine Karte. Handgezeichnet, mit ganz feinen, gleichmäßigen Linien — jede Wand, jeder Durchgang, jede Tür des Schlosses. Jeder Raum hatte einen Namen in Ganoschs sauberer Schrift. Den richtigen Namen, wo es einen gab, sonst eine Beschreibung: Kammer ohne Ofen. Treppe zum Westflügel. Raum mit dem guten Licht. Türrahmen, an dem Bruno sich immer den Kopf stößt. Alle Keller. Beide Türme. Sogar der Kriechgang hinter der Speisekammer, an den sich sonst niemand erinnerte. Und der Innenhof, genau ausgemessen.

Banoo schwebte darüber und leuchtete heller, damit alle besser sehen konnten.
„Das ist das Schloss. Das ganze Schloss!"
„Ja."
Bruno beugte sich weit über den Tisch und suchte. Er fand die Werkzeugkammer — in Ganoschs Schrift stand dort: Brunos Kammer. Er richtete sich auf und schaute Ganosch an. Ganosch schaute woanders hin.
Isi suchte den Nordturm. Da stand: Isis Turm — Landung von Süden bevorzugt.
„Woher weißt du das?"
„Ich beobachte."
Tick fand ihren Bereich: Notizbuchlager — Schrank, zweite Reihe, links. Das stimmte genau. Sie schaute auf die Karte, dann auf den Schrank in der Ecke, dann wieder auf die Karte. Es stimmte wirklich ganz genau. Sie schrieb nichts. Sie schaute nur.
Mato suchte und fand den Ostturm. Ostturm — still. Nur zwei Wörter. Dort hatte er oft gesessen, meistens am späten Nachmittag, wegen des Lichts. Er hatte gedacht, das bemerkt niemand. Er schaute die zwei Wörter eine Weile an, dann hob er kurz den Blick zu Ganosch.
Ganosch rückte sein Seidentuch gerade.
„Warum?"
„Warum was?"
„Warum hast du das gemacht?"
Ganosch schaute auf die Karte. Er faltete die Hände auf dem Tisch.
„Ich wollte wissen, was ich habe."
Bruno öffnete den Mund. Er schloss ihn wieder. Dann sagte er:
„Hättest du es uns sagen können? Dass du gehst?"
„Hätte ich. Ja."
„Dann hätten wir uns nicht so—"
„Ich weiß. Ich hab nicht daran gedacht. Das war unachtsam. Es tut mir leid."
Es wurde ganz still. Ganosch sagte selten „Es tut mir leid". Er sagte es, als wäre es eine sachliche Information — aber er sagte es vollständig, ohne ein Aber.
Tick schrieb etwas in ihr Notizbuch. Ohne Unterliste. Bruno nickte langsam. Banoo schwebte einmal sanft im Kreis, weil er das manchmal tat, wenn ein Moment schöner war, als er erwartet hatte.
Am nächsten Morgen hängte Tick die Karte an die Wand im Rittersaal. Vier kleine Holzstifte, gerade, auf Augenhöhe.
Ganosch betrachtete die Karte an der Wand. Dann rückte er sie einen halben Zentimeter nach links. Dabei hatte sie schon gerade gehangen.
„Sie hing gerade."
„Jetzt hängt sie noch gerader."
Tick schaute auf die Karte. Dann auf Ganosch. Ganosch schaute kurz zur Seite. Dann schrieb Tick etwas ins Notizbuch.
Am nächsten Tag entdeckte Bruno in der Ecke des Blattes eine winzige Notiz, ganz klein, in Ganoschs Handschrift: Aufgezeichnet im Oktober. Damit man weiß, wo man ist.
Er las es zweimal. Dann ging er in die Küche und machte Tee, ohne jemandem zu sagen, was er gelesen hatte. Dann überlegte er es sich anders und sagte es doch Tick. Tick schrieb es auf.
Drei Tage war Ganosch fort gewesen, ohne ein einziges Wort — und kam mit einer Karte des ganzen Schlosses zurück, jeder Raum benannt: „Brunos Kammer." „Ostturm — still." „Raum mit dem guten Licht." Am nächsten Morgen hing die Karte im Rittersaal. In der Ecke stand, ganz klein, in Ganoschs sauberer Schrift: „Damit man weiß, wo man ist." Dann rückte er sie noch einen halben Zentimeter gerade, obwohl sie längst gerade hing.
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